Die erstaunliche Elastizität des Begriffs „moderat“

Es gehört mittlerweile zum festen Inventar westlicher Berichterstattung, dass sich selbst in den unerquicklichsten Figuren der internationalen Politik noch ein Hauch von Milde, ein Restbestand an Vernunft oder zumindest ein interpretierbarer Schatten von Pragmatismus finden lässt – sofern nur die richtige redaktionelle Beleuchtung gewählt wird. Der Österreichische Rundfunk ORF spricht mit fast rührender Behutsamkeit von einem »Mann des Systems«, der sich in den letzten Jahren immerhin zu »moderateren Positionen« durchgerungen habe, als handle es sich um einen reuigen Verwaltungsbeamten, der gelegentlich einen humanistischen Kalender aufschlägt. Der Spiegel wiederum erkennt den »Pragmatiker« und »erfahrenen Krisendiplomaten«, wobei das Adjektiv „wenig diplomatisch“ offenbar genügt, um die Diskrepanz zwischen Wort und Wirklichkeit elegant zu überbrücken. Und die BBC schließlich adelt den Verblichenen zum »Moderaten«, dessen Ableben nun bedauerlicherweise Raum für »Hardliner« schaffe – als wäre das politische Personal eines autoritären Regimes eine Art schlecht austariertes Thermostat, bei dem das Verschwinden eines angeblich gemäßigten Elements sofort zur Überhitzung führt.

Die eigentliche Kunst liegt dabei nicht im offenen Widerspruch zur Realität, sondern in ihrer eleganten Umformulierung. Wo andere von Verantwortung sprechen würden, liest man von Einfluss; wo Gewalt herrscht, ist von Stabilität die Rede; wo ideologische Verhärtung dominiert, erscheint plötzlich das Wort „Pragmatismus“ wie ein wohlfeiles Feigenblatt. Es ist eine Sprache, die weniger beschreibt als beschwichtigt, weniger analysiert als einordnet – und zwar bevorzugt in jene Kategorien, die das eigene Weltbild nicht allzu sehr erschüttern.

Der moderate Architekt der Repression

Dass Ali Laridschani, um den es hier geht, nicht gerade als verkannter Friedensphilosoph in die Geschichte eingehen dürfte, ließe sich selbst bei wohlwollendster Betrachtung schwerlich leugnen. Ein Mann, der an zentraler Stelle eines Systems agierte, das innerhalb weniger Tage zehntausende Demonstranten töten ließ, wird in der nüchternen Sprache politischer Realitäten gemeinhin nicht als „moderat“ bezeichnet, sondern als das, was er ist: ein zentraler Akteur staatlicher Gewalt. Doch genau hier entfaltet sich die eigentümliche Magie medialer Etikettierung. Der ORF brachte es fertig, von einem »Regierungskritiker« zu sprechen, der »auch von der Opposition geachtet« werde – eine Formulierung, die in ihrer Realitätsferne fast schon literarische Qualitäten besitzt.

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Denn die Opposition im Iran „achtete“ diesen Mann ungefähr so, wie ein Gefangener den Schlüsselbund seines Wärters achtet: als Symbol der Macht, nicht der moralischen Integrität. Dass Laridschani als Generalsekretär des Sicherheitsrats maßgeblich an der blutigen Niederschlagung von Protesten beteiligt war, fügt sich nur schwer in das Bild eines sanften Reformers. Doch offenbar genügt es, gelegentlich den Tonfall zu variieren oder taktische Nuancen erkennen zu lassen, um in der westlichen Wahrnehmung vom Hardliner zum „Moderaten“ aufzusteigen – eine Karriere, die weniger mit tatsächlicher Mäßigung als mit semantischer Großzügigkeit zu tun hat.

Die Dialektik der wohltemperierten Wahrnehmung

Die eigentliche Frage ist nicht, ob einzelne Medien sich irren können – das ist trivial –, sondern warum sich bestimmte Narrative mit solcher Hartnäckigkeit halten. Es ist, als existiere ein unausgesprochenes Bedürfnis, selbst in den repressivsten Systemen Figuren zu identifizieren, die als potenzielle Brückenbauer taugen könnten, koste es an begrifflicher Verrenkung, was es wolle. Der „Pragmatiker“ wird zur Projektionsfläche, der „Moderate“ zur Hoffnungsträgerfigur, deren Existenz weniger belegt als vielmehr benötigt wird.

So entsteht eine eigentümliche Dialektik: Je kompromissloser ein Regime agiert, desto größer scheint der Drang, innerhalb seiner Strukturen doch noch einen vernünftigen Ansprechpartner zu entdecken. Dass Laridschani nach Angriffen auf iranische Atomanlagen die Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergie-Organisation aussetzte und erklärte, weitere Verhandlungen seien unmöglich, fügt sich dabei erstaunlich reibungslos in das Bild des „Krisendiplomaten“. Offenbar ist Diplomatie in dieser Lesart weniger ein tatsächliches Handeln als eine Charakterzuschreibung, die sich auch durch gegenteilige Fakten nicht nachhaltig irritieren lässt.

Rhetorik des Feuers und die Kunst des Überhörens

Wenn Laridschani davon sprach, den Vereinigten Staaten und Israel „das Herz zu verbrennen“ und den „höllischen Unterdrückern“ eine „unvergessliche Lektion“ zu erteilen, könnte man versucht sein, hierin einen gewissen Mangel an moderater Rhetorik zu erkennen. Doch auch solche Äußerungen verlieren in der medialen Übersetzung erstaunlich schnell ihre Schärfe. Sie werden zu Kontext, zu Hintergrundrauschen, zu jenen kleinen Unschärfen, die das Gesamtbild eines „Pragmatikers“ nicht ernsthaft beschädigen sollen.

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Gleiches gilt für seine Aussagen zur „Einheit der Umma“ und zur vermeintlichen Pflicht islamischer Staaten, sich im Konflikt klar zu positionieren. Hier spricht kein zögerlicher Vermittler, sondern ein ideologisch fest verankerter Machtpolitiker, der Konfliktlinien schärft statt sie zu entschärfen. Doch die selektive Wahrnehmung erlaubt es, solche Positionen als rhetorische Exzesse abzutun, während das Etikett des „Moderaten“ unbeirrt weiterverwendet wird – als hätte es eine eigene, von der Realität unabhängige Existenz.

Die letzte Frage

Am Ende bleibt tatsächlich jene Frage, die sich mit einer Mischung aus Verwunderung und resigniertem Spott aufdrängt: Was genau müsste ein Funktionär eines autoritären Regimes eigentlich tun, um nicht mehr als „moderat“ zu gelten? Reicht die Mitverantwortung für Massentötungen nicht aus? Genügen offene Drohungen gegen andere Staaten nicht? Ist selbst die demonstrative Ablehnung internationaler Zusammenarbeit noch kompatibel mit dem Bild eines „Pragmatikers“?

Oder liegt die Antwort schlicht darin, dass „Moderatheit“ in diesem Kontext weniger eine Beschreibung als eine Sehnsucht ist – eine sprachliche Konstruktion, die dort aufrechterhalten wird, wo ihre empirische Grundlage längst verschwunden ist? In diesem Fall wäre der „Moderate“ keine reale Figur, sondern ein rhetorisches Artefakt: geschaffen, um die Komplexität der Welt erträglicher erscheinen zu lassen, selbst wenn dies bedeutet, ihre Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit zu glätten.

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