Die Erfindung des wohlgenährten Verzichts

Stell dir vor, du sitzt an einem massiven Holztisch, der unter der Last deiner Tugend ächzt, und führst dir zweimal täglich eine Mahlzeit zu, die in anderen Epochen als diplomatischer Affront gegolten hätte, und nennst das mit gerunzelter Stirn, die den Ernst der Lage markieren soll, „Fasten“. Nicht etwa Frühstück, Mittagessen und Abendbrot, nein – das wäre vulgär, das wäre banal, das wäre dreimal täglich. Du aber isst nur zweimal. Zweimal! Und diese beiden Male sind von einer epischen Wucht, die selbst antike Bankette erröten ließe. Platten türmen sich wie geologische Formationen, Proteine, Fette und Kohlenhydrate versammeln sich in einer demokratisch völlig überrepräsentierten Koalition auf deinem Teller, und du, du Held der Entsagung, erklärst zwischen zweitem und drittem Nachschlag mit dem Pathos eines Wüstenvaters, du würdest „fasten“.

Wie muss man sich diesen Begriff inzwischen vorstellen? Fasten als jene asketische Praxis, bei der man sich im Spiegel betrachtet und mit vollem Mund murmelt: „Ich verzichte“? Fasten als performative Geste, als Hashtag, als Lifestyle-Zubehör, das sich zwischen Yogamatte und Bluetooth-Küchenwaage einsortiert? Man isst nicht weniger, man isst nur seltener, und weil zwischen den Mahlzeiten eine Lücke klafft, die man mit Selbstdisziplin verwechselt, wird aus dem Völlegefühl eine spirituelle Übung. Der Magen knurrt vielleicht um elf Uhr vormittags, aber er knurrt im Namen der Selbstoptimierung, und was ist schon ein wenig Unbehagen gegen die süße Gewissheit, an sich zu arbeiten, während man eigentlich nur wartet, bis die nächste gigantische Portion aufmarschiert.

Die Theologie der Kalorienverschiebung

Das Erstaunlichste an dieser modernen Form des „Fastens“ ist nicht einmal die schiere Menge der verschlungenen Nahrung, sondern die rhetorische Meisterleistung, mit der sie in Verzicht umetikettiert wird. Man isst weiterhin zwei riesige Mahlzeiten, die kalorisch das Pensum eines mittelgroßen Familienfests decken, doch weil man sie in ein engeres Zeitfenster presst, entsteht die Illusion einer metaphysischen Leistung. Das Wunder besteht nicht in der Reduktion, sondern in der Umbenennung. Der Mensch, dieses sprachbegabte Tier, hat wieder einmal bewiesen, dass man die Realität nicht ändern muss, wenn man nur das Vokabular austauscht.

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Fasten bedeutete einst Leere, Stille, ein bewusstes Sich-zurücknehmen. Heute bedeutet es Planung, App-Tracking, die präzise Taktung des Hungers, das Zählen der Stunden bis zur nächsten monumentalen Mahlzeit. Man sitzt nicht im Schatten eines Olivenbaums und denkt über die Endlichkeit des Seins nach, sondern scrollt durch Rezepte, die das Fasten brechen sollen wie ein Feuerwerk. Das „Brechen“ ist dabei keine schlichte Suppe mehr, kein Stück Brot, sondern ein Triumphzug aus Avocado, Steak, Nüssen, Saucen, die cremiger sind als jede theologische Gnade. Und man isst sie mit dem Ernst eines Mönchs – nur dass der Mönch vermutlich nicht noch einen Proteinshake hinterherkippt, um sicherzugehen, dass die Entbehrung nicht versehentlich in Mangel umschlägt.

Der asketische Hedonist

Hier steht er nun, der asketische Hedonist unserer Zeit: Er verzichtet mit Genuss, er entbehrt mit Extra-Portion, er kasteit sich im Intervall. Sein Kalender ist ein liturgisches Dokument, das Essensfenster eine sakrale Öffnung im Tagesablauf. Zwischen zwölf und achtzehn Uhr darf geschlemmt werden wie im Schlaraffenland, davor und danach herrscht die hohe Schule der Selbstkontrolle – zumindest theoretisch. Praktisch wird die Wartezeit mit Kaffee überbrückt, mit Wasser, mit Gedanken an das kommende Mahl, das im Kopf bereits epische Züge annimmt.

Es ist eine merkwürdige Dialektik: Je größer die Mahlzeit, desto heroischer das Fasten. Je opulenter das Menü, desto stolzer die Pose. Man erzählt Freunden mit ernster Miene, dass man „gerade in einer Fastenphase“ sei, während man beiläufig erwähnt, gestern zwei Teller Pasta, ein halbes Hähnchen und ein Dessert konsumiert zu haben – aber eben innerhalb von sechs Stunden. Die Ironie liegt offen zutage und wird dennoch mit bewundernswerter Hartnäckigkeit ignoriert. Fasten ist nicht mehr der Verzicht auf Nahrung, sondern der Verzicht auf Frühstück.

Der Triumph der Selbsttäuschung

Was hier eigentlich gefeiert wird, ist nicht die Enthaltsamkeit, sondern die Selbsttäuschung als Kunstform. Der Mensch möchte genießen und zugleich moralisch erhöht dastehen; er möchte essen und dabei den Nimbus des Disziplinierten tragen. Also erfindet er ein System, in dem beides möglich scheint. Zwei gigantische Mahlzeiten täglich – und das gute Gewissen gleich gratis dazu. Man leidet nicht, man optimiert. Man sündigt nicht, man strukturiert.

TIP:  Ein Abgesang auf die Vielfalt

Und doch steckt in dieser Absurdität ein Körnchen Wahrheit, das die Satire milde lächeln lässt. Vielleicht ist das Ganze gar nicht so verwerflich, vielleicht ist es nur ein weiteres Kapitel im ewigen Versuch des Menschen, Ordnung in sein Begehren zu bringen. Vielleicht ist es sogar ehrlicher, zweimal täglich maßlos zu sein, als dreimal halbherzig. Doch die Behauptung, dies sei „Fasten“, bleibt ein sprachlicher Salto mortale, bei dem die Wirklichkeit elegant unter den Teppich gekehrt wird.

So sitzen wir also da, mit gefülltem Magen und erhobenem Zeigefinger, und erklären der Welt, wir würden verzichten. Und irgendwo, ganz leise, lacht das Wort „Fasten“ in sich hinein, weil es weiß, dass es gerade eine erstaunliche Karriere als Etikett für sehr gut geplante Völlerei gemacht hat.

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