Die Erfindung der grauen Gefahr

Es ist schon eine bewundernswerte geistige Leistung, ausgerechnet jene Generation, die jahrzehntelang die Wirtschaft trug, Steuern zahlte, Kriege nur aus der Distanz kannte und ihre Neurosen still mit Filterzigarette und Rotwein therapierte, plötzlich zur neuen gesellschaftlichen Hauptgefahr zu erklären. Menschen über 55 als „Problem-Generation“ zu etikettieren, ist nicht nur analytisch faul, sondern auch moralisch unerquicklich – ein publizistischer Taschenspielertrick, der mit statistischen Versatzstücken arbeitet, um aus Anekdoten Anklagen und aus Lebenslust Pathologien zu destillieren. Der Tonfall ist dabei verräterisch: halb alarmistisch, halb neidisch, durchzogen von jener stillen Empörung, die immer dann entsteht, wenn eine Altersgruppe sich weigert, endlich so zu altern, wie man es von ihr erwartet – nämlich leise, genügsam, unsichtbar.

Die Behauptung, die über 55-Jährigen seien nun das, was früher die Jugend war – exzessiv, verantwortungslos, sexuell ungebremst –, ist weniger soziologische Erkenntnis als kulturelle Projektion. Sie erzählt mehr über den Wunsch nach einem neuen Sündenbock als über reale gesellschaftliche Gefahren. Früher war es die „verwahrloste Jugend“, dann die „faule Generation Z“, jetzt also die „hemmungslosen Alten“. Dass diese Diagnose in hübsche Bilder von Toga-Partys, Cocktails auf Beton und Margaritaville gegossen wird, macht sie nicht klüger, nur unterhaltsamer – und genau darin liegt die Gefahr.

Margaritaville oder die Kunst der infantilen Zuspitzung

Die Seniorenresidenz als moralischer Tatort: Schon das Setting ist zu schön, um wahr zu sein. Eine Toga-Party in South Carolina wird zur Chiffre für den vermeintlichen Kontrollverlust einer ganzen Generation erklärt. Dass man dafür ausgerechnet eine marketinggetriebene Themenanlage zitiert, in der Bewohnerinnen als „Botschafterinnen“ angestellt sind, um Lebenslust zu performen, ist unfreiwillig komisch. Niemand käme auf die Idee, das Oktoberfest zur repräsentativen Studie über den Alkoholkonsum der Deutschen zu erklären – außer, man hätte ein narratives Interesse daran.

Hier zeigt sich das Grundproblem dieser Argumentation: Sie verwechselt Sichtbarkeit mit Relevanz. Dass ältere Menschen heute offener feiern, reisen, daten und konsumieren, liegt weniger an moralischem Verfall als an medizinischem Fortschritt, wachsendem Wohlstand und der schlichten Tatsache, dass Altern nicht mehr automatisch mit körperlichem Verfall gleichzusetzen ist. Die Toga-Party ist kein Beweis für gesellschaftlichen Niedergang, sondern für eine verlängerte Phase relativer Gesundheit. Wer daraus eine neue Problemgeneration konstruiert, betreibt feuilletonistische Effekthascherei.

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Statistik als Keule und Nebelmaschine

Besonders unerquicklich wird es dort, wo Zahlen aus ihrem Kontext gerissen und mit bedeutungsschweren Worten aufgeladen werden. Ja, sexuell übertragbare Krankheiten nehmen bei über 55-Jährigen zu. Ja, der Alkoholkonsum in dieser Gruppe ist gestiegen. Doch was verschwiegen wird: Die absoluten Zahlen bleiben im Vergleich zu jüngeren Altersgruppen oft niedrig, die Ausgangsbasis war minimal, und die gestiegene Diagnoserate hat auch mit besserer medizinischer Erfassung zu tun. Wer eine Versechsfachung vermeldet, ohne zu sagen, wovon ausgehend, betreibt keine Aufklärung, sondern Dramatisierung.

Hinzu kommt die selektive Empörung. Wenn junge Menschen weniger trinken, wird das als kultureller Fortschritt gefeiert. Wenn ältere Menschen mehr trinken, ist es ein gesellschaftliches Problem. Dass hier nicht Verhalten bewertet wird, sondern Altersgruppen, macht die Analyse entlarvend. Die gleiche Handlung gilt je nach Lebensalter als Tugend oder als Laster. Jugendlicher Exzess ist tragisch, aber erklärbar. Alter Exzess ist peinlich, gefährlich und – das schwingt stets mit – irgendwie unanständig.

Die infantilisierte Anklage

Besonders unerquicklich ist der moralische Unterton, mit dem älteren Menschen ihre Lebensführung vorgehalten wird. Sie „werfen Geld zum Fenster hinaus“, sie „leben rücksichtslos“, sie „belasten öffentliche Dienste“. Das ist die Rhetorik der pädagogischen Zurechtweisung, nicht der Analyse. Sie suggeriert, es gäbe eine richtige Art zu altern, und wer davon abweicht, handelt verantwortungslos. Der Subtext ist klar: Spaß hat seine Zeit – und die ist bitteschön vorbei.

Dabei wird geflissentlich ignoriert, dass genau diese Generation über Jahrzehnte hinweg jene öffentlichen Dienste aufgebaut und finanziert hat, deren Nutzung man ihr nun vorwirft. Dass Menschen über 60 häufiger Krankenhäuser nutzen, ist kein moralisches Versagen, sondern eine biologische Binsenweisheit. Dass sie politisch laut werden, ist kein Radikalisierungsphänomen, sondern Ausdruck demokratischer Teilhabe. Wer ältere Demonstranten als Anomalie beschreibt, offenbart ein seltsames Verständnis von Öffentlichkeit.

Die melancholische Wahrheit hinter dem Lärm

Ironischerweise streift die Anklage an einigen Stellen eine tiefere Wahrheit – nur um sie sofort wieder zu übertönen. Ja, viele Babyboomer sind unzufrieden, einsam, verunsichert. Ja, Scheidungen, Einsamkeit, finanzielle Fehlentscheidungen und steigende Suizidraten sind reale Probleme. Doch all das als Folge von Hedonismus zu deuten, ist intellektuell bequem. Vielleicht trinken Menschen mehr, weil sie allein sind. Vielleicht daten sie mehr, weil alte Lebensentwürfe zerfallen sind. Vielleicht feiern sie exzessiv, weil sie ahnen, dass dies eine der letzten Phasen relativer Freiheit ist.

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Der Zynismus dieser Erzählung liegt darin, Symptome zu skandalisieren und Ursachen zu ignorieren. Die Babyboomer werden zugleich als privilegiert und als verwahrlost dargestellt, als mächtig und als verantwortungslos – ein paradoxer Mix, der sich hervorragend verkauft, aber analytisch kaum trägt.

Generationenkrieg als feuilletonistisches Geschäftsmodell

Am Ende bleibt der schale Eindruck, dass hier weniger gesellschaftliche Sorge artikuliert wird als ein altbekanntes Spiel neu aufgelegt wird: Teile und herrsche – diesmal entlang der Altersgrenze. Während man den Jungen ihre Bildschirmzeit vorhält und den Alten ihre Cocktailgläser, entzieht man sich elegant der Frage, wie eine Gesellschaft aussehen müsste, in der unterschiedliche Lebensphasen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Dass ein 70-Jähriger auf einer Toga-Party tanzt, ist kein Skandal. Dass man daraus eine moralische Panik konstruiert, schon eher. Vielleicht ist die eigentliche Provokation nicht, dass Menschen über 55 Sex haben, trinken und feiern. Vielleicht ist sie, dass sie sich weigern, still zu werden. Und das, so scheint es, verzeiht man ihnen nicht.

Außer letztlich die Zeit

Der letzte Trost der Ankläger bleibt der gleiche wie immer: die Zeit. Sie wird es schon richten, heißt es, mit jener kühlen Gelassenheit, die man sich nur leisten kann, wenn man selbst noch glaubt, auf der richtigen Seite des Alters zu stehen. Doch die Zeit ist eine schlechte Verbündete für moralische Gewissheiten. Sie hat die meisten Generationenurteile zuverlässig lächerlich gemacht.

Vielleicht wird man eines Tages zurückblicken und sich wundern, warum ausgerechnet Lebenslust im Alter als gesellschaftliche Bedrohung galt. Vielleicht wird man erkennen, dass das eigentliche Problem nicht die feiernden Alten waren, sondern eine Kultur, die Altern nur dann akzeptiert, wenn es leise, angepasst und unsichtbar geschieht. Bis dahin bleibt Margaritaville ein dankbares Feindbild – und die Toga ein Symbol für etwas, das man heimlich beneidet und öffentlich verurteilt.

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