Die Dusche als letzter Hort der Republik

Es gibt Zivilisationen, die an ihren Aquädukten gemessen werden, und andere, die an der Frage zugrunde gehen, ob der Duschstrahl die individuelle Selbstverwirklichung ausreichend temperiert. Österreich, dieses liebenswürdig grantelnde Land zwischen Opernball und Förderantrag, scheint nun endgültig beschlossen zu haben, dass die Verteidigungsfähigkeit des Staates vor allem davon abhängt, ob sich ein Rekrut beim kollektiven Waschvorgang emotional abgeholt fühlt. Man stelle sich vor: Das Imperium Romanum hätte vor jeder Schlacht eine Feedbackrunde veranstaltet, um zu klären, ob der Legionär sich in seiner Ganzkörperexponiertheit ausreichend respektiert fühlt. „Ave Caesar, die Gruppendusche ist ein Trigger.“

So wird also aus der Radetzky-Kaserne in Horn – benannt nach jenem Feldmarschall, der vermutlich nicht einmal wusste, was ein „Safe Space“ ist, geschweige denn einen beantragt hätte – ein pädagogisches Versuchslabor, in dem militärische Tugenden gegen das Wärmflaschenklima spätmoderner Befindlichkeitskultur antreten. Disziplin? Nur nach vorheriger Zustimmung im Plenum. Zeitdruck? Eine mikroaggressive Strukturmaßnahme. Einordnung ins Kollektiv? Bitte nur, sofern sie mit dem persönlichen Markenprofil kompatibel ist.

Generation Empfindsam trifft Institution Ernstfall

Der Vorfall selbst ist so banal wie symbolträchtig: 220 Rekruten, 22 Duschköpfe und eine Realität, die sich hartnäckig weigert, die Gesetze der Physik an die Bedürfnisse der Selbstentfaltung anzupassen. Wasser fließt nun einmal nicht schneller, nur weil jemand sich in seiner Intimsphäre narrativ unterrepräsentiert fühlt. Die militärische Logik ist dabei unerquicklich simpel: Wer zuerst duscht, wird zuerst trocken, und wer zuerst trocken ist, kann früher wieder exerzieren. Eine brutale Kette der Effizienz.

Doch wehe, ein Offizier betritt den Raum, um sicherzustellen, dass aus der Körperpflege kein Wellness-Wochenende wird. Schon erhebt sich der Chor der Entrüstung, flankiert von politischer Besorgnisrhetorik, die klingt, als sei die Republik am Rand eines seifigen Autoritarismus entlanggeschrammt. Man spricht von „überholten Methoden“, von „Schikanen“, von der Notwendigkeit, pädagogisch aufzurüsten – vermutlich mit Moderationskarten und einer PowerPoint über achtsames Abtrocknen.

Der Oberst hingegen, ein Mann von der unerquicklich altmodischen Überzeugung, dass militärische Abläufe eine gewisse Struktur vertragen, verweist trocken darauf, dass unstrukturierte Duschen länger dauern würden. Ein Satz so nüchtern, dass er fast schon als Provokation gelten muss. Effizienz ist schließlich das letzte Tabu in einer Kultur, die Prozesse lieber begleitet als beendet.

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Politik als Großelternteil mit Dauererlaubnis

Was dabei irritiert, ist weniger das Jammern selbst – Jammern gehört bekanntlich zum anthropologischen Grundrauschen Mitteleuropas – als vielmehr die Geschwindigkeit, mit der politische Verantwortungsträger in eine Art fürsorglichen Großelternmodus verfallen. Kaum äußert jemand Unbehagen, wird bereits am institutionellen Fundament gesägt, als wäre militärische Ausbildung eine besonders schlecht bewertete Hotelanlage.

Der Erlass von 2017, der noch unerschrocken festhielt, dass militärisches Leben die bewusste Einordnung in eine Gemeinschaft verlange und Entbehrungen nicht als Betriebsunfall, sondern als Wesensmerkmal zu betrachten seien, wirkt heute wie ein Dokument aus einer archaischen Epoche, irgendwo zwischen Dampflok und Handschlag. Entbehrungen? Wie unerquicklich analog.

Stattdessen entsteht der Eindruck, dass Führung zunehmend als Dienstleistung missverstanden wird, bei der der Kunde Rekrut selbstverständlich König ist – oder zumindest Influencer seiner eigenen Beschwerdelage. Das Militär droht so zum paradoxen Raum zu werden: einer Institution, deren Sinn gerade darin liegt, im Ernstfall ohne lange Diskussionen zu funktionieren, die aber im Alltag immer stärker den Diskursregeln eines Seminars für partizipative Konfliktlösung folgt.

Die Ökonomie der Empörung und die Armut der Infrastruktur

Besonders elegant ist dabei das Zusammenspiel von moralischem Hochton und materiellem Tiefstand. Während man sich mit erheblicher Energie darüber erregt, wer wann und unter wessen Blick duscht, bleibt die Tatsache erstaunlich unbeachtet, dass eine Kaserne mit einem Duschkopf pro zehn Rekruten operiert – ein Verhältnis, das selbst in einem Jugendherbergsprospekt von 1974 Stirnrunzeln ausgelöst hätte.

Hier offenbart sich eine typisch spätstaatliche Prioritätensetzung: Für Programme, Leitbilder, Sensibilisierungsinitiativen und vermutlich auch für farblich abgestimmte Informationsbroschüren findet sich Geld; für zusätzliche Fliesen eher weniger. Es ist die Ästhetik der wohlmeinenden Knappheit: Man kann zwar nicht mehr Wasser bereitstellen, aber man kann immerhin sehr ausführlich darüber sprechen, wie sich der Wassermangel emotional auswirkt.

Man könnte zynisch fragen, ob nicht gerade diese infrastrukturelle Askese der wahre Skandal ist. Doch das wäre unerquicklich pragmatisch und würde den schönen moralischen Nebel vertreiben, in dem sich politische Stellungnahmen so angenehm konturenfrei bewegen.

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Das Missverständnis vom Militär als Persönlichkeitsretreat

Der vielleicht größte Kategorienfehler unserer Zeit besteht darin, das Militär mit einer Einrichtung zur Selbstfindung zu verwechseln. Es ist kein Retreat in den Bergen, bei dem man zwischen Atemübungen und Tagebucharbeit seine innere Stärke entdeckt. Es ist, bei aller demokratischen Einbettung, eine Organisation, deren Daseinszweck darin liegt, im Ausnahmezustand nicht überrascht zu sein.

Das bedeutet zwangsläufig, dass persönliche Präferenzen gelegentlich hinter funktionalen Notwendigkeiten verschwinden. Nicht aus Bosheit, sondern aus Logik. Eine Armee, die jede Maßnahme erst auf ihre atmosphärische Verträglichkeit prüft, könnte im Ernstfall zu dem Schluss kommen, dass der Gegner leider keine Rücksicht auf die interne Feedbackkultur genommen hat.

Natürlich darf und soll Ausbildung weder entwürdigen noch sinnlos quälen. Doch zwischen menschenwürdiger Behandlung und der Erwartung völliger Reibungsfreiheit liegt ein weiter Raum – jener Raum, in dem sich traditionell so altmodische Begriffe wie Pflichtbewusstsein, Belastbarkeit und Verlässlichkeit tummeln. Tugenden, die im zivilen Alltag vielleicht altbacken wirken, im Krisenfall jedoch eine erstaunliche Renaissance erleben.

Vom Risiko, alles angenehm zu machen

Die eigentliche Pointe dieser Debatte ist, dass sie weniger über Duschen erzählt als über unser Verhältnis zum Unangenehmen. Eine Gesellschaft, die systematisch versucht, jede Härte aus ihren Institutionen herauszupolstern, läuft Gefahr, nicht nur das Leid zu minimieren, sondern auch die Fähigkeit, mit ihm umzugehen.

Denn Strapazen sind im Militär kein sadistisches Relikt, sondern eine Art prophylaktische Begegnung mit der Realität. Wer nie gelernt hat, unter Druck zu funktionieren, wird im Ernstfall kaum plötzlich eine Leidenschaft dafür entwickeln. Resilienz entsteht selten im Komfortmodus.

Und so steht die Republik vor einer stillen, leicht seifigen Grundsatzfrage: Soll das Heer ein Ort sein, an dem man lernt, trotz widriger Umstände zu handeln – oder einer, an dem zuerst die Umstände angepasst werden? Beides gleichzeitig wird schwierig, selbst mit ausreichend Warmwasser.

Am Ende bleibt ein Bild von fast literarischer Ironie: Während draußen die Welt nicht eben übersichtlicher wird, ringt man drinnen um die richtige Balance zwischen Aufsichtspflicht und Intimsphäre im Nassbereich. Vielleicht ist das sogar zutiefst österreichisch – dieses Talent, existenzielle Fragen in administrativ handhabbare Debatten zu verwandeln.

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Doch man sollte sich nichts vormachen: Ein Militär ist tatsächlich kein Streichelzoo für Individualisten. Es ist vielmehr eine jener letzten Institutionen, die darauf bestehen, dass das Gemeinsame gelegentlich Vorrang hat. Wer darin bereits einen Skandal erkennt, der sollte hoffen, dass der Ernstfall weiterhin eine theoretische Kategorie bleibt – vorzugsweise irgendwo weit entfernt von den Duschen in Horn.

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