oder Wie man gleichzeitig erfriert und schwitzt
Es ist eine jener beruhigenden Gewissheiten unserer Zeit, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem alles erklärt ist, selbst das Unerklärliche, ja gerade das Unerklärliche am gründlichsten. Früher fiel Schnee einfach vom Himmel, weiß, kalt, demokratisch, ohne Fußnote. Heute hingegen fällt er nur noch im Konjunktiv, begleitet von einem Expertenchor, der uns mit ernster Miene versichert, dass diese Schneefälle, die es wegen des Klimawandels nie wieder geben wird, selbstverständlich ein untrügliches Zeichen eben jenes Klimawandels sind. Muss man wissen. Es ist die triumphale Vollendung einer Logik, die sich selbst umarmt, sich selbst bestätigt und sich selbst applaudiert – ein gedanklicher Perpetuum mobile, das aus jedem Wetter ein Beweisstück und aus jeder Wetterlage eine moralische Lektion schnitzt. Schneit es nicht, so ist das ein Beweis. Schneit es doch, so erst recht. Die Schneeflocke wird zur dialektischen Figur, zum weißen Paradox in kristalliner Form: Sie existiert nicht – außer wenn sie existiert, und dann gerade deswegen.
Die Experten als Hohepriester der atmosphärischen Auslegung
Der moderne Experte, jener Hohepriester der atmosphärischen Hermeneutik, hat eine beneidenswerte Aufgabe: Er muss nichts zurücknehmen, sondern nur neu rahmen. Was gestern als milder Winter galt, ist heute ein „Extremereignis in die eine Richtung“, während der Schneesturm von morgen als „Extremereignis in die andere Richtung“ firmiert – die Mitte indes bleibt reserviert für die Pressekonferenz. Die Pointe liegt nicht darin, dass Prognosen sich ändern; das ist trivial und menschlich. Die Pointe liegt darin, dass jede Abweichung, jede Überraschung, jede meteorologische Laune des Himmels in ein narratives Korsett geschnürt wird, das so elastisch ist, dass es alles fasst und gerade deshalb nichts mehr freigibt. Man bewundert die rhetorische Virtuosität: Der Schneefall wird zur Folge der Erwärmung, die Erwärmung zur Ursache der Kälte, und die Kälte wiederum zum dramatischen Symptom einer Welt, die sich erhitzt. Es ist ein thermodynamisches Möbiusband, auf dem wir staunend Schlittschuh laufen, während uns erklärt wird, dass das Eis unter uns schmilzt.
Die Empörung als Dauerfrostzustand
Und wehe dem, der inmitten meterhoher Verwehungen die naive Frage stellt, ob das nicht einfach… nun ja… Schnee sei. Er wird sogleich belehrt, dass gerade diese Naivität das Problem sei. Das Klima, so lernt er, ist nicht das Wetter – eine Unterscheidung, die in ihrer Richtigkeit so unbestreitbar ist wie ihre gelegentliche Instrumentalisierung unerquicklich. Denn wenn man sich auf das Klima beruft, entzieht man sich der Anschauung; man hebt die Debatte in eine Sphäre, in der die Schneeflocke zwar noch fällt, aber nur als Symbol. Der Diskurs friert ein, während die Temperatur schwankt. Kritik wird nicht widerlegt, sondern moralisch temperiert: Wer zweifelt, zweifelt nicht an Daten, sondern an der Zukunft der Enkelkinder. Und so entsteht eine seltsame Asymmetrie: Die einen dürfen jedes Schneetreiben als Mahnmal deuten, die anderen sollen es gefälligst nicht als Gegenbeispiel missverstehen. Ein argumentativer Dauerfrostzustand, in dem Ironie als Kälteschock wirkt.
Die semantische Lawine
Es ist die Sprache selbst, die hier zur Lawine wird. Wörter wie „beispiellos“, „noch nie dagewesen“, „historisch“ rieseln mit der Regelmäßigkeit von Flocken auf uns herab, bis man versucht ist, eine Schneeschaufel für Adjektive zu erfinden. Jede Saison ist die extremste seit Beginn der Aufzeichnungen, und der Beginn der Aufzeichnungen liegt praktischerweise immer genau dort, wo die Dramatik maximal wirkt. Das Gedächtnis des Wetters ist kurz, das Gedächtnis der Schlagzeile noch kürzer. So wird aus der komplexen, langfristigen, ernstzunehmenden Debatte über Klimaveränderungen ein dramaturgisches Schnellgericht, gewürzt mit moralischem Pfeffer und serviert in der Empörungssoße des Tages. Man darf das alles wichtig finden – und vieles daran ist wichtig –, aber man darf auch fragen, ob die permanente Alarmglocke nicht irgendwann als Hintergrundrauschen endet.
Zwischen Ernst und Eiseskälte
Die eigentliche Tragikomik liegt darin, dass die reale Herausforderung – die nüchterne, datenbasierte, differenzierte Auseinandersetzung mit langfristigen Klimatrends – unter dem rhetorischen Schneesturm begraben wird. Wer alles zum Beweis erklärt, schwächt am Ende die Beweiskraft. Wer jede Flocke zur Fanfare aufbläst, riskiert, dass man das Orchester irgendwann nicht mehr ernst nimmt. Und so stehen wir da, mit Schal und Smartphone, und lesen, dass dieser Winter, der keiner mehr sein sollte, nun gerade deshalb einer ist. Man reibt sich die klammen Hände und denkt: Vielleicht ist es weniger der Schnee, der irritiert, als die Gewissheit, mit der er gedeutet wird. Vielleicht braucht die Debatte weniger prophetische Gewissheit und mehr intellektuelle Bescheidenheit – weniger „Muss man wissen“ und mehr „Wir wissen es noch nicht ganz genau“.
Bis dahin aber bleibt uns die dialektische Schneeflocke, dieses kleine weiße Paradoxon, das leise vom Himmel fällt und uns daran erinnert, dass die Welt komplizierter ist als jede Schlagzeile. Und wenn sie uns auf der Nasenspitze schmilzt, dann vielleicht nicht nur als Zeichen des Klimawandels, sondern auch als Zeichen dafür, dass selbst im frostigsten Diskurs ein wenig Wärme gut täte.