Die Arithmetik der Ohnmacht

Es gibt politische Formeln, die klingen, als wären sie aus der beruhigenden Welt der Mathematik importiert worden, als ließe sich das Chaos der Wirklichkeit durch elegante Zahlenkombinationen zähmen. „2-1-0“ – eine Chiffre, die Ordnung verspricht: zwei Prozent Inflation, ein Prozent Wachstum, null Probleme, wenn man der impliziten Hybris folgen möchte. Doch wie so oft in der Geschichte der politischen Ökonomie entpuppt sich die Formel nicht als Naturgesetz, sondern als Wunschdenken mit Zahlenornament. Was als nüchterne Zielvorgabe verkauft wurde, wirkt nun wie ein Mantra, das im Wind der Realität zerfleddert. Die Straße von Hormuz, jener geopolitische Flaschenhals, durch den mehr als nur Öl, nämlich auch die Illusionen europäischer Stabilität strömen, ist zur Metapher des Scheiterns geworden: Hier steckt die „Formel“ fest, röchelnd, blubbernd, dem Untergang näher als der Verwirklichung.

Der Kanzler, Christian Stocker, mag diese Zahlen einst mit der Gelassenheit eines Technokraten präsentiert haben, doch Zahlen haben die unangenehme Eigenschaft, sich von der politischen Rhetorik nicht beeindrucken zu lassen. Sie gehorchen anderen Gesetzen, etwa denen von Angebot, Nachfrage und geopolitischer Eskalation. Und wenn in Teheran und anderswo Entscheidungen getroffen werden, die den Ölpreis nach oben treiben, dann zerbricht die heimische Zahlenakrobatik schneller, als ein Regierungssprecher „temporäre Volatilität“ sagen kann.

Die Prognose als Menetekel

Als Martin Kocher, Nationalbank-Gouverneur und ehemaliger Minister, das Szenario eines „4-0“ entwarf, war das weniger eine Prognose als eine Art ökonomisches Menetekel. Vier Prozent Inflation, null Wachstum – eine Kombination, die selbst abgebrühte Konjunkturbeobachter nervös werden lässt. Und die Pointe, so trocken wie vernichtend: Es könnte noch schlimmer kommen. Mehr Inflation, negative Wachstumsraten – eine Rezession mit Inflationsbeilage, serviert auf dem Tablett globaler Krisen.

Man könnte versucht sein, diese Entwicklung als schicksalhaft zu deuten, als wäre die österreichische Wirtschaft ein Spielball externer Kräfte, denen man ohnmächtig ausgeliefert ist. Doch das wäre zu einfach, zu bequem und letztlich zu falsch. Denn während die geopolitischen Spannungen zweifellos eine zentrale Rolle spielen, bleibt die Frage bestehen, warum die politische Kommunikation im Inland so hartnäckig an einer Formel festhält, die längst von der Realität widerlegt wird. Es ist, als würde ein Kapitän bei aufziehendem Sturm weiterhin von ruhiger See sprechen – nicht aus Bosheit, sondern aus der verzweifelten Hoffnung, dass Worte die Wellen glätten könnten.

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Die fragile Dreierkonstellation

Für die Dreierkoalition ist diese Entwicklung mehr als nur ein ökonomisches Problem; sie ist eine existenzielle Bedrohung. Regierungen leben nicht von Programmen allein, sondern von der Wahrnehmung ihrer Wirksamkeit. Und diese Wahrnehmung speist sich aus einem simplen Kriterium: Geht es den Menschen besser oder schlechter? Wenn die Antwort „schlechter“ lautet, dann helfen auch die elaboriertesten Koalitionsabkommen wenig.

Die Protagonisten dieser Konstellation – neben Stocker etwa Andreas Babler und Beate Meinl-Reisinger – stehen vor einem Dilemma, das sich nicht kommunikativ auflösen lässt. Sie können weder die globalen Märkte kontrollieren noch die geopolitischen Konflikte befrieden, die ihre wirtschaftspolitischen Ziele unterminieren. Gleichzeitig sind sie gezwungen, Verantwortung zu übernehmen für Entwicklungen, die sich ihrer direkten Einflussnahme entziehen. Das Ergebnis ist ein politischer Spagat, der zunehmend zur Zirkusnummer wird: Man balanciert zwischen Beschwichtigung und Alarmismus, zwischen Durchhalteparolen und vorsichtigen Eingeständnissen.

Die vielzitierte Spritpreisbremse wirkt in diesem Kontext wie ein symbolischer Akt, ein politisches Pflaster auf einer strukturellen Wunde. „Ein Öltropfen auf den heißen Stein“ – selten war eine Metapher so treffend und so unerquicklich zugleich. Sie zeigt, dass selbst gut gemeinte Maßnahmen ihre Wirkung verlieren, wenn die zugrunde liegenden Probleme eine andere Größenordnung erreichen.

Die Geopolitik als unsichtbarer Wahlhelfer

Während in Wien noch gerechnet, relativiert und beschwichtigt wird, haben andere längst verstanden, dass Krisen nicht nur Risiken, sondern auch Chancen bergen. In Washington, Jerusalem und Teheran werden Entscheidungen getroffen, deren Auswirkungen weit über die Region hinausreichen. Sie beeinflussen Energiepreise, Lieferketten und letztlich die politische Stabilität in Ländern, die tausende Kilometer entfernt liegen. Die Ironie besteht darin, dass die Zukunft einer österreichischen Regierung zu einem nicht unerheblichen Teil von Akteuren abhängt, die weder an österreichischen Wahlen teilnehmen noch sich für deren Ausgang interessieren müssen.

Und doch gibt es Profiteure dieser Konstellation. Staaten wie Russland und China, die von einer Schwächung westlicher Volkswirtschaften profitieren, beobachten die Entwicklung mit einer Mischung aus strategischem Kalkül und gelassener Genugtuung. Doch noch unmittelbarer sind die Effekte im Inland: Politische Kräfte, die sich als Alternative zum bestehenden System inszenieren, erhalten Auftrieb. Die „Blauen“, jene Partei, die seit jeher von Krisenrhetorik und Systemkritik lebt, könnten sich als die eigentlichen Gewinner erweisen.

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Die Dialektik der Krise

Es ist eine alte, beinahe zynische Erkenntnis: Krisen entlarven nicht nur Schwächen, sie erzeugen auch neue Machtverhältnisse. Die „Formel“ 2-1-0 war ein Versuch, Ordnung zu schaffen, ein Versprechen von Kontrolle in einer unkontrollierbaren Welt. Ihr mögliches Scheitern zeigt jedoch, dass politische Steuerungsansprüche an ihre Grenzen stoßen, sobald sie auf die komplexe Realität globaler Verflechtungen treffen.

Und doch liegt in dieser Einsicht auch eine Chance – wenn auch eine unbequeme. Sie zwingt dazu, die eigene Rolle neu zu definieren, bescheidener zu werden in den Versprechen, ehrlicher in der Diagnose und realistischer in den Erwartungen. Ob eine Regierung, die sich in der Logik von Formeln eingerichtet hat, zu dieser Selbstkorrektur fähig ist, bleibt allerdings eine offene Frage.

Bis dahin bleibt das Bild einer Politik, die mit Zahlen jongliert, während um sie herum die Welt in Bewegung gerät – und die dabei Gefahr läuft, von eben dieser Bewegung überrollt zu werden. Ein Schauspiel, das zugleich tragisch und grotesk ist, und das den Verdacht nährt, dass die eigentliche Formel der Gegenwart nicht 2-1-0 lautet, sondern vielmehr: viel Unsicherheit, wenig Kontrolle und null Garantien.

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