Es gehört zu den liebgewonnenen Ritualen moderner westlicher Politik, jede Krise zunächst einmal rhetorisch zu bewältigen. Man erklärt sie zur „besorgniserregenden Entwicklung“, richtet ein paar Krisenstäbe ein, veröffentlicht eine Erklärung mit den unvermeidlichen Worten „wir stehen fest an der Seite von …“ – und hofft anschließend, dass die Realität den höflichen Hinweis erhält, sich doch bitte wieder zu beruhigen. Leider zeigt sich die Realität seit einiger Zeit bemerkenswert unkooperativ. Sie detoniert an Synagogen, brennt an jüdischen Schulen, rast mit Fahrzeugen in religiöse Einrichtungen und zwingt die viel beschworene „westliche Sicherheitsarchitektur“ zu einer unangenehmen Selbstprüfung.
Diese Architektur – ein Begriff, der klingt, als hätte ihn ein EU-Thinktank bei einem veganen Lunch erfunden – entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Mischung aus Sicherheitskonzept, politischer Selbstberuhigung und administrativer Poesie. Man hat Frühwarnsysteme, Präventionsprogramme, Sensibilisierungskampagnen, Meldestellen, Antidiskriminierungsbeauftragte und selbstverständlich eine beeindruckende Anzahl von Arbeitsgruppen. Was man offenbar weniger hat, ist die altmodische, leicht vulgäre Fähigkeit, entschlossene Sicherheit tatsächlich durchzusetzen. In der Theorie ist der Westen ein Bollwerk liberaler Ordnung; in der Praxis wirkt er gelegentlich wie eine Verwaltung, die gerade erst bemerkt, dass die Welt außerhalb ihrer Excel-Tabellen existiert.
Der Export der Intifada ins Seminarzimmer
Man kann über die ideologischen Wurzeln der aktuellen Gewalt trefflich streiten – und das wird auch getan, vorzugsweise in akademischen Panels mit Titel wie „Dekoloniale Perspektiven auf Widerstandsnarrative“. Währenddessen verbreitet sich auf Demonstrationen und Universitätscampussen eine Parole, deren Charme ungefähr dem eines Molotowcocktails entspricht: „Globalize the Intifada“.
Der Westen hat lange eine bemerkenswerte Fähigkeit gezeigt, diese Losung als eine Art exotischen Sprechgesang zu interpretieren – vergleichbar mit einem politischen Mantra, das zwar unerquicklich klingt, aber vermutlich nur metaphorisch gemeint ist. Man wollte sie als Ausdruck jugendlicher Wut lesen, als Symbolsprache, als radikale Kritik an geopolitischen Strukturen. Dass solche Parolen für manche Menschen eine ziemlich konkrete Handlungsanweisung darstellen könnten, galt als unschöne, vielleicht sogar reaktionäre Interpretation.
So entstand eine merkwürdige moralische Asymmetrie: Wer darauf hinwies, dass der offene Aufruf zur Gewalt gegen Juden möglicherweise problematisch sein könnte, geriet schnell unter Verdacht, „Diskurse zu verengen“. Wer ihn rief, galt hingegen oft als engagierter Aktivist im Kampf gegen globale Ungerechtigkeit. Die intellektuelle Gymnastik, die nötig ist, um diese Logik aufrechtzuerhalten, würde vermutlich olympische Goldmedaillen verdienen.
Der Staat, der Sicherheitsdienst spielte
Besonders unerquicklich wird die Angelegenheit dort, wo sich eine unangenehme Frage aufdrängt: Wer schützt eigentlich die Bürger? Der moderne Staat beansprucht bekanntlich das Gewaltmonopol. Er erhebt Steuern, reguliert alles vom Heizkessel bis zum Joghurtdeckel und erklärt im Gegenzug, er garantiere Sicherheit.
Wenn jedoch religiöse Gemeinden gezwungen sind, ihre Gebäude mit privaten bewaffneten Sicherheitsdiensten zu schützen, wirkt dieses Versprechen plötzlich etwas hohl. Man erhält dann den Eindruck eines Staates, der zwar zuverlässig Formulare produziert, aber bei seiner zentralsten Aufgabe – dem Schutz seiner Bürger – eine gewisse operative Zurückhaltung zeigt.
Es ist eine eigentümliche Situation: In vielen westlichen Städten stehen bewaffnete Wachen vor jüdischen Schulen und Synagogen, als befänden wir uns nicht in liberalen Demokratien des 21. Jahrhunderts, sondern in einem permanenten Ausnahmezustand. Man könnte argumentieren, dies sei Ausdruck besonderer Wachsamkeit. Man könnte aber auch – weniger diplomatisch – sagen: Es ist ein Eingeständnis struktureller Hilflosigkeit.
Der politische Reflex: Betroffenheit als Staatsräson
Die politische Reaktion auf solche Ereignisse folgt inzwischen einem erstaunlich stabilen Drehbuch. Zunächst wird „tiefste Bestürzung“ ausgedrückt. Danach folgen Solidaritätsbekundungen. Anschließend kündigt man an, „alle Mittel des Rechtsstaats“ auszuschöpfen – eine Formulierung, die ungefähr so präzise ist wie ein Wetterbericht für das nächste Jahrzehnt.
Der eigentliche Kern des Problems bleibt dabei häufig unangetastet: die ideologischen Milieus, in denen antisemitischer Hass wieder salonfähig wird. Diese Milieus sind erstaunlich plural. Sie reichen von islamistischen Netzwerken über rechtsextreme Zirkel bis zu jenen Teilen der radikalen Linken, die Israel nicht nur kritisieren, sondern seine Existenz für ein koloniales Versehen halten.
Der moderne Westen hat eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, diese verschiedenen Formen des Antisemitismus jeweils isoliert zu betrachten – als separate Phänomene, die zufällig denselben Feind wählen. Das Ergebnis ist eine Analyse, die zwar politisch bequem, aber analytisch ungefähr so überzeugend ist wie die Behauptung, Regen, Schnee und Nebel hätten nichts miteinander zu tun, weil sie unterschiedliche Wetterlagen darstellen.
Die historische Ironie
Es gehört zu den bittersten Ironien der europäischen Geschichte, dass ausgerechnet der Kontinent, der sich nach 1945 eine moralische Grundsatzlektion über Antisemitismus erteilt hat, nun wieder darüber diskutieren muss, wie jüdisches Leben geschützt werden kann.
Man hat Denkmäler gebaut, Bildungsprogramme entwickelt, Gedenktage institutionalisiert – alles wichtige und notwendige Schritte. Doch Erinnerungskultur allein ersetzt keine Sicherheitspolitik. Ein Staat kann noch so viele Kränze niederlegen; wenn er gleichzeitig zulässt, dass antisemitische Ideologien ungestört wachsen, wirkt die moralische Selbstvergewisserung irgendwann wie ein Ritual ohne praktische Konsequenz.
Der Preis der Naivität
Die westliche Gesellschaft steht heute vor einer unbequemen Erkenntnis: Toleranz ist keine automatische Versicherung gegen Intoleranz. Sie funktioniert nur, wenn sie von der Bereitschaft begleitet wird, ihre eigenen Grundlagen zu verteidigen.
Das bedeutet nicht, in autoritäre Reflexe zu verfallen oder ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht zu stellen. Es bedeutet jedoch, ideologische Gewaltfantasien nicht länger als kulturelle Ausdrucksformen zu romantisieren. Eine offene Gesellschaft darf vieles tolerieren – aber sie kann es sich schlicht nicht leisten, Mordfantasien als politische Folklore zu behandeln.
Der Moment der Entscheidung
Am Ende läuft alles auf eine nüchterne Frage hinaus: Wie ernst meint es der Westen mit seiner eigenen Ordnung?
Eine liberale Demokratie, die ihre Bürger nicht schützt, verliert Glaubwürdigkeit. Eine Gesellschaft, die antisemitische Gewalt nur als bedauerliche Randerscheinung betrachtet, riskiert mehr als nur ihr moralisches Selbstbild. Sie riskiert die Grundlagen ihres Zusammenlebens.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Lektion dieser düsteren Tage: Sicherheitsarchitekturen bestehen nicht aus Konzeptpapieren, Gipfelerklärungen oder Präventionsprojekten. Sie bestehen aus politischem Willen. Und dieser Wille zeigt sich nicht in Sonntagsreden, sondern in der nüchternen Fähigkeit eines Staates, seinen Bürgern zu sagen – und es auch zu beweisen: Hier endet der Hass. Hier beginnt das Gesetz.