Der Weckruf, der keiner sein wollte

Es gibt Reden, die klingen wie ein Weckruf, und es gibt Weckrufe, die klingen wie ein besonders schlecht gelaunter Rauchmelder um drei Uhr morgens: laut, schrill, möglicherweise berechtigt, aber so unerquicklich, dass man instinktiv erst einmal mit einem Kissen danach wirft. Als Marco Rubio Europa in München vor seinem „Niedergang“ warnte — einem Niedergang, der angeblich weniger ein Schicksal als vielmehr eine bewusst getroffene Lifestyle-Entscheidung sei — fühlte sich der Kontinent entsprechend angesprochen: halb beleidigt, halb verwirrt, und ein wenig so, als hätte ein entfernter Cousin aus Übersee plötzlich beschlossen, beim Familienfest die Inventur der moralischen Vorratskammer vorzunehmen. Europa, dieses alte Haus mit bröckelndem Stuck und unverschämt hohen Heizkosten, soll also kurz vor der Selbstauflösung stehen. Das allein wäre noch keine Neuigkeit; Europas angeblicher Untergang gehört schließlich seit mindestens zweihundert Jahren zum festen Repertoire geopolitischer Dramaturgie — ungefähr so zuverlässig wie das jährliche Comeback der Schlaghose.

Doch diesmal, so wurde suggeriert, sei alles anders. Diesmal meine es die Geschichte ernst. Der Kontinent taumle moralisch aufgeblasen durch seine eigene Bedeutungslosigkeit, inszeniere sich als Hüter universeller Werte und vergesse dabei, dass die Welt außerhalb der Brüsseler Konferenzräume nicht aus PowerPoint-Präsentationen besteht. Was für ein Vorwurf! Europa, das alte Theater, spielt also immer noch Hamlet, während draußen längst ein Actionfilm läuft. Und vielleicht liegt genau hier die unfreiwillige Komik der Szene: Amerika ruft „Realität!“, Europa antwortet „Normen!“, und irgendwo dazwischen steht der Rest der Welt und verkauft Popcorn.

Staatsmänner aus Pappmaché und Ritter ohne Windmühlen

Wenn internationale Politik ein Maskenball ist, dann erscheinen ihre Hauptdarsteller zunehmend in Kostümen, deren Material verdächtig an Pappmaché erinnert. Friedrich Merz, so wurde gespottet, habe sich in München als großer Stratege präsentiert — nur leider mit der dramatischen Überzeugungskraft eines Laienschauspielers, der versehentlich in eine Wagner-Oper geraten ist. Viel Pathos, wenig Resonanz. Die Inszenierung wirkte so geschniegelt, dass man fast erwartete, jemand würde gleich „Vorhang!“ rufen.

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Doch seien wir gerecht: Politik ist immer auch Theater, und wer behauptet, Staatskunst komme ohne Symbolik aus, glaubt vermutlich auch, dass Königskronen ergonomisch sinnvoll sind. Das eigentlich Interessante ist nicht, dass Politiker sich darstellen — das taten sie schon, als Reden noch auf Papyrus gekritzelt wurden — sondern dass jede Seite inzwischen überzeugt ist, allein im Besitz der Wirklichkeit zu sein. Auf der einen Seite jene, die Europa für einen moralischen Riesen mit ökonomischen Knieschmerzen halten; auf der anderen jene, die im Kontinent eher einen wohlstandsverwahrlosten Museumswärter sehen, der sich weigert, die Ausstellung zu modernisieren.

Und so reitet unser moderner Don Quijote durch die geopolitische Mancha, allerdings ohne Windmühlen, denn die wurden aus Klimagründen bereits abgebaut oder mit Fördermitteln versehen. Stattdessen kämpft man gegen Abhängigkeiten, gegen Bedeutungsverlust, gegen diffuse Zukunftsängste — kurz: gegen alles, was sich rhetorisch gut bekämpfen lässt, solange niemand nach den praktischen Details fragt.

Amerikas pädagogischer Impuls und Europas gekränkter Stolz

Es hat etwas rührend Pädagogisches, wenn die Vereinigten Staaten Europa erklären, wie es sich bitte schön zusammenzureißen habe. Man hört förmlich den Tonfall eines älteren Geschwisters heraus: „Wir sagen das nur, weil wir uns sorgen.“ Und tatsächlich — Sorge ist eine der charmantesten Formen geopolitischer Einflussnahme. Sie klingt nach Fürsorge, riecht aber gelegentlich nach strategischem Eigeninteresse.

Europa wiederum reagiert darauf mit jener Mischung aus Empfindlichkeit und Überdruss, die man sonst nur aus langjährigen Ehen kennt. „Du verstehst mich nicht“, sagt der Kontinent. „Doch“, antwortet Amerika, „und genau das ist das Problem.“ Es ist ein transatlantischer Beziehungskonflikt, bei dem beide Seiten gleichzeitig Therapeut und Patient sein möchten.

Dabei wäre etwas mehr Gelassenheit womöglich angebracht. Die Geschichte des Westens ist schließlich kein geradliniger Triumphzug, sondern eher eine improvisierte Jazzsession — voller Dissonanzen, überraschender Soli und gelegentlich schiefer Töne. Wer daraus den unmittelbar bevorstehenden Zivilisationskollaps ableitet, unterschätzt die erstaunliche Widerstandskraft politischer Ordnungen. Europa hat Pest, Religionskriege und die Erfindung der Bürokratie überlebt; vermutlich wird es auch diese Phase überstehen, selbst wenn die Formulare länger werden.

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Der politmediale Komplex oder: Das Lieblingsgespenst unserer Zeit

Kaum ein modernes Drama kommt ohne den ominösen „Komplex“ aus — politisch, medial, kulturell, wahlweise alles zugleich. Er ist das perfekte Feindbild: groß genug, um bedrohlich zu wirken, und gleichzeitig so diffus, dass man ihn nie wirklich widerlegen muss. In dieser Erzählung hat sich eine selbstreferenzielle Elite in eine ideologische Zitadelle zurückgezogen, wo sie zwischen Espresso und Nachhaltigkeitsbericht den Untergang verwaltet.

Das Bild ist herrlich — fast zu herrlich, um wahr zu sein. Denn es verrät weniger über Europa als über unsere Sehnsucht nach klaren Schuldigen. Komplexe Entwicklungen sind unerquicklich; sie bieten keine dramatischen Helden, keine sauberen Bösewichte. Also basteln wir uns Narrative, in denen ganze Kontinente entweder schlafen oder bewusst in den Abgrund marschieren, vorzugsweise mit erhobenem Zeigefinger.

Dabei ist die Wirklichkeit unerquicklich banal: Europa ist weder ein Paradies moralischer Erleuchtung noch ein Irrenhaus kollektiver Selbstzerstörung. Es ist ein widersprüchlicher Raum voller Interessenkonflikte, politischer Experimente und gelegentlicher Fehlentscheidungen — also genau das, was pluralistische Gesellschaften nun einmal hervorbringen. Wer darin ausschließlich Dekadenz erkennt, leidet womöglich an einer akuten Überdosis Kulturpessimismus.

Angst als geopolitische Leitwährung

Vielleicht ist das eigentliche Thema unserer Epoche nicht Niedergang, sondern Angst — jene universelle Währung, mit der sich Aufmerksamkeit zuverlässig verzinsen lässt. Angst vor wirtschaftlichem Abstieg, vor kultureller Entfremdung, vor technologischer Überforderung, vor allem gleichzeitig. Politische Rhetorik greift diese Ängste begierig auf, poliert sie rhetorisch und präsentiert sie als nüchterne Diagnose.

Doch Angst hat eine merkwürdige Eigenschaft: Sie verengt den Blick. Wer überall Vorboten des Kollapses sieht, verliert schnell die Fähigkeit, zwischen Herausforderung und Katastrophe zu unterscheiden. Dann wird Migration zur Apokalypse, Klimapolitik zum Zivilisationsbruch, wirtschaftlicher Wandel zum Endzeitdrama. Alles erscheint final, unumkehrbar, historisch.

Und dennoch — gerade darin liegt die Ironie — war Europa stets ein Kontinent der permanenten Krise. Seine größte Stärke bestand vielleicht nie in Stabilität, sondern in der Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Man streitet, übertreibt, irrt sich, korrigiert sich wieder. Ein unerquicklich chaotischer Prozess, gewiss, aber auch einer, der bislang erstaunlich selten in der Barbarei endete, die ihm regelmäßig prophezeit wird.

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Westlich ist, wer widerspricht

Am Ende bleibt die Frage, was „der Westen“ überhaupt sein soll. Eine geografische Kategorie? Ein Wertekanon? Ein nostalgisches Gefühl, das nach Schwarzweißfotografie und Nachkriegsoptimismus riecht? Vielleicht ist der Westen weniger ein Ort als eine Methode — nämlich die Fähigkeit, sich öffentlich zu widersprechen, ohne gleich die Druckerpresse für Exilpässe anwerfen zu müssen.

Wenn das stimmt, dann sind die hitzigen Debatten selbst ein Zeichen von Vitalität. Eine Zivilisation, die lautstark über ihren möglichen Niedergang streitet, wirkt jedenfalls weniger wie ein sterbender Patient als wie ein übernervöser Hypochonder, der bei jedem Husten seine Memoiren diktiert.

Rubios Satz — „Niedergang ist eine Entscheidung“ — lässt sich daher auch anders lesen: nicht als Diagnose, sondern als unfreiwillige Erinnerung daran, dass politische Gemeinschaften tatsächlich Handlungsspielräume besitzen. Sie sind weder dem Untergang geweiht noch automatisch zur Größe bestimmt. Sie stolpern vorwärts, korrigieren ihren Kurs, übertreiben, lernen, vergessen, beginnen von vorn.

Europa wird also vermutlich weder glorreich auferstehen noch spektakulär kollabieren. Es wird weitermachen — unerquicklich kompliziert, gelegentlich selbstgerecht, erstaunlich resilient. Und während irgendwo wieder jemand den endgültigen Abgesang anstimmt, bestellt der Kontinent vermutlich gerade einen weiteren Kaffee, diskutiert über Regulierung und erfindet nebenbei die nächste Reform, die alle für unzureichend halten werden.

Der Niedergang mag eine Entscheidung sein. Panik allerdings auch. Und wenn Europa eine wirkliche Spezialität besitzt, dann vielleicht diese: den Hang zur dramatischen Selbstbeschreibung — kombiniert mit der fast schon unverschämten Fähigkeit, am nächsten Morgen trotzdem weiterzufunktionieren.

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