Der Wahnsinn in Maßanzügen

Es gibt Sätze, die altern wie guter Wein, und solche, die altern wie politische Programme – sie werden mit den Jahren immer komischer. Der Satz des bayerischen Satirikers, Irrenarztes und notorischen Gotteslästerers Oskar Panizza gehört eindeutig zur ersten Kategorie: „Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft.“ Man kann diesen Satz lesen wie eine medizinische Diagnose, eine Kulturkritik oder – je nach Tageszeit und Nachrichtenlage – wie eine nüchterne Beschreibung des politischen Betriebs. Panizza wusste als Psychiater immerhin, wovon er sprach: Er kannte den Unterschied zwischen individueller Verwirrung und kollektiv organisierter. Letztere trägt gewöhnlich Anzug, spricht im Indikativ der Sachzwänge und wird von Mikrofonen freundlich verstärkt.

Heute, in einer Zeit, in der jede Absurdität sofort eine Pressekonferenz erhält und jeder Irrtum ein „Narrativ“ wird, wirkt Panizzas Satz beinahe untertrieben. Denn der Wahnsinn hat nicht nur epidemische Ausmaße angenommen, er besitzt inzwischen Pressesprecher, Social-Media-Strategien und eine erstaunliche Begabung, sich selbst für nüchterne Vernunft zu halten. Das ist sein eigentliches Erfolgsgeheimnis: Der Wahnsinn unserer Zeit schreit nicht mehr, er argumentiert. Er trägt Statistiken vor, bildet Arbeitsgruppen und verabschiedet Resolutionen. Er tritt nicht mehr mit Schaum vor dem Mund auf, sondern mit PowerPoint.

Die Politik ist dafür der ideale Lebensraum. Sie ist gewissermaßen das klimatisch stabile Biotop für jene Form des Wahnsinns, die sich selbst Rationalität nennt.

Die Institutionalisierung der Absurdität

Politik war natürlich nie ein Ort vollkommener Nüchternheit. Schon die alten Griechen wussten, dass die Polis eine Mischung aus Theater, Streitclub und religiösem Opferplatz ist. Aber immerhin war man damals noch ehrlich genug, die Tragödie als Tragödie zu erkennen. Heute dagegen besteht die eigentliche Leistung des politischen Systems darin, die groteskesten Widersprüche mit der Miene nüchterner Sachlichkeit zu präsentieren.

Man kann beispielsweise gleichzeitig erklären, dass etwas „alternativlos“ sei und dennoch zwischen fünf Versionen derselben Alternativlosigkeit wählen lassen. Man kann gigantische Programme verabschieden, deren Erfolg an Indikatoren gemessen wird, die man selbst definiert hat, und sich anschließend auf die Schulter klopfen, weil die Indikatoren zufällig genau das anzeigen, was man vorher beschlossen hatte. Und wenn das alles nicht funktioniert, erklärt man mit stoischer Gelassenheit, dass die Situation „komplex“ sei – ein Wort, das in der politischen Sprache ungefähr dieselbe Funktion erfüllt wie das lateinische mysterium im Mittelalter: Es beendet jede Nachfrage.

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So entsteht ein merkwürdiges Schauspiel: Eine Welt, in der offensichtliche Widersprüche nicht als solche gelten, solange sie ausreichend technisch formuliert sind. Der Bürger sieht eine Wand. Die Politik sieht eine „strukturierte vertikale Herausforderung mit Chancenpotenzial“.

Panizza hätte daran seine Freude gehabt.

Die neue Vernunft: kollektiv bestätigter Irrsinn

Das eigentlich Faszinierende am politischen Wahnsinn ist seine soziale Dimension. Ein einzelner Mensch, der in der Fußgängerzone lautstark mit sich selbst diskutiert, wird – zu Recht – als auffällig betrachtet. Eine ganze Regierung, die im Chor miteinander spricht, wirkt hingegen sofort seriös. Offenbar ist die Anzahl der Beteiligten der entscheidende Faktor der geistigen Gesundheit.

Hier liegt der Kern von Panizzas Diagnose: Wahnsinn wird vernünftig, sobald genügend Menschen ihn teilen. Das ist keine moralische, sondern eine statistische Beobachtung. Die Mehrheit hat eine erstaunliche Fähigkeit, Irrtümer in gesellschaftliche Normen zu verwandeln. Sobald genügend Experten, Berater, Sprecher und Analysten denselben Gedanken wiederholen, entsteht der Eindruck einer objektiven Wahrheit. Der Gedanke selbst kann dabei völlig unsinnig sein – entscheidend ist nur die Lautstärke des Chors.

Man könnte das auch das Prinzip des orchestrierten Kopfnickens nennen. Einer sagt etwas Absurdes. Drei nicken. Fünfzehn kommentieren zustimmend. Zwanzig zitieren es. Und plötzlich erscheint es als Konsens. Wer nun vorsichtig anmerkt, dass der Kaiser vielleicht doch ein wenig unbekleidet wirkt, wird nicht etwa widerlegt, sondern psychologisch eingeordnet: als Populist, Querdenker, Romantiker oder – je nach politischer Mode – als Gefährder der demokratischen Hygiene.

Der Wahnsinn ist nun offiziell vernünftig geworden.

Experten, Modelle und der elegante Irrtum

Besonders charmant wird dieser Prozess, wenn er sich wissenschaftlich verkleidet. Denn nichts verleiht einer absurden Idee mehr Würde als eine mathematische Formel oder ein Diagramm mit vielen bunten Pfeilen. Das Modell ersetzt dann die Wirklichkeit, und wer auf die Wirklichkeit verweist, gilt als naiver Empiriker.

Die Politik liebt Modelle aus demselben Grund, aus dem Kinder gerne mit Spielzeugstädten spielen: In ihnen funktioniert alles wunderbar. Straßen sind ordentlich, Menschen verhalten sich erwartbar, und wenn etwas schiefgeht, verschiebt man einfach eine Figur. In der realen Welt hingegen reagieren Menschen auf politische Maßnahmen oft mit einer Mischung aus Eigensinn, Ironie und blanker Ignoranz – ein Verhalten, das in keinem Modell vorgesehen ist.

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Doch anstatt daraus zu lernen, reagiert der politische Apparat gewöhnlich mit einem bewährten Reflex: Man baut ein noch komplexeres Modell. Wenn die Realität nicht zur Theorie passt, muss die Theorie eben raffinierter werden. Irgendwann hat man dann ein System, das so kompliziert ist, dass niemand mehr versteht, warum es ursprünglich entworfen wurde. Aber es wirkt beeindruckend.

Auch das ist eine Form der Vernunft, wenn der Wahnsinn epidemisch geworden ist.

Moral als Nebelmaschine

Ein weiteres bewährtes Instrument, um kollektive Verwirrung in Vernunft zu verwandeln, ist die Moral. Moral ist in der Politik nicht primär ein Kompass, sondern eine Nebelmaschine. Sie sorgt dafür, dass man über die guten Absichten spricht, während die praktischen Folgen höflich im Hintergrund verschwinden.

Man kennt das: Jede politische Maßnahme dient selbstverständlich einem edlen Zweck – Gerechtigkeit, Sicherheit, Fortschritt, Nachhaltigkeit, Stabilität, Zukunft, Verantwortung. Diese Wörter sind so elastisch, dass man damit praktisch jede Maßnahme dekorieren kann. Sie funktionieren ähnlich wie Petersilie auf einem Teller: Sie sagt nichts über den Geschmack des Gerichts, aber sie sieht hübsch aus.

Wer es wagt, nach den Nebenwirkungen zu fragen, wird rasch in moralische Kategorien einsortiert. Zweifel erscheinen plötzlich als Charakterschwäche. Skepsis wirkt verdächtig. Und so entsteht eine Atmosphäre, in der nicht mehr gefragt wird, ob eine Idee funktioniert, sondern nur noch, ob sie gut gemeint ist.

Der Wahnsinn hat nun nicht nur Vernunft angenommen, sondern auch Tugend.

Der Bürger als Zuschauer der Vernunft

Währenddessen sitzt der Bürger vor diesem Schauspiel wie ein Theaterbesucher, der langsam merkt, dass die Handlung keinerlei Zusammenhang mehr hat. Figuren treten auf, halten leidenschaftliche Monologe, widersprechen sich, verlassen die Bühne, kehren in anderer Rolle zurück – und das Publikum fragt sich, ob es vielleicht eine besonders subtile Form moderner Kunst ist.

Natürlich ist auch der Bürger nicht ganz unschuldig. Denn er spielt eine wichtige Rolle im großen Mechanismus der epidemischen Vernunft: Er gewöhnt sich daran. Menschen besitzen eine erstaunliche Fähigkeit, sich an Absurditäten zu adaptieren. Was gestern noch empörend war, erscheint morgen als normal und übermorgen als unvermeidlich.

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Die politische Kommunikation verlässt sich auf genau diesen Gewöhnungseffekt. Eine Idee, die zunächst absurd klingt, wird einfach lange genug wiederholt. Irgendwann verliert sie ihre Fremdheit. Schließlich wirkt sie beinahe selbstverständlich. Und sobald sie selbstverständlich wirkt, ist sie – im Sinne Panizzas – vernünftig geworden.

Der kleine Rest gesunder Verrücktheit

Vielleicht liegt die eigentliche Hoffnung paradoxerweise gerade in einem Rest individueller Verrücktheit. Nicht jener destruktiven Form, die Panizza aus der Klinik kannte, sondern jener unpraktischen Eigenart des Denkens, die sich weigert, kollektive Gewissheiten sofort zu akzeptieren.

Denn jede Gesellschaft braucht Menschen, die gelegentlich den Mut haben, den Konsens für einen Moment anzuhalten und zu fragen: „Entschuldigung – könnte es sein, dass wir alle gerade ein wenig spinnen?“

Solche Menschen gelten im politischen Betrieb gewöhnlich als unbequem, störend oder unerquicklich ironisch. Doch ohne sie würde die epidemische Vernunft ungehindert weiterwuchern, bis sie schließlich das ganze geistige Klima besetzt hat.

Und dann hätte Panizza endgültig recht behalten.

Wahrscheinlich würde er darüber lachen. Ein etwas dunkles, bayerisch knarzendes Lachen – das Lachen eines Mannes, der als Irrenarzt wusste, dass die gefährlichsten Formen des Wahnsinns selten in der Zelle sitzen. Meistens stehen sie am Rednerpult.

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