Der Umschlag als Staatsfeind

Man stelle sich vor, wir befänden uns im Jahre 1906, irgendwo zwischen Telegrafenmasten und monarchischer Gravitas, und ein würdevoll ergrauter Souverän träte auf den Balkon seines Palastes, um mit gewichtiger Stimme zu verkünden: „Wer seine Briefe zuklebt, ist ein feindseliger Akteur.“ Man sähe zunächst erstaunte Gesichter, dann vielleicht ein diskretes Hüsteln im Publikum, schließlich den diskreten Wink eines Arztes, der sich um die geistige Verfassung des Monarchen sorgte. Denn wozu, bitte, gibt es Umschläge, wenn nicht dazu, sie zu schließen? Wozu gibt es das Briefgeheimnis, wenn nicht dazu, es in Anspruch zu nehmen? Und doch, was damals als offenkundiger Ausbruch obrigkeitlicher Paranoia gegolten hätte, ist heute in neuer Verkleidung, geschniegelt und juristisch geschniegelt, zur politischen Normalität avanciert. Der Umschlag ist digital geworden, das Siegel besteht aus Mathematik, und plötzlich gilt nicht mehr der neugierige Staat als Problem, sondern der Bürger, der es wagt, nicht durchsichtig zu sein.

Die neue Tugend der Durchsichtigkeit

Transparenz war einst ein Wort, das gegen Macht gerichtet war. Man verlangte Transparenz von Regierungen, von Behörden, von Konzernen, die sich in ihren Glasfassaden spiegelten und doch ihre Bilanzen wie Alchemistenformeln verbargen. Heute hat sich die Blickrichtung verschoben wie ein schlecht montierter Scheinwerfer. Transparenz ist zur Bürgerpflicht mutiert. Wer nichts zu verbergen hat, so die volkstümliche Litanei, hat auch nichts zu befürchten. Ein Satz von jener bestechenden Schlichtheit, die nur dadurch zustande kommt, dass sie jede historische Erfahrung großzügig ignoriert. Die Archive des 20. Jahrhunderts sind voll von Menschen, die nichts zu verbergen hatten – außer ihrer Würde, ihrer Meinung, ihrer Religion, ihrer Liebe – und dennoch alles zu befürchten.

Doch nun ist das neue Dogma geboren: Verschlüsselung sei kein normales Werkzeug der Privatheit, sondern ein Indiz für potenzielle Feindseligkeit. Wer seine Daten verschlüsselt, verhält sich verdächtig; wer seine Chats absichert, sendet ein Signal; wer seine E-Mails schützt, könnte etwas im Schilde führen. Die Logik ist von jener schwindelerregenden Eleganz, die man sonst nur aus schlechten Kriminalromanen kennt: Derjenige, der die Tür abschließt, plant womöglich ein Verbrechen, denn wer ehrlich ist, lässt bekanntlich sperrangelweit offen.

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Vom Briefgeheimnis zum Misstrauensregime

Es ist eine bemerkenswerte Volte der Geschichte, dass ausgerechnet jene Staaten, die sich auf liberale Traditionen berufen, nun mit Begriffen operieren, die nach Kaltem Krieg, Spionageabwehr und subversiven Zellen klingen. „Feindseliger Akteur“ – welch martialische Wortwahl für jemanden, der lediglich seine digitale Post nicht auf offener Straße verteilen möchte. Das Recht, unbeobachtet zu kommunizieren, war einmal ein Grundpfeiler bürgerlicher Freiheit, hart erkämpft gegen Zensoren und Spitzel. Heute wird es rhetorisch in die Nähe des Verdachts gerückt, als sei Privatheit ein Tarnmantel für Niedertracht.

Der Bürger, einst Subjekt mit Rechten, verwandelt sich so schleichend in ein potenzielles Risiko, das es zu managen gilt. Das Misstrauen wird präventiv, systemisch, algorithmisch. Man kommt gar nicht mehr mit, so schnell wie sich der Wahnsinn verbreitet – nicht als offener Autoritarismus mit Stiefeln und Fackeln, sondern als wohlmeinende Sicherheitsarchitektur mit PowerPoint-Präsentation. Die Sprache bleibt geschniegelt, die Absicht angeblich edel, doch die Konsequenz ist dieselbe: Wer sich schützt, macht sich verdächtig.

Die Infantilisierung des Bürgers

Es gehört zu den subtileren Demütigungen unserer Zeit, dass man dem erwachsenen Bürger implizit abspricht, legitime Gründe für Verschlüsselung zu haben. Journalisten, die ihre Quellen schützen; Anwälte, die Mandantenkommunikation sichern; Aktivisten, die Repression fürchten; ganz gewöhnliche Menschen, die schlicht keine Lust haben, ihr gesamtes Innenleben als Datenfutter preiszugeben – sie alle verschwinden in der amorphen Kategorie des „potenziell problematischen Verhaltens“. Der Staat, der sich selbst als rational und verantwortungsvoll begreift, unterstellt seinen Bürgern eine Art kindliche Trotzreaktion: Warum verschließt du dich, wenn wir es doch nur gut meinen?

Es ist eine merkwürdige Verkehrung: Das Instrument der Selbstverteidigung wird als Angriff gewertet. Die digitale Selbstachtung wird zur Provokation. Und wer darauf hinweist, dass Macht stets zur Ausweitung neigt, wird rasch als hysterisch oder naiv abgetan. Die Pointe ist bitter: Man verteidigt die Freiheit, indem man sie vorsorglich einschränkt, um sie vor jenen zu schützen, die sie missbrauchen könnten – also im Zweifelsfall vor allen.

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Sicherheit als sakrosanktes Mantra

Natürlich geschieht all dies im Namen der Sicherheit. Sicherheit ist das neue Allerheiligste, das keinen Widerspruch duldet. Wer gegen weitreichende Überwachungsbefugnisse argumentiert, muss sich unweigerlich die Frage gefallen lassen, ob er denn Terroristen schützen wolle. Die Debatte wird moralisch aufgeladen, bis sie nur noch zwei Positionen kennt: verantwortungsvolle Wachsamkeit oder leichtfertige Gefährdung. Dass Freiheit und Sicherheit keine Gegensätze, sondern Spannungsverhältnisse sind, die sorgfältig austariert werden müssen, geht im Eifer der Gefahrenabwehr verloren.

In diesem Klima wirkt Verschlüsselung wie ein Sakrileg. Sie entzieht dem Staat – und nebenbei auch Konzernen, Datensammlern und neugierigen Dritten – den unmittelbaren Zugriff. Sie ist ein technischer Ausdruck von Autonomie. Und Autonomie ist, in Zeiten allgegenwärtiger Datenerhebung, ein zunehmend unbequemer Wert. Man toleriert sie, solange sie nicht stört. Sobald sie aber flächendeckend in Anspruch genommen wird, gerät sie unter Rechtfertigungsdruck.

Der Zynismus der Selbstverständlichkeit

Das eigentlich Zynische an der Entwicklung ist ihre Selbstverständlichkeit. Es gibt keine dramatische Zäsur, keinen großen Knall, sondern eine Serie von Gesetzesnovellen, Sicherheitsberichten, Ausschussanhörungen. Jeder Schritt für sich genommen wirkt plausibel, begründet, maßvoll. Erst in der Summe entsteht ein Bild, das an jene alten Karikaturen erinnert, in denen der Bürger langsam in einem Netz aus Paragraphen versinkt, während ihm versichert wird, alles geschehe zu seinem Besten.

Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Oder man lacht gerade deshalb, um nicht zu verzweifeln. Der Gedanke, dass das digitale Zukleben eines Briefes als feindseliger Akt gelten kann, besitzt eine fast kafkaeske Qualität. Der Bürger steht vor einem unsichtbaren Gericht und erfährt, dass sein Wunsch nach Privatheit bereits ein Indiz ist. Wofür genau, bleibt vage – doch die Kategorie steht im Raum, und sie genügt.

Ein augenzwinkernder Schluss mit ernster Pointe

Vielleicht wird man in hundert Jahren auf unsere Zeit zurückblicken und sich wundern, wie bereitwillig man die Idee akzeptierte, dass Schutz gleich Verdacht sei. Vielleicht wird man die Debattenprotokolle lesen und den Kopf schütteln über jene rhetorischen Verrenkungen, mit denen man das Offensichtliche leugnete: dass Freiheit nicht darin besteht, beobachtet zu werden, sondern darin, unbeobachtet sein zu dürfen. Vielleicht wird man milde lächeln über die Panik, die jede neue Technologie begleitete, und darüber, wie schnell aus Bürgern „Akteure“ wurden – als seien sie Figuren in einem Strategiespiel.

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Bis dahin jedoch bleibt uns nur das Zukleben unserer digitalen Umschläge – nicht aus Feindseligkeit, sondern aus Selbstachtung. Wenn das bereits als subversiv gilt, dann hat sich nicht der Bürger radikalisiert, sondern der Maßstab verschoben. Und während der Wahnsinn sich mit atemberaubender Geschwindigkeit verbreitet, bleibt uns immerhin noch ein Rest von Ironie: dass ausgerechnet die Mathematik, diese spröde, unpolitische Disziplin, zum letzten Refugium bürgerlicher Intimität geworden ist. Man hätte es sich im Jahr 1926 kaum träumen lassen.

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