Es gehört zu den liebenswertesten Eigenheiten der deutschen politischen Kultur, dass ihre moralischen Oberlehrer stets davon überzeugt sind, eigentlich nur eine freundliche, pädagogisch wertvolle Diagnose zu stellen, während sie in Wahrheit gerade die halbe Bevölkerung in eine anthropologische Kategorie irgendwo zwischen Hinterwald und Vorzeit sortieren. Wenn also ein ehemaliger Bundespräsident – also einer jener Männer, deren Amt im deutschen Staatsverständnis irgendwo zwischen Bundesadler und Gewissen der Nation angesiedelt ist – in einer Talkshow erklärt, die Ostdeutschen seien „altdeutsch“, weil sie weder die segensreiche 68er-Umerziehung noch die Erweiterung ihrer Lebensräume durch Zuwanderung und vielfältige Kontakte mit anderen Kulturen erlebt hätten, dann soll das vermutlich nach soziologischer Analyse klingen. Tatsächlich klingt es eher wie der Tonfall eines Kolonialbeamten, der gerade feststellt, dass die Einheimischen leider noch nicht ausreichend zivilisiert wurden.
Man muss sich diesen Gedankengang einmal langsam auf der Zunge zergehen lassen. Ein Teil der Bevölkerung hat politisch falsch gewählt. Die naheliegende Hypothese wäre nun: Vielleicht haben diese Menschen andere Erfahrungen gemacht, andere Interessen, vielleicht auch andere Sorgen. Doch solche trivialen Annahmen wären natürlich unerquicklich, denn sie würden voraussetzen, dass demokratische Bürger tatsächlich autonome politische Subjekte sein könnten. Viel eleganter ist die andere Erklärung: Diese Menschen wurden schlicht nicht richtig sozialisiert. Ihnen fehlt die richtige kulturelle Impfung. Sie hatten zu wenig Seminare in moralischer Fortschrittlichkeit, zu wenig Begegnungsprogramme mit der globalisierten Vielfalt, zu wenig revolutionären Enthusiasmus der späten sechziger Jahre. Kurz: Sie sind noch nicht ganz fertig.
Die Pointe dieser Diagnose ist dabei nicht einmal ihr Inhalt – solche Gedanken geistern seit Jahren durch Leitartikel, Thinktanks und Akademieseminare –, sondern die erstaunliche Nonchalance, mit der sie vorgetragen wird. Denn sie verrät eine Geisteshaltung, die sich selbst gar nicht mehr als elitär wahrnimmt. Für ihre Vertreter ist es vollkommen selbstverständlich geworden, dass politische Abweichung nicht mehr als legitime Meinungsverschiedenheit gilt, sondern als kulturelles Defizit. Wer anders denkt, dem fehlt schlicht etwas. Erfahrung, Bildung, Weltläufigkeit – oder, etwas weniger elegant formuliert: richtige Erziehung.
Die Erziehungsrepublik und ihre ungezogenen Bürger
Deutschland ist bekanntlich ein Land mit einer besonders ausgeprägten pädagogischen Tradition. Schon im 19. Jahrhundert war man hier überzeugt, dass sich durch ausreichende Bildung, Belehrung und moralische Anleitung aus jedem Menschen ein brauchbarer Staatsbürger formen lasse. Der Unterschied zur Gegenwart besteht lediglich darin, dass der Lehrplan inzwischen aktualisiert wurde. Früher ging es um Nation, Disziplin und Pflicht; heute um Diversität, Sensibilität und das richtige Bewusstsein für strukturelle Ungleichheiten. Das Prinzip ist jedoch dasselbe geblieben: Politik ist letztlich ein Erziehungsprojekt.
In dieser Logik erscheinen Wahlen dann weniger als Ausdruck politischer Präferenzen, sondern eher als eine Art pädagogischer Test. Wenn das Ergebnis nicht gefällt, muss man nicht unbedingt die eigene Politik überdenken – man kann auch diagnostizieren, dass ein Teil der Bevölkerung den Stoff noch nicht verstanden hat. Und so entsteht jene merkwürdige Mischung aus Verwunderung und sanfter Herablassung, die viele Debatten über Ostdeutschland begleitet: Warum sind die dort eigentlich so?
Die Antwort, die man dann häufig bekommt, ist ein kultursoziologischer Cocktail aus historischen Erklärungen, psychologischen Vermutungen und moralischen Andeutungen. Die DDR habe die Menschen geprägt, heißt es. Autoritäre Sozialisation, mangelnde Zivilgesellschaft, ein Defizit an demokratischer Erfahrung. Das ist teilweise sicherlich nicht falsch – nur merkwürdigerweise wird dabei selten erwähnt, dass diese Menschen auch drei Jahrzehnte lang die westdeutsche Demokratie erlebt haben. Wenn nach so langer Zeit immer noch die DDR schuld ist, muss sie ein erstaunlich langlebiges pädagogisches Programm gewesen sein.
Die Erklärung über die fehlenden 68er-Erfahrungen hat jedoch eine besonders elegante Pointe. Sie besagt nämlich implizit, dass jene kulturelle Revolution, die einst gegen Autoritäten, Hierarchien und Bevormundung rebellierte, inzwischen selbst zur Norm geworden ist. Wer nicht an ihr teilgenommen hat, gilt als defizitär. Der Aufstand gegen das Establishment ist selbst zum Establishment geworden – und reagiert auf Abweichung mit der gleichen Mischung aus Belehrung und Verachtung, die es einst so leidenschaftlich bekämpfte.
Die moralische Geographie Deutschlands
Es gibt in Deutschland eine Art mentale Landkarte, auf der politische Tugend und kulturelle Reife erstaunlich ungleich verteilt sind. Auf dieser Karte liegen die Metropolen – Berlin, Hamburg, München, Köln – wie leuchtende Inseln der kosmopolitischen Aufklärung. Dort ist man urban, international, divers und selbstverständlich moralisch reflektiert. Dazwischen erstreckt sich jedoch ein großes Territorium, das man höflich „strukturschwache Regionen“ nennt, dessen Bewohner aber offenbar noch nicht ganz im selben zivilisatorischen Jahrhundert angekommen sind.
Der Osten nimmt auf dieser Karte eine besondere Stellung ein. Er ist gewissermaßen das anthropologische Reservat der deutschen politischen Debatte. Hier lassen sich all jene Phänomene studieren, die in den aufgeklärten Milieus der Großstädte nur noch selten vorkommen: Skepsis gegenüber Migration, Misstrauen gegenüber politischen Eliten, ein etwas robusteres Verhältnis zu nationaler Identität. Dass diese Haltungen auch in Westdeutschland existieren, wird dabei gern übersehen – aber im Osten lassen sie sich besonders schön beobachten, weil sie dort weniger durch soziale Tabus verdeckt sind.
Die Diagnose „altdeutsch“ passt in dieses Bild hervorragend. Sie klingt halb wissenschaftlich, halb kulturkritisch und vermittelt zugleich eine subtile moralische Botschaft: Diese Menschen gehören eigentlich einer vergangenen Epoche an. Sie sind, wenn man so will, die historischen Überreste eines Deutschlands, das sich inzwischen weiterentwickelt hat. Man muss sie nicht unbedingt verachten – aber man sollte sie vielleicht ein wenig bedauern.
Der Blick von oben
Was an solchen Aussagen irritiert, ist weniger ihre intellektuelle Schlichtheit als die Selbstverständlichkeit ihres Blickwinkels. Sie setzen eine Perspektive voraus, die sich selbst als Maßstab betrachtet. Die eigene Biografie – geprägt von westdeutscher Nachkriegsgeschichte, 68er-Kultur, akademischem Milieu und urbaner Liberalität – erscheint dabei nicht als eine mögliche Erfahrung unter vielen, sondern als normative Entwicklungslinie der gesamten Gesellschaft.
Von diesem Aussichtspunkt aus wirkt der Osten tatsächlich wie eine Art historische Verzögerung. Doch diese Perspektive sagt möglicherweise mehr über die Beobachter aus als über die Beobachteten. Sie verrät ein Milieu, das sich so sehr an seine moralische Deutungshoheit gewöhnt hat, dass es politische Abweichung kaum noch anders erklären kann als durch Defizite.
Der Satz „Nicht die Eliten sind das Problem, die Bevölkerungen sind das Problem“ wird natürlich selten so offen formuliert. Aber er schimmert durch viele Debatten hindurch wie ein leicht unangenehmer Unterton. Wenn Menschen falsch wählen, dann liegt das offenbar selten an politischen Fehlentscheidungen der Regierenden. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Wähler noch nicht ausreichend aufgeklärt wurden.
Die Ironie der demokratischen Belehrung
Und hier beginnt die eigentliche Ironie. Denn Demokratie lebt bekanntlich von der Idee, dass Bürger politische Entscheidungen treffen dürfen – auch solche, die anderen nicht gefallen. Das ist gewissermaßen der Kern des Systems. Wenn man jedoch anfängt, bestimmte Wählergruppen vor allem als pädagogisches Problem zu betrachten, verschiebt sich diese Logik. Dann wird Demokratie zu einem Prozess, in dem das Volk so lange abstimmen darf, bis es das richtige Bewusstsein entwickelt hat.
Die paternalistische Haltung, die in solchen Aussagen zum Vorschein kommt, wirkt deshalb so irritierend, weil sie gerade von jenen Milieus vertreten wird, die sich selbst als besonders demokratisch verstehen. Man verteidigt Vielfalt, Offenheit und Toleranz – solange diese Werte nicht auf politische Meinungen angewendet werden, die man für falsch hält.
Vielleicht liegt darin das eigentliche Missverständnis der gegenwärtigen Debatte. Viele Menschen im Osten – und nicht nur dort – empfinden genau diese Mischung aus moralischer Gewissheit und sozialer Distanz als irritierend. Sie hören den Tonfall des belehrenden Pädagogen und reagieren darauf mit Trotz. Man könnte sagen: Der moralische Hochsitz erzeugt seine eigenen politischen Gegenbewegungen.
Und so bleibt am Ende ein paradoxes Bild. Ein ehemaliger Bundespräsident, der einst Bürgerrechtler war und gegen ein autoritäres System kämpfte, erklärt nun einem Teil der Bevölkerung, er sei kulturell nicht ausreichend fortgeschritten. Es ist ein Moment, der fast literarisch wirkt – wie eine Szene aus einer politischen Satire, in der die Revolutionäre von gestern plötzlich die kulturellen Aufseher von heute geworden sind.
Dass viele Menschen darauf mit einem Achselzucken, einem Augenrollen oder einem ziemlich unfreundlichen Kreuz auf dem Wahlzettel reagieren, überrascht dann eigentlich kaum noch. Denn Belehrung war selten ein besonders erfolgreicher Weg zur politischen Überzeugung. Und Arroganz – selbst wenn sie im Tonfall der wohlmeinenden Analyse daherkommt – war noch nie ein gutes Argument.