Es gibt Orte, die sich jeder Vereinnahmung entziehen sollten, Orte, deren Schweigen lauter ist als jedes Megafon und deren Boden schwerer wiegt als die leichtfüßigen Parolen jener, die ihn betreten. Die Gedenkstätte Buchenwald ist ein solcher Ort. Hoch über Weimar, jener Stadt, die sich so gern mit Goethe schmückt und doch immer auch mit ihrer anderen Geschichte leben muss, liegt der Ettersberg wie ein stummer Zeuge. Hier wurde industrialisiert gemordet, hier wurde das Menschsein planmäßig abgeschafft, hier war die Moderne nicht Aufklärung, sondern Abgrund. Und nun also, ausgerechnet um den 11. April, den Jahrestag der Befreiung, soll dort demonstriert werden – nicht etwa gegen das Vergessen, nicht gegen neue Nazis, nicht gegen Geschichtsvergessenheit, sondern gegen die Gedenkstätte selbst. Ihr Vergehen: Sie sei „nicht israelfeindlich genug“.
Man muss diesen Satz mehrmals lesen, um seine ganze Groteske auszukosten. Nicht israelfeindlich genug. Als sei Antisemitismus eine Temperatur, die man regulieren könne wie die Heizung im Seminarraum. Als sei die angemessene Haltung zu einem Staat der Lackmustest dafür, ob man die Erinnerung an die Shoah würdig verwaltet. Die Welt hat viele Absurditäten hervorgebracht, aber diese hier besitzt eine fast schon literarische Qualität: Der Ort, an dem Juden als Juden systematisch vernichtet wurden, steht nun unter dem Verdacht, nicht genügend Feindseligkeit gegenüber dem jüdischen Staat zu zeigen. Das ist keine Ironie mehr. Das ist Zynismus mit Megafon.
Der Vorwurf als Selbstporträt
Laut einem Bericht der Neue Zürcher Zeitung formieren sich linksradikale Gruppen, um gegen die Leitung der Gedenkstätte zu protestieren. Man wirft ihr vor, propalästinensische Aktivisten zu kriminalisieren und israelische Propaganda zu verbreiten. Das Wort „Propaganda“ fällt heute so leicht wie Konfetti auf einem ideologischen Kindergeburtstag. Jeder, der nicht exakt die eigene Sicht teilt, betreibt Propaganda. Und wer auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers keine politischen Demonstrationen zulassen will, betreibt Geschichtsrevisionismus. So jedenfalls lautet die Logik.
Man stelle sich die Szene vor: Zwischen den Fundamenten der Baracken, wo einst Menschen zu Nummern degradiert wurden, soll nun mit Kufiya posiert werden, um gegen Israel zu protestieren. Der konkrete Anlass war ein Vorfall, bei dem einer Frau der Zutritt verweigert wurde, weil sie mit Palästinensertuch demonstrieren wollte. Ein Gericht bestätigte die Entscheidung der Gedenkstätte. Doch Recht ist in diesen Kreisen längst kein Argument mehr, sondern nur noch ein weiteres Indiz für das Wirken finsterer Mächte. Wenn Institutionen nicht das sagen, was man hören will, sind sie Teil des Systems. Und wenn das System nicht israelfeindlich genug ist, dann muss es eben angeklagt werden – notfalls am symbolisch aufgeladensten Ort, den man finden kann.
Kufiya als moralisches Accessoire
Unter dem Slogan „Kufiyas in Buchenwald“ soll nun protestiert werden. Das klingt wie eine Performancekunstaktion aus einem schlecht belüfteten Seminar zur Dekonstruktion hegemonialer Narrative. Beteiligt sind unter anderem die Studentenorganisation der Linkspartei, die antizionistische Organisation Jüdische Stimme sowie die Deutsche Kommunistische Partei. Man kennt sich, man zitiert sich, man bestätigt sich gegenseitig im Verdacht, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen – was ironischerweise exakt jene Formel ist, mit der sich Ideologen aller Zeiten selbst beruhigt haben.
Die Kufiya, einst Symbol palästinensischer Identität, ist im westlichen Aktivismus längst zum moralischen Accessoire geworden. Sie wird getragen wie ein Abzeichen, das Zugehörigkeit signalisiert: Seht her, ich stehe auf der richtigen Seite. Dass ausgerechnet in Buchenwald ein solches Zeichen zur Provokation gegen Israel erhoben werden soll, zeigt weniger Mut als vielmehr eine bemerkenswerte Geschichtsvergessenheit. Oder vielleicht ist es auch die konsequente Fortsetzung einer Denkfigur, in der Juden stets Projektionsfläche bleiben – früher als dämonisierte Minderheit, heute als dämonisierter Staat.
Täter Opfer Umkehr als Dauerbrenner
Besonders unerquicklich wird es, wenn man sich den Kontext vergegenwärtigt: Die Klägerin war laut Bild offenbar Mitglied einer kommunistischen Organisation, die das Massaker der Hamas im Oktober 2023 gefeiert hatte. „Wir können diesen Aufstand nur bewundern“, hieß es, „in Gänze legitim, genau wie all seine Mittel.“ All seine Mittel. Ein Satz wie ein moralischer Offenbarungseid. Wenn Massaker „in Gänze legitim“ sind, dann ist jedes weitere Wort über Menschenrechte nur noch Dekoration.
Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sprach von einem „neuen Tiefpunkt der leider so geläufigen Täter-Opfer-Umkehr“. Und tatsächlich scheint diese Umkehr zur Lieblingsfigur eines Milieus geworden zu sein, das sich selbst als Speerspitze moralischer Sensibilität begreift. Die Nachfahren der Ermordeten werden zu Tätern erklärt, der jüdische Staat zum Inbegriff des Bösen, und wer an die spezifische Geschichte des Antisemitismus erinnert, gilt als Komplize eines vermeintlichen Genozids. Die Begriffe werden so lange gedehnt, bis sie reißen – Genozid hier, Apartheid dort, Faschismus überall. Am Ende bleibt ein rhetorisches Trümmerfeld, in dem alles gleich schlimm und deshalb nichts mehr wirklich begreifbar ist.
Die Instrumentalisierung des Erinnerns
Man könnte all das als Randphänomen abtun, als lautes, aber letztlich unbedeutendes Spektakel einer kleinen Szene. Doch gerade die Wahl des Ortes macht die Angelegenheit so unerquicklich. Gedenkstätten sind keine neutralen Bühnen, auf denen jede politische Mode ihre Requisiten ausbreiten darf. Sie sind Räume des Innehaltens, keine Arenen für symbolische Stellvertreterkriege. Wer ausgerechnet am Jahrestag der Befreiung gegen die Gedenkstätte demonstriert, weil sie nicht ausreichend israelfeindlich auftritt, betreibt eine Form der Instrumentalisierung, die man sonst gern „geschmacklos“ nennen würde – wäre das Wort nicht viel zu harmlos.
Es ist ein merkwürdiges Paradox unserer Zeit, dass ausgerechnet jene, die sich als besonders sensibel für Diskriminierung und Unterdrückung verstehen, blind werden können für die spezifische Geschichte des Antisemitismus. In ihrer Weltsicht ist alles Kolonialismus, alles Macht, alles Unterdrückung – und damit letztlich austauschbar. Die Shoah wird in eine allgemeine Erzählung von Gewalt eingeordnet, ihrer Singularität beraubt und in ein globales Raster gepresst, das keine Unterschiede mehr kennt. Was nicht passt, wird passend gemacht. Und wenn eine Gedenkstätte sich weigert, dieses Raster zu übernehmen, ist sie eben „nicht israelfeindlich genug“.
Ein Minimum an Anstand
Satire lebt von Überzeichnung, doch in diesem Fall ist die Realität selbst die Überzeichnung. Dass man an einem Ort wie Buchenwald darüber diskutieren muss, ob es angemessen ist, dort antiisraelische Demonstrationen zu veranstalten, zeigt, wie sehr sich politische Debatten von historischen Sensibilitäten entkoppelt haben. Es geht längst nicht mehr um konkrete Politik, um Kritik an Regierungen oder um differenzierte Analysen eines komplexen Konflikts. Es geht um symbolische Markierungen: Wer steht wo, wer trägt was, wer sagt welches Wort.
Vielleicht wäre es an der Zeit, ein Minimum an Anstand wiederzuentdecken – jene altmodische Tugend, die weiß, dass nicht jeder Ort für jede Botschaft taugt. Buchenwald ist kein Resonanzraum für modische Radikalität. Es ist ein Mahnmal. Und wer dort demonstriert, weil die Verantwortlichen sich weigern, Israel zu dämonisieren, liefert weniger eine politische Analyse als vielmehr ein unfreiwilliges Selbstporträt. Ein Porträt, das zeigt, wie dünn die Grenze zwischen moralischer Selbstgewissheit und moralischer Verwahrlosung sein kann – und wie schnell aus dem Anspruch, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, eine Pose wird, die vor allem eines verrät: erschreckende Geschichtsblindheit.