Es gibt Sätze, die klingen wie ein Glückskeks, der versehentlich in einem Vorstandsbüro gelandet ist. „Ein Optimist zu sein ist besser, als recht zu haben“, sagte Albert Bourla (Pfizer CEO) zu Fortune, und irgendwo zwischen Quartalsbericht und Espresso aus der Designermaschine nickten vermutlich mehrere Menschen bedeutungsvoll, als hätten sie gerade eine neue moralische Kategorie entdeckt. Optimismus – das ist schließlich das freundlichste aller Wörter, ein sprachlicher Labradormischling, der niemanden beißt und sich von jedem streicheln lässt. Wer könnte schon gegen Optimismus sein? Pessimisten haben schlechte Haut, Realisten keine Karriere, und Skeptiker werden grundsätzlich nicht zu Galadinners eingeladen. Optimismus hingegen hat Sponsoren.
Doch sobald man den Satz ein wenig länger betrachtet, beginnt er sich zu verhalten wie ein Möbelstück aus zweifelhafter Selbstmontage: Er wackelt. Denn was bedeutet es eigentlich, wenn es besser sein soll, optimistisch zu sein, als recht zu haben? Ist Wahrheit jetzt nur noch eine optionale Funktion, wie Sitzheizung im Firmenwagen? Man stellt sich unwillkürlich eine Welt vor, in der Brückeningenieure erklären: „Natürlich hätte die Statik genauer sein können, aber ich bin ein Optimist.“ Oder Piloten verkünden: „Die Landebahn ist zwar kurz, aber denken wir positiv.“ Optimismus ist eine hervorragende Haltung – solange er nicht als Ersatz für Verantwortung missverstanden wird. Und genau an dieser Stelle beginnt die feine, leicht metallisch schmeckende Ironie des modernen Fortschritts.
Die Rhetorik der Zuversicht
Optimismus hat in großen Organisationen eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Früher sprach man von Risikobewertung, heute von Chancen. Früher gab es Nebenwirkungen, heute „Profile“. Früher Zweifel, heute Narrative. Sprache ist schließlich das eleganteste Beruhigungsmittel der Zivilisation; sie wirkt sofort und kostet vergleichsweise wenig in der Herstellung. Wenn ein Spitzenmanager von Optimismus spricht, klingt das selten nach naiver Weltfremdheit, sondern eher nach strategischer Zuversicht – jener hochtrainierten Fähigkeit, auch dann noch in den Sonnenaufgang zu blicken, wenn hinter einem gerade jemand hektisch die Rauchmelder deaktiviert.
Natürlich wäre es intellektuell unredlich, die enorme Bedeutung moderner Medizin zu ignorieren. Pharmaunternehmen haben Krankheiten zurückgedrängt, Leben verlängert und das menschliche Dasein in vielen Bereichen weniger unerquicklich gemacht. Gleichzeitig existiert eine lange, komplexe Geschichte öffentlicher Debatten über Studien, Preise, Transparenz, Haftung und Vertrauen. Wer glaubt, diese Spannungen ließen sich mit einem freundlichen Lächeln und dem Wort „Optimismus“ auflösen, verwechselt Kommunikation mit Katharsis. Vertrauen entsteht nicht durch gute Laune, sondern durch nachvollziehbares Handeln – ein Detail, das in der Euphorie der PowerPoint-Folien gern in Schriftgröße sieben verschwindet.
Das kleine Problem mit der Wirklichkeit
Die Wirklichkeit besitzt die unerquicklichste aller Eigenschaften: Sie lässt sich nicht dauerhaft motivieren. Man kann sie framen, moderieren, moderat umformulieren – aber am Ende besteht sie darauf, überprüfbar zu sein. Gerade in Fragen von Gesundheit und Sicherheit ist „recht haben“ keine pedantische Marotte von Statistikliebhabern, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Menschen interessieren sich erfahrungsgemäß weniger für die emotionale Haltung hinter einer Entscheidung als für deren Folgen. Optimismus tröstet schlecht, wenn er sich im Nachhinein als zu rosarot herausstellt.
Und doch wäre es zu einfach, den Satz nur als zynische Selbstentlarvung zu lesen. Vielleicht steckt darin auch ein unbeholfener Versuch, Führung als Akt des Vorwärtsdenkens zu definieren. Wer große Organisationen lenkt, kann nicht jeden Morgen mit existenzieller Verzagtheit beginnen; Fortschritt verlangt eine gewisse geistige Kühnheit. Aber Kühnheit ohne Demut wird schnell zur Pose. Der Unterschied zwischen visionär und leichtsinnig ist oft erst im Rückspiegel erkennbar – und der Rückspiegel ist bekanntlich das einzige Bauteil, das Manager ungern konsultieren, wenn der Aktienkurs gerade freundlich winkt.
Der Markt der Gefühle
Wir leben in einer Epoche, in der selbst Emotionen betriebswirtschaftlich klingen. Resilienz, Agilität, Zuversicht – alles Wörter, die sich hervorragend in Jahresberichte einfügen. Optimismus ist dabei besonders attraktiv, weil er keinerlei Widerstand erzeugt. Wer gegen Optimismus argumentiert, wirkt sofort wie jemand, der Kindergeburtstage verbietet und bei Regen absichtlich langsam fährt. Doch gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick: Optimismus darf kein rhetorischer Airbag sein, der immer dann ausgelöst wird, wenn kritische Fragen auftauchen.
Denn die Öffentlichkeit hat ein erstaunlich gutes Gedächtnis für Diskrepanzen zwischen Versprechen und Erfahrung. Sie verlangt keine Unfehlbarkeit – eine zutiefst menschliche Schwäche –, wohl aber Lernfähigkeit. Unternehmen, die Fehler eingestehen, wirken paradoxerweise glaubwürdiger als jene, die ausschließlich von Zukunft sprechen. Vielleicht wäre also nicht Optimismus das bessere Gegenstück zur Wahrheit, sondern Besonnenheit. Oder, altmodisch formuliert: Verantwortungsbewusstsein. Ein Wort, das leider nie den Glamour von Optimismus erreicht hat und sich auf Konferenzen ungefähr so gut verkauft wie lauwarmes Mineralwasser.
Zwischen Hoffnung und Hybris
Am Ende bleibt die Frage, ob Optimismus eine Tugend oder ein Temperament ist. Als Tugend verlangt er Selbstbegrenzung; als Temperament kennt er keine. Die moderne Führungskultur schwankt gern zwischen beiden, wie ein Pendel, das von der Begeisterung für Innovation zur Ehrfurcht vor ihren Konsequenzen schwingt. Vielleicht wäre der klügste Optimismus jener, der seine eigenen Irrtümer mitdenkt – eine Zuversicht, die nicht behauptet, immer recht zu haben, sondern bereit ist, es herauszufinden.
Und so könnte man den berühmten Satz mit einem leichten Lächeln neu lesen: Nicht als Freibrief für Wunschdenken, sondern als Einladung, Hoffnung und Genauigkeit miteinander zu versöhnen. Denn eine Gesellschaft, die sich zwischen Optimismus und Wahrheit entscheiden müsste, hätte bereits verloren. Das eigentlich Zivilisatorische besteht darin, beides zu verlangen: den Mut, nach vorn zu schauen, und die Redlichkeit, zurückzublicken. Optimismus ist wunderbar – solange er nicht dort endet, wo Nachfragen beginnen. Oder, weniger höflich gesagt: Gute Laune ersetzt keine Gewissenhaftigkeit, und die Zukunft lässt sich beeindruckend schwer durch positive Einstellung allein stabilisieren.