Der NGO-Komplex als moralische Infrastrukturmaßnahme

Es gibt Wörter, die klingen bereits wie eine Diagnose, noch bevor man sie verstanden hat. „NGO-Komplex“ ist so eines: halb Verschwörung, halb Verwaltungsakt, ein Begriff wie ein Amtsstempel auf Gewissenspapier. Er bezeichnet kein geschlossenes Kartell, kein finsteres Hinterzimmer mit rauchenden Strippenziehern, sondern etwas viel Österreichischeres: eine moralisch aufgeladene Arbeitsteilung zwischen Politik, Verwaltung und jenen Organisationen, die man einst Zivilgesellschaft nannte und heute wie ausgelagerte Ethikabteilungen des Staates behandelt. Der NGO-Komplex ist dort am wirksamsten, wo Zuständigkeiten verschwimmen, Verantwortung verdunstet und jeder Beteiligte mit ernster Miene erklärt, man sei leider, leider nicht zuständig – aber selbstverständlich zutiefst betroffen.

Gerade in der Flüchtlingspolitik zeigt sich diese Struktur in ihrer schönsten Blüte: Der Staat delegiert das Praktische an NGOs, das Moralische an Pressekonferenzen und das Schuldgefühl an diffuse „Systeme“. Die NGOs wiederum liefern Betroffenheitsrhetorik, Praxiswissen und einen stetigen Strom an Presseaussendungen, die beweisen sollen, dass man zwar ohnmächtig, aber jedenfalls auf der richtigen Seite der Geschichte steht. Und irgendwo dazwischen frieren Menschen. Nicht metaphorisch, sondern bei minus fünf Grad, in Notschlafstellen, die voll sind, oder vor PDFs, die erklären, warum man leider gerade jetzt nirgendwo aufgenommen werden kann.

Zuständigkeits-Pingpong als Nationalsport

Wenn Andreas Achrainer von der Bundesbetreuungsagentur sagt, die Länder seien zuständig, und Wiens Stadtrat Peter Hacker zurückschießt, der Bund sei verantwortlich, dann ist das kein Streit, sondern Folklore. Man könnte es als österreichische Variante des Tennis ansehen: gespielt wird nicht um Punkte, sondern um Schuld. Der Ball heißt „Ukrainevertriebene“, das Netz „Grundversorgungsvereinbarung“, und das Publikum – Medien, NGOs, empörte Kommentare – applaudiert jedem gelungenen Ausweichschlag. Wer am Ende gewinnt, ist irrelevant; wichtig ist nur, dass niemand den Ball fängt.

Der NGO-Komplex funktioniert hier wie ein akustischer Verstärker. Caritas, Volkshilfe, Train of Hope und andere stehen am Spielfeldrand und rufen: „So geht das aber nicht!“ – was völlig richtig ist, aber zugleich Teil des Spiels. Denn die Existenz dieser Mahnrufe erlaubt es der Politik, weiterzumachen wie bisher. Man kann sich ja darauf verlassen, dass jemand anderer den Skandal formuliert, während man selbst an der nächsten Kompetenzabgrenzung feilt. Moral wird externalisiert, wie früher die Müllentsorgung.

TIP:  Eine historische Ehrenrettung

Die Verwaltung des Elends in PDF-Form

Besonders grotesk wird diese Ordnung dort, wo sie sich in Dokumenten materialisiert. Ein PDF der Bundesbetreuungsagentur, abrufbar online, listet „Erstankunftsmöglichkeiten“ für Menschen auf, die gerade aus einem bombardierten Land geflohen sind. Darin steht, sachlich und emotionslos: keine Notbetten, kein Notquartier, Aufnahmestopp. Wer je versucht hat, sich in der österreichischen Verwaltung zurechtzufinden, weiß: Schon Einheimische scheitern an Formularen. Von Menschen zu erwarten, die wenige Tage zuvor vielleicht noch in einem Luftschutzkeller saßen, sie mögen nun Zuständigkeitslogiken verstehen, grenzt an schwarzen Humor – oder an kalte Grausamkeit, je nach Tagesform.

Hier zeigt sich der NGO-Komplex von seiner paradoxesten Seite: NGOs wissen um diese Absurditäten, sie kritisieren sie öffentlich, und gleichzeitig sind sie Teil eines Systems, das genau so funktioniert. Sie helfen beim Navigieren durch den Bürokratiedschungel, während dieser Dschungel weiter wächst. Ohne NGOs würde das System kollabieren – mit ihnen bleibt es stabil dysfunktional.

Winterhilfe als moralische Notreserve

Wenn die Winterhilfe zu 95 bis 100 Prozent ausgelastet ist, dann klingt das wie eine Erfolgsmeldung, ist aber in Wahrheit ein Alarmsignal. Vollauslastung bedeutet hier nicht Effizienz, sondern Grenzzustand. Und wenn Notschlafstellen berichten, sie nähmen „keine Ukrainerinnen und Ukrainer“, dann ist das kein Ausdruck von Herzlosigkeit einzelner Mitarbeiter, sondern das Resultat eines Systems, das Kategorien wichtiger nimmt als Menschen. Erst als es politisch und medial unhaltbar wird – Frost, Schlagzeilen, Empörung – wird aus der „informellen Order“ eine ebenso informelle Ausnahme. Humanität per Ad-hoc-Entscheid, je nach Wetterlage.

Der NGO-Komplex liebt solche Situationen, weil sie seine Existenz rechtfertigen. Jeder Notfall ist zugleich ein Beweis dafür, dass man gebraucht wird. Jede Krise ist eine Förderantragsperspektive. Das ist kein Zynismus gegenüber den Menschen, die dort arbeiten – viele tun es aus echter Überzeugung –, sondern gegenüber der Struktur, die aus permanentem Ausnahmezustand ihren Normalbetrieb macht.

Verschubmasse im großen europäischen Spiel

Besonders bitter wird das Bild, wenn man den größeren Kontext betrachtet: die Verhandlungen zur Umsetzung der EU-Asylreform. In dieser „heißen Phase“, wie Insider sagen, werden Kompetenzen neu verteilt, Zuständigkeiten neu verhandelt, Machtfragen geklärt. Dass ausgerechnet Ukrainevertriebene in diesem Moment zwischen Bund und Ländern hin- und hergeschoben werden, ist kein Zufall, sondern Logik. Sie sind rechtlich ein Sonderfall, politisch unbequem und moralisch hoch aufgeladen – perfekte Verschubmasse.

TIP:  Ein Parlament am Scheideweg

Der NGO-Komplex kommentiert das mit Empörung, die Politik mit Bedauern, und beide Seiten versichern einander gegenseitig ihre prinzipielle Solidarität. Was fehlt, ist das Banale: eine klare Zuständigkeit, ausreichend finanzierte Strukturen und der Mut, Verantwortung nicht weiterzureichen wie einen brennenden Gegenstand.

Augenzwinkern im Frost

Man könnte über all das lachen, wenn es nicht so kalt wäre. Satire drängt sich auf, weil die Realität sie bereits vorwegnimmt: ein Staat, der sich hinter NGOs versteckt; NGOs, die den Staat moralisch vor sich hertreiben und ihn zugleich stabilisieren; und Menschen, die zwischen PDFs, Pauschalsätzen und Kompetenzstreitigkeiten versuchen, ein Bett für die Nacht zu finden. Der NGO-Komplex ist kein böser Plan, sondern ein bequemes Arrangement. Er erlaubt allen Beteiligten, sich für anständig zu halten, ohne das Unanständige wirklich zu beenden.

Vielleicht liegt darin die bitterste Pointe: Dass ausgerechnet jene, die vor einem Krieg fliehen, hier lernen müssen, wie gut Österreich darin ist, Verantwortung zu fragmentieren. Willkommen in der Republik der Zuständigkeiten – bitte wenden Sie sich an die nächste moralisch kompetente Stelle.

Please follow and like us:
Pin Share