Der neue Antisemitismus, der keiner sein will

Es gehört zu den reizvolleren intellektuellen Kunststücken unserer Gegenwart, dass ein Begriff zugleich abgeschafft und permanent beschworen werden kann. Antisemitismus ist heute so etwas wie Schrödingers Katze im ideologischen Labor: gleichzeitig tot und lebendig, abgeschafft und allgegenwärtig, unmöglich und doch überall – nur eben nie dort, wo er gerade auftritt. Besonders eindrucksvoll beherrschen dieses Kunststück Teile der postkolonialen Theorie. Wer ihnen Antisemitismus vorwirft, erlebt eine doppelte Operation: Zuerst folgt die moralische Empörung – ein empörter Aufschrei über den „Diffamierungsversuch“ der angeblich allmächtigen „zionistischen Lobby“. Unmittelbar danach folgt die begriffliche Chirurgie. Antisemitismus, so heißt es nun, könne hier gar nicht vorliegen. Denn Antisemitismus sei definitionsgemäß ein Machtverhältnis zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, zwischen Weiß und Nichtweiß, zwischen kolonialer Dominanz und kolonialem Opfer. Und da Juden – jedenfalls in dieser sehr speziellen Weltkarte – als weiß, privilegiert und Teil des westlichen Machtkomplexes gelten, fällt der Antisemitismusvorwurf schlicht aus der Zuständigkeit heraus. Was bleibt, ist dann „antirassistische Kritik“. Dass diese Kritik mit erstaunlicher Regelmäßigkeit exakt jene Bilder reproduziert, die seit Jahrhunderten den Antisemitismus strukturieren – globale Netzwerke, geheime Macht, moralische Verderbtheit –, ist natürlich ein bedauerliches Missverständnis. Oder, noch besser: ein kolonialer Diskurs, der die Kritik an kolonialer Gewalt delegitimieren soll. Man muss zugeben: Die Dialektik dieser Argumentation ist elegant. Antisemitismus wird unmöglich erklärt – und gerade dadurch wird er wieder möglich.

Antisemitismus als begriffliche Abrissbirne

Das eigentliche Kunststück besteht nicht darin, Antisemitismus zu bestreiten. Das wäre banal; diese Übung beherrscht die Geschichte seit Jahrhunderten. Das Neue liegt darin, den Begriff selbst so gründlich umzubauen, dass seine klassische Bedeutung verschwindet. Antisemitismus wird im postkolonialen Vokabular zu einer Unterkategorie des Rassismus. Und Rassismus wiederum wird als ein strukturelles Herrschaftsverhältnis definiert, das ausschließlich von oben nach unten verläuft: von weißen Unterdrückern zu nichtweißen Opfern. In diesem Raster können Juden nur zwei Rollen einnehmen: entweder als Opfer vergangener europäischer Diskriminierung – oder als heutige Teilhaber westlicher Macht. Sobald Letzteres angenommen wird, verschwindet der Antisemitismus als analytische Kategorie. Denn wer Macht besitzt, kann per Definition kein Opfer struktureller Diskriminierung sein. Das klingt zunächst wie eine elegante moralische Geometrie, eine Art politischer Euklid: Hier oben die Macht, dort unten das Opfer. Doch wie jede zu saubere Geometrie funktioniert sie nur, solange man die Wirklichkeit aus dem Diagramm verbannt. Antisemitismus war historisch nämlich nie bloß ein Machtverhältnis zwischen dominanten Mehrheiten und marginalisierten Minderheiten. Er war immer auch eine paranoide Weltdeutung, eine Erzählung von geheimer Macht und unsichtbarer Kontrolle. Genau deshalb konnten Juden zugleich als schwach und allmächtig gelten – als kosmopolitische Elite und als parasitäre Unterschicht. Diese Widersprüchlichkeit ist kein Fehler des Antisemitismus, sondern sein Funktionsprinzip. Wer ihn auf ein simples Hautfarbenmodell reduziert, entfernt also gerade das, was ihn ausmacht.

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Das große Weißwerden

Ein besonders populärer Begriff in dieser Debatte ist das sogenannte „Weißwerden“ der Juden. Einige postkoloniale Autoren argumentieren, Juden seien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schrittweise in den Status der „Weißen“ aufgestiegen. Nach Jahrhunderten der Ausgrenzung seien sie nun Teil der westlichen Mehrheitsgesellschaft geworden – sozial integriert, kulturell akzeptiert, politisch einflussreich. Damit sei auch der Antisemitismus weitgehend in den Hintergrund getreten und habe seine frühere strukturelle Bedeutung verloren. Diese These hat einen gewissen Charme, weil sie das angenehme Gefühl vermittelt, ein historisches Problem sei endlich überwunden worden. Leider hat sie denselben empirischen Status wie die Behauptung, der Kapitalismus habe die Klassengesellschaft abgeschafft: Sie ist hübsch, optimistisch und ungefähr so realistisch wie ein Wahlversprechen in der letzten Minute vor der Schließung der Wahllokale. Historisch betrachtet war Antisemitismus nämlich nie primär eine Frage ethnischer Fremdheit im Sinne von „ungewaschen, laut und unkultiviert“, wie es manche Autoren beschreiben. Der moderne Antisemitismus des 19. Jahrhunderts war vielmehr gerade von der Vorstellung geprägt, Juden seien übermäßig integriert, zu erfolgreich, zu einflussreich, zu modern. Man warf ihnen nicht Rückständigkeit vor, sondern die Beherrschung der Moderne. Die Börse, die Presse, der Liberalismus, der Sozialismus – irgendwo hinter all diesen Entwicklungen vermutete der Antisemit die unsichtbare Hand der Juden. Das Bild des kulturell rückständigen Fremden war im Antisemitismus eher ein Nebenmotiv; das zentrale Motiv war die angebliche Weltmacht.

Der Verschwörungsmodus der Moderne

Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Ingo Elbe hat diesen Unterschied mit einer bemerkenswerten Klarheit herausgearbeitet. Antisemitismus, so seine Diagnose, ist nicht einfach ein Vorurteil gegen eine Minderheit. Er ist eine umfassende Welterklärung, eine Verschwörungstheorie im Großformat. Der Antisemit sieht sich selbst nicht als Unterdrücker, sondern als Opfer einer unsichtbaren Herrschaft. In seiner Vorstellung regieren Juden die Welt hinter den Kulissen: über Banken, Medien, Politik, internationale Organisationen. Diese Weltdeutung hat einen entscheidenden Vorteil für ihre Anhänger: Sie erklärt die Komplexität der Moderne. Globalisierung, Finanzmärkte, geopolitische Konflikte – all das lässt sich elegant auf eine geheime Drahtziehergruppe reduzieren. Der Antisemitismus ist daher gewissermaßen der populärphilosophische Kurzschluss der Moderne. Er verwandelt strukturelle Prozesse in persönliche Schuld und historische Entwicklungen in eine Verschwörung. Genau hier liegt das Problem der postkolonialen Reinterpretation. Indem sie Antisemitismus ausschließlich als Rassismus versteht, ignoriert sie diesen verschwörungstheoretischen Kern. Das Ergebnis ist paradox: Die Theorie erkennt Antisemitismus nur dort, wo er am wenigsten typisch ist – als plumpe Diskriminierung einer Minderheit – und übersieht ihn dort, wo er am charakteristischsten ist: als Erzählung von globaler jüdischer Macht.

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Der moralische Kompass des Opferstatus

Der postkoloniale Diskurs operiert mit einer moralischen Landkarte, auf der die Welt in Unterdrücker und Unterdrückte aufgeteilt ist. Diese Karte hat ihre historischen Gründe; sie entstand aus der Analyse realer kolonialer Gewalt. Doch wie jede moralische Landkarte neigt sie dazu, die Welt zu vereinfachen. Wer einmal als Opfer klassifiziert ist, erhält eine gewisse epistemische Autorität. Wer als Täter gilt, verliert sie. In dieser Logik werden politische Konflikte zu moralischen Gleichungen: Wenn A unterdrückt und B unterdrückt wird, dann muss A der Täter sein. Das Problem beginnt dort, wo diese Gleichung zur universellen Formel erhoben wird. Denn Antisemitismus funktioniert gerade nicht entlang dieser einfachen Achse. In der antisemitischen Fantasie ist der Jude gleichzeitig mächtig und minderwertig, global und fremd, elitär und parasitär. Er passt schlicht nicht in die moralische Geometrie des postkolonialen Diskurses. Die einfachste Lösung besteht deshalb darin, ihn umzudefinieren. Man erklärt ihn zum Teil des weißen Machtblocks – und schon fügt er sich wieder harmonisch ins Schema ein.

Der elegante Rückweg der alten Stereotype

Doch Begriffe haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie sich manchmal an die Realität erinnern. Sobald Antisemitismus nur noch als „Rassismus gegen Nichtweiße“ verstanden wird, entsteht eine begriffliche Leerstelle. Und in diese Leerstelle kehren die alten Motive zurück – nur in neuem Gewand. Die Vorstellung eines globalen jüdischen Einflussnetzwerks erscheint nun als Kritik an „zionistischer Macht“. Die Idee einer moralisch verderbten Elite wird zur Anklage gegen „kolonialen Apartheidstaat“. Der Verdacht geheimer Steuerung taucht in Erzählungen über „zionistische Lobbystrukturen“ auf. Der Ton ist moderner, das Vokabular politikwissenschaftlicher, doch die Struktur bleibt erstaunlich vertraut. Man könnte sagen: Der Antisemitismus hat eine neue Sprache gelernt, ungefähr so, wie ein alter Popstar plötzlich Jazz singt, ohne dass jemand ernsthaft glaubt, er habe seine musikalischen Instinkte vollständig verändert.

Der große semantische Nebel

Die Ironie dieser Entwicklung liegt darin, dass sie ausgerechnet aus einem Diskurs stammt, der sich selbst als besonders sensibel für Sprache und Macht versteht. Postkoloniale Theorie analysiert mit großer Präzision, wie Begriffe koloniale Herrschaft stabilisieren können. Doch im Fall des Antisemitismus erzeugt sie selbst einen semantischen Nebel, in dem alte Feindbilder problemlos überleben. Indem der Begriff Antisemitismus immer enger definiert wird – als rassistische Diskriminierung nichtweißer Opfer –, verschwindet sein historischer Kern aus dem Blick. Zurück bleibt eine moralische Terminologie, die zwar moralisch eindrucksvoll klingt, aber analytisch erstaunlich wenig erkennt. Es ist ein bisschen so, als würde man den Begriff „Diebstahl“ ausschließlich für Taschendiebe reservieren – und sich anschließend wundern, warum Bankräuber plötzlich als Wirtschaftsexperten auftreten.

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Der intellektuelle Irrgarten

Am Ende entsteht ein Diskurs, der gleichzeitig hochmoralisch und erstaunlich blind ist. Er erklärt Antisemitismus für überwunden oder zumindest marginal – und produziert gleichzeitig genau jene Narrative, aus denen Antisemitismus seit Jahrhunderten besteht. Die postkoloniale Theorie bewegt sich damit in einem eigentümlichen Irrgarten: Jeder Weg führt zurück zum Ausgangspunkt, doch niemand will ihn erkennen. Wer darauf hinweist, wird schnell zum Komplizen kolonialer Macht erklärt. Kritik wird zur Unterdrückung, Analyse zur Ideologie, Widerspruch zum Beweis der eigenen Schuld. Man muss dieser Konstruktion fast bewundernd gegenüberstehen. Sie ist intellektuell raffiniert, moralisch selbstgewiss und politisch äußerst praktisch. Denn sie erlaubt es, die ältesten Ressentiments der europäischen Geschichte in das progressivste Vokabular der Gegenwart zu übersetzen. Und das ist vielleicht die bemerkenswerteste Leistung dieser Neuerfindung des Antisemitismus: dass sie es geschafft hat, ein uraltes Vorurteil so gründlich zu modernisieren, dass es sich selbst nicht mehr erkennt. Oder, um es etwas polemischer zu formulieren: Der Antisemitismus hat endlich gelernt, Gender Studies zu zitieren.

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