Der Nebel der Gewissheiten

Es gehört zu den liebenswerten Eigenheiten des modernen Nachrichtenbetriebs, dass er mitunter in etwa so funktioniert wie ein schlecht beleuchtetes Theaterstück: Irgendjemand ruft „Feuer!“, und ehe noch jemand prüft, ob es sich nicht bloß um einen besonders ambitionierten Nebelwerfer handelt, rennen bereits sämtliche Darsteller mit heroischer Entschlossenheit zur nächstgelegenen Schlagzeile. Gewissheit ist schließlich das Opium des Redaktionsschlusses. Und wenn sie fehlt – nun, dann hilft ein gut platzierter Konjunktiv, der über Nacht zu einem Indikativ heranreift wie ein Hefeteig unter publizistischer Wärmelampe.

Die deutsche Israel-Berichterstattung war noch nie ein Aushängeschild journalistischer Selbstvergewisserung. Zwischen moralischem Sendungsbewusstsein und geopolitischer Halbbildung entstand über Jahre ein Genre, das man vielleicht als „Leitartikel-Expressionismus“ bezeichnen könnte: viel Gefühl, viel Pose, wenig Tiefenschärfe. Man pflegt dort eine Haltung, die zugleich weltgewandt und erschütternd provinzlerisch ist – eine Haltung, die sich in Hamburg-Lokstedt hervorragend macht, solange die Sirenen nur in der Tonspur eines Korrespondentenbeitrags heulen und nicht im eigenen Treppenhaus.

Nach dem 7. Oktober 2023 jedoch hätte man meinen dürfen, selbst die hartgesottensten Routiniers im Nachrichtengeschäft würden kurz innehalten. Ein Land, dem von einer Terrororganisation der Krieg erklärt wird, während zugleich Raketen aus mehreren Himmelsrichtungen heranpfeifen, könnte womöglich ein Mindestmaß an analytischer Ernsthaftigkeit verdienen. Stattdessen bekam das Publikum häufig das Gegenteil: vorschnelle Ratschläge aus sicherer Entfernung, kontrafaktische Vorwürfe, Überschriften mit jener berüchtigten Täter-Opfer-Akrobatik, die man sonst nur aus avantgardistischen Tanzperformances kennt. „Israel droht mit Selbstverteidigung“ – ein Satz, der so absurd ist, dass man ihn eigentlich rahmen und im Foyer jeder Journalistenschule aufhängen müsste, als warnendes Beispiel.

Zahlen, die vom Himmel fallen

Besonders instruktiv ist die mediale Karriere jener angeblichen 70.000 Toten in Gaza. Kaum hatte eine anonyme Quelle irgendwo ein Flüstern in den Orbit der Nachrichten geschickt, verwandelte sich dieses Flüstern in Deutschland binnen Stunden in eine amtliche Trompete. Überschriften verkündeten mit jener gravitätischen Selbstsicherheit, die sonst nur Monarchen bei Thronbesteigungen vorbehalten ist, Israels Armee habe die Zahl bestätigt oder gar „zugegeben“. Man wartete förmlich auf die Sonderbriefmarke.

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Dass dieselbe Armee die Zahlen zurückwies und erklärte, sie könne sie nicht bestätigen – nun ja, Details sind bekanntlich die Kieselsteine im Getriebe der großen Erzählung. Sie stören den Lauf der Empörung. Und Empörung ist im Medienbetrieb ein knappes Gut: Sie muss frisch gehalten, täglich gewendet und in appetitlichen Portionen serviert werden.

Dabei wäre gerade hier eine jener altmodischen journalistischen Tugenden gefragt gewesen, die heute ungefähr so modern wirken wie ein Faxgerät: Skepsis. Zahlen aus einem Kriegsgebiet, geliefert von einer Organisation, deren strategisches Interesse nicht zwingend in nüchterner Buchhaltung besteht, verdienen mindestens denselben Argwohn wie ein Gebrauchtwagen mit auffallend niedrigem Kilometerstand und dem Hinweis „nur sonntags gefahren“.

Doch statt Einordnung gab es vielfach Gewissheitssimulation. Das Publikum erhielt eine Zahl – rund, eindrucksvoll, moralisch aufgeladen – und durfte daraus den einzig zulässigen Schluss ziehen: Hier muss ein unfassbares Verbrechen vorliegen. Die Möglichkeit, dass Zahlen in Kriegen ebenso Waffen sein können wie Raketen, schien im redaktionellen Werkzeugkasten nicht vorgesehen.

Die Kunst der halben Wahrheit

Nun könnte man einwenden: Selbst wenn die Zahlen stimmen sollten – wäre das nicht erschütternd genug? Gewiss. Aber Journalismus besteht eben nicht darin, Erschütterung zu kuratieren. Er besteht darin, Wirklichkeit zu vermessen, so unerquicklich sie auch sein mag.

Dazu gehörte etwa der Hinweis, dass Israel erklärtermaßen Krieg gegen eine Terrororganisation führt, nicht gegen Zivilisten. Dazu gehörte der Umstand, dass Hunderte israelische Soldaten gefallen sind – ein Preis, der militärisch nur schwer erklärbar wäre, ginge es ausschließlich um maximale Zerstörung statt um riskante Bodenoperationen, die den Schutz von Nichtkombattanten zumindest als Ziel formulieren.

Ebenso hätte man erwähnen können, dass in einem der dichtesten urbanen Schlachtfelder der Gegenwart eine Kriegsführung stattfindet, die von einem gigantischen Tunnelsystem geprägt ist – einer unterirdischen Parallelwelt, geschaffen gerade mit dem Zweck, Kämpfer und Infrastruktur unter der Zivilbevölkerung zu verbergen. Der Krieg wird dadurch nicht sauberer, aber seine Realität wird komplizierter. Und Komplexität ist bekanntlich der natürliche Feind jeder knackigen Schlagzeile.

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Auch der Hinweis, dass bewaffnete Gruppen eigene Zivilisten gefährden können – durch fehlgeleitete Raketen, interne Gefechte oder schlicht durch die Entscheidung, militärische Infrastruktur in Wohngebiete zu integrieren –, hätte dem Publikum möglicherweise geholfen, ein differenzierteres Bild zu entwickeln. Doch Differenzierung verkauft sich schlecht. Sie ist das Schwarzbrot des Journalismus: nahrhaft, aber ohne Glamour.

Das historisch bequeme Narrativ

Militärexperten verweisen seit Langem darauf, dass das Verhältnis von Kombattanten zu Zivilopfern in diesem Krieg – so unerquicklich jede einzelne Zahl ist – im Vergleich zu anderen urbanen Konflikten ungewöhnlich niedrig sein könnte. Das ist kein Grund zur Entwarnung, aber ein Grund zur Einordnung. Gerade deshalb hätte es Aufmerksamkeit verdient.

Stattdessen dominiert ein Narrativ, das so vertraut wirkt, dass man fast nostalgisch werden könnte: Israel als übermächtiger Täter, Palästinenser ausschließlich als Opfer, die Geschichte reduziert auf ein moralisches Schachbrett mit nur zwei Figuren. Es ist ein Narrativ, das wenig Recherche erfordert und viel Resonanz erzeugt.

Man fragt sich unweigerlich: Ist dieses Weglassen Ergebnis von Unkenntnis? Von Schlamperei? Von jener eigentümlichen Form kollektiver Einseitigkeit, die entsteht, wenn in Redaktionen alle dieselben Podcasts hören und auf denselben Panels nicken? Vielleicht von allem etwas. Sicher ist nur: Wer systematisch Kontext verdunsten lässt, produziert keine Aufklärung, sondern Stimmung.

Und Stimmung hat Folgen. Wenn große Teile der Bevölkerung überzeugt sind, ein Genozid finde statt, dann geschieht das selten im luftleeren Raum. Öffentliche Wahrnehmung entsteht nicht nur aus Ereignissen, sondern aus deren Darstellung. Worte sind keine neutralen Transportmittel; sie sind Architektur. Wer sie wählt, baut Wirklichkeiten.

Alte Muster in neuem Gewand

Es wäre überzogen, jede fehlerhafte oder unvollständige Berichterstattung gleich in eine große historische Kontinuität einzusortieren. Doch ein leises Unbehagen bleibt. Denn immer wieder taucht ein vertrautes Muster auf: das Bild des jüdischen Staates als moralischer Sonderfall, an den Maßstäbe angelegt werden, die man sonst eher im Reich der idealen Engel vermuten würde.

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Früher waren es Individuen, denen finstere Absichten unterstellt wurden; heute ist es mitunter ein Staat, dessen Handlungen mit einer Selbstverständlichkeit dämonisiert werden, die zumindest Fragen aufwirft. Nicht jede Kritik ist antisemitisch – selbstverständlich nicht. Aber Kritik ohne Maßstabsgleichheit verwandelt sich schnell in etwas anderes: in ein Zerrbild.

Der Journalismus sollte der Ort sein, an dem solche Verzerrungen korrigiert werden. Stattdessen wirkt er bisweilen wie ein Resonanzraum für sie.

Schreiben, was ist – oder was passt?

„Eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge“, sagt ein altes Sprichwort. Man könnte hinzufügen: Eine ungeprüfte Zahl ist eine ganze Erzählung. Und Erzählungen haben eine bemerkenswerte Eigenschaft – sie lassen sich nur schwer wieder einfangen, wenn sie erst einmal in die Welt gesetzt wurden.

Verantwortungsvoller Journalismus bedeutet nicht, jede militärische Handlung zu rechtfertigen oder Kritik zu unterlassen. Im Gegenteil: Kritische Berichterstattung ist sein Lebenselixier. Aber Kritik ohne Prüfung ist kein Mut, sondern Bequemlichkeit. Sie ersetzt Recherche durch Reflex.

Vielleicht wäre es an der Zeit, sich wieder an eine fast schon vergessene Maxime zu erinnern: Journalisten schreiben nicht einfach auf, wer was behauptet. Sie fragen, warum es behauptet wird. Wem es nützt. Was fehlt. Und was wir noch nicht wissen.

Alles andere ist kein „Schreiben, was ist“. Es ist – bei allem augenzwinkernden Pathos – eher ein literarisches Genre eigener Art: der Tatsachenroman ohne Tatsachenprüfung. Unterhaltsam für den Moment, unerquicklich für die Wirklichkeit.

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