Es gibt Mythen, die tragen Sandalen, andere tragen Rüstung. Der Mythos der Grünen trug lange Zeit Birkenstock und eine Friedenstaube am Revers, vorzugsweise aus Recyclingpapier, handgeschöpft und moralisch aufgeladen. Man lebte vom pazifistischen Gründungsmythos wie andere vom Familienerbe: nicht immer liquide, aber stets zitierfähig. Dass dieser Pazifismus nie durchgängig war, selten rein, oft selektiv und gelegentlich so westkritisch wie ein DDR-Lehrbuch in grünem Umschlag, störte lange niemanden. Mythen sind schließlich keine Tatsachenberichte, sondern atmosphärische Selbstbeschreibungen. Sie funktionieren, solange keiner zu genau hinsieht. Und wer hätte bei einer Partei, die aus Anti-Atom-Bewegung, Friedensdemos und basisdemokratischer Selbstvergewisserung geboren wurde, den Mut besessen, nach der konsistenten Theorie vom Frieden zu fragen? Frieden war Gefühl, Haltung, Pose – und Pose war Politik.
Doch nun ist der Lack ab, oder besser: Er wurde durch Sondervermögen überlackiert. Was einst nach Blockade am Bauzaun klang, klingt heute nach Brigade im Bündnisfall. Die einstige Friedenstaube hat sich in Teilen der Partei in einen Raubvogel mit europäischem Sternenkranz verwandelt. Und wer die alten Reden hört, in denen die NATO bestenfalls als Fossil, schlimmstenfalls als Bedrohung galt, der reibt sich die Augen angesichts heutiger Forderungen nach Abschreckung, Resilienz und Wehrhaftigkeit im Cyberraum. Pragmatismus, heißt es. Staatsräson. Verantwortung. Wörter, die in den Achtzigern klangen wie Fremdkörper im Strickpulli.
Vom General zum Gewissen
Dass ausgerechnet ein ehemaliger Bundeswehrgeneral zu den Mitgründern gehörte, ist eine jener historischen Ironien, die man sich nicht ausdenken könnte, ohne des schlechten Geschmacks verdächtigt zu werden. Gerd Bastian, gemeinsam mit Petra Kelly eine Galionsfigur der frühen Grünen, verkörperte die paradoxe Liaison von Uniform und Ungehorsam. Schon damals wurde gemunkelt, der Seitenwechsel sei weniger Erleuchtung als Karrierelogik gewesen. Der General als Friedensaktivist – das war entweder dialektische Raffinesse oder eine frühe Demonstration jener Flexibilität, die später „pragmatische Wende“ heißen sollte.
Die Grünen waren nie rein pazifistisch, sie waren antiwestlich pazifistisch, was ein Unterschied ist. Gegen amerikanische Raketen? Selbstverständlich. Gegen sowjetische? Nun ja, man wollte differenzieren, Kontexte verstehen, historische Sensibilitäten berücksichtigen. Der Frieden hatte Himmelsrichtungen. Er war moralisch, aber nicht symmetrisch. Und so entstand ein Pazifismus, der weniger „Nie wieder Krieg“ als „Nie wieder dieser Krieg mit diesen Verbündeten“ meinte.
Straßenkampf und Staatsraison
Die Biografie von Joschka Fischer ist das vielleicht eindrücklichste Lehrstück grüner Metamorphose. Ausgemustert wegen Kurzsichtigkeit, politisiert im Häuserkampf, fotografisch dokumentiert mit Helm und Wurfhaltung – und später Außenminister der Bundesrepublik. Die legendäre „Putztruppe“, keineswegs ein Reinigungsunternehmen mit rebellischem Corporate Design, sondern eine militant auftretende Gruppe der Frankfurter Szene, steht bis heute als Chiffre für jene Zeit, in der der Staat als Gegner galt und nicht als schützenswerte Ordnung.
Und dann: 1999. Kosovo. Der erste Kampfeinsatz deutscher Soldaten seit 1945, verkündet unter Kanzler Gerhard Schröder, mit Fischer im Auswärtigen Amt. Aus „Nie wieder Krieg“ wurde „Nie wieder Auschwitz“, eine moralische Umcodierung, die den Einsatz als humanitäre Pflicht erscheinen ließ. Die Grünen lernten, dass Krieg manchmal Frieden bedeuten könne – zumindest rhetorisch. Dass Fischer heute erklärt, er würde sich freiwillig zur Bundeswehr melden, wäre er jung, wirkt wie die Pointe eines politischen Romans: Der frühere Straßenkämpfer entdeckt den Verteidigungswillen. Atomwaffen für Deutschland? Nein. Für Europa? Vielleicht. Anti-Atom-Bewegung reloaded – nur diesmal mit strategischer Abschreckungsoption.
Abschreckung ist das neue Blumenkranzflechten
Anton Hofreiter, einst Fraktionsvorsitzender, betont inzwischen, er sei nie Pazifist gewesen. Das ist eine elegante Lösung: Wer nie Pazifist war, kann auch keinen Pazifismus verraten. Auf seiner Website beschwört er die Wurzeln in der Friedensbewegung, im Interview verteidigt er die Abschreckung. Man müsse verteidigungsfähig sein, um Krieg zu verhindern – ein Satz, der auch aus einer sicherheitspolitischen Broschüre der Achtziger stammen könnte.
Cyberraum, hybride Kriegsführung, Desinformation – der Krieg ist fluide geworden, und mit ihm die grüne Rhetorik. Hofreiter, vom Wehrdienst ausgemustert, gehört zu den lautstärksten Befürwortern von Waffenlieferungen an die Ukraine. Das Argument ist stets dasselbe: Wer angegriffen wird, muss sich verteidigen dürfen. Und wer verteidigt, braucht Waffen. Pazifismus, so gesehen, ist kein kategorisches Nein mehr, sondern ein konditionales Vielleicht.
Grönland und die geopolitische Erweckung
Jürgen Trittin ist ein weiteres Kapitel in diesem Wandlungsroman. Wehrdienst verweigert, gegen Gelöbnisse demonstriert, die NATO abschaffen wollen – und heute bereit, ein Bundeswehrmanöver in Grönland ins Spiel zu bringen. Ausgerechnet Grönland, diese eisige Projektionsfläche geopolitischer Fantasien. Die Warnung vor einem möglichen Angriff eines NATO-Staates auf einen anderen klingt wie aus einem sicherheitspolitischen Thinktank, nicht aus der Feder eines ehemaligen Trotzkisten.
Man muss Trittin zugutehalten: Die Welt hat sich verändert. Doch die Geschwindigkeit, mit der aus fundamentaler Systemkritik strategische Bündnistreue wurde, ist atemberaubend. Wer früher vor „Militarisierung“ warnte, warnt heute vor Naivität gegenüber machtpolitischen Realitäten. Die Grünen haben die Welt nicht nur neu gelesen, sie haben sie neu eingerahmt.
Tarnfleck als Reifeprüfung
Wenn Cem Özdemir (nie Wehr- oder Zivildienst geleistet) und Tobias Lindner (2001 Zivildienst, hat seine Kriegsdienstverweigerung zurückgenommen, um an einer Wehrübung der Bundeswehr für Bundestagsabgeordnete teilnehmen zu können) im Flecktarn posieren, als Oberleutnante der Reserve, dann ist das mehr als eine Instagram-Anekdote. Es ist ein symbolischer Akt. Der Grüne in Uniform – früher ein Widerspruch, heute ein Statement. Man entscheidet schließlich über Einsätze, also müsse man die Perspektive der Soldaten kennen. Das ist vernünftig, verantwortungsvoll, staatsmännisch.
Und doch haftet dem Bild etwas Didaktisches an: Seht her, wir sind erwachsen geworden. Wir können Krieg denken, ohne unsere Seele zu verlieren. Wir wollen eine vielfältige Bundeswehr, eine wertebasierte Armee, europäisch, feministisch flankiert und grundgesetztreu. Es ist der Versuch, das Militär mit dem Vokabular der Zivilgesellschaft zu zähmen – als ließe sich der Ernstfall durch Diversitätskonzepte humanisieren.
Sondervermögen und Sondermoral
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine zerfiel das alte Narrativ endgültig. Annalena Baerbock sprach offen vom Ziel eines Sieges der Ukraine. Waffenlieferungen, Aufrüstung, 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Bundeswehr – das Vokabular klang nicht mehr nach Blockade, sondern nach Bündnis. Die parteinahen Stiftungen diskutieren den „Paradigmenwechsel“, als handle es sich um eine akademische Fußnote und nicht um eine tektonische Verschiebung des Selbstverständnisses.
Man bemüht feministische Außenpolitik und wertebasierte Diplomatie, um die Härte der Realität semantisch abzufedern. Krieg bleibt schlimm, aber notwendig. Aufrüstung bleibt problematisch, aber alternativlos. Der alte Slogan „Frieden schaffen ohne Waffen“ wirkt wie aus einem Museum der politischen Romantik.
Die letzten Tauben
Und doch gibt es sie noch, die radikalen Pazifisten in und um die Grünen. Gruppen wie die „Grüne Linke“ halten am kategorischen Nein fest, erinnern an die Weltkriege, an das Versprechen, von deutschem Boden solle nie wieder Krieg ausgehen. Sie wirken heute wie Relikte einer anderen Epoche – oder wie Mahner, je nach Perspektive.
Der grüne Pazifismus war immer ambivalent, oft selektiv, nie rein. Heute ist er fragmentiert. Zwischen Realos und Rest-Pazifisten spannt sich ein Bogen, der von „Si vis pacem, para bellum“ bis „Kein Cent für Rüstung“ reicht. Vielleicht ist das die eigentliche Konstante: die Unruhe, die Unentschiedenheit, die moralische Selbstbefragung.
Echte Friedfertigkeit, so der alte römische Satz, bereitet den Krieg vor, um ihn zu verhindern. Die Grünen haben lange versucht, den Krieg rhetorisch abzuschaffen. Nun bereiten sie ihn politisch vor, um ihn zu vermeiden. Ob das Zynismus ist, Reife oder nur der unvermeidliche Preis der Macht, bleibt offen. Sicher ist nur: Der Mythos vom immergrünen Frieden ist verblasst. Und an seiner Stelle steht eine Partei, die gelernt hat, dass Tauben manchmal Krallen brauchen – und dass Krallen sich erstaunlich gut in grünes Parteiprogramm einpassen lassen.