Wenn Verwaltung zum Gesamtkunstwerk wird
Es gehört zu den liebenswerten Eigenheiten der österreichischen Innenpolitik, dass sie regelmäßig Persönlichkeiten hervorbringt, die man weniger als Amtsinhaber denn als ästhetische Experimente betrachten muss. Österreich hat bekanntlich eine lange Tradition des Grenzgangs zwischen Politik, Theater und Operette; manchmal allerdings wird die Operette versehentlich zur Regierungspraxis erhoben. Und so steht man gelegentlich vor der leicht ratlosen, aber kulturhistorisch durchaus fruchtbaren Frage: Was genau soll man anfangen mit einem zweckentfremdeten Gemeindebediensteten aus Traiskirchen, der sich plötzlich im Gewand eines Kunst- und Kulturministers auf der Bühne der Republik wiederfindet?
Zunächst einmal sollte man nicht vorschnell urteilen. Österreich ist schließlich ein Land, das aus provinziellen Ursprüngen große kulturelle Leistungen hervorgebracht hat. Man denke nur daran, dass die Wiener Moderne in Kaffeehäusern entstand, deren organisatorische Komplexität ungefähr jener eines mittelgroßen Bezirksamts entsprach. Doch während dort zumindest der Kaffee stark und die Diskussionen stärker waren, wirkt der gegenwärtige kulturpolitische Diskurs bisweilen wie eine Mischung aus Bauausschussprotokoll und Schulausflug nach Bad Ischl. Die entscheidende Differenz liegt darin, dass ein Gemeindebediensteter – bei aller Wertschätzung für die Würde kommunaler Verwaltung – gewöhnlich dafür ausgebildet ist, Parkbänke zu katalogisieren, Formulare zu stempeln und den mystischen Lebenszyklus von Mülltonnen zu verstehen. All das sind ehrenwerte Fähigkeiten. Nur ist leider kein einziges dieser Talente unmittelbar übertragbar auf die metaphysischen Verwerfungen zeitgenössischer Kunst oder die fiskalisch-poetische Tragödie österreichischer Kulturförderung.
Kulturpolitik als Verwaltungsakt
Das eigentliche Problem beginnt dort, wo Kulturpolitik als eine Art besonders dekorativer Verwaltungsakt missverstanden wird. Der Gedanke scheint ungefähr folgender zu sein: Wenn jemand jahrelang erfolgreich Bauansuchen sortiert hat, wird er wohl auch Theaterhäuser sortieren können. Ein Museum ist schließlich nur ein Amt mit Bildern, ein Opernhaus ein Amt mit Musik, und ein Literaturbetrieb ein Amt mit sehr vielen schlecht lesbaren Anträgen. In dieser Logik verwandelt sich Kulturpolitik in eine erweiterte Registratur, in der Werke nicht nach ästhetischem Gehalt, sondern nach Formularnummern archiviert werden.
Man kann sich das bildlich vorstellen: Der Minister sitzt an einem massiven Schreibtisch, vor ihm stapeln sich Förderanträge wie Schneeverwehungen im niederösterreichischen Jänner. Irgendwo zwischen einer experimentellen Klanginstallation und einem Antrag auf Restaurierung eines barocken Seitenaltars taucht plötzlich die Frage auf, was Kunst eigentlich sei. Der Minister blickt kurz auf, runzelt die Stirn, und entscheidet sich dann für die einzige politisch sichere Antwort: „Das muss geprüft werden.“ Und während diese Prüfung vermutlich in etwa so lange dauert wie die Restaurierung des Stephansdoms, schreitet draußen die kulturelle Gegenwart weiter voran – meist ohne ministerielle Begleitung, manchmal sogar trotz ihr.
Die Kunst des kulturpolitischen Darstellens
Nun könnte man einwenden, dass Politik ohnehin immer eine Form von Schauspiel ist. Minister sind gewissermaßen Darsteller in einem institutionellen Theater, dessen Drehbuch aus Koalitionsabkommen und Budgettabellen besteht. In diesem Sinne wäre der Kulturminister lediglich ein besonders ironischer Fall von Meta-Theater: Ein Darsteller, der Kultur darstellt, während er Kultur darstellt.
Das Problem ist nur, dass gutes Theater Übung verlangt. Man muss Rollen verstehen, Texte interpretieren, Pausen setzen können. Wer stattdessen glaubt, dass ein Kulturressort im Wesentlichen aus der feierlichen Eröffnung von Ausstellungen und dem Halten von Reden besteht, betreibt eine Art kulturpolitisches Laienspiel. Das Publikum – also Künstler, Intellektuelle, Kuratoren, Musiker, Autoren und die gelegentlich noch existierenden kulturinteressierten Bürger – sitzt derweil im Saal und fragt sich, ob es sich um eine Tragödie oder eine Komödie handelt. Österreich hat bekanntlich eine besondere Begabung für beides gleichzeitig.
Die Provinz als geistiger Aggregatzustand
Traiskirchen selbst kann natürlich nichts dafür. Städte sind unschuldige Orte; sie produzieren höchstens Wein, Geschichte und gelegentlich Politiker. Doch die österreichische Politik leidet seit Jahrzehnten an einer merkwürdigen Form geistiger Provinzialisierung: Nicht die Herkunft ist das Problem, sondern die Unfähigkeit, sie zu transzendieren. Der wahre Provinzialismus besteht darin, sich die Welt weiterhin als erweiterten Gemeinderat vorzustellen.
In diesem mentalen Gemeinderat werden dann große kulturpolitische Fragen diskutiert, als ginge es um die Aufstellung eines neuen Zebrastreifens. Soll man avantgardistische Kunst fördern? Vielleicht, wenn sie nicht zu avantgardistisch ist. Soll man riskante Projekte unterstützen? Natürlich, solange sie garantiert erfolgreich sind. Soll Kultur politisch unbequem sein dürfen? Aber bitte nur in einem Maße, das niemanden wirklich stört – also ungefähr so unbequem wie ein leicht schiefer Bilderrahmen.
Das Ergebnis ist eine Kulturpolitik, die aussieht wie ein frisch gestrichener Gemeindesaal: ordentlich, sauber, funktional – und vollkommen ohne Überraschungen.
Das österreichische Talent zur Selbstsatire
Und doch wäre es unfair, diese Situation nur als Farce zu betrachten. Österreich besitzt ein fast übernatürliches Talent zur Selbstsatire. Wo andere Länder politische Skandale produzieren, produziert Österreich kulturhistorische Anekdoten. Die Grenze zwischen Ernst und Parodie ist so dünn, dass man manchmal nicht mehr weiß, ob die Realität eine Satire ist oder die Satire lediglich eine besonders präzise Beschreibung der Realität.
Vielleicht liegt genau darin die heimliche Pointe dieser Personalie. Ein Kulturminister, der wirkt wie eine Figur aus einem satirischen Essay über Kulturminister, ist gewissermaßen die konsequente Vollendung der österreichischen politischen Ästhetik. Die Politik wird zur Performancekunst, das Ministerium zur Bühne, und der Minister zum Protagonisten eines Stücks, das irgendwo zwischen Nestroy, Bernhard und einer sehr langen Gemeinderatssitzung angesiedelt ist.
Was also tun mit ihm
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, was man mit einem solchen Minister anfangen soll. Die ehrlichere Frage lautet: Was sagt seine Existenz über das Land aus, das ihn hervorgebracht hat? Politiker sind schließlich selten Ausnahmen; meist sind sie Symptome.
Vielleicht sollte man ihn daher gar nicht als Kulturminister behandeln, sondern als kulturelles Artefakt. Man könnte ihn museal ausstellen, etwa in einer Dauerausstellung mit dem Titel „Österreich und die Kunst, Kulturpolitik zu improvisieren“. Neben historischen Dokumenten, Theaterplakaten und Förderformularen stünde dann auch diese Figur: der Gemeindebedienstete im Ministerkostüm, halb Verwaltung, halb Performance.
Und während Besucher durch diese Ausstellung schlendern, könnten sie leise darüber nachdenken, ob Kulturpolitik vielleicht doch mehr verlangt als Verwaltungsgeschick – nämlich Neugier, Bildung, intellektuelle Risikobereitschaft und eine gewisse Leidenschaft für das Unberechenbare der Kunst.
Bis dahin allerdings bleibt Österreich, wie so oft, seinem liebsten kulturellen Genre treu: der politischen Tragikomödie. Und in dieser spielt der Minister aus Traiskirchen seine Rolle mit einer Hingabe, die man fast bewundern muss. Nicht unbedingt als Kulturpolitiker – aber ganz gewiss als Darsteller.