Der Laufsteg als Beichtstuhl und die Jeans als Gesinnungsprüfung

Es ist wieder Januar, und damit beginnt jene Jahreszeit, in der Mailand nicht einfach nur kalt ist, sondern auch moralisch zugig. Die Fashion Week präsentiert die Herrenkollektionen für Herbst/Winter 2026, und wie immer ist es weniger eine Frage, was getragen wird, sondern wer es tragen darf, ohne dass ein digitaler Scheiterhaufen entzündet wird. Dolce & Gabbana zeigen „The Portrait of Man“, eine Kollektion, die sich selbstbewusst zwischen Tailoring und Denim, zwischen glamouröser Pose und sportlicher Erinnerung an die frühen 2000er bewegt – eine Art ästhetischer Rückfall in eine Zeit, als man noch glaubte, Männlichkeit sei ein Stil und keine Debatte. Und tatsächlich: Ripped Jeans, Samtblazer, Military-Jacken, Fell, Strick, Opulenz – alles da, alles sitzt, alles glänzt in jenem überhöhten italienischen Pathos, das nie um Erlaubnis gefragt hat und das auch nicht vorhat, damit anzufangen. Doch die Qualität einer Kollektion ist heute nur noch der Vorwand, der Anlass, das dekorative Beiwerk. Die Hauptsache spielt sich längst nicht mehr auf dem Runway ab, sondern im Kommentarbereich. Denn dort, wo früher Kritiker saßen, die über Silhouetten sprachen, sitzt heute ein Tribunal, das die moralische Wetterlage prüft, bevor es über die Stoffe urteilt. Und dieses Tribunal hat eine Entdeckung gemacht, die es mit jener Mischung aus Entsetzen und Lust verkündet, mit der man sonst nur Schimmel in der Bio-Mandelmilch meldet: Die Models sind männlich, weiß und schön. Meine Güte. Wer hätte das gedacht. In der Mode. Auf einem Laufsteg. Bei Dolce & Gabbana.

Der Shitstorm als kulturelles Fitnessprogramm

Kaum sind die Bilder der Show online, beginnt das allseits geliebte Ritual der Entrüstung, dieses digitale Warm-up der Gegenwart, ohne das offenbar niemand mehr in den Tag starten kann. Ein Shitstorm, so zuverlässig wie die nächste Steuererklärung, rollt an – und wie immer kommt er nicht aus einer konkreten Betroffenheit, sondern aus dem diffusen Gefühl, irgendwo müsse gerade dringend etwas korrigiert werden. Denn wenn man lange genug auf Instagram scrollt, entsteht jenes nervöse Kribbeln, das man früher „Langeweile“ nannte und heute als „Haltung“ tarnt. Topmodel Bella Hadid bezeichnet die Show als „peinlich“, und man muss ihr zugutehalten: Das Wort ist wenigstens kurz, handlich und passt hervorragend in ein Story-Format. Modejournalist Lyas legt nach und kritisiert, es sei „kein einziges asiatisches oder dunkelhäutiges Model“ zu sehen gewesen. Der Vorwurf: fehlende Diversität. Es ist eine Kritik, die nicht mehr fragt, ob die Kollektion funktioniert, sondern ob sie die korrekte moralische Zusammensetzung des Weltpublikums repräsentiert. Und damit sind wir mitten im neuen Modus der Kulturkritik, in dem Kunst nicht mehr Kunst sein darf, sondern ein Branchenbericht der Menschheit, eine Art PowerPoint über gesellschaftliche Verantwortung, bitte mit Diagramm, Prozentangabe und Evaluierungsbogen. Der Laufsteg wird zur UNO-Vollversammlung, das Casting zur Volkszählung, die Jacke zur politischen Aussage. Und wer sich nicht korrekt abbilden lässt, gilt nicht als unvollständig, sondern als verdächtig.

Die Empörung kommt immer pünktlich, anders als die Lieferkette

Natürlich ist die Kritik nicht neu. Dolce & Gabbana sind ein Haus, das seit Jahrzehnten eine Art emotionalen Dauerstrom produziert: zu viel, zu laut, zu katholisch, zu fleischig, zu stolz. Sie haben immer schon mit starken Bildern gearbeitet, mit Übertreibung, mit dieser bewusst kitschigen Mischung aus italienischem Machismo und barocker Erotik, die in der Modewelt gleichzeitig gehasst und heimlich nachgeahmt wird. Und ja, sie waren schon mehrfach Zielscheibe – nicht nur, weil sie sich nicht brav in die globalen PR-Manuals einfügen, sondern weil sie manchmal tatsächlich genau jene Art von Provokation liefern, die sich nicht als Missverständnis weglächeln lässt. 2015 die Aussagen gegen Leihmutterschaft und künstliche Befruchtung: ein Skandal, der wie eine alte Sünde riecht, nach Kirchenbank und sturer Überzeugung. 2018 die China-Kampagne mit der Frau und den Essstäbchen, die italienisches Essen „nicht richtig“ essen kann, begleitet von gönnerhaftem männlichen Kommentar – ein Stück kommunikative Selbstüberschätzung, das so klischeehaft war, dass es fast schon wieder Kunst hätte sein können, wenn es nicht so unerquicklich nach kolonialem Witzbuch geschmeckt hätte. Die Show in Shanghai wurde abgesagt, die Marke bekam ihren digitalen Pranger, die Welt war wieder ein kleines bisschen gerechter, und doch blieb Dolce & Gabbana Dolce & Gabbana: angeschlagen, aber nicht geläutert, skandalisiert, aber unzerknirscht, wie jemand, der im Streit nicht recht bekommen muss, solange er Aufmerksamkeit bekommt.

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Der Skandal, der keiner ist, ist der beste Skandal

Und nun also 2026: eine Männerkollektion, die – Überraschung – Männer zeigt. Und zwar Männer, die dem ästhetischen Ideal des Hauses entsprechen: cool, geschniegelt, makellos, eine Art lebendiger Werbespot für jene Fantasie von Männlichkeit, die seit Jahrzehnten verkauft wird wie ein Parfum, dessen Namen man sich nie merken kann, aber dessen Flakon aussieht, als hätte er Muskeln. Ist das „rassistisch“? Oder ist es einfach nur banal? Ist es ein politischer Akt, wenn ein Label eine bestimmte Optik bevorzugt? Oder ist es schlicht das alte Prinzip der Mode: Die Branche verkauft nicht Realität, sondern Sehnsucht – und Sehnsucht war noch nie demokratisch. Dass die moralische Empörung inzwischen schneller zur Stelle ist als der Fotograf, liegt daran, dass Skandale heute nicht mehr gefunden, sondern hergestellt werden. Die Gegenwart hat eine merkwürdige Vorliebe für Konflikte, die man lösen kann, ohne wirklich etwas zu lösen. Es ist ein Skandal ohne Risiko, ein Aufschrei ohne Konsequenz, eine Empörung, die sich hervorragend anfühlt, weil sie nichts kostet außer ein bisschen Datenvolumen. Man moralisiert ein Bild, weil man sonst nichts in der Hand hat. Und man tut so, als wäre die Welt gerettet, wenn auf dem Laufsteg das korrekte Spektrum an Hauttönen zu sehen ist – während die Produktionsbedingungen, die Lieferketten, die Arbeitsrealitäten irgendwo hinter der Bühne weiterlaufen wie immer: unsichtbar, unbequem und zu komplex für einen TikTok-Sound.

Diversität als Pflichtübung: Wenn Haltung zur Kulisse wird

Das Wort „Diversität“ hat in den letzten Jahren eine Karriere hingelegt, von der jede It-Bag nur träumen kann. Es ist überall, es ist unantastbar, es ist der moralische Lack, der über jede Branche gegossen wird, damit sie glänzt, selbst wenn darunter die alten Risse sichtbar bleiben. In der Mode ist Diversität längst nicht mehr nur ein Anliegen, sondern ein Zertifikat, ein Must-have, ein Accessoire. Manche Häuser tragen es wie eine Brosche: sichtbar, teuer, demonstrativ. Und genau hier liegt der zynische Witz der Sache: Diversität ist oft nicht die Öffnung, sondern die neue Uniform. Man castet nicht mehr, um eine Vision zu erzählen, sondern um keinen Ärger zu bekommen. Man stellt nicht mehr Fragen, man erfüllt Checklisten. Und wer die Checkliste nicht erfüllt, gilt automatisch als rückständig, egal, ob es künstlerisch Sinn ergibt oder nicht. Daraus entsteht eine paradoxe Situation: Der Laufsteg soll zugleich ästhetisch radikal sein und moralisch geschniegelt. Er soll provozieren, aber bitte nur dort, wo es niemanden stört. Er soll überraschen, aber nicht verstören. Er soll individuell sein, aber kollektiv korrekt. Mode wird damit zu einem seltsamen Theater, in dem alle so tun, als ginge es um Freiheit – und doch ist der Raum enger geworden, nicht weiter.

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Dolce & Gabbana waren divers, bevor Diversität ein Hashtag wurde

Und ja, man kann es kaum aussprechen, ohne dass irgendwo ein Empörungsalarm losgeht, aber Dolce & Gabbana waren tatsächlich nicht immer das monochrome Klischee, als das man sie nun gern hinstellt. Es gab Zeiten, in denen das Haus mit starken Persönlichkeiten arbeitete, mit unterschiedlichen Gesichtern, Generationen, Körpern, kulturellen Referenzen – nicht als moralischer Tribut, sondern weil es in ihre opulente Pop-Ästhetik passte. Man erinnere sich an jene großen Besetzungen, in denen Ikonen neben Newcomern standen, in denen Stars und Subkultur in einer Art maximalistischem Gruppenselfie verschmolzen. Naomi Campbell als Finale, Monica Bellucci als ewige Muse, Madonna als langjährige Projektionsfläche: Dolce & Gabbana hatten immer schon ein Gespür für Bühnenwirkung, für Mythos, für jene Art von Glamour, die nicht bittet, sondern befiehlt. Das Problem ist nur: In der heutigen Debatte zählt nicht, ob jemand einmal vielfältig war. Es zählt nur, ob er es in diesem Moment sichtbar genug ist. Diversität ist nicht mehr ein Kontext, sondern eine Pflicht zur permanenten Selbstauskunft. Wer einmal danebenliegt – oder einfach nur nicht liefert, was die Öffentlichkeit erwartet –, wird behandelt wie ein Sünder, der sich nicht nur entschuldigen, sondern auch beweisen muss, dass er seine Lektion gelernt hat. Das ist keine Kultur der Sensibilität, das ist eine Kultur der Dauerprüfung.

Das neue Ideal: Schön sein reicht nicht mehr, man muss auch korrekt aussehen

Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieser grotesk vertrauten Debatte: Schönheit ist in der Mode nicht mehr das Problem – sie war es immer –, aber nun ist Schönheit auch noch moralisch verdächtig. Das Ideal, das Dolce & Gabbana zeigen, ist offensichtlich: glatt, männlich, attraktiv, geschniegelt, ein bisschen gefährlich, aber bitte nicht zu sehr. Ein Ideal, das in einer Branche, die seit Jahrzehnten von Idealen lebt, eigentlich niemanden überraschen sollte. Und doch überrascht es, weil wir uns angewöhnt haben, von Bildern nicht nur Ästhetik zu verlangen, sondern Gesinnung. Der Körper wird nicht mehr betrachtet, sondern gelesen. Haut wird zur Aussage, Gesichtszüge zur Positionierung, Casting zur politischen Theorie. Das ist gleichzeitig nachvollziehbar und absurd: nachvollziehbar, weil Bilder Macht haben, weil Sichtbarkeit nicht neutral ist. Absurd, weil wir damit ausgerechnet von der Mode verlangen, was wir von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht bekommen: eine saubere, gerechte, repräsentative Welt. Der Laufsteg soll reparieren, was der Alltag zerstört. Und weil das nicht funktionieren kann, wird der Laufsteg permanent schuldig gesprochen.

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Die Satire der Gegenwart: Moral als Lifestyle und Empörung als Abendprogramm

Die bitterste Pointe ist vielleicht: Während die einen Dolce & Gabbana dafür kritisieren, dass sie zu wenig Diversität zeigen, feiern andere dieselben Bilder als Rückkehr zu einer „echten“ Mode, als Befreiung von „Wokeness“, als Trotz gegen eine angebliche Meinungsdiktatur. Und beide Seiten wirken dabei wie Spiegelbilder derselben Sehnsucht: Man will nicht Mode sehen, man will Recht haben. Die einen wollen moralische Reinheit, die anderen ästhetische Autonomie, und beide tun so, als wäre ihre Position die letzte Bastion der Wahrheit. Dabei ist es nur ein Laufsteg. Eine Show. Ein kommerzielles Spektakel, das Kleidung verkauft, nicht Erlösung. Dolce & Gabbana wollen nicht die Welt erklären – sie wollen sie verführen. Und die Empörten wollen nicht über Mode sprechen – sie wollen Macht über Bilder. Das ist der Deal der Gegenwart: Jeder Skandal ist ein bisschen Selbstvergewisserung, ein bisschen Gruppenzugehörigkeit, ein bisschen moralisches Fitnessprogramm. Man schreit, um sich lebendig zu fühlen. Man urteilt, um sich überlegen zu fühlen. Und man nennt es Fortschritt.

Schluss mit Glanz: Was bleibt, wenn der Runway zur Tribüne wird?

Am Ende steht eine Kollektion, die offenbar gelungen ist: handwerklich stark, ästhetisch kohärent, eine präzise Inszenierung von Männlichkeit im Dolce-&-Gabbana-Kosmos. Und daneben steht ein Sturm der Kritik, der so vorhersehbar ist wie der nächste Trend. Vielleicht ist die Frage nicht, ob Dolce & Gabbana divers genug waren, sondern ob wir überhaupt noch wissen, was wir von Mode wollen. Wollen wir Kunst? Dann müssen wir aushalten, dass sie manchmal unbequem, einseitig, übertrieben und sogar geschmacklos sein kann. Wollen wir gesellschaftliche Verantwortung? Dann müssen wir tiefer fragen als bis zum Casting und uns auch für Strukturen interessieren, nicht nur für Gesichter. Wollen wir beides? Dann sollten wir endlich aufhören, Diversität wie eine Dekoration zu behandeln und Mode wie eine moralische Hausaufgabe. Denn wenn jede Show zur Gesinnungsprüfung wird, bleibt am Ende nur noch eine perfekt korrekte, sterile Ästhetik übrig – und das wäre dann wirklich peinlich.

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