Der Kronprinz als Kassandra mit WLAN

Es ist eine eigentümliche Ironie der Weltgeschichte, dass ausgerechnet ein Mann ohne Thron mit solcher Inbrunst vom Untergang ganzer Kontinente spricht. Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs, residiert im Exil, das bekanntlich jene geographische Form ist, in der man immer recht behält, weil man nie regieren muss. Und von dort, aus sicherer Entfernung, ruft er Europa zu: Achtung, ihr taumelt in denselben Abgrund, in den einst mein Vater gestoßen wurde – oder hineingeschubst, je nach politischer Lektüre. In Interviews mit Visegrád 24 und Middle East 24 entfaltet er eine Warnung, die klingt wie eine Mischung aus Nostradamus, Nachrichtensprecher und nostalgischem Monarchisten: Europa werde enden wie der Iran, wenn es der „schleichenden Islamisierung“ nicht Einhalt gebiete. Das ist starker Tobak, serviert mit der Gravitas eines Mannes, der die Geschichte seiner Heimat als Mahnmal versteht und sie zugleich als politisches Kapital verwaltet. Die Pointe dabei: Während Europa noch darüber diskutiert, ob Gendersternchen die Zivilisation zerstören, wird ihm nun auch noch das Szenario eines zweiten Teheran prophezeit – allerdings mit besserer Käseauswahl.

Der Hinterhof Europas und die Geopolitik der Einfahrt

„Islamisten im eigenen Hinterhof“, sagt Pahlavi. Man hört förmlich das Knirschen des Kieses unter den Schuhen der Geschichte. Der Hinterhof – dieses herrlich deutsche Bild – ist der Ort, an dem man alte Fahrräder abstellt und unliebsame Wahrheiten lagert. Nun also sollen dort Islamisten stehen, womöglich mit Flugblättern und Forderungskatalogen. Als Kronzeuge dient ihm Brüssel, jene Stadt, die ohnehin als Projektionsfläche für alles herhalten muss: Bürokratie, Lobbyismus, Waffelgeruch und nun auch noch die drohende Scharia an der Straßenecke. In unmittelbarer Nähe des Königspalastes, so heißt es, drängten Islamisten auf religiöse Rechtsnormen und sogar auf getrennte Busse für Männer und Frauen. Man reibt sich die Augen und fragt sich, ob hier eine dystopische Netflix-Serie beschrieben wird oder eine kommunalpolitische Petition mit dreißig Unterschriften. Doch in der Rhetorik der Warnung wächst jede lokale Skurrilität zum Menetekel. Ein paar Aktivisten werden zur Vorhut einer Zivilisationsverschiebung. Der Busfahrplan wird zur Frontlinie der Aufklärung.

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1982 und die Kunst des prophetischen Rückblicks

Besonders beeindruckend ist die zeitliche Dimension der Mahnung. Schon 1982 habe er gewarnt, erzählt Pahlavi. Damals, als Schulterpolster die Welt beherrschten und Europa noch glaubte, Geschichte sei etwas, das anderen passiert. Es ist die klassische Eleganz des „Ich habe es euch doch gesagt“. Rückblickend ist jede Prognose brillant, sofern man nur lange genug wartet, bis sich irgendwo irgendetwas ereignet, das entfernt passt. Der radikale Islam, so seine These, bleibe nicht im Nahen Osten stehen. Das ist zweifellos richtig – Ideen reisen, Ideologien auch. Nur reisen sie selten im Alleingang. Sie kommen mit Migration, mit geopolitischen Verwerfungen, mit Kriegen, die nicht in Brüssel, sondern oft unter westlicher Mitwirkung anderswo geführt wurden. Doch solche dialektischen Feinheiten stören die Dramaturgie. Der Warner braucht klare Linien, keine Fußnoten.

Islamophobie und der Reflex der Empörung

Pahlavi beklagt, jede Kritik am Islamismus werde reflexhaft als Islamophobie gebrandmarkt, besonders „von der Linken“. Das ist der rhetorische Doppelpass unserer Zeit: Wer warnt, fühlt sich missverstanden; wer widerspricht, gilt als naiv. Dabei ist die begriffliche Trennschärfe tatsächlich unerquicklich verschwommen. Islam ist nicht Islamismus, Glaube nicht Theokratie, Kopftuch nicht Kalifat. Doch im medialen Schlagabtausch verdampfen Nuancen schneller als Espresso in der Brüsseler EU-Kantine. Der Kronprinz verweist darauf, dass auch Muslime – etwa in Saudi-Arabien, den Vereinigte Arabische Emirate oder im Iran – vor radikalem Islam warnen. Gewiss. Nur sind diese Staaten selbst keine liberalen Paradiese, sondern komplexe Mischungen aus Reformwillen, Repression und geopolitischem Kalkül. Dass ausgerechnet sie als Kronzeugen für europäische Freiheitsdebatten dienen, besitzt eine gewisse tragikomische Eleganz.

Die Scharia als Schreckgespenst und politisches Symbol

Wenn Pahlavi auf die Revolution von 1979 verweist und auf Ruhollah Chomeini, dann spricht er aus familiärer wie historischer Erfahrung. Dass unter dem neuen Regime Frauenrechte beschnitten und religiöse Normen über ziviles Recht gestellt wurden, ist unbestreitbar. Der Iran wurde zu einem Gottesstaat mit Revolutionsgarden statt Hofzeremoniell. Doch die Gleichsetzung europäischer Integrationsprobleme mit der totalen Umwälzung eines Staates nach einer Massenrevolution ist analytisch kühn – oder polemisch bequem. Zwischen einer umstrittenen Forderung nach Geschlechtertrennung im Bus und der systematischen Errichtung einer Theokratie liegen Welten. Aber in der Logik der Warnung schrumpfen Distanzen. Aus einem kommunalen Streitfall wird die Generalprobe für den Untergang des Abendlandes.

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Exil, Opposition und die Versuchung der großen Geste

In München demonstrieren Exiliraner mit Löwe-und-Sonne-Flaggen, Pahlavi wird zum Symbol der Opposition stilisiert. Das Exil liebt Symbole, weil es selten über Institutionen verfügt. Und Symbole brauchen starke Worte. „Ich versuche nur, euch Zeit zu sparen“, sagt er den Europäern. Das klingt väterlich, beinahe fürsorglich – und trägt doch einen Unterton von „Wenn ihr nicht hört, seid ihr selbst schuld“. Hier schwingt eine merkwürdige Umkehrung mit: Der Sohn eines gestürzten Monarchen warnt demokratische Gesellschaften davor, ihre Offenheit könne sie zerstören. Man darf das als Erfahrungsschatz würdigen. Man darf es aber auch als politisches Angebot lesen: Die Sehnsucht nach Klarheit, nach Härte, nach eindeutigen Fronten.

Europa zwischen Alarmismus und Selbstvergessenheit

Europa steht tatsächlich vor Herausforderungen: Integration, Parallelgesellschaften, religiöser Extremismus, soziale Spannungen. Das zu leugnen wäre töricht. Doch ebenso töricht ist es, jede Herausforderung als Vorboten eines iranischen Szenarios zu inszenieren. Der Kontinent ist weder kurz vor dem Kalifat noch immun gegen Illiberalität. Er schwankt, wie er es immer tat, zwischen Überheblichkeit und Untergangssehnsucht. Vielleicht liegt die eigentliche Satire darin, dass Europa sich nun von einem Kronprinzen ohne Krone erklären lassen soll, was Säkularismus bedeutet. Und vielleicht liegt die Tragik darin, dass seine Warnung – so überzeichnet sie wirken mag – auf reale Ängste trifft.

Am Ende bleibt ein Bild: Die „Zeichen an der Wand“, von denen Pahlavi spricht. Europa steht davor wie ein Gymnasiast vor einer unleserlichen Tafelanschrift. Manche sehen Menetekel, andere nur Kreidestaub. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen, unspektakulär und unerquicklich komplex. Und während der Kronprinz weiter mahnt, dreht sich der Bus in Brüssel unbeirrt um die nächste Ecke – Männer und Frauen nebeneinander, streitend, diskutierend, manchmal schweigend. Noch ist es ein gewöhnlicher Linienbus. Ob er je zum Symbol einer Zeitenwende taugt, entscheidet sich nicht im Pathos der Warnung, sondern im profanen Alltag politischer Vernunft.

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