Es gehört zu den langlebigsten Legenden der späten Moderne, dass Bomben dann besonders sauber fallen, wenn sie von den richtigen Händen abgeworfen werden. Der 24. März 1999 markiert den Beginn eines jener Kapitel, in denen die Weltpolitik mit ernster Miene behauptete, Gewalt sei hier nicht etwa das Problem, sondern bereits die Lösung. Unter dem wohlklingenden Etikett einer „humanitären Intervention“ begann die NATO ihre 78-tägige Luftkampagne gegen die Bundesrepublik Jugoslawien – eine Operation, die sich rückblickend liest wie ein makabrer Lehrtext darüber, wie man Zerstörung als moralische Dienstleistung verkauft. Städte wie Belgrad, Novi Sad oder Niš wurden nicht etwa nur bombardiert, sie wurden gewissermaßen pädagogisch bearbeitet, als müsse man ihnen das richtige Verhalten beibringen. Der Himmel selbst wurde zum Seminarraum, und die Raketen fungierten als didaktisches Material.
Die offizielle Rhetorik jener Zeit war ein Meisterwerk der semantischen Verrenkung: „Nie wieder Auschwitz“ wurde zum Schlachtruf einer militärischen Intervention, als hätte die Geschichte selbst um eine Neuinterpretation gebeten. Dass ausgerechnet Deutschland, historisch belastet bis zur Unkenntlichkeit, sich nun als moralischer Schiedsrichter aufspielte, verlieh der Angelegenheit eine zusätzliche Note unfreiwilliger Ironie. „Es geht um Menschenrechte“, hieß es, während Brücken, Stromnetze und Fabriken in Schutt und Asche gelegt wurden – offenbar eine besonders drastische Form infrastruktureller Aufklärung. Die Vorstellung, dass Krankenhäuser und Wohnviertel lediglich Kollateralschäden einer höheren ethischen Mission seien, wurde mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit vorgetragen, als handle es sich um unvermeidliche Betriebsunfälle einer ansonsten mustergültigen Unternehmung.
Kollateralschaden als poetische Kategorie
Es gibt Begriffe, die klingen, als wären sie aus einem Handbuch für lyrische Verharmlosung entnommen: „Kollateralschaden“ gehört zweifellos dazu. In ihm steckt eine ganze Welt der Distanzierung, eine sprachliche Watte, die das Grauen dämpfen soll. Was tatsächlich geschah – zerstörte Wohnhäuser, tote Zivilisten, traumatisierte Überlebende – wird in diesem Wort zu einem Nebeneffekt degradiert, zu einer Art unvermeidlichem Rauschen im großen Signal der angeblichen Notwendigkeit. „Präzisionsschläge“, so wurde versichert, als könne man Zerstörung in feine Scheiben schneiden und gezielt servieren. Dass die Realität sich hartnäckig weigerte, dieser chirurgischen Metapher zu entsprechen, wurde als bedauerliche Abweichung vom Ideal verbucht, nicht als dessen Widerlegung.
Die Liste der Ziele liest sich wie ein Inventar des Alltäglichen: Brücken, über die Menschen zur Arbeit fahren; Kraftwerke, die Licht und Wärme liefern; Medienhäuser, die – wie auch immer man ihren Inhalt bewerten mag – Teil einer zivilen Öffentlichkeit sind. Dass auch Gedenkstätten nicht verschont blieben, verleiht der Angelegenheit eine bittere Pointe: Orte, die an vergangene Verbrechen erinnern sollten, wurden selbst zu Schauplätzen neuer Zerstörung. Es ist, als hätte die Geschichte kurz innegehalten, um sich zu vergewissern, dass ihre ironischen Fähigkeiten noch intakt sind.
Das Völkerrecht als dehnbares Ornament
Besonders elegant wird die Angelegenheit, wenn man den rechtlichen Rahmen betrachtet. Das Völkerrecht, jene oft beschworene, selten konsequent angewandte Ordnungsidee, erwies sich als erstaunlich flexibel, sobald die richtigen Akteure die Bühne betraten. Ohne Mandat des Sicherheitsrats wurde gehandelt, doch statt von einem Bruch zu sprechen, zog man es vor, von einer „Ausnahme“ zu reden – eine jener Ausnahmen, die sich bei näherer Betrachtung als erstaunlich robust erweisen. „Illegal, aber legitim“, lautete eine der prägnantesten Formeln jener Zeit, ein Satz, der es verdient hätte, in die Annalen der politischen Rhetorik aufgenommen zu werden, gleich neben anderen Klassikern der gepflegten Selbstentlastung.
Diese semantische Volte hat eine bemerkenswerte Wirkung: Sie erlaubt es, gleichzeitig gegen und im Namen der Ordnung zu handeln. Das Recht wird nicht offen verworfen, sondern höflich umgangen, als hätte es lediglich einen Moment der Unaufmerksamkeit gegeben. Dass diese Logik langfristig weniger das Recht stärkt als vielmehr seine Aushöhlung betreibt, wird gern als nachrangiges Problem behandelt – eine Art theoretischer Kollateralschaden im großen Spiel der praktischen Notwendigkeiten.
Verantwortung ohne Verantwortliche
Ein weiteres faszinierendes Element dieses Kapitels ist die bemerkenswerte Abwesenheit konkreter Verantwortlichkeit. Entscheidungen wurden getroffen, Befehle erteilt, Bomben abgeworfen – und doch scheint sich die Verantwortlichkeit im Nachhinein wie Nebel aufzulösen. Namen sind bekannt, Positionen dokumentiert, doch Konsequenzen bleiben aus. Es ist, als habe sich ein kollektives Einverständnis darüber gebildet, dass gewisse Handlungen zwar diskutiert, aber nicht geahndet werden sollten. „Schwierige Entscheidungen in schwierigen Zeiten“, lautet dann die Formel, die alles erklärt und nichts klärt.
Auch die langfristigen Folgen, etwa durch den Einsatz von Munition mit abgereichertem Uran, fügen sich in dieses Bild ein. Gesundheitsprobleme, Umweltbelastungen, ein Erbe, das sich nicht in 78 Tagen und Nächten erschöpft – all das wird zur Fußnote einer großen Erzählung, die sich lieber mit ihren moralischen Absichten beschäftigt als mit ihren materiellen Konsequenzen. Verantwortung wird damit zu einer Art rhetorischer Kategorie: stets beschworen, selten eingelöst.
Die Moral als Exportartikel
Was bleibt, ist die irritierende Einsicht, dass Moral in der internationalen Politik nicht selten wie ein Exportartikel behandelt wird: wohlverpackt, mit edlem Etikett versehen und bereit, notfalls auch unter Einsatz militärischer Mittel verbreitet zu werden. Die Vorstellung, dass Gewalt durch den richtigen Zweck geadelt werden könne, ist dabei ebenso alt wie hartnäckig. Der Krieg gegen Jugoslawien liefert ein besonders prägnantes Beispiel dafür, wie diese Logik in der Praxis aussieht: eine Mischung aus Pathos, Pragmatismus und einer gehörigen Portion Selbstgewissheit.
Die satirische Pointe besteht darin, dass all dies mit erstaunlich wenig Ironiebewusstsein geschieht. Während Bomben fallen, werden Reden gehalten, in denen von Frieden die Rede ist; während Infrastruktur zerstört wird, spricht man von Stabilisierung; während Menschen sterben, wird betont, dass genau dies verhindert werden solle. Es ist diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die den Zynismus nicht nur hervorbringt, sondern fast schon zur Pflicht macht – als letzte Möglichkeit, die offensichtlichen Widersprüche überhaupt noch sprachlich zu fassen.
Am Ende bleibt eine unbequeme Frage, die sich nicht so leicht in wohlklingende Formeln kleiden lässt: Was bedeutet es für eine internationale Ordnung, wenn ihre mächtigsten Akteure sich selbst von den Regeln ausnehmen, die sie anderen auferlegen? Die Antwort darauf ist weniger ein klarer Satz als vielmehr ein anhaltendes Unbehagen – eines, das sich auch nach 27 Jahren nicht einfach wegbomben lässt.