Der Konzern als Koloss auf Diät

Es gibt Nachrichten, die klingen wie ein medizinischer Befund, der mit einer Mischung aus Pathos und sterilem Optimismus vorgetragen wird: „Sie müssen jetzt radikal Ihre Lebensweise ändern.“ Im Falle von Volkswagen bedeutet das nicht weniger als eine freiwillig verordnete Hungerkur über 60 Milliarden Euro – eine Summe, bei der selbst kleinere Nationalstaaten kurz nervös auf ihre Haushaltsplanung schauen. Der Koloss aus Wolfsburg, jahrzehntelang ein industrieller Selbstläufer mit der Eleganz eines vollgetankten Kreuzfahrtschiffes, soll plötzlich zum asketischen Marathonläufer umtrainiert werden. Und natürlich geschieht dies, wie immer in solchen Fällen, nicht etwa aus Übermut, sondern weil die Welt sich erdreistet hat, sich zu verändern.

Wenn ein Autokonzern erklärt, er müsse „die Gewinnschwelle senken“, klingt das zunächst wie ein rationaler Akt betriebswirtschaftlicher Hygiene. Tatsächlich aber ist es ein sprachliches Kunstwerk: Niemand sagt, dass die Gewinne vielleicht nicht mehr ganz so üppig sprudeln wie in den Jahren, als SUVs so selbstverständlich verkauft wurden wie Brötchen am Sonntagmorgen. Stattdessen wird die Schwelle gesenkt – als wäre Profit eine besonders hochhängende Zimmerpflanze, die man nur etwas tiefer montieren müsse, damit sie wieder erreichbar wird.

An der Spitze dieser therapeutischen Maßnahme steht Oliver Blume, ein Mann, der die beneidenswerte Aufgabe hat, gleichzeitig Zuversicht zu verbreiten und Milliarden einzusparen – eine kommunikative Gratwanderung irgendwo zwischen Motivationscoach und Notarzt. Wer jemals versucht hat, einer großen Organisation das Sparen beizubringen, weiß: Es ist ungefähr so einfach, einem Bernhardiner Diätfutter schmackhaft zu machen, während daneben ein Steak brutzelt.

China, Elektroträume und der plötzliche Verlust der Gewissheiten

Es war einmal eine Zeit, da galt China für deutsche Autobauer als eine Art industrielles Schlaraffenland. Fahrzeuge wurden dort verkauft, als hätte jemand heimlich den Wunsch nach deutscher Ingenieurskunst in das Trinkwasser gemischt. Nun aber schwächelt das Geschäft – und plötzlich merkt man, dass ein Markt mit über einer Milliarde Menschen nicht automatisch bedeutet, dass sie alle unbedingt ein importiertes Premiumprodukt fahren möchten.

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Gleichzeitig stolpert die Elektromobilität mit jener unbeholfenen Würde voran, die man sonst nur von Erstklässlern auf Rollschuhen kennt. Der Absatz stagniert, die Entwicklungskosten explodieren, und irgendwo zwischen Softwareproblemen, Ladeinfrastruktur und geopolitischen Zollrisiken dämmert selbst hartgesottenen Optimisten: Transformation ist ein anderes Wort für teuer.

Volkswagen steckt dabei in einer herrlich paradoxen Situation. Man muss gleichzeitig den Verbrenner perfektionieren – weil er weiterhin Geld verdient – und das Elektroauto revolutionieren – weil die Zukunft angeblich ausschließlich elektrisch summt. Es ist, als würde ein Verlag gleichzeitig auf Pergament drucken und eine Metaverse-Bibliothek eröffnen.

Effizienzprogramme oder die Kunst, das Offensichtliche zu verschieben

Seit 2023 läuft bereits ein Effizienzprogramm mit Einsparungen im zweistelligen Milliardenbereich. In der Welt der Großkonzerne bedeutet das übersetzt: Man hat alle Schubladen geöffnet, kräftig geschüttelt und festgestellt, dass tatsächlich Geld herausfällt. Doch wie so oft bei Diäten stellt sich nach den ersten verlorenen Kilos Ernüchterung ein – offenbar reicht es nicht, gelegentlich auf den Dessertwagen zu verzichten. Nun also der große Kahlschlag.

Das Wort „Kahlschlag“ selbst hat ja etwas erfrischend Ehrliches. Es erinnert daran, dass Rationalisierung selten nach Lavendel riecht. Stellenstreichungen werden angekündigt, Werke stehen plötzlich unter semantischem Vorbehalt („nicht mehr tabu“ ist Managerdeutsch für „wir denken laut darüber nach, bitte erschrecken Sie kontrolliert“), und irgendwo im Hintergrund klicken bereits Excel-Tabellen mit jener kalten Präzision, die nur Zahlen besitzen, wenn sie über Lebensläufe entscheiden.

Mitbestimmung trifft auf Managementrhetorik

Natürlich wäre Deutschland nicht Deutschland, gäbe es nicht den ritualisierten Tanz zwischen Vorstandsetage und Arbeitnehmervertretung. Auf der einen Seite die nüchterne Arithmetik globaler Wettbewerbsfähigkeit, auf der anderen die nicht ganz abwegige Forderung, dass Menschen ihre Jobs behalten möchten – eine Marotte, die sich erstaunlich hartnäckig hält.

Hier tritt Daniela Cavallo auf den Plan, Betriebsratschefin und Hüterin der berühmten Leitplanken. „Mit uns wird es keine Werksschließungen geben“, lautet die Botschaft – ein Satz von jener kategorischen Klarheit, die in der Realität meist nur so lange hält, bis jemand eine neue PowerPoint mit dramatisch roten Kurven präsentiert.

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Man könnte diesen Konflikt auch als deutsches Industrietheater bezeichnen: Akt eins, die Warnung vor globalem Wettbewerbsdruck. Akt zwei, die Beschwörung sozialer Verantwortung. Akt drei, der Kompromiss, der niemanden glücklich macht und deshalb als Erfolg gilt.

Dresden oder die Metamorphose der Industrie

In Dresden, jener barocken Kulisse mit Hang zur kulturellen Selbstvergewisserung, steht ein Gebäude, das lange wie ein architektonisches Versprechen wirkte: die Gläserne Manufaktur. Glas statt Beton, Transparenz statt industrieller Trutzburg – ein Auto sollte hier nicht einfach gebaut, sondern beinahe inszeniert werden.

Seit 2001 liefen dort rund 165.500 Fahrzeuge vom Band. Erst der aristokratisch anmutende Volkswagen Phaeton, später der pflichtbewusst elektrische Volkswagen e-Golf und zuletzt der Volkswagen ID.3, Symbol jener Zukunft, die immer ein bisschen näher rückt und zugleich erstaunlich fern bleibt.

Nun wird das Werk zum Innovationscampus umgebaut – ein Wort, das so hoffnungsvoll klingt, dass man fast vergisst zu fragen, was genau dort innoviert werden soll. Künstliche Intelligenz, Robotik, Mikroelektronik, Chipdesign: die Buzzword-Bingo-Karte der Gegenwart ist vollständig abgestempelt. Etwa 230 Beschäftigte bleiben. Der Rest? Nun ja, Transformation hat noch nie versprochen, gemütlich zu sein.

Es ist schwer, in diesem Wandel nicht eine gewisse Ironie zu erkennen. Einst baute man Autos in einer gläsernen Kathedrale, heute baut man dort Ideen. Vielleicht ist das der Lauf der Dinge: Wo früher Stahl verschweißt wurde, werden künftig Algorithmen trainiert. Fortschritt bedeutet eben manchmal, dass das Geräusch der Presswerke durch das leise Summen klimatisierter Serverräume ersetzt wird.

Der Mythos vom ewigen Wachstum

Das eigentlich Faszinierende an der aktuellen Lage ist weniger die Zahl der Milliarden als die Erkenntnis, dass selbst ein Gigant wie Volkswagen plötzlich wirkt wie ein Unternehmen, das zum ersten Mal verstanden hat, dass Geschichte kein Garant für Zukunft ist. Jahrzehntelang lebte die deutsche Autoindustrie von der beruhigenden Annahme, Ingenieurskunst sei eine Art Naturgesetz – ähnlich verlässlich wie die Schwerkraft.

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Doch nun drängen neue Wettbewerber auf den Markt, viele davon mit der beneidenswerten Freiheit, keine jahrzehntealten Strukturen mitschleppen zu müssen. Sie bauen keine Imperien um; sie erfinden sie neu. Und währenddessen entdeckt der etablierte Konzern die radikale Idee, dass Effizienz vielleicht doch mehr ist als ein hübsches Kapitel im Geschäftsbericht.

Schluss mit Pathos, hinein in die Realität

Am Ende bleibt die leise, beinahe philosophische Frage: Ist dieser Sparkurs ein Zeichen der Schwäche – oder schlicht der verspäteten Nüchternheit? Vielleicht beides. Große Organisationen bewegen sich selten aus Einsicht; meist bewegen sie sich, weil Stillstand plötzlich teurer wird als Veränderung.

Man sollte dabei nicht vergessen, dass Konzerne keine Gefühle haben, wohl aber Gewohnheiten. Und Gewohnheiten abzulegen, ist bekanntlich schwer – selbst wenn man 60 Milliarden Gründe dafür hat.

So steht Volkswagen nun da wie ein alter Monarch, der gelernt hat, dass auch Kronen gelegentlich eingeschmolzen werden müssen, um neues Geld zu prägen. Die Zukunft des Automobils wird leiser, digitaler, unberechenbarer sein. Ob der Traditionsriese dabei elegant die Kurve nimmt oder kurz ins Schleudern gerät, wird sich zeigen.

Bis dahin bleibt uns nur, dem Schauspiel mit jener Mischung aus Skepsis und Schadenfreude zuzusehen, die man traditionell für sehr große Institutionen reserviert. Denn nichts ist unterhaltsamer als ein Gigant, der plötzlich entdeckt, dass auch er auf Diät gesetzt werden kann – und dass der Gürtel der Realität meist ein Loch enger geschnallt werden muss, als es die Komfortzone vorsieht.

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