Es gab einmal einen Kontinent, der sich selbst für den aufgeklärten Mittelpunkt der Welt hielt — ein geopolitisches Versailles der guten Absichten, beheizt von moralischer Überlegenheit und gespeist von der festen Überzeugung, man könne Geschichte durch Pressemitteilungen ersetzen. Dieser Kontinent hieß Europäische Union, und er war so überzeugt von seiner normativen Strahlkraft, dass er glaubte, Energie sei letztlich auch nur eine Frage der richtigen Haltung. Man konnte sich beinahe vorstellen, wie die Heizkörper in Brüssel allein durch Resolutionen warm wurden. Doch dann kam der Februar 2022, und plötzlich stellte sich heraus, dass Thermodynamik eine härtere Währung ist als Wertekommunikation.
Vierzig Prozent des europäischen Erdgases kamen aus Russland — eine Zahl, die im Nachhinein klingt wie der Aufbau eines besonders vorhersehbaren dritten Aktes in einer Tragödie. Einige Staaten hingen mit bis zu achtzig Prozent am Tropf aus Moskau; eine Abhängigkeit, die man wohl nur dann übersieht, wenn man Energiepolitik für eine Unterabteilung der politischen Lyrik hält. Deutschland wiederum hatte sich mit der Akribie eines Ingenieurs und der Naivität eines romantischen Dichters in eine Lage manövriert, in der Pipeline-Routen zu emotionalen Lebensadern wurden. Man sprach von Wandel durch Handel, als sei Geopolitik ein Paartherapie-Seminar und Wladimir Putin ein etwas schwieriger, aber grundsätzlich dialogbereiter Beziehungspartner.
Und dann marschierten Panzer.
Plötzlich entdeckte Europa, dass ein aggressiver Nachbar nicht automatisch kooperativer wird, nur weil man ihm zuverlässig Milliarden überweist. Die Entkopplung begann — ein Wort, das so technokratisch klingt, als handele es sich um das Abnehmen eines USB-Sticks, nicht um die hektische Umgestaltung eines ganzen Kontinents. Terminals mussten gebaut werden, Lieferketten neu gedacht, politische Gewissheiten entsorgt. Man sah Politiker mit ernsten Gesichtern vor schwimmenden LNG-Terminals stehen, als hätten sie gerade das Feuer neu erfunden.
Doch kaum hatte Europa sich aus der einen Abhängigkeit befreit, trat es mit bemerkenswerter Effizienz in die nächste hinein.
Freiheit, Fracking und die freundliche Umarmung des Marktes
Enter: die Vereinigten Staaten — jenes Land, das Europa jahrzehntelang mit einer Mischung aus Bewunderung, Herablassung und Netflix-Abonnements betrachtet hatte. Amerika erschien nun nicht mehr nur als kultureller Exportweltmeister, sondern auch als energetischer Rettungsschwimmer mit Fracking-Bohrturm statt Rettungsring. Flüssiggas wurde über den Atlantik geschickt, und Europa kaufte mit der Begeisterung eines Menschen, der gerade bemerkt hat, dass Ideale sich schlecht verbrennen lassen.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Ein erheblicher Anteil der europäischen Energieimporte stammt inzwischen aus den USA. Der Markt, dieses alte neoliberale Orakel, hatte entschieden, dass Moleküle keine Ideologie kennen — sie folgen dem Preis. Und so floss amerikanisches LNG nach Europa, während man sich in Brüssel bemühte zu erklären, dies sei natürlich keine neue Abhängigkeit, sondern eine „strategische Diversifizierung“. Diversifizierung scheint in der politischen Semantik ungefähr das zu bedeuten, was „kalorienreduziert“ in der Lebensmittelindustrie bedeutet: Man fühlt sich besser, obwohl die Substanz erstaunlich ähnlich bleibt.
Natürlich sind die Vereinigten Staaten kein wohltätiger Energieverein. Sie verkaufen Gas aus exakt demselben Grund, aus dem Bäckereien Brot verkaufen: weil es Geld einbringt. Dass dabei geopolitische Einflusssphären stabilisiert werden, ist ein angenehmer Nebeneffekt — jedenfalls aus Washingtoner Perspektive. Europa hingegen entdeckt gerade, dass strategische Partnerschaft oft bedeutet, Rechnungen in Dollar zu begleichen.
Donald Trump und die Wiederkehr der unhöflichen Klarheit
In diesem Schauspiel betritt eine Figur die Bühne, die man in Europa besonders liebt — allerdings bevorzugt als Karikatur: Donald Trump. Trump hat die irritierende Eigenschaft, Dinge auszusprechen, die andere US-Präsidenten höflich verpackten. Wo frühere Administrationen von „gemeinsamen Interessen“ murmelten, spricht er gern von Deals. Für europäische Ohren klingt das ungefähr so elegant wie ein Presslufthammer in einer Bibliothek, aber es hat den Vorzug der Verständlichkeit.
Sollte Washington unter einer trumpistisch geprägten Politik seine Interessen robuster formulieren, könnte Europa feststellen, dass transatlantische Freundschaft nicht notwendigerweise Rabatt bedeutet. Amerika schützt seine Industrien, subventioniert seine Energiewirtschaft und erwartet Loyalität — eine Kombination, die in Brüssel ungefähr so viel Begeisterung auslöst wie eine neue Datenschutzverordnung, nur ohne die tröstliche Illusion regulatorischer Kontrolle.
Man könnte das imperial nennen, wenn man das Wort nicht so gern für andere verwendet hätte. Tatsächlich handelt es sich schlicht um Großmachtverhalten, jenes altmodische Konzept, das Europa nach 1945 zunehmend für überwunden hielt — vermutlich, weil andere es praktizierten.
Deutschland, die Kunst des wohlmeinenden Irrtums
Deutschland verdient in dieser Geschichte eine besondere Erwähnung, denn kaum ein Land hat energiepolitische Hoffnung so konsequent mit geopolitischem Optimismus verwechselt. Man setzte gleichzeitig auf den Ausstieg aus der Kernenergie, auf russisches Gas als Brückentechnologie und auf die langfristige Rettung durch erneuerbare Energien — ein energiepolitisches Triptychon, das in der Theorie wie ein Meisterwerk wirkte und in der Praxis eher an ein sehr ambitioniertes Improvisationstheater erinnerte.
Als die Realität anklopfte, reagierte man mit jener Mischung aus Schock und organisatorischer Höchstleistung, die Deutschland eigen ist: Innerhalb erstaunlich kurzer Zeit wurden LNG-Terminals geplant, genehmigt und gebaut — ein Vorgang, der unter normalen Umständen etwa so lange gedauert hätte wie der Bau einer mittelalterlichen Kathedrale.
Doch Geschwindigkeit hat ihren Preis. Wer schnell kauft, kauft selten billig. Europa zahlte zeitweise ein Vielfaches der amerikanischen Inlandspreise für Gas, was ungefähr so wirkte, als würde man im Restaurant das Dreifache bezahlen, während der Koch nebenan selbst zum halben Preis speist.
Strategische Autonomie — das Einhorn der Brüsseler Mythologie
Brüssel spricht gern von „strategischer Autonomie“. Das klingt großartig, beinahe heroisch, wie ein Marvel-Film mit besonders vielen Gipfeltreffen. In der Realität jedoch zeigt sich Autonomie erstaunlich empfindlich gegenüber fehlenden Ressourcen, militärischen Kapazitäten und einheitlicher Außenpolitik.
Europa ist ein wirtschaftlicher Gigant, ein regulatorischer Titan und ein militärischer Zwerg mit gelegentlichen Wachstumsschmerzen. Es kann festlegen, wie krumm eine Gurke sein darf, aber wenn es um harte Macht geht, ruft es reflexhaft in Washington an — vermutlich auf Kurzwahl.
Die bittere Pointe lautet: Abhängigkeiten verschwinden nicht; sie ändern nur ihre Richtung. Früher blickte man nervös nach Osten, heute schaut man etwas zu aufmerksam nach Westen. Der Unterschied ist politisch angenehmer, aber strukturell weniger revolutionär, als man öffentlich beteuert.
Der Markt hat keine Freunde, nur Kunden
Vielleicht liegt die eigentliche satirische Wahrheit darin, dass Europa jahrelang predigte, Märkte seien rational und entpolitisiert — bis es merkte, dass Energie einer der politischsten Märkte überhaupt ist. Moleküle reisen entlang von Machtachsen. Pipelines sind eingefrorene Außenpolitik.
Die Vereinigten Staaten handeln nicht gegen Europa; sie handeln für sich selbst. Russland tat es ebenso, nur weniger subtil. Der Unterschied liegt weniger in der Logik als in der Verlässlichkeit — ein Umstand, den Investoren bekanntermaßen schätzen.
Europa wiederum entdeckt gerade eine unbequeme Lektion: Moral ist ein hervorragender Kompass, aber ein miserabler Generator.
Epilog im Licht der Energiesparlampe
Und so sitzt der alte Kontinent nun zwischen Selbstironie und Selbstbehauptung, wickelt sich in LNG-Verträge und träumt weiterhin von der großen grünen Transformation, die ihn eines Tages unabhängig machen soll — klimaneutral, geopolitisch souverän und möglichst ohne unangenehme Rechnungen. Man wünscht es ihm aufrichtig.
Bis dahin jedoch bleibt Europa ein wenig wie ein wohlhabender Intellektueller, der festgestellt hat, dass Strom nicht aus der Steckdose kommt, sondern aus komplizierten globalen Beziehungen. Die Vereinigten Staaten haben Europa nicht überflügelt, weil sie raffinierter wären, sondern weil sie nie aufgehört haben, Macht als etwas sehr Reales zu betrachten.
Vielleicht besteht Europas größte Hoffnung darin, endlich denselben Realismus zu entwickeln — ohne dabei seinen Humor zu verlieren. Denn wenn man schon abhängig ist, sollte man wenigstens die Fähigkeit besitzen, über die eigene Überraschung zu lachen. Und wer weiß: Vielleicht ist genau dieses ironische Bewusstsein der erste Schritt zur tatsächlichen Autonomie.
Bis dahin empfiehlt es sich, die Heizkörper im Auge zu behalten. Ideale brennen nämlich schlecht.