Der Konstruktionsfehler als Weltprinzip

Es gibt Institutionen, die scheitern an der Wirklichkeit. Und es gibt Institutionen, die sind bereits an ihrer Konstruktion gescheitert und halten sich nur noch durch eine Mischung aus Pathos, Protokoll und PowerPoint am Leben. Zu letzteren zählen zweifellos die Vereinte Nationen, jenes monumentale Friedensversprechen in Glasfassadenoptik, das sich selbst so ernst nimmt, dass es für Ironie keinerlei Zuständigkeit vorsieht. Ihr „Geburtsfehler“, so wird nun wieder mit dramatischer Geste konstatiert, sei das Vetorecht. Man muss sich das vorstellen: Eine Organisation, die geschaffen wurde, um die Menschheit vor sich selbst zu retten, hat in ihr Fundament eine eingebaute Blockade eingebaut – wie ein Feuerwehrauto mit Handbremse aus Prinzip. Und jedes Mal, wenn irgendwo die Welt brennt, erhebt sich die Handbremse in staatsmännischer Würde und erklärt, sie sehe sich leider außerstande, loszulassen.

Der Sicherheitsrat als Theaterbühne

Im Zentrum dieses wohltemperierten Stillstands thront der UNO-Sicherheitsrat, das mächtigste Gremium der Weltpolitik, das mit der Grazie eines antiken Chors die Tragödien kommentiert, die es nicht verhindert. Fünf ständige Mitglieder mit Vetorecht – eine Art geopolitischer Adel – entscheiden darüber, ob Empörung in Resolutionen gegossen oder in die Ablage „bedauerlich“ verschoben wird. Das Vetorecht, heißt es nun, gehöre „längst abgeschafft“. Ein bemerkenswerter Gedanke: Man möchte einer Hand die Macht nehmen, indem man sie bittet, sich selbst die Finger zu amputieren. Die Geschichte legt nahe, dass Großmächte selten zur Selbstentmachtung neigen, es sei denn, sie haben sich gerade verkalkuliert.

Die Idee einer vom Sicherheitsrat autorisierten Militäraktion gegen den Iran wird dabei in einem Ton vorgetragen, der zwischen moralischer Entrüstung und strategischem Pragmatismus changiert. Die massive Unterdrückung der Opposition, die blutige Niederschlagung von Protesten – selbstverständlich, so wird betont, hätte all das „natürlich“ ein Anlass sein können. Dieses „natürlich“ ist von jener Sorte, die mit hochgezogener Augenbraue gesprochen wird: natürlich im Sinne von „wenn die Welt so funktionierte, wie sie sollte“, was sie bekanntlich nicht tut, alldieweil sie von Staaten bevölkert wird, die ihre Interessen höher gewichten als ihre Ideale.

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Das Völkerrecht als Wunschkonzert

„Wenn das Völkerrecht wirklich vernünftig angewandt würde“, lautet die Klage, „hätte es schon längst eine autorisierte Aktion gegeben.“ Das Völkerrecht erscheint hier als eine Art missverstandene Gebrauchsanweisung: Eigentlich steht alles drin, man müsste es nur lesen – und befolgen. Doch das Völkerrecht ist kein Thermomix, den man auf Stufe drei stellt und dann kommt am Ende Frieden heraus. Es ist ein Vertragssystem, das auf Zustimmung beruht, und Zustimmung ist in der Weltpolitik ungefähr so verlässlich wie Aprilwetter.

Zunächst Sanktionen, später „begrenzte Militärschläge“ – die semantische Eleganz dieser Eskalationsleiter ist bemerkenswert. „Begrenzt“ ist eines jener Wörter, die in der internationalen Politik eine erstaunliche Elastizität besitzen. Begrenzt kann heißen: zeitlich, räumlich, moralisch oder im Nachhinein rhetorisch. Man bombardiert ein bisschen, um zu zeigen, dass man es ernst meint, aber nicht zu ernst, damit niemand das Gleichgewicht der großen Interessen durcheinanderbringt. Es ist die Quadratur des Kreises in Tarnfarben.

Die moralische Geometrie der Selbstverteidigung

Und dann jener paradoxe Dreh: Trotz aller Menschenrechtsverletzungen habe das angegriffene Regime „das legitime Recht zur Selbstverteidigung“. Hier wird die Tragikomödie des Systems besonders deutlich. Ein Staat kann seine eigene Bevölkerung unterdrücken und gleichzeitig völkerrechtlich geschütztes Subjekt sein. Das ist kein Zynismus, sondern Systemlogik. Souveränität ist kein Gütesiegel für Tugend, sondern eine Eintrittskarte in den Club der Gleichberechtigten. Das Völkerrecht schützt Staaten, nicht Heilige.

Die Empörung darüber wirkt bisweilen wie die Entrüstung eines Zuschauers, der sich wundert, dass Schachfiguren sich an die Regeln halten, obwohl doch gerade jemand unfair spielt. Doch die Regeln sind genau dafür da: um auch den Unfairen einen Platz auf dem Brett zu garantieren. Wer sie außer Kraft setzen will, um Gerechtigkeit zu erzwingen, steht sofort unter dem Verdacht, selbst die Spielordnung zu sprengen. So entsteht jenes moralische Dilemma, das man wahlweise Tragödie oder Realpolitik nennt.

Achtzig Jahre Hoffnung ohne Hausmeister

Besonders charmant ist der Verweis darauf, dass es achtzig Jahre nach Gründung der Vereinten Nationen noch immer „keine stehenden UNO-Truppen“ gebe, obwohl die Charta sie vorsehe. Man muss sich das bildlich vorstellen: In der Satzung steht irgendwo ein Absatz, der von einer Art globaler Feuerwehr träumt, und seit Jahrzehnten geht niemand ans Telefon. Die Idee einer ständig einsatzbereiten Welttruppe klingt nach einem wohlgeordneten Planeten, auf dem Konflikte administrativ gelöst werden wie Falschparken. Doch wer soll diese Truppe kontrollieren? Wer schickt sie wohin? Und vor allem: Wer akzeptiert, dass sie auch vor der eigenen Haustür parken könnte?

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Der „Geburtsfehler“ liegt womöglich weniger im Vetorecht als in der Annahme, man könne Macht durch Papier bändigen. Die Charta ist ein Meisterwerk diplomatischer Prosa, aber sie ersetzt keine Einigkeit. Sie ist ein Versprechen, das immer wieder erneuert wird, während man gleichzeitig erklärt, warum es gerade diesmal nicht eingelöst werden kann.

Die ewige Reform als Beruhigungstablette

Natürlich wird der Kreis der ständigen Mitglieder regelmäßig zur Disposition gestellt. Man könne ihn erweitern, gerechter gestalten, repräsentativer. Eine Art geopolitisches Casting, bei dem neue Mächte hoffen dürfen, irgendwann selbst mit veto-geschmücktem Thron ausgestattet zu werden. Doch auch hier gilt: Wer bereits sitzt, rückt selten freiwillig zusammen. Reformdebatten haben deshalb etwas Therapeutisches. Man spricht über Veränderung, um nicht an der Unveränderlichkeit zu verzweifeln.

So bleibt am Ende ein System, das gleichzeitig unverzichtbar und unzulänglich ist. Man kritisiert es, weil es nicht handelt, und fürchtet es, wenn es handelt. Man ruft nach Autorisierung und beklagt die Blockade. Man fordert Moral und akzeptiert Macht. Die Vereinten Nationen sind damit weniger ein gescheitertes Projekt als ein Spiegel der Welt, die sie ordnen sollen: widersprüchlich, selbstbezogen, von hohen Idealen beseelt und von handfesten Interessen gesteuert.

Der „Geburtsfehler“ ist vielleicht kein Fehler, sondern eine ehrliche Diagnose. Eine Weltorganisation, die auf Souveränität basiert, kann nicht über Souveränität hinwegregieren. Sie kann mahnen, sanktionieren, moderieren – und scheitern. Wer mehr will, muss mehr riskieren: nämlich die Bereitschaft der Staaten, Macht tatsächlich zu teilen. Bis dahin bleibt der Sicherheitsrat eine Bühne, auf der die Großmächte ihre Rollen spielen, während draußen die Geschichte weiterschreibt. Und das Publikum – also wir – schwankt zwischen Empörung und Resignation, stets in der Hoffnung, dass beim nächsten Akt vielleicht doch noch jemand die Handbremse löst.

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