Der Kirtag als Feindbild und die Kunst, sich selbst zu verachten

Es bedarf einer gewissen intellektuellen Akrobatik, um aus einem Wiener Kirtag – also aus Wein, Musik, Menschen und jener schwer definierbaren Mischung aus Gemütlichkeit und leichtem Kontrollverlust – eine „kulturfremde Invasion“ zu destillieren, und doch gelingt genau dieses Kunststück mit bemerkenswerter Eleganz. Nicht etwa, weil die Realität es hergäbe, sondern weil der Blick längst gelernt hat, das Eigene nur noch dann ernst zu nehmen, wenn es zuvor als Problem markiert wurde. Die Pointe ist so kühn wie unerquicklich: Nicht der Fremde kommt, sondern der Wiener selbst – und das offenbar in einer Weise, die bereits als Übergriff auf die eigene Stadt gewertet werden muss. Man steht also vor der paradoxen Situation, dass die Bevölkerung sich selbst kolonisiert, gewissermaßen eine Invasion im Spiegel veranstaltet, während das Feuilleton mit strengem Blick protokolliert, wie die eigene Kultur dabei ertappt wird, sie selbst zu sein.

Die moralische Überhöhung der Abneigung

Der Tonfall verrät mehr als der Inhalt: Hier spricht nicht bloß Kritik, sondern ein tief eingeübtes Unbehagen gegenüber allem, was nicht durch einen Filter aus Distanz und Ironie gegangen ist. Das Unmittelbare, das Ungebrochene, das Unverkrampfte – es gilt als verdächtig, als latent peinlich, als etwas, das dringend dekonstruiert werden muss, bevor es noch jemand unironisch genießt. Der Kirtag wird so zum idealen Feindbild, weil er sich der theoretischen Veredelung hartnäckig entzieht; er ist zu laut, zu direkt, zu wenig reflektiert, um in das Raster einer Haltung zu passen, die sich vor allem über ihre Abgrenzung definiert. Also bleibt nur die Flucht nach vorne: Man erklärt das Ganze zur „Invasion“, versieht es mit einem Hauch kulturkritischer Dramatik und erhebt die eigene Abneigung zur moralischen Position. Was früher schlicht als „nicht mein Geschmack“ durchgegangen wäre, tritt nun im Gewand einer gesellschaftlichen Diagnose auf, geschniegelt und geschniegelt, aber nicht unbedingt klüger.

Selbstverachtung als Distinktionsmerkmal

Woher kommt dieser auffällige Reflex, das Eigene zuerst zu problematisieren, bevor man es überhaupt beschreibt? Eine mögliche Antwort liegt in einer Form der kulturellen Selbstverachtung, die sich als aufgeklärte Haltung tarnt. Wer zeigt, dass er das Vertraute kritisch sieht, signalisiert Zugehörigkeit zu einem Milieu, das sich über Distanz definiert; Nähe gilt als naiv, Identifikation als verdächtig, und Begeisterung ohnehin als intellektuelles Risiko. Also wird das, was ist, vorsorglich infrage gestellt – nicht weil es zwingend nötig wäre, sondern weil es erwartet wird. Der Kirtag wird so zum Prüfstein der eigenen Haltung: Wer ihn einfach als das nimmt, was er ist, hat bereits verloren; wer ihn hingegen als Symptom einer tieferliegenden Problematik liest, darf sich im Spiegel der eigenen Urteilskraft gefallen. Dass dabei ausgerechnet die eigene Kultur zum Objekt der Abwertung wird, ist kein Unfall, sondern Teil des Spiels: Selbstkritik als Selbstzweck, bis zur Unkenntlichkeit überzogen.

Die Lust am großen Wort

Es ist kein Zufall, dass Begriffe wie „Invasion“ in diesem Kontext so großzügig verteilt werden. Sie verleihen dem Text eine Dringlichkeit, die er aus der Sache selbst nicht beziehen könnte, und erzeugen ein Gefühl von Bedeutung, wo eigentlich nur Beschreibung nötig wäre. Das große Wort ersetzt die nüchterne Beobachtung, die Übertreibung die Differenzierung. Man könnte fast meinen, es handle sich um eine Art sprachlichen Inflationsmechanismus: Je weniger Substanz ein Phänomen für sich beanspruchen kann, desto größer müssen die Begriffe sein, mit denen es bedacht wird. Der Kirtag wird damit nicht erklärt, sondern überformt; er dient als Projektionsfläche für eine Erzählung, die mit ihm nur am Rande zu tun hat, aber umso mehr über jene aussagt, die sie erzählen.

Ansteckend ist vor allem die Pose

Die eingangs gestellte Frage nach dem Ansteckenden lässt sich nüchtern beantworten: Ansteckend ist weniger eine konkrete Haltung als vielmehr die Pose, die sie begleitet. Es ist die Haltung des distanzierten Beobachters, der sich demonstrativ vom Gegenstand seiner Betrachtung entfernt, um ihn umso schärfer kritisieren zu können. Diese Pose verbreitet sich, weil sie Sicherheit verspricht; wer sie einnimmt, läuft nicht Gefahr, mit dem Kritisierten verwechselt zu werden. Und so entsteht ein Kreislauf, in dem das Eigene immer wieder neu als problematisch markiert wird, weil genau darin die Eintrittskarte in einen bestimmten Diskurs liegt. Der Preis ist eine wachsende Entfremdung von der eigenen Lebenswelt, die irgendwann nur noch durch die Brille ihrer angeblichen Defizite wahrgenommen wird.

Schluss ohne Trost, aber mit Klarheit

Am Ende bleibt ein schaler Eindruck: Nicht, weil ein Kirtag beschrieben wurde, sondern weil er als Anlass diente, eine altbekannte Geste zu wiederholen – jene der demonstrativen Abwertung des Eigenen. „Geht’s noch?“, lautet die Frage, und sie richtet sich weniger an das Ereignis als an seine Deutung. Vielleicht wäre es tatsächlich ein Fortschritt, das Naheliegende gelegentlich einfach stehen zu lassen, ohne es sofort in eine größere Problemerzählung zu überführen. Doch das würde bedeuten, auf die wohlfeile Pointe zu verzichten, auf das große Wort, auf die sichere Distanz. Und genau darin scheint die eigentliche Zumutung zu liegen: dass man etwas gelten lässt, ohne es zuvor kleinzureden. Ein Gedanke, der im gegenwärtigen Diskursklima fast schon subversiv wirkt.