Der heroische Stillstand

Stell dir vor: Ein halbes Jahrhundert lang schultert eine Zivilisation die moralische Last der Weltgeschichte wie ein besonders pflichtbewusster Atlas mit Bandscheibenvorfall. Fünfzig Jahre lang wird gemahnt, konferiert, reguliert, subventioniert, verboten, umgebaut, abgeschafft, umbenannt und neu etikettiert. Fünfzig Jahre, in denen Ministerien wachsen wie Algenblüten im eutrophierten See der guten Absichten. Man verbietet Glühlampen – diese warmen, altmodischen Sonnen in Glasform – und ersetzt sie durch Leuchtkörper, die aussehen, als hätte ein Zahnarzt gemeinsam mit einem Ingenieur für Bürolüftungen eine Designvision gehabt. Man schließt Steinkohlegruben, die noch bis vor kurzem als stolze Kathedralen der Industriegeschichte galten, und erklärt Erdgas kurzerhand vom Brückenträger zum fossilen Bösewicht. Parallel dazu findet im globalen Konferenzzirkus ein Dauerfestival der moralischen Dringlichkeit statt: Klimagipfel reiht sich an Klimagipfel, Delegationen reisen im klimatisierten Jet in immer exotischere Städte, um dort in perfekt temperierten Sälen über die Dramatik der globalen Erwärmung zu beraten, während draußen der Champagner in den Empfangshallen klimaneutral per CO₂-kompensiertem Korken knallt.

Und weil das alles noch nicht genügt, schreibt man das Klimaziel gleich in die Verfassung – jene heilige Schrift moderner Staaten, die früher einmal Bürgerrechte enthielt und nun ergänzt wird um Temperaturziele, als handele es sich um ein Thermostat für die Republik. Milliarden fließen, dann Hunderte Milliarden, dann Billionen – vorzugsweise auf Pump, denn die Zukunft ist schließlich klimaneutral, also wird sie auch die Rechnung begleichen. Man nennt das Ganze „Große Transformation“, was angenehm nach Geschichtsphilosophie klingt und weniger nach industrieller Selbstverzwergung. Fabriken schließen, Energiepreise steigen, Lieferketten knirschen, die Wirtschaft schrumpft ein wenig wie ein Wollpullover nach zu heißer Wäsche – doch alles im Namen des höheren Ziels. Degrowth wird zur moralischen Tugend erklärt: Weniger Wachstum, weniger Produktion, weniger Wohlstand, dafür mehr Bewusstsein, mehr Narrative, mehr Paneldiskussionen.

Die religiöse Ökonomie der guten Absichten

Man darf sich das nicht zu profan vorstellen. In Wahrheit ist diese Ära eine Art säkularer Bußbewegung. Die Menschheit – genauer gesagt: ein bestimmter, hochmoralischer Teil der Menschheit – hat beschlossen, für die industrielle Erbsünde zu büßen. Früher pilgerte man nach Santiago de Compostela, heute pilgert man nach Dubai, Glasgow oder Sharm el-Sheikh zur Klimakonferenz. Früher kaufte man Ablassbriefe, heute CO₂-Zertifikate. Früher versprach man dem Himmel ein frommes Leben, heute verspricht man dem Planeten Netto-Null bis 2045, 2040, 2035 – je nach politischem Kalender.

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Die Wirtschaft wird dabei zur moralischen Theaterbühne. Jede Kilowattstunde bekommt eine Gewissensdimension. Jede Flugreise wird zur kleinen theologischen Prüfung. Unternehmen veröffentlichen Nachhaltigkeitsberichte, die dicker sind als frühere Geschäftsberichte und ungefähr denselben Wahrheitsgehalt haben wie höfische Memoiren des 18. Jahrhunderts: viel Rhetorik, wenig Realität. Ganze Industrien entstehen, die nichts produzieren außer Klimarechtfertigungen: ESG-Ratings, Nachhaltigkeitsberatung, CO₂-Buchhaltung, Klimarisikoanalysen. Es ist eine neue Ökonomie des guten Gewissens, deren wichtigste Ressource nicht Energie ist, sondern moralische Selbstvergewisserung.

Der Bürger, früher einmal Konsument genannt, wird zum liturgischen Teilnehmer. Er sortiert Müll in immer mehr farbige Tonnen, kauft „klimaneutrale“ Produkte, fährt Elektroauto mit Strom aus einem Netz, das irgendwo hinter den Kulissen noch immer Kohle, Gas, Atom oder Importe verbrennt, und fühlt sich dabei wie ein kleiner Held der planetaren Rettungsmission. Politik wiederum präsentiert jede neue Verordnung als moralische Großtat. Dass der Strompreis inzwischen die Aura eines Luxusguts angenommen hat, gilt als notwendige Prüfung auf dem Weg zur klimatischen Erlösung.

Die planetarische Gleichgültigkeit

Und dann, nach fünfzig Jahren dieser epischen Selbstverpflichtung, geschieht etwas höchst Unhöfliches: nichts.

Die Welt – dieses störrische physikalische System mit Milliarden Menschen, hunderten Staaten und einer gewissen Vorliebe für Energie – zeigt sich von der moralischen Dramatik erstaunlich unbeeindruckt. Während ein Teil der Welt sich in ambitionierten Dekarbonisierungsplänen übt, baut ein anderer Teil Kohlekraftwerke, als seien sie Ikea-Regale. Energieverbrauch steigt. Emissionen steigen oder stagnieren bestenfalls kurz, um anschließend wieder aufzustehen wie ein besonders zäher Hefeteig. Die globale Industrieproduktion wächst dort, wo sie wachsen will: in Asien, Afrika, Lateinamerika – also genau dort, wo man es sich leisten kann, Wachstum noch als Fortschritt zu betrachten und nicht als moralisches Problem.

Die Atmosphäre wiederum führt ihr eigenes, völlig unpolitisches Leben. Sie kennt keine Parlamentsbeschlüsse, keine Gipfelkommuniqués, keine ambitionierten Zielpfade. Sie reagiert auf Physik, nicht auf Pressemitteilungen. Und so könnte man sich vorstellen – rein hypothetisch natürlich –, dass nach fünf Jahrzehnten heroischer Selbstbeschränkung ein nüchterner Beobachter auf die globale Kurve blickt und feststellt: Der Planet hat den moralischen Eifer einiger Regionen mit der Gelassenheit eines alten Katers quittiert, der sich vom hektischen Treiben der Mäuse nicht weiter stören lässt.

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Die Ironie der großen Transformation

Die eigentliche Pointe liegt jedoch nicht einmal darin, dass sich wenig ändert. Die eigentliche Pointe ist die Diskrepanz zwischen Pathos und Wirkung. Nie zuvor hat eine politische Bewegung ihre Ziele mit derart apokalyptischer Rhetorik versehen: Die Rettung des Planeten, das Überleben der Menschheit, der letzte Kampf gegen den Hitzetod. Gleichzeitig hat nie zuvor eine Politik so konsequent die eigenen wirtschaftlichen Grundlagen verkompliziert, verteuert und teilweise demontiert – in der Hoffnung, dadurch ein globales Problem zu lösen, das global koordiniert werden müsste, aber politisch höchst ungleich verteilt ist.

Das Ergebnis erinnert an eine Art tragikomische Oper: Auf der Bühne singt ein Chor aus Aktivisten, Politikern und Nachhaltigkeitsberatern mit großer Inbrunst von der Dekarbonisierung, während hinter der Bühne der Rest der Welt die industrielle Produktion hochfährt und freundlich darauf hinweist, dass Energie nun einmal die Grundbedingung von Entwicklung ist. Der Chor wird immer lauter, die Subventionen immer größer, die Ziele immer ehrgeiziger – und die globale Kurve verläuft weiterhin in ihrer stoischen, leicht ansteigenden Diagonale.

Der Triumph der Symbolpolitik

Am Ende bleibt vielleicht der Verdacht, dass ein großer Teil dieser historischen Anstrengung weniger mit Physik als mit Psychologie zu tun hat. Politik liebt sichtbare Gesten: Verbote, Programme, Strategien, Transformationen. Sie liebt große Worte, weil große Worte den Eindruck erwecken, man habe die Welt im Griff. Die Atmosphäre dagegen ist notorisch unbeeindruckt von moralischen Narrativen. Sie reagiert nur auf Mengen.

Und so könnte die Zukunft eines Tages auf diese Epoche zurückblicken wie auf ein besonders ehrgeiziges Theaterstück der Menschheit: eine Zeit, in der ganze Gesellschaften versuchten, mit moralischem Pathos, regulatorischer Kreativität und finanzieller Selbstüberforderung ein globales System zu verändern, das sich nicht besonders für nationale Tugendprojekte interessierte.

Der Planet wird sich davon vermutlich nicht besonders beeindruckt zeigen. Aber immerhin wird er sagen können, dass wir es versucht haben – mit Konferenzen, Verfassungsartikeln, Förderprogrammen und einem erstaunlichen Talent, die Welt retten zu wollen, ohne sie vorher wirklich verstanden zu haben. Und wenn das kein Stoff für eine Satire ist, dann weiß die Geschichte wirklich nicht mehr, was Ironie bedeutet.

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