Der Guru im Schrumpfungsparadies

Es gehört zu den liebenswerten Eigentümlichkeiten politischer Parteien, dass sie mitunter genau jene Eigenschaften kultivieren, die sie zuverlässig ins historische Abseits führen. Bei der SPÖ scheint sich dieses Talent derzeit in der Figur ihres Vorsitzenden zu verdichten, der — zumindest in der Wahrnehmung seiner Kritiker — mit der stoischen Ruhe eines Kapitäns auf einem sinkenden Schiff steht und dabei vor allem darauf achtet, dass niemand ihm das Steuerrad entreißt. Dass das Wasser bereits knietief durch den Ballsaal schwappt, wird dabei als bloßes atmosphärisches Detail behandelt, ungefähr so relevant wie die Farbe der Tischdecken beim Untergang der Titanic. Denn was ist schon ein bisschen Schrumpfung gegen das erhebende Gefühl, die letzte Instanz zu sein, die über Kurs und Kollisionswinkel entscheidet?

Man könnte fast meinen, hier wirke weniger der nüchterne Funktionär als vielmehr der Hohepriester einer kleinen, sehr entschlossenen Glaubensgemeinschaft. In solchen Gemeinschaften ist Zweifel keine Tugend, sondern ein Betriebsunfall; Widerspruch wird nicht diskutiert, sondern pastoral betreut, bis er von selbst verstummt. Die Partei wird zur Gemeinde, das Programm zur Offenbarung, und wer nicht daran glaubt, hat vermutlich die falsche Liturgie gelesen. Es ist diese eigentümliche Mischung aus Sendungsbewusstsein und Resistenz gegenüber Realitätskorrekturen, die Beobachter gelegentlich an jene Sektenführer erinnert, die auch dann noch vom baldigen Triumph sprechen, wenn sich die Anhängerschaft bereits im Telefonzellenformat organisiert.

Die Kunst, sich selbst im Weg zu stehen

Politik verlangt bekanntlich die seltene Fähigkeit, gleichzeitig Prinzipien zu besitzen und Mehrheiten zu gewinnen — eine Kombination, die ungefähr so schwer zu balancieren ist wie ein rohes Ei auf einem Trampolin. Wer jedoch das Prinzipielle so sehr liebt, dass er Mehrheiten eher als lästige Störung empfindet, betreibt eine besonders reine Form der politischen Askese. Der Wähler wird dann nicht mehr umworben, sondern pädagogisch betrachtet: als jemand, der die Größe der angebotenen Wahrheiten schlicht noch nicht erkannt hat. Sollte er weiterhin hartnäckig anderer Meinung sein, bestätigt das nur, wie notwendig diese Wahrheiten sind.

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So verwandelt sich strategische Flexibilität in ideologische Standfestigkeit, und Niederlagen werden zu einer Art moralischem Fitnessprogramm umgedeutet. Je kleiner die Partei, desto unverdächtiger ist sie schließlich, opportunistisch geworden zu sein. In dieser Logik wäre Zwergengröße kein Problem, sondern beinahe ein Qualitätsmerkmal — politischer Minimalismus als Gegenentwurf zur massentauglichen Beliebigkeit. Dass man auf diese Weise irgendwann weniger eine Volkspartei als eine gut organisierte Diskussionsrunde darstellt, wird mit einem Schulterzucken quittiert: Lieber recht behalten als viele sein.

Der Charme des Unbeirrbaren

Nun hat Unbeirrbarkeit zweifellos ihren Reiz. Sie wirkt entschlossen, fast heroisch, besonders in einer Zeit, in der viele Politiker ihre Positionen häufiger wechseln als andere ihre Streaming-Abos. Doch zwischen Haltung und Starrsinn verläuft eine unsichtbare, aber folgenreiche Grenze. Wer sie überschreitet, wirkt nicht mehr wie ein Fels in der Brandung, sondern eher wie ein Möbelstück, das man beim Umzug vergessen hat — massiv, vorhanden, aber leider genau dort im Weg, wo man eigentlich durchmüsste.

Dabei liegt in der politischen Führung eine paradoxe Aufgabe: Man muss zugleich überzeugen und zuhören, antreiben und nachjustieren, Visionen haben und trotzdem merken, wenn die Landkarte nicht mehr zum Gelände passt. Wer hingegen ausschließlich darauf achtet, die Zügel fest in der Hand zu behalten, läuft Gefahr, irgendwann festzustellen, dass zwar niemand mehr am Steuer rüttelt — schlicht weil kaum noch jemand mitfährt.

Schrumpfen als Stilfrage

Vielleicht ist das eigentliche Drama weniger die mögliche Verkleinerung einer Partei als deren ästhetische Inszenierung. Schrumpfen kann ja auch würdevoll geschehen, beinahe elegant, wie ein Pullover, der nach zu heißer Wäsche immerhin noch als ambitionierter Topflappen Karriere macht. Problematisch wird es erst, wenn man die eigene Verkleinerung für Wachstum hält oder sie als Ausdruck besonderer Konsequenz feiert. Dann bekommt das Ganze etwas leicht Operettenhaftes: viel Pathos, große Gesten — und im Orchestergraben spielt bereits die Kapelle für ein deutlich kleineres Publikum.

Gleichzeitig hat diese Haltung etwas trotzig Sympathisches. Der Gedanke, lieber unbeugsam zu bleiben als sich im politischen Windkanal glattföhnen zu lassen, besitzt eine altmodische Würde. Doch Würde allein gewinnt keine Wahlen, und politische Romantik ersetzt keine arithmetischen Mehrheiten. Am Ende könnte sich herausstellen, dass nicht die Gegner die Partei marginalisiert haben, sondern eine Form von Reinheitsstreben, die eher an Klosterregeln erinnert als an die lärmende, widersprüchliche Welt demokratischer Konkurrenz.

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Ein Augenzwinkern zum Schluss

Und so bleibt das Bild eines Mannes, der — ob gerecht beurteilt oder nicht — von Kritikern gern als unbeirrbarer Lenker beschrieben wird, der das Schiff auch dann noch auf Kurs hält, wenn der Hafen längst woanders liegt. Vielleicht täuscht dieser Eindruck; vielleicht verbirgt sich hinter der festen Hand eine langfristige Strategie, die erst später ihren Sinn entfaltet. Politik ist schließlich das einzige Theater, in dem Premieren regelmäßig erst im Rückblick verstanden werden.

Bis dahin aber bietet das Schauspiel reichlich Stoff für satirische Betrachtungen. Denn irgendwo zwischen prophetischem Ernst und politischer Praxis lauert stets die Möglichkeit, dass Führung zur Selbstzweckveranstaltung wird. Sollte das passieren, wäre die eigentliche Ironie nicht, dass eine Partei schrumpft — Parteien tun das gelegentlich —, sondern dass jemand am Ende mit makelloser Kontrolle über etwas herrscht, das kaum noch Raum einnimmt. Ein perfekter Sieg im Maßstab einer Modelleisenbahn.

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