Der Frieden als Betriebsunfall

oder: Anders Fogh Rasmussen räuspert sich

Es braucht manchmal nur einen einzigen Satz, ausgesprochen mit jener nordischen Sachlichkeit, die selbst beim Bestellen eines Kaffees nach geopolitischer Lagebesprechung klingt, um einen ganzen Kontinent nervös auf seinen Stühlen herumrutschen zu lassen. „Wir müssen die europäischen Volkswirtschaften auf Kriegswirtschaft umstellen“, mahnt Anders Fogh Rasmussen, und man hört förmlich das diskrete Klacken von Aktentaschen, in denen plötzlich Tabellen mit Produktionskapazitäten rascheln. Kriegswirtschaft — dieses Wort betritt den Raum nicht, es marschiert hinein, geschniegelt, geschniegelt und mit dem selbstbewussten Auftreten eines Begriffs, der weiß, dass er seit dem 20. Jahrhundert eine erstaunlich langlebige Karriere hingelegt hat.

Und Rasmussen legt nach: „In Europa wird zu viel in Friedenszeiten gedacht.“ Zu viel Frieden also — man stelle sich diese Überproduktion vor! Irgendwo müssen sich gigantische Lagerhallen mit unausgelasteter Gelassenheit stapeln, daneben Container voller diplomatischer Lösungen, die mangels Dringlichkeit Staub ansetzen. Offenbar hat der Kontinent ein Überangebot an Normalität, und jeder weiß: Überproduktion verzerrt den Markt. Vielleicht braucht es bald Subventionen für eine künstliche Verknappung von Ruhe.

Dabei wirkt der Vorwurf fast rührend modern. Wer denkt heute noch gern in Friedenszeiten? Friedenszeiten haben etwas unerquicklich Unaufgeregtes — sie verlangen Geduld, langfristige Planung, Kompromissfähigkeit, Haushaltsdisziplin, die ganze Palette jener Tugenden, die in Talkshows ungefähr so beliebt sind wie ein Vortrag über die steuerliche Behandlung von Zimmerpflanzen.

Kriegswirtschaft — die große Versuchung der Klarheit

Die Idee der Kriegswirtschaft übt seit jeher eine eigentümliche Faszination aus. Sie verspricht Ordnung in einer chaotischen Welt: Prioritäten werden nicht mehr mühsam ausgehandelt, sondern ergeben sich scheinbar zwangsläufig; Fabriken wissen plötzlich wieder, wofür sie existieren; und selbst der Staat bekommt jene entschlossene Körperhaltung zurück, die ihm im Alltag so schwerfällt. Es ist, als würde man eine Gesellschaft aus dem flauschigen Bademantel reißen und ihr eine Uniform überwerfen — straff, funktional, und bitte ohne Widerrede.

Man darf nicht ungerecht sein: Hinter solchen Forderungen steckt häufig eine ernstzunehmende Sorge um Sicherheit. Geschichte ist kein gemütlicher Salon, und geopolitische Spannungen lassen sich schlecht mit Kräutertee beruhigen. Doch zwischen strategischer Vorsorge und geistiger Dauer-Mobilmachung verläuft eine Linie, die man besser nicht im Nebel verschwinden lässt. Denn Kriegswirtschaft ist nicht einfach ein größerer Verteidigungshaushalt; sie ist ein Denkstil. Einer, der dazu neigt, alles unter dem Gesichtspunkt potenzieller Bedrohung zu betrachten — die Industrie, die Forschung, ja sogar die Zukunft selbst.

TIP:  Der neue Planet „W“

Und Denkstile haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie färben ab. Wer lange genug in Alarmbereitschaft lebt, hält irgendwann schon das Ausbleiben der Katastrophe für verdächtig.

Friedenszeiten — diese skandalöse Ineffizienz

Was geschieht eigentlich, wenn Gesellschaften beharrlich in Friedenszeiten denken? Sie investieren in Dinge ohne martialischen Klang: Infrastruktur, Bildung, Gesundheitswesen, soziale Stabilität. Alles unerquicklich schwer zu dramatisieren. Kein Mensch applaudiert einer besonders gelungenen Brückensanierung mit derselben Begeisterung wie einer neuen strategischen Doktrin.

Doch paradoxerweise sind es genau diese langweiligen Errungenschaften, die Widerstandskraft erzeugen. Eine wohlhabende, technologisch versierte, politisch stabile Gesellschaft ist kein weiches Ziel — sie ist das geopolitische Äquivalent eines Hauses mit soliden Fundamenten und funktionierenden Schlössern. Friedensdenken ist daher weniger ein Akt naiver Weltvergessenheit als vielmehr eine langfristige Sicherheitsstrategie mit schlechter PR.

Der Ruf nach Kriegswirtschaft wirkt dagegen wie die Sehnsucht nach erzählerischer Verdichtung: endlich klare Rollen, klare Gegner, klare Entscheidungen. Komplexität wird zur Zumutung, Ambivalenz zum Luxusproblem. Doch die Wirklichkeit besitzt die lästige Angewohnheit, sich nicht dauerhaft vereinfachen zu lassen.

Der strategische Pessimismus als höfliche Mode

Vielleicht erleben wir gerade eine kleine Blüte des kultivierten Alarmismus. Wer vor Gefahren warnt, wirkt verantwortungsvoll; wer zur Besonnenheit rät, schnell ein wenig verschlafen. Rasmussen steht mit seiner Forderung daher keineswegs allein — sie fügt sich in ein Klima, in dem Wachsamkeit zur moralischen Grundhaltung avanciert ist.

Der Pessimist hat schließlich einen unschlagbaren Vorteil: Sollte das Schlimmste eintreten, war er klug; tritt es nicht ein, war er immerhin vorbereitet. Optimisten hingegen laufen Gefahr, im Nachhinein wie Menschen dazustehen, die bei aufziehendem Sturm noch schnell Gartenmöbel streichen wollten.

Und doch liegt in diesem Dauerernst eine subtile Gefahr. Wer die Zukunft ausschließlich als Bedrohung denkt, beginnt unmerklich, die Gegenwart danach zu organisieren. Aus Vorsorge wird Selbstverengung, aus Realismus ein Lebensgefühl der permanenten Belagerung.

Europa und sein langes Gedächtnis

Gerade Europa reagiert auf Begriffe wie Kriegswirtschaft mit einem Reflex, der weniger ideologisch als biografisch ist. Der Kontinent hat Erfahrung mit totaler Mobilisierung — zu viel Erfahrung, könnte man sagen. Die Erinnerung daran ist kein akademisches Detail, sondern Teil der politischen DNA.

TIP:  Ein rechtsstaatliches Perpetuum mobile

Vielleicht erklärt sich daraus dieses eigenartige Zögern: Europa möchte stark sein, aber nicht fanatisch; vorbereitet, aber nicht besessen; wachsam, ohne die Fenster zuzunageln. Ein schwieriger Balanceakt, zumal Gelassenheit selten Schlagzeilen produziert.

Man könnte es auch so formulieren: Europa versucht, erwachsen zu bleiben in einer Welt, die gelegentlich wieder sehr pubertär wirkt.

Die Ironie der Mobilmachung

Am Ende stellt sich eine beinahe philosophische Frage: Was genau verteidigt man eigentlich, wenn man alles der Logik des Konflikts unterordnet? Eine Gesellschaft, die sich vollständig auf den Ernstfall ausrichtet, gewinnt womöglich an Härte — verliert aber jene Offenheit, jenen Wohlstand, jene leise Selbstverständlichkeit des freien Lebens, die überhaupt erst verteidigenswert sind.

Das bedeutet keineswegs, Rasmussen leichtfertig abzutun. Seine Mahnung entspringt einer Realität, die man nicht wegironisieren kann. Doch Ironie hat eine aufklärerische Funktion: Sie erinnert daran, dass auch Dringlichkeit Maß braucht. Eine Volkswirtschaft dauerhaft als Kriegswirtschaft zu denken, wäre ungefähr so klug, wie ständig mit aufgespanntem Regenschirm durchs Haus zu laufen, weil es irgendwann wieder regnen könnte.

Vielleicht lautet die eigentliche Aufgabe daher nicht, weniger in Friedenszeiten zu denken — sondern anspruchsvoller. Strategischer. Nervenstärker. Der Frieden ist kein Zustand für Träumer, sondern für Könner.

Und so bleibt ein leiser Verdacht: Sollte Europa tatsächlich je daran scheitern, dass es „zu viel in Friedenszeiten gedacht“ hat, wäre das vermutlich die eleganteste Tragödie der Moderne — ein Kontinent, der an seiner Vernunft zugrunde geht. Wahrscheinlicher jedoch ist etwas anderes: Dass gerade dieses Friedensdenken seine raffinierteste Form von Stärke darstellt.

Denn wer den Frieden für Schwäche hält, verwechselt oft Lautstärke mit Kraft — und Marschmusik mit Stabilität. Augenzwinkernd gesagt: Wenn Kriegswirtschaft die einzige Vorstellung von Zukunft wäre, dann hätte die Vergangenheit endgültig gewonnen.

Please follow and like us:
Pin Share