Der europäische Energiemärchenwald

Wo Sanktionen nach Heldentat klingen und nach Heizkostenabrechnung schmecken

Es gibt diese Momente in der europäischen Politik, da möchte man sich eine Decke holen, einen Kamillentee aufsetzen und den Fernseher leiser drehen, weil man ahnt: Gleich wird wieder so getan, als wäre die Wirklichkeit eine Art Folkloreveranstaltung, die man mit einem Gipfelfoto und drei wohlformulierten Sätzen aus der Welt moderieren kann. Brüssel, diese wundersame Mischung aus Verwaltungstempel, moralischer Bühne und Excel-Kathedrale, hat uns seit 2022 eine ganz besondere Kunst vorgeführt: Sanktionen so zu kommunizieren, dass sie sich anfühlen wie ein D-Day gegen den Kreml – während im Hintergrund weiter kräftig Gas floss, als hätte man Wladimir Putin nicht gerade zum Feindbild der freien Welt ernannt, sondern zum stillen Teilhaber am europäischen Wohlstand. Und nun, mitten im Winter, mitten im Verbrauch, mitten in der altbekannten meteorologischen Unverschämtheit namens „Kälte“, stellt man fest: Die Speicher sind dünner als die Nerven der Bevölkerung, die seit Jahren lernt, dass „Energiepolitik“ ein Synonym für „Überraschungsei mit Preisexplosion“ ist. EU-weit nur noch rund 61,6 Prozent Speichermenge zu Jahresbeginn – im Vorjahr waren es 73. Ein Unterschied, der auf dem Papier wirkt wie eine harmlose Zahlenschwankung, in der Realität aber so viel bedeutet wie: Du hast nicht mehr zwei Wochen Urlaub, sondern nur noch fünf Tage – und der Chef hat zufällig genau in dieser Woche beschlossen, „Teamgeist“ müsse sich jetzt in Überstunden manifestieren.

Man kann sich die Szene vorstellen, wie sie in irgendeinem EU-Referat stattfindet: Der Winter kommt. So wie jedes Jahr. Ein Skandal. Niemand hat damit rechnen können. Es ist fast so, als hätte die Menschheit seit Jahrhunderten die Jahreszeiten erfunden, nur um Brüssel zu ärgern. Die Speicherstände sinken in Deutschland auf rund 56 Prozent, in Frankreich knapp 59, die Niederlande bei rund 48 – die großen Märkte, die großen Hebel, die großen Nervenzentren. Und während die Menschen zu Hause die Heizkörper auf „nicht erfrieren“ stellen und dabei innerlich hoffen, dass die nächste Jahresabrechnung nicht wie ein mittelalterlicher Schuldspruch formuliert ist, wird in den Nachrichten der Ton feierlich: Es werde eng, heißt es, aber selbstverständlich sei alles unter Kontrolle. Dieser Satz ist in Europa so beliebt wie „Das bleibt unter uns“ in einer toxischen Beziehung. Und weil man es nicht lassen kann, wird gleichzeitig daran erinnert, dass Brüssel die Speicher bis November 2025 eigentlich auf 90 Prozent bringen wollte, es aber EU-weit nur 83 Prozent wurden. Das ist kein Detail, das ist die Essenz: Europa, der Kontinent der Regeln, hat wieder einmal sein eigenes Ziel verfehlt – und tut so, als sei das eine Art philosophische Variation über die Unschärferelation, nicht aber schlicht: Plan nicht erfüllt.

Die Dreifachzange der Realität: Kälte, Kraftwerke, Industrie – und die EU im Chor der Überraschung

Die Lage wird nicht deshalb unerquicklich, weil ein einziger Faktor sich ungünstig entwickelt, sondern weil gleich mehrere Mechanismen gleichzeitig am System zerren – wie drei Kinder an einem Geschenkpapier, während der Erwachsene daneben steht und erklärt, man müsse „achtsam auspacken“. Erstens: Kälte. Ja, Kälte. Diese altmodische Idee, dass es im Winter kalt sein könnte, hat Europa nach ein paar milden Jahren offenbar als klimatischen Mythos abgespeichert, irgendwo zwischen „Schneeballschlacht“ und „Weihnachten im Fernsehen“. Nach dem Ukraine-Schockjahr 2022 wurde man noch vom Wetter gerettet, als hätte die Atmosphäre selbst beschlossen, geopolitische Verantwortung zu übernehmen. Doch jetzt ist die Heizsaison wieder normal – und normal reicht schon, um Reserven schneller zu dezimieren. Normal ist eben nicht harmlos, normal ist im Energiesystem eine Belastungsprobe, wenn man vorher zu lange so getan hat, als könne man mit einer Mischung aus moralischer Empörung und Notfallpaketen jeden physischen Engpass wegmoderieren.

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Zweitens: Strom. Sobald Wind und Sonne schwächeln – und das tun sie bekanntermaßen immer dann, wenn man ihnen am dringendsten „strategische Resilienz“ in PowerPoint-Form zugeschrieben hat – springen Gaskraftwerke ein. Gas ist flexibel, schnell, praktisch, das Schweizer Taschenmesser der Stromerzeugung. Und damit auch der Notausgang, durch den plötzlich alle gleichzeitig flüchten wollen. Drittens: Industrie. Viele Betriebe haben nach dem Schock wieder angezogen, nicht in euphorischem Boom, aber doch in jener nüchternen Betriebsamkeit, die genügt, um den Verbrauch im Winter zusätzlich zu belasten. Deutschland merkt das besonders, weil dort der industrielle Gasverbrauch seit 2024 wieder spürbar steigt. Das Ergebnis ist kein einzelner dramatischer Zusammenbruch, sondern ein Schieben, Drücken, Zerren am System, bis der Markt nervös wird – und der Gaspreis, dieses hyperventilierende Tier, das bei jeder Störung sofort in die Höhe schießt, reagiert wie immer zuerst.

Und jetzt wird es ironisch: Europa kann vieles. Es kann Förderprogramme erfinden, die komplizierter sind als der Binnenmarkt selbst. Es kann Krisengipfel organisieren, auf denen man sich gegenseitig in die Kamera versichert, dass man sich gegenseitig versichert. Es kann Richtlinien erlassen, die jeden Satz dreimal absichern, damit niemand am Ende haftet. Was Europa aber nicht kann: Physik abschaffen. Angebot bleibt Angebot, Nachfrage bleibt Nachfrage, Wetter bleibt Wetter. Wenn zwei von drei Faktoren gegen dich laufen, hilft dir kein noch so gut gemeinter Fahrplan, außer du planst darin die Erfindung eines zweiten Planeten mit besseren Temperaturen ein.

Sanktionen als Theaterform: Große Worte, kleine Lücken, gigantische Rechnungen

Die eigentliche Schönheit – wenn man zynisch genug ist, sie Schönheit zu nennen – liegt in der Diskrepanz zwischen dem, was Brüssel sagte, und dem, was Europa tat. Bei Öl und Kohle ging es vergleichsweise schnell, dort konnte man den moralischen Hammer schwingen und anschließend demonstrativ Nägel einschlagen. Aber Gas? Gas war der heilige Sonderfall, das Sakrament der Abhängigkeit, das man nicht einfach vom Altar reißen konnte, ohne dass die Gemeinde friert. Bis Ende 2025 gab es de facto kein EU-weites Importverbot für russisches Pipelinegas. Nicht, weil niemand daran gedacht hätte, sondern weil man sehr wohl dachte – nur leider im gleichen Atemzug auch an Versorgungssicherheit, Preise, soziale Stabilität, Wirtschaftsleistung und den kleinen Umstand, dass manche Mitgliedsstaaten beim Thema „Verzicht“ so motiviert wirken wie ein Teenager beim Aufräumen.

Während Ursula von der Leyen und andere das Vokabular der Entschlossenheit pflegten, floss weiter Geld nach Russland, und zwar in Summen, die man nicht mehr als „komplizierte Übergangsphase“ verkaufen kann, außer man glaubt ernsthaft, ein paar Dutzend Milliarden seien im europäischen Haushalt ein moralisch vernachlässigbarer Posten. Schätzungen zufolge zahlten EU-Länder von Anfang 2022 bis Juni 2025 rund 120 Milliarden Euro für russisches Pipelinegas und LNG. Das ist nicht nur eine Zahl, das ist ein politischer Satz, geschrieben in Banküberweisungen. Und er lautet sinngemäß: Wir sanktionieren dich – aber bitte bleib unser Lieferant, weil wir sonst in unserem eigenen moralischen Theaterstück die Heizung abdrehen müssten, und das ist dem Publikum schwer vermittelbar.

Man muss das einmal wirken lassen: Da wird ein Krieg als Zeitenwende beschworen, und währenddessen werden Rekordsummen transferiert, als hätte man beschlossen, den Gegner wenigstens ordentlich zu finanzieren, damit er auch wirklich nicht vom Schlachtfeld verschwindet. Die Sanktion als Performance, die Realität als Rechnung. Europas Lieblingsgenre ist nicht der Thriller, sondern die Tragikomödie mit Verwaltungsakt.

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LNG, das Zaubergas: Legal, heikel, praktisch und leider auch irgendwie selbstgebauter Bumerang

Falls man glaubte, diese Geschichte könne nicht noch absurder werden, kommt LNG ins Spiel – Flüssiggas, also Gas in einer Form, die klingt, als wäre sie aus der Molecular Gastronomy: „Heute servieren wir Ihnen russisches Erdgas, leicht gekühlt, in Tankerreduktion, auf einem Bett aus geopolitischer Ambivalenz.“ Die EU verbot 2024 zwar die Weiterleitung russischen LNG über europäische Häfen an andere Länder. Das klingt nach Konsequenz. Es ist aber jene Konsequenz, die entsteht, wenn man ein Problem lösen will, ohne das Problem wirklich zu lösen: Lieferungen für den EU-eigenen Verbrauch blieben erlaubt, vor allem auf Basis alter Langzeitverträge. Man stoppte also den Transit, ließ aber den Konsum zu. Das ist ein bisschen wie: Wir verbieten dir, Zigaretten weiterzuverkaufen, aber du darfst sie natürlich selbst rauchen – und wunderst dich anschließend über die Lungen.

Noch reizender wird es durch den Anreizmechanismus, den man damit geschaffen hat: Wenn der Weitertransport erschwert wird, bleiben Ladungen in Europa hängen. Die Niederlande meldeten 2024 genau diesen Effekt, dass russische LNG-„Restladungen“ vermehrt in der EU landen könnten. Übersetzt heißt das: Man verengt den Ausgang – und schafft dadurch eine Situation, in der mehr russisches Gas in Europa bleibt. Das ist politische Ingenieurskunst, wie sie nur ein System hervorbringt, das zugleich moralisch sein möchte und ökonomisch nicht verzichten kann. Man nennt so etwas auch: die Hintertür zusperren, aber den Schlüssel unter die Fußmatte legen.

Wer kaufte? Belgien, Spanien, später Frankreich als größter Abnehmer Europas in der ersten Jahreshälfte 2025, mit einem satten Anteil an russischen LNG-Mengen. Terminals wie Zeebrugge, französische Anlagen wie Dunkerque und Montoir, Konzerne wie TotalEnergies, beteiligt an russischen Projekten, und Händler, die als Zwischenakteure auftauchen wie Figuranten in einem Schmugglermelodram, nur dass hier alles „legal“ ist und niemand im Nebel über eine Hafenmauer klettert, sondern einfach Dokumente unterschreibt. Die Pointe ist nicht, dass „alle schummelten“. Die Pointe ist, dass man ein Regelwerk baute, das Schummeln in einen ordentlichen Verwaltungsprozess verwandelte.

Der große Stopp: Endlich konsequent, endlich verbindlich – und endlich mitten im Winter

Nun also die Kehrtwende, die späte Härte, das erwachsene Durchgreifen, das man seit Jahren ankündigte, wie ein Vater, der am dritten Advent noch immer droht: „Wenn du jetzt nicht brav bist, kommt der Krampus.“ Mit dem 19. Sanktionspaket, Ende 2025 beschlossen, gilt: Ab 1. Jänner 2026 sind neue oder geänderte Gaslieferverträge mit Russland verboten, Pipelinegas und LNG. Altverträge dürfen noch laufen, aber befristet bis spätestens 1. Jänner 2028. Kurzfristverträge unter einem Jahr müssen teils schon bis Mitte 2026 auslaufen, LNG schrittweise: kurzfristig ab 2026, langfristig ab 2027. Das klingt nach Struktur, nach Endgültigkeit, nach „diesmal wirklich“. Und genau deshalb ist es so herrlich europäisch, dass dieser Schritt nun in eine Phase fällt, in der die Speicher fallen, der Markt nervös ist und die Wetterlage zeigt, dass sie sich für politische Symbolik ungefähr so sehr interessiert wie ein Schneesturm für eine Pressekonferenz.

Denn ja: Man kann argumentieren, dass Konsequenz endlich Konsequenz ist. Man kann auch argumentieren, dass Konsequenz im falschen Timing zur Selbstgefährdung wird. Und hier ist das Timing nicht nur falsch, es ist ein Meisterwerk der Selbstsabotage: Jahrelang ließ man eine XXL-Lücke bei Gas-Sanktionen offen, weil man Angst hatte vor Knappheit. Und jetzt schließt man sie, während die Speicherstände ohnehin schneller sinken als in den Vorjahren. Das ist wie ein Mensch, der drei Jahre lang keinen Arzt aufsucht, weil er Angst vor der Diagnose hat – und dann im Fieberdelir beschließt, jetzt sofort Marathon laufen zu müssen, um „endlich gesund zu werden“. Prinzipientreue ist schön, aber nicht, wenn sie in den Moment fällt, in dem das System ohnehin am Limit läuft.

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Der Markt reagiert auf Wetter, Nachfrage, Angebot. Nicht auf Sonntagsreden. Nicht auf Gipfelfotos. Nicht auf moralische Erzählungen. Sobald die Reserve schrumpft, reichen kleine Störungen: ein kalter Februar, Verzögerungen bei LNG-Lieferungen, ein technischer Ausfall. Und schon springen die Preise wie ein alarmiertes Reh. Der gefährliche Moment ist nicht der totale Blackout, sondern der Zustand, in dem alle wissen, dass es knapp werden könnte, und genau dieses Wissen macht es knapper, weil es Spekulation, Nervosität und politische Kurzschlusshandlungen befeuert. Europa ist meisterhaft darin, sich selbst in diesen Zustand hinein zu administrieren: Man baut Regeln, die die Realität umkreisen, statt sie zu verändern, und wundert sich dann, dass die Realität trotzdem unangenehm bleibt.

Österreich, das späte Erwachen: Vom russischen Tropf zur westlichen Umleitung und zurück in die Winterprüfung

Und dann ist da Österreich, dieses Land mit der besonderen Gabe, geopolitische Abhängigkeiten so lange als gemütliche Normalität zu behandeln, bis sie einem mit dem Charme einer Abrissbirne ins Wohnzimmer kracht. Österreich war jahrelang einer der EU-Staaten mit der höchsten Russland-Abhängigkeit beim Gas, im Winter 2022/23 kam der Großteil der Importe aus Russland – zeitweise in Dimensionen, die selbst in der EU auffielen, also in einem Umfeld, in dem Auffallen schon eine Leistung ist. Der Bruch kam nicht aus heroischer Einsicht, sondern unter Zwang: Im November 2024 drehte Gazprom der OMV den Hahn zu, nach einem Schiedsentscheid und einem Streit ums Geld. Österreich lernte, was es bedeutet, wenn Abhängigkeit plötzlich nicht mehr „verlässliche Geschäftsbeziehung“ heißt, sondern „du bekommst jetzt gar nichts mehr, weil dir jemand zeigen will, wer am Hebel sitzt“. Die OMV kündigte den Langzeitvertrag, Österreich musste umstellen.

Seitdem kommt Gas stärker aus westlicher Richtung, über Deutschland und Italien, Alternativen wurden aufgebaut, Speicher waren grundsätzlich gut gefüllt. Und doch zeigt sich im Winter 2025/26 auch hier der Rückgang: Ende Dezember 2025 rund 77 Prozent, ein Jahr zuvor knapp 90. Österreich ist nicht schutzlos – aber auch nicht immun. Das ist der neue Normalzustand: weniger russische Abhängigkeit, dafür mehr europäischer Gleichklang in der Unsicherheit. Man ist jetzt Teil des großen Marktes, in dem alle gleichzeitig dieselben Risiken teilen, was politisch „Solidarität“ heißt und praktisch „gemeinsames Zittern“.

Denn der eigentliche Witz – und hier wird es wirklich satirisch, weil die Realität so brav in die Pointe läuft – ist: Europa wollte gleichzeitig moralisch sein und bequem bleiben. Es wollte Sanktionen, aber ohne Schmerz. Unabhängigkeit, aber ohne Umstellungskummer. Große Prinzipien, aber bitte mit warmen Wohnzimmern. Und weil das nicht geht, weil Geschichte nicht mit Rabattcodes arbeitet, hat man am Ende das bekommen, was man immer bekommt, wenn man sich selbst belügt: eine Krise in Ratenzahlung. Erst zahlte man Putin Milliarden, dann redete man sich stark, dann schloss man die Lücke, und jetzt kommt der Winter, leert die Speicher und sagt: Danke für eure Papiere, ich mache jetzt trotzdem, was ich will.

Und während Brüssel die nächste Erklärung vorbereitet – entschlossen, besorgt, solidarisch, resilient – dreht Europa die Heizung auf Stufe „hoffentlich reicht’s“. Debugging am Energiesystem, live im Betrieb, mit Millionen Zuschauern, alle unfreiwillig beteiligt. Man könnte fast lachen, wenn es nicht so teuer wäre. Und genau deshalb lacht man: damit man nicht schreien muss.

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