Wie „der Westen“ zur Universalerklärung für alles wurde
Es gehört inzwischen zum guten Ton der aufgeklärten europäischen Selbstbetrachtung – jener Mischung aus moralischer Bußfertigkeit und kulturpessimistischer Welterklärung –, jede Unruhe zwischen Marrakesch und Basra reflexhaft dem ominösen „Westen“ anzulasten. Das Narrativ ist ebenso elegant wie entlastend: Die Region brennt, weil Europa einst Kolonien hatte. Punkt. Ende der Analyse. Eine bequeme Formel, die sich hervorragend in Talkshows, Seminarräumen der Postkolonialismus-Forschung und auf den moralisch aufgeladenen Schlachtfeldern sozialer Medien macht. Sie funktioniert ungefähr so zuverlässig wie ein astrologisches Horoskop: Egal was passiert, irgendwie passt es schon.
Der Westen als kosmischer Schuldstern – eine Art historischer Schwarzer Peter, der seit dem 19. Jahrhundert in jeder geopolitischen Runde weitergereicht wird. Ein Bürgerkrieg im Jemen? Kolonialismus. Die Rivalität zwischen Iran und Saudi-Arabien? Kolonialismus. Stammeskonflikte im Sudan? Natürlich Kolonialismus. Wenn irgendwo im Nahen Osten ein Teekessel umfällt, wird sicher bald jemand erklären, dass er im 19. Jahrhundert von einem britischen Offizier falsch abgestellt wurde.
Das Ganze hat etwas angenehm Selbstquälerisches. Europa liebt es, sich selbst zu geißeln – eine alte christliche Tradition, die im säkularen Gewand der politischen Moral weiterlebt. Nur ersetzt man heute die Bußpeitsche durch akademische Aufsätze und Twitter-Threads. Der Effekt bleibt derselbe: Der Westen ist schuld. Immer. Überall. Für alles.
Dass diese Erklärung ungefähr so differenziert ist wie die Behauptung, schlechtes Wetter sei grundsätzlich das Werk schlechter Laune des Zeus, stört erstaunlich wenige.
Die vergessene Vorgeschichte: Expansion statt Opferrolle
Wer allerdings den kleinen, beinahe unverschämten Versuch wagt, einen Blick weiter zurück in die Geschichte zu werfen – sagen wir ins 7. Jahrhundert –, stolpert über eine erstaunliche Tatsache: Der Nahe Osten war keineswegs ein friedlicher, harmonischer Kulturraum, der erst durch europäische Kolonialbeamte aus dem Gleichgewicht gebracht wurde.
Ganz im Gegenteil.
Nach dem Tod Mohammeds im Jahr 632 zerfiel die fragile Einheit der arabischen Stämme beinahe sofort. Die sogenannten Ridda-Kriege – Apostatenkriege – waren gewissermaßen der erste große interne Machtkampf der jungen islamischen Welt. Man könnte sagen: Der politische Islam begann seine Geschichte nicht mit einem Dialogforum, sondern mit einem Bürgerkrieg.
Kaum war dieser Konflikt beendet, begann eine der rasantesten imperialen Expansionen der Weltgeschichte. Innerhalb weniger Jahrzehnte eroberten arabische Armeen Gebiete vom heutigen Iran bis nach Spanien. Byzantiner und Sassaniden – damals die beiden Großmächte der Region – waren nach jahrzehntelangen Kriegen erschöpft, und die neuen Eroberer nutzten das mit bemerkenswerter Effizienz.
Diese Expansion war, um es vorsichtig zu formulieren, keine anthropologische Feldstudie zur kulturellen Sensibilität. Sie war militärisch. Sie war politisch. Und sie führte zu einer nachhaltigen Arabisierung weiter Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas.
Man könnte – wenn man ein wenig provokativ sein wollte – sogar sagen: Das war eine Kolonisation. Nur eben keine europäische.
Imperien über Imperien: Kalifate, Dynastien und der ewige Machtkampf
Was danach folgte, war nicht etwa ein idyllisches Zeitalter harmonischer Einheit, sondern eine Serie von Imperien, Dynastien und internen Kriegen, die jeder europäischen Fürstenchronik Konkurrenz machen könnte.
Die Umayyaden regierten von Damaskus aus. Die Abbasiden machten Bagdad zum Zentrum eines beeindruckenden kulturellen und wissenschaftlichen Aufschwungs. Die Fatimiden herrschten von Kairo. In Spanien entstand Al-Andalus. Jede dieser Herrschaften brachte Glanz, Machtpolitik, Intrigen und – selbstverständlich – Kriege hervor.
Die romantische Vorstellung eines einheitlichen islamischen Reiches ist ungefähr so realistisch wie die Idee eines ewigen christlichen Europas unter der harmonischen Führung des Papstes. In Wirklichkeit war die Region ein politischer Flickenteppich aus rivalisierenden Dynastien, religiösen Fraktionen und ethnischen Gruppen.
Kurz gesagt: Es war kompliziert. Und zwar lange bevor irgendein britischer Kolonialbeamter eine Karte in der Hand hielt.
Die zweite Kolonisation: Das Osmanische Imperium
Im 14. und 15. Jahrhundert betrat ein neuer Akteur die Bühne: die Osmanen. Türkische Herrscher aus den Steppen Zentralasiens errichteten eines der langlebigsten Imperien der Geschichte.
Vierhundert Jahre lang kontrollierte das Osmanische Reich große Teile des Nahen Ostens, Nordafrikas und Südosteuropas. Die Verwaltung war autokratisch, militärisch organisiert und erstaunlich effektiv darin, ein riesiges Gebiet unter Kontrolle zu halten.
Doch auch dieses Reich war keine multikulturelle Wohlfühlgemeinschaft. Es war ein Imperium – mit all den Hierarchien, Unterdrückungsmechanismen und Machtkämpfen, die Imperien nun einmal auszeichnen.
Ironischerweise wird dieses osmanische Imperium in der modernen postkolonialen Erzählung erstaunlich selten als „Kolonialherrschaft“ bezeichnet. Wahrscheinlich, weil die Osmanen nicht aus Europa kamen – was in manchen theoretischen Denkschulen offenbar einen entscheidenden Unterschied macht.
Der Moment der Auflösung: Wenn der Deckel vom Schnellkochtopf fliegt
Als das Osmanische Reich nach dem Ersten Weltkrieg zusammenbrach, geschah etwas, das Historiker aus anderen Regionen der Welt nur allzu gut kennen: Ein großes Imperium verschwand – und hinterließ ein Machtvakuum.
Solche Momente sind selten friedlich.
Die Briten und Franzosen übernahmen Teile der Verwaltung im Rahmen von Mandaten des Völkerbundes. Sie zogen Grenzen, manchmal hastig, manchmal pragmatisch, oft ohne tiefes Verständnis der lokalen Dynamiken.
War das ideal? Sicher nicht.
War es der Ursprung aller Konflikte der Region? Das ist ungefähr so plausibel wie die Behauptung, der Dreißigjährige Krieg sei ausschließlich auf schlechte Landkarten zurückzuführen.
Die meisten Konflikte im Nahen Osten drehen sich nicht primär um Grenzlinien, sondern um Macht, Religion, ethnische Rivalitäten und historische Ansprüche.
Mit anderen Worten: um genau jene Dinge, die überall auf der Welt Konflikte auslösen.
Eine Region, viele Identitäten
Ein weiterer Punkt, der im westlichen Diskurs erstaunlich häufig ignoriert wird, ist die schiere Vielfalt der Region.
Iraner sind keine Araber. Kurden ebenfalls nicht. Türken schon gar nicht. Sunniten und Schiiten führen seit Jahrhunderten ideologische und politische Rivalitäten. Drusen, Jesiden, Aleviten und andere religiöse Gruppen besitzen eigene Identitäten und Konfliktlinien.
Ägypter sehen sich häufig als Erben einer jahrtausendealten Zivilisation. Türken blicken auf das osmanische Imperium zurück. Iraner auf das persische Reich.
Und viele arabische Staaten rivalisieren untereinander mindestens genauso leidenschaftlich, wie sie sich gegen äußere Einflüsse positionieren.
Kurz gesagt: Die Region ist alles – nur kein monolithischer Block.
Die Ironie der moralischen Vereinfachung
Gerade deshalb wirkt das populäre Narrativ, der Westen habe den Nahen Osten in ein Chaos gestürzt, zunehmend wie eine Mischung aus moralischer Selbstüberhöhung und historischer Vereinfachung.
Ironischerweise enthält es selbst eine koloniale Denkfigur: die Vorstellung, dass die Menschen der Region im Grunde passive Objekte der europäischen Geschichte seien.
Als hätten sie selbst keine politischen Interessen, keine Machtkämpfe, keine imperialen Ambitionen.
Das ist eine erstaunlich bevormundende Sichtweise – auch wenn sie oft in moralisch progressivem Gewand daherkommt.
Ein Blick in den Spiegel
Vielleicht wäre es hilfreicher, sich daran zu erinnern, dass auch Europa Jahrhunderte brauchte, um aus seinen eigenen religiösen und dynastischen Konflikten herauszufinden.
Der Dreißigjährige Krieg verwüstete Mitteleuropa. Nationalstaaten entstanden aus blutigen Machtkämpfen. Die Trennung von Religion und Politik war ein langer, konfliktreicher Prozess.
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenschutz sind keine historischen Selbstverständlichkeiten. Sie sind Ergebnisse von Jahrhunderten politischer Auseinandersetzung.
Der Nahe Osten befindet sich möglicherweise noch mitten in einem ähnlichen historischen Prozess – nur unter anderen kulturellen, religiösen und geopolitischen Bedingungen.
Die unbequeme Schlussfolgerung
Die Vorstellung, der Westen sei der alleinige Architekt aller Probleme im Nahen Osten, ist daher weniger eine historische Analyse als ein moralisches Märchen.
Ein Märchen, das Europa erlaubt, sich gleichzeitig schuldig und moralisch überlegen zu fühlen.
Die Wirklichkeit ist komplizierter. Und vielleicht auch unbequemer: Die Geschichte der Region ist geprägt von eigenen Imperien, eigenen Machtkämpfen, eigenen politischen Entscheidungen.
Kurz gesagt: von Geschichte.
Und Geschichte hat die unangenehme Eigenschaft, selten so einfach zu sein, wie es die bequemsten Erklärungen gerne hätten.