Der Abschied vom Auspuff

oder: Wenn Kanonen endlich mehr Rendite bringen als Katalysatoren

Es gibt Entscheidungen, die fallen so geräuschlos, dass man sie fast mit der Lautlosigkeit moderner Elektromotoren verwechseln könnte. Und dann gibt es Entscheidungen wie jene von Rheinmetall, die Autosparte abzustoßen: ein Vorgang, der klingt wie ein trockener Verwaltungsakt, tatsächlich aber eher an das sonore Zuschlagen einer schweren Stahltür erinnert – jener Tür nämlich, die vom Zeitalter der ölverschmierten Ingenieursromantik hinüberführt in die funkelnde Welt präzisionsgefräster Sicherheitsarchitektur, vulgo: Waffen. Man könnte sagen, der Konzern habe endlich begriffen, dass man mit Dingen, die explodieren, derzeit schlicht bessere Margen erzielt als mit solchen, die nur gelegentlich liegen bleiben. Der Markt hat gesprochen, und wie so oft sprach er nicht mit moralischer Stimme, sondern mit der klar artikulierten Diktion des Shareholder Value.

Denn während der Automobilzulieferer jahrzehntelang als eine Art industrieller Mittelstand im Maßanzug galt – zuverlässig, technisch brillant, dabei ungefähr so aufregend wie ein TÜV-Bericht –, ist die Gegenwart eine Epoche der Zuspitzung. Die Weltlage wirkt wie ein schlecht gelaunter Dramaturg, der beschlossen hat, das Stück etwas spannender zu gestalten. Verteidigungsetats steigen, Konflikte köcheln, Bündnisse rüsten sich mit der emsigen Betriebsamkeit von Preppern vor einem besonders langen Winter. Und Rheinmetall? Tut, was ein rational handelndes Unternehmen eben tut: Es folgt der Wärmequelle des Geldes. Dass diese Wärme gelegentlich aus sehr heißen Rohren kommt, ist im Geschäftsbericht vermutlich nur eine Frage der Formulierung.

Doppelstrategie – oder die Kunst, gleichzeitig Airbag und Artillerie zu liefern

Über Jahrzehnte pflegte man die charmante Vorstellung, ein Konzern könne gleichzeitig zivile Mobilität befördern und militärische Durchschlagskraft erhöhen, gewissermaßen als industrieller Januskopf mit Schraubenschlüssel in der einen und Zünder in der anderen Hand. Diese Doppelstrategie hatte etwas zutiefst Deutsches: effizient, technisch versiert, moralisch elastisch genug, um im Zweifel zu behaupten, man liefere ja lediglich Technologie – und Technologie sei bekanntlich neutral, so neutral wie ein Taschenmesser, das je nach Kontext Brot schneidet oder Geschichte schreibt.

Doch Neutralität ist ein Luxusgut geworden. Die Automobilindustrie steckt in einer Transformation, die so gründlich ist, dass selbst gestandene Zulieferer plötzlich wirken wie Opernsänger, die man unangekündigt in ein Techno-Festival gesetzt hat. Elektromobilität, Lieferkettenpanik, Kostendruck, eine Kundschaft, die Nachhaltigkeit fordert, aber bitte zum Discountpreis – all das macht das Geschäft unerquicklich. Der Verbrenner stirbt langsam, aber mit der Beharrlichkeit eines schlecht gelaunten Adligen, und mit ihm sterben ganze Wertschöpfungsketten.

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Demgegenüber erscheint das Verteidigungsgeschäft geradezu wohltuend robust. Panzer müssen nicht auf CO₂-Flottenziele achten, Munition benötigt keine Ladeinfrastruktur, und niemand verlangt ernsthaft ein „klimaneutrales Gefechtsfeld“ – zumindest noch nicht; geben wir der Regulierung ein paar Jahre. So betrachtet wirkt der Strategiewechsel weniger wie ein mutiger Sprung als wie ein nüchterner Schritt aus dem Regen unter ein sehr großes, wenn auch leicht bedrohlich aussehendes Dach.

Drei Jahre Sicherheit – das Haltbarkeitsdatum der Zuversicht

Natürlich wäre ein solcher Umbau ohne sozialpolitische Garnitur nicht vorzeigbar, weshalb Beschäftigungsgarantien und Standortzusagen wie frisch gestärkte Tischdecken über den harten Holztisch der Realität gelegt werden. Drei Jahre Sicherheit – das klingt beruhigend, fast fürsorglich, wie ein Mindesthaltbarkeitsdatum für Joghurt, bei dem man instinktiv weiß, dass er danach nicht automatisch ungenießbar wird, aber man schnuppert doch vorsichtshalber einmal.

Man darf diese Zusagen weder zynisch belächeln noch naiv überschätzen. In der industriellen Zeitrechnung sind drei Jahre ungefähr so lang wie ein tiefer Atemzug. Danach entscheidet nicht mehr die Vereinbarung, sondern die Logik des Marktes – jener unbestechliche Buchhalter, der keine Rücksicht auf biografische Brüche nimmt. Für die Belegschaft bedeutet das eine seltsame Gleichzeitigkeit aus Erleichterung und latenter Nervosität: Man hat Zeit gewonnen, aber wofür genau, bleibt offen. Vielleicht für Qualifizierung, vielleicht für Anpassung, vielleicht auch nur für die langsame Gewöhnung an den Gedanken, dass Stabilität in der modernen Industrie eher ein Versprechen auf Widerruf ist.

Bemerkenswert ist dabei weniger die Garantie selbst als ihre kommunikative Funktion. Sie signalisiert Verantwortungsbewusstsein, ohne die strategische Härte zu verwässern. Es ist die Kunst des Konzerns im 21. Jahrhundert: entschlossen handeln und dabei so klingen, als hätte man lange gezögert – ein bisschen wie jemand, der mit Bedauern erklärt, das Dessert sei leider unvermeidlich.

Vom Auto zur Artillerie – eine Metamorphose mit Börsenticker

Was hier geschieht, ist mehr als ein Portfolio-Shift; es ist eine narrative Transformation. Unternehmen erzählen heute Geschichten über sich selbst, und Rheinmetall schreibt gerade das Kapitel vom „reinen Verteidigungsunternehmen“. Reinheit ist ein faszinierender Begriff in der Wirtschaft, denn er meint selten moralische Klarheit, sondern fast immer strategische Fokussierung. Rein ist, was Rendite verspricht.

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Man könnte das Ganze auch als ehrlichen Moment lesen. Jahrzehntelang tat man so, als ließen sich zivile und militärische Industrien mühelos unter einem Dach versöhnen, als wäre Krieg bloß ein weiterer Absatzmarkt mit etwas anspruchsvollerer Logistik. Nun fällt die Maskerade ein Stück weit. Der Konzern entscheidet sich – nicht für den Krieg, wohlgemerkt, sondern für ein Geschäftsfeld, das ohne die Möglichkeit desselben schwer vorstellbar wäre. Das ist kein Skandal, sondern Kapitalismus in seiner klassischen Form: Nachfrage erzeugt Angebot, und geopolitische Unsicherheit ist eine außerordentlich verlässliche Nachfragegeneratorin.

Zynisch wäre es allerdings, so zu tun, als handele es sich um eine rein technische Entscheidung. Wirtschaft ist stets ein Spiegel ihrer Epoche. Wenn Rüstungsunternehmen boomen, sagt das weniger über deren Marketinggenie aus als über die Welt, die ihre Produkte plötzlich wieder für unverzichtbar hält. Vielleicht liegt die eigentliche Pointe also nicht darin, dass ein Konzern seine Autosparte verkauft, sondern darin, dass uns das kaum noch überrascht.

Wachstum durch Bedrohung – die paradoxe Komfortzone Europas

Europa entdeckt derzeit mit bemerkenswerter Geschwindigkeit seine sicherheitspolitische Ernsthaftigkeit. Jahrzehntelang pflegte man eine strategische Kultur, die man freundlich als „delegierte Wehrhaftigkeit“ bezeichnen könnte: Andere würden im Zweifel schon aufpassen. Diese Epoche scheint zu Ende zu gehen, und mit ihr wächst ein Markt, der lange als moralisch heikel, ökonomisch aber unerquicklich galt. Nun ist er plötzlich beides: heikel und hochprofitabel – ein Traum für jede Investor Relations Abteilung mit starkem Magen.

Rheinmetalls Schritt wirkt in diesem Kontext fast zwangsläufig. Kapital liebt Klarheit, und nichts ist klarer als ein Geschäftsmodell, das politisch gewollt, staatlich finanziert und langfristig angelegt ist. Verteidigungsausgaben werden selten über Nacht gestrichen; sie besitzen die träge Beharrlichkeit großer Haushaltspositionen. Wer dort einmal fest verankert ist, darf auf stabile Cashflows hoffen – ein Wort, das in Vorstandsetagen ungefähr so beruhigend wirkt wie Meeresrauschen.

Und doch bleibt ein schaler Nachgeschmack, der sich nicht ganz weglächeln lässt. Wachstum, das aus der Erwartung künftiger Konflikte gespeist wird, trägt eine eigentümliche Ambivalenz in sich. Man freut sich über volle Auftragsbücher und hofft gleichzeitig, dass die Produkte möglichst selten unter realen Bedingungen getestet werden. Es ist ein Geschäft, das von seiner eigenen Nichtverwendung moralisch profitiert – ein Paradox, das sich hervorragend verdrängen lässt, solange die Zahlen stimmen.

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Der nüchterne Triumph der Logik – und ein leises Unbehagen

Am Ende ist dieser Strategiewechsel weder dämonisch noch heroisch; er ist konsequent. Unternehmen sind keine ethischen Seminare, sondern Organisationen zur Kapitalvermehrung. Sie folgen Anreizen, nicht Predigten. Wer darüber empört ist, verwechselt gern Wirtschaft mit Weltverbesserung – eine charmante, aber historisch schlecht belegte Erwartung.

Und dennoch: Ein wenig Melancholie darf erlaubt sein. Mit jeder solchen Entscheidung verabschiedet sich ein Stück jener industriellen Vorstellung, dass Technik primär dazu diene, das Leben bequemer, schneller, vielleicht auch schöner zu machen. Stattdessen rückt eine andere Funktion in den Vordergrund: Schutz, Abschreckung, Wehrhaftigkeit – alles nachvollziehbar, alles rational, und doch umweht von der leisen Erkenntnis, dass Fortschritt nicht immer nur aus leiseren Motoren besteht.

Vielleicht ist die eigentliche Satire dieses Moments, dass er uns so vernünftig erscheint. Ein Konzern richtet sich auf das lukrativste Feld aus, sichert Arbeitsplätze auf Zeit, optimiert sein Profil – Lehrbuchstoff für jede Business School. Und während wir anerkennend nicken, weil die Strategie „stringent“ wirkt, übersehen wir beinahe, wie sehr diese Stringenz von einer Welt abhängt, die uns gleichzeitig Sorgen bereitet.

So bleibt Rheinmetall am Ende weniger als Zyniker denn als Chronist seiner Zeit: ein Unternehmen, das tut, was die Gegenwart nahelegt. Die Autos fahren davon, die Auftragsbücher füllen sich anderswo, und irgendwo zwischen Werkshallen und Vorstandsetagen entsteht das Gefühl, dass die Zukunft zwar planbar sein mag – aber nicht unbedingt beruhigend. Ein augenzwinkernder Trost bleibt jedoch: Sollte die Geschichte irgendwann wieder friedlicher werden, wird sich bestimmt ein findiger Strategieberater finden, der erklärt, warum man nun unbedingt in Fahrradzubehör investieren müsse. Bis dahin gilt offenbar die alte Branchenweisheit, leicht modernisiert: Wer Frieden will, muss ihn bestellen – am besten in Großserie.

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