Es gibt im Kulturbetrieb bekanntlich viele Formen der Verzweiflung: die existenzielle des Regisseurs, der im dritten Akt merkt, dass sein Regiekonzept nur aus Nebelmaschine und bedeutungsschweren Pausen besteht; die administrative des Dramaturgen, der eine Pressemitteilung schreiben muss, ohne selbst zu verstehen, worum es im Stück geht; und schließlich jene besondere Form der institutionellen Verzweiflung, die eintritt, wenn eine Veranstaltung nicht so skandalös wird, wie man es sich erhofft hatte. In diese letzte Kategorie fällt offenbar der Abend im Thalia-Theater rund um Milo Raus Veranstaltung „Prozess gegen Deutschland“. Man hatte, so darf man es sich wohl vorstellen, innerlich längst die Trompeten der moralischen Endschlacht gehört. Eine Art Wannseekonferenz 2.0 sollte es werden – allerdings natürlich mit umgekehrten Vorzeichen: diesmal nicht die Täter am Tisch, sondern die moralisch Erleuchteten, die ihnen öffentlich das Urteil sprechen. Das Drehbuch schien perfekt. Empörung, Debatte, Talkshows, Leitartikel, vielleicht sogar die eine oder andere nächtliche Großdemonstration mit Kerzen, Transparenten und dem ritualisierten Ruf nach der Verteidigung der Demokratie gegen genau jene Demokratie, die gerade praktiziert wird. Kurz: ein gesellschaftliches Hochamt. Doch dann geschah das Unfassbare: nichts. Kein Sturm, kein Orkan, nicht einmal ein laues Lüftchen. Der Skandal blieb aus wie ein Zug der Deutschen Bahn, und übrig blieb – so sagt man in gewissen Kreisen mit einer Mischung aus Bitterkeit und Resignation – lediglich Martenstein. Ein Ergebnis, das ungefähr so spektakulär ist wie ein Feuerwerk, bei dem sich am Ende herausstellt, dass man nur eine Wunderkerze angezündet hat.
Der geplante moralische Ausnahmezustand
Man muss sich das dramaturgische Konzept vermutlich so vorstellen: Theater als Tribunal, Bühne als moralisches Hochgericht, Publikum als ergriffene Gemeinde, die sich kollektiv der richtigen Seite der Geschichte versichert. Es ist eine Form von politischem Theater, die weniger auf Erkenntnis als auf Bestätigung abzielt. Man kommt nicht, um etwas zu lernen, sondern um zu erfahren, dass man bereits recht hat. Die Kunst besteht darin, die Wirklichkeit so zu arrangieren, dass sie dem moralischen Skript folgt. In diesem Sinne war der „Prozess gegen Deutschland“ wohl gedacht als eine jener Veranstaltungen, die nicht nur aufgeführt werden, sondern Ereignisse produzieren sollen: Empörung, Gegenempörung, Pressewellen, vielleicht sogar jene wohlige Atmosphäre des permanenten Ausnahmezustands, in der sich der kulturbetriebliche Aktivismus besonders heimisch fühlt. Der zweite öffentliche Dienst – also jene halb ironisch, halb resigniert so bezeichnete Allianz aus Kulturinstitutionen, NGOs, Aktivistennetzwerken und öffentlich alimentierten Moralagenturen – hätte dann zuverlässig den Resonanzraum geliefert. Die Omas gegen Rechts, die Antifa, die üblichen Panels, die üblichen Leitartikel. Ein Ritual, das mittlerweile so ritualisiert ist, dass man fast versucht ist, Eintrittskarten dafür zu verkaufen wie für eine Wagner-Aufführung: „Der Empörungsring“, vier Abende, jeweils fünf Stunden moralische Erhabenheit.
Nur leider blieb der Chor aus. Die Republik reagierte nicht mit dem erwarteten Fieber, sondern mit jener Mischung aus Müdigkeit und Schulterzucken, die für den Kulturbetrieb das Schlimmste überhaupt ist. Skandal ist dort eine Art Lebenselixier; Gleichgültigkeit hingegen wirkt wie Sauerstoffentzug. Und so blieb am Ende ein Abend, der vermutlich viel Pathos, viel Selbstvergewisserung und viele große Worte enthielt – aber keinen gesellschaftlichen Flächenbrand.
Wenn Politik nur noch Moraltheater ist
An dieser Stelle wird die Sache tatsächlich ernster, weil hinter dem missglückten Spektakel eine größere Verschiebung sichtbar wird. Die organisierte politische Linke in Deutschland – oder zumindest jener Teil von ihr, der sich im kulturellen und medialen Raum besonders laut artikuliert – scheint zunehmend weniger ein klassisches politisches Programm zu verfolgen. Früher gab es, so erinnert man sich schwach, Debatten über Steuerpolitik, über Industriepolitik, über die Organisation des Sozialstaats, über Eigentumsverhältnisse, über Klassenfragen. Man konnte darüber streiten, ob diese Programme klug oder töricht waren, aber Programme waren es immerhin. Heute hingegen hat sich ein Teil dieser politischen Strömung in eine Art moralisch-kulturelle Bewegung verwandelt, deren zentrales Anliegen nicht mehr die Gestaltung gemeinsamer Lebensverhältnisse ist, sondern die Abgrenzung von jenen, die als moralisch defizitär gelten.
Das Resultat ist ein seltsames politisches Projekt: Man lebt im selben Land, aber man will eigentlich nicht mehr mit einem beträchtlichen Teil der Mitbürger leben. Zehn, vielleicht fünfzehn, vielleicht zwanzig Millionen Menschen – je nach politischer Wetterlage – erscheinen in dieser Perspektive weniger als politische Gegner denn als moralisches Problem. Sie vertreten Ansichten, die man für falsch hält, insbesondere in Fragen wie Migration, kultureller Integration oder staatlicher Souveränität. Früher hätte man darüber gestritten, vielleicht sogar heftig. Heute hingegen neigt man dazu, diese Ansichten als eine Art moralische Kontamination zu behandeln. Die Debatte verwandelt sich dann schnell in eine hygienische Angelegenheit: nicht mehr „Wie lösen wir dieses Problem gemeinsam?“, sondern „Wie verhindern wir, dass diese Leute unseren moralischen Raum verschmutzen?“.
Die politische Psychologie der Projektion
In diesem Kontext erscheinen auch manche politischen Kampagnen der letzten Jahre in einem anderen Licht. Man erinnere sich an den enormen Aufruhr über angebliche „Deportationspläne“, der eine Zeit lang die politische Landschaft dominierte. Unabhängig davon, was tatsächlich gesagt oder gemeint wurde, war die Intensität der Reaktion bemerkenswert. Der Begriff „Deportation“ wurde mit einer historischen Wucht aufgeladen, die sofort den moralischen Alarmzustand auslöste. Psychologisch betrachtet – und hier betreten wir das Terrain jener beliebten Diagnose namens Projektion – könnte man argumentieren, dass solche Kampagnen manchmal mehr über die Ängste und Fantasien der Ankläger verraten als über die realen Absichten der Angeklagten.
Denn wenn ein politisches Milieu zunehmend davon überzeugt ist, mit einem großen Teil der eigenen Gesellschaft eigentlich nicht mehr zusammenleben zu können, dann stellt sich zwangsläufig die Frage: Was macht man mit diesen Leuten? Man kann sie natürlich nicht einfach verschwinden lassen; die Realität ist dafür zu störrisch. Also entsteht eine seltsame Mischung aus moralischer Verachtung, politischer Ausgrenzung und rhetorischer Dramatisierung. Man erklärt die anderen zu einer permanenten Gefahr für die Demokratie und schafft damit eine Art Rechtfertigungsrahmen für ihre symbolische Isolation. Der Gegner wird nicht nur bekämpft, sondern delegitimiert. Er gehört nicht mehr wirklich zur moralischen Gemeinschaft.
Die Republik der Gereinigten
Die ironische Pointe dieser Entwicklung besteht darin, dass sie eine Gesellschaft imaginiert, die letztlich aus moralisch homogenen Zonen bestehen soll. Hier die Guten, dort die Problematischen. Die einen verstehen sich als Träger universeller Werte, die anderen als Störfaktor in einem moralischen Projekt, das sich selbst gern als historisch notwendig betrachtet. In dieser Perspektive wirken politische Gegner fast wie eine anthropologische Anomalie: Sie existieren zwar, aber eigentlich dürften sie es nicht. Ihre bloße Anwesenheit wird zum Skandal.
Und genau hier schließt sich der Kreis zum Theaterabend im Thalia. Denn das politische Theater dieser Art lebt davon, diese moralische Dramaturgie sichtbar zu machen. Es inszeniert die Welt als Bühne eines großen ethischen Konflikts, in dem die Rollen bereits verteilt sind. Das Problem entsteht nur dann, wenn das Publikum – also die Gesellschaft – plötzlich beschließt, nicht mehr mitzuspielen. Wenn die erwartete Empörung ausbleibt, wenn der moralische Alarm nicht mehr automatisch anspringt, wenn das Publikum vielleicht sogar beginnt, die Inszenierung selbst als Teil des Problems zu betrachten.
Dann steht man auf der Bühne, hat alles gegeben, die großen Worte gesprochen, die historische Bedeutung beschworen – und draußen vor dem Theater gehen die Leute einfach weiter ihres Weges. Keine Revolution, kein Aufstand, nicht einmal ein ordentliches Twitter-Gewitter. Nur ein paar Kolumnen, ein paar ironische Kommentare, vielleicht eben Martenstein.
Für den Kulturbetrieb ist das vermutlich die unerquicklichste aller Möglichkeiten: nicht der Skandal, sondern die Gleichgültigkeit. Denn gegen Gleichgültigkeit hilft kein Tribunal der Welt.