Davos, die alpine Burg der Erkenntnis

Einmal im Jahr wird Davos zum Hochsicherheitstrakt des Weltgewissens: Der Luftraum gesperrt wie die Empathie in manchen Vorstandsetagen, die Zufahrten kontrolliert wie die Gästelisten in sündhaft teuren Hotels, Scharfschützen auf Dächern – nicht weil man den Kapitalismus erschießen möchte (Gott bewahre), sondern weil man ihn vor den Blicken jener schützen muss, die ihn bezahlen. Die Weltwirtschaftselite tagt, wie es sich für eine Klasse gehört, die „Globalisierung“ liebt: lokal abgeschirmt, atmosphärisch entkoppelt, und mit so viel Sicherheitsbudget, dass man ganze Regionen damit in ein humanes Jahrhundert hätte überführen können. Aber man will ja keine falschen Signale senden. Humanität wirkt immer ein bisschen nach Steuererhöhung.

Und dann kommt Oxfam, traditionell wie der eine Cousin auf der Familienfeier, der nicht nur Wein trinkt, sondern auch über die Eheprobleme der Eltern spricht. Oxfam bringt Zahlen mit. Zahlen sind die letzte Form von Poesie, die man in Davos noch ernst nimmt. Ein Bericht, kühl wie ein Champagner-Eimer, aber inhaltlich heiß wie eine moralische Brandrede: Immer mehr Milliardärinnen und Milliardäre, und sie werden immer reicher. Während fast die Hälfte der Weltbevölkerung in Armut lebt. Das ist die Art von Gleichzeitigkeit, die man sonst nur aus schlechter Avantgarde-Literatur kennt: Im gleichen Raum stehen Trüffelhäppchen und Hungerstatistiken, und beide werden mit dem gleichen Gesichtsausdruck serviert – höflich, neutral, professionell.

Die Ausgangslage sei „spannend“, heißt es, selten war sie es so sehr. „Spannend“ ist ein Wort, das man in Davos ungefähr so verwendet wie in Krimis: Es beschreibt nicht das Leiden der Opfer, sondern den Nervenkitzel der Zuschauer. Es ist spannend, wenn der Planet brennt, weil man dann neue Märkte für Feuerlöscher erschließen kann. Es ist spannend, wenn Demokratien erodieren, weil das die Verhandlungsführung vereinfacht. Und es ist spannend, wenn Ungleichheit explodiert, weil Explosionen in der Finanzwelt stets nach „Wachstum“ riechen, solange sie nicht direkt vor der eigenen Haustür stattfinden – und selbst dann gibt es Versicherungsmodelle.

Vier Männer, eine Herde und das große Muh der Moral

Oxfam liebt zugespitzte Vergleiche, und das ist verständlich: Die Wirklichkeit ist längst so grotesk, dass sie ohne Satire nicht mehr erträglich ist. Also heißt es: Das Vermögen der vier reichsten Männer der Welt sei mehr wert als alle Kühe weltweit. Man muss das kurz wirken lassen. Nicht einmal „alle Tiere“, nicht „alle landwirtschaftlichen Erträge“, nicht „alle Häuser einer mittelgroßen Nation“, nein: alle Kühe. Das ist fast zärtlich. Kühe sind ja sympathische Wesen. Sie stehen in der Landschaft herum, kauen nachdenklich, blicken in die Ferne, als wüssten sie mehr über das Leben als wir, und produzieren nebenbei Milch, Mist und die stille Gewissheit, dass es auf der Welt noch etwas gibt, das nicht aus PowerPoint-Folien besteht. Kühe sind bodenständig. Kühe sind ehrlich. Kühe machen keine Keynotes über „Resilience“. Kühe sind, in ihrer stoischen Wiederkäuerwürde, die Anti-Davos-Existenz schlechthin.

Und gerade deshalb ist dieser Vergleich so brillant wie grausam: Vier Menschen gegen die Gesamtheit einer Spezies, die seit Jahrtausenden unser Brot – beziehungsweise unseren Käse – mitträgt. Man möchte fast fragen: Wenn vier Männer mehr wert sind als alle Kühe, wer ist dann die Herde? Und wer wird gemolken?

Natürlich ist das nur eine Rechenmetapher, ein PR-Kniff, ein rhetorischer Hammer. Aber ein Hammer trifft manchmal Nägel, die man sonst nicht mehr sieht, weil sie im Teppich der Normalität verschwunden sind. Der Witz ist ja nicht, dass Kühe plötzlich das neue Gold sind – der Witz ist, dass wir in einer Ordnung leben, in der der Begriff „Wert“ so schamlos verdreht wurde, dass man ihn wie eine Gummiwurst durch jeden ideologischen Fleischwolf drehen kann. Kühe sind real: Sie fressen, sie atmen, sie sterben, sie ernähren Menschen. Ultra-Reichtum hingegen ist oft eine Art metaphysische Wolke: Vermögenswerte, die aus Bewertungen, Erwartungen und Börsenlaunen bestehen – eine spiritistische Sitzung der Ökonomie, bei der alle so tun, als wäre das Gespenst materiell, weil man es sonst nicht besteuern könnte. Oder nicht besteuern will.

Und dann diese Zahlen: Rund 3.000 Superreiche mit 18,3 Billionen US-Dollar Vermögen. Seit 2020 inflationsbereinigt mehr als 80 Prozent Wachstum. Das klingt wie ein Fitnessprogramm, das nur für jene funktioniert, die bereits auf einem goldenen Laufband stehen, während der Rest der Welt barfuß hinterherhechelt und sich anhören muss, er solle „einfach mehr leisten“. Als wäre Armut ein Mangel an Motivation und nicht ein Mangel an Besitz, Sicherheit, Bildung, Infrastruktur, Zeit, Würde.

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Die Milliardäre werden reicher, dreimal schneller als zuvor, während die Armen arm bleiben – was man in Davos vermutlich als „Stabilität im unteren Segment“ verbuchen würde. Und dann diese Oxfam-Illustrationen: Elon Musk verdient in vier Sekunden so viel wie ein Durchschnittsmensch in einem Jahr. In vier Sekunden. Das ist nicht mehr Ungleichheit, das ist ein Zeitverbrechen. Wenn Geld Zeit ist, dann leben manche Menschen in einer Zeitzone, in der ein Augenblick zum Jahresgehalt wird, während andere ihr Leben lang in der Warteschleife hängen. Und wenn Musk pro Sekunde mehr als 4.500 Dollar verschenken müsste, damit sein Vermögen schrumpft, dann wird „Spenden“ zur mathematischen Unmöglichkeit. Philanthropie ist in dieser Größenordnung keine Tugend mehr, sondern eine Art Tropfen, der nicht einmal mehr in die Pfanne fällt, sondern auf dem Weg verdunstet.

Milliardäre verdienen im Schnitt 6.000 Dollar im 20-minütigen Powernap. Was für eine herrliche Pointe der Gegenwart: Schlaf als Geschäftsmodell, Träume als Rendite. Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Menschen in prekären Jobs schlecht schlafen – sie sind einfach noch nicht reich genug, um es sich leisten zu können. Und 145.000 Dollar in acht Stunden Schlaf: Das ist nicht mehr „passives Einkommen“, das ist ein Geldbrunnen, der selbst dann sprudelt, wenn der Besitzer schnarcht.

Die Ära der Milliardäre und das Ende der Scham

Oxfams Vorständin spricht von einer „Ära der Milliardärinnen und Milliardäre“. Es klingt wie eine historische Epoche, die man später in Lehrbüchern mit einem nachsichtigen Stirnrunzeln lesen wird: „Damals glaubten die Menschen, eine Handvoll Individuen könne unendlich besitzen, ohne dass die Gesellschaft daran zerbricht.“ Man wird sich wundern, wie man sich über Kleinigkeiten aufgeregt hat – über Wortwahl, Gendersternchen, kulturelle Anstandsformen –, während gleichzeitig die materielle Grundlage des Zusammenlebens in eine Art feudalen Nebel zurückglitt. Denn was ist diese „Ära“, wenn nicht die Rückkehr der Aristokratie, nur ohne die Verpflichtung zur Etikette? Die alten Fürsten mussten wenigstens noch höflich lächeln und Opern finanzieren; die neuen Fürsten finanzieren Plattformen, auf denen jeder schreien darf, und nennen das „freie Rede“.

Die zwölf reichsten Menschen besitzen mehr als die ärmste Hälfte der Menschheit. Das ist eine Zahl, die eigentlich nicht stimmen dürfte, so wie es eigentlich nicht stimmen dürfte, dass ein Mensch Hunger hat, während ein anderer sich die dritte Yacht kauft, um auf der zweiten Yacht besser über Nachhaltigkeit nachdenken zu können. Aber sie stimmt. Und sie ist nicht nur ein Skandal, sondern ein Symptom: Wir haben eine Welt gebaut, in der Überfluss nicht als soziale Absurdität gilt, sondern als Auszeichnung. Als hätte der Markt eine Art moralische Beglaubigungsmaschine eingebaut: Wer mehr hat, hat es verdient. Wer weniger hat, hat versagt. Das ist die Religion des Reichtums – eine Theologie ohne Gott, aber mit sehr vielen Beratern.

Und weil Reichtum heute nicht nur Besitz, sondern Macht ist, wird Ungleichheit zur politischen Architektur. Die Superreichen brauchen keine Panzer, sie brauchen Lobbyisten. Sie brauchen keine Festungen, sie mieten sich die Städte. Sie brauchen keine Kronen, sie haben Marken. Und sie brauchen keine offizielle Herrschaft, weil sie die Infrastruktur besitzen, über die wir unsere Arbeit, unsere Kommunikation und unsere Aufmerksamkeit abwickeln. Man könnte sagen: Der Staat verwaltet noch das Wetter, aber das Klima gehört längst anderen.

Wenn Wirtschaft Krieg ersetzt und Krieg Wirtschaft wird

Das WEF nennt wirtschaftliche Konfrontation das größte Risiko: Zölle, Investitionskontrollen, Lieferbeschränkungen. Man könnte auch sagen: Die Welt hat gelernt, dass man Menschen nicht mehr zwingend bombardieren muss, um sie zu beherrschen – es reicht, ihnen Chips, Rohstoffe, Medikamente oder Kreditlinien zu entziehen. Der moderne Konflikt ist elegant: Er funktioniert ohne Schlamm, ohne Leichenberge im Fernsehen, ohne die peinlichen Bilder von Soldaten, die sich im Dreck wälzen. Er ist sauber, präzise, technokratisch. Und genau deshalb ist er gefährlicher: Die moralische Abwehr wird nicht aktiviert, weil es so aussieht wie „Politik“. Wie „Handel“. Wie „Notwendigkeit“.

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„Wirtschaftspolitische Instrumente werden zu Waffen“, sagt eine WEF-Managerin. Welch nüchterne Feststellung. Als hätte man entdeckt, dass Messer schneiden können. Man möchte ihr eine Medaille verleihen – aus recyceltem Zynismus. Denn natürlich wird Wirtschaft zur Waffe, wenn man sie lange genug als neutrales Naturgesetz verkauft. Wenn jede Regulierung als „Marktverzerrung“ gilt, aber jede Ausbeutung als „Effizienz“. Wenn man jahrzehntelang predigt, der Markt sei eine unsichtbare Hand, dann sollte man sich nicht wundern, wenn diese Hand irgendwann zur Faust wird.

Gleichzeitig verlieren Umweltgefahren kurzfristig an Bedeutung, rücken aber langfristig wieder nach oben. Das ist typisch Menschheit: Wir verschieben das Ende der Welt immer auf später, weil wir gerade keine Zeit haben – wir müssen erst unsere Mails checken, unsere Quartalszahlen liefern, unsere gesellschaftliche Debatte über Nebensächlichkeiten auf dem neuesten Stand halten. Der Planet darf gerne in zehn Jahren kollabieren, aber bitte nicht vor dem nächsten Davos-Panel über „Green Innovation“. Und KI wird als langfristiges Risiko schlecht regulierter Technologie benannt – was man in Davos vermutlich mit der gleichen Mischung aus Sorge und Vorfreude ausspricht wie „neues Wachstumspotenzial“.

Trump in Davos und die Kunst der Hinterzimmerluft

Und dann, als dramaturgischer Höhepunkt, kommt Donald Trump. Ein Mann, der wie ein wandelnder Algorithmus wirkt: maximaler Output, minimaler Sinn. Er bringt einen Riesentross mit, Minister, Sondergesandte, den Schwiegersohn – eine Karawane der Macht, die so wirkt, als hätte jemand „Familienbetrieb“ missverstanden und auf Geopolitik angewendet. Trump ist nicht nur Person, er ist Symptom: die Verkörperung jener politischen Ökonomie, die aus Ungleichheit nicht nur Profit, sondern Unterhaltung macht. Er ist Reality-TV als Staatsform, und Davos liebt solche Figuren heimlich, weil sie die Welt verlässlich destabilisieren und damit Rendite, Volatilität und Gesprächsstoff liefern.

Er verhängt Sonderzölle, weil die USA Grönland nicht einfach übernehmen können, wie er sich das vorstellt. Man muss diesen Satz zweimal lesen, um zu begreifen, dass er nicht aus einer Satire stammt, sondern aus der Realität. Aber die Realität hat längst die Satire enteignet. Sie nimmt sich die besten Pointen, trägt sie auf offener Bühne vor und erwartet Applaus. Und oft bekommt sie ihn.

Dass Davos „spannend“ wird, liegt also nicht daran, dass dort Lösungen entstehen – Lösungen wären langweilig –, sondern daran, dass dort Macht in ihrer reinsten Form performt wird: hinter verwinkelten Gängen, in kleinen Räumen, zwischen Blicken, Handschlägen und dem diskreten Geräusch von Türen, die ins Schloss fallen. Hinterzimmerpolitik, wortwörtlich. Ein politisches Theater, das so sehr auf Diskretion angewiesen ist, dass man sich fragt, ob die Welt vielleicht wirklich demokratischer wäre, wenn man einfach mehr Fenster einbauen würde.

Die große Davos-Lüge: Alle sind besorgt, aber niemand ist zuständig

Das Erstaunlichste an Davos ist nicht die Sicherheitskulisse, nicht die Prominenz, nicht einmal die groteske Gleichzeitigkeit von Luxus und globalem Elend. Das Erstaunlichste ist die ritualisierte Betroffenheit. Jedes Jahr sprechen Menschen, die von dieser Ordnung profitieren, darüber, wie bedauerlich diese Ordnung sei. Das ist wie ein Kannibale, der beim Dessert über vegetarische Alternativen philosophiert. Man diskutiert Ungleichheit mit dem Tonfall von Leuten, die über das Wetter reden: „Ja, schade, dass es so viel regnet. Naja, wir können’s nicht ändern.“ Und dann geht man wieder ins Warme.

Oxfam bringt die Zahlen, Davos nickt, schreibt vielleicht ein paar Stichworte mit, und irgendwo wird ein Paneltitel geboren wie „Inclusive Capitalism“ oder „Stakeholder Value in Times of Disruption“. Worte, die klingen wie Trostpflaster, die man auf offene Frakturen klebt. Man beteuert, man müsse „mitnehmen“, „transformieren“, „resilient“ werden. Und derweil wächst das Vermögen der Superreichen weiter, weil das System genau dafür gebaut ist: Vermögen zieht Vermögen an, wie ein Schwarzes Loch Licht schluckt. Und wer kein Vermögen hat, besitzt nicht einmal die Gravitation, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.

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Die Wahrheit ist: Ungleichheit ist kein Unfall. Sie ist kein Betriebsfehler. Sie ist eine Funktion. Sie ist der Preis, den eine Ordnung bezahlt, die Wettbewerb als Moral verkauft und Besitz als Leistungsnachweis. Sie ist die praktische Umsetzung eines Glaubenssatzes: dass es okay sei, wenn wenige alles haben, solange viele hoffen dürfen. Hoffnung ist in diesem System das billigste Gut – und gleichzeitig das wertvollste, weil sie Menschen ruhigstellt.

Kühe, Milliardäre und die letzte Frage, die man nicht stellt

Und nun zurück zu den Kühen. 1,5 Milliarden Rinder weltweit, sagt man. Eine gigantische Zahl, ein globales Muhen, das sich wie ein Kommentar zur Weltlage anhört, wenn man nachts lange genug darüber nachdenkt. Kühe sind nicht perfekt, sie produzieren Methan, sie sind Teil der Klimadebatte, sie stehen im Fokus von Agrarindustrie und Ernährungsfragen. Aber sie sind immerhin lebendig. Und ihr Wert ist ein Wert im klassischen Sinne: Nahrung, Arbeit, Existenzgrundlage.

Was ist dagegen der Wert eines Milliardärs? Nicht die Person, selbstverständlich – Menschen sind kein Vermögensposten, außer in sehr unsympathischen Ideologien. Sondern der Wert seines Vermögens: Aktienpakete, Beteiligungen, Immobilien, Patente, Netzwerke, Einfluss. Ein Wert, der nicht in Milch gemessen wird, sondern in Macht. Und genau da liegt die Pointe dieser Oxfam-Zuspitzung: Sie zwingt uns, das Wort „wert“ zu entkleiden. Denn sobald man es ausspricht, merkt man, wie schief es hängt.

Wenn vier Männer mehr wert sind als alle Kühe, dann ist nicht nur der Reichtum absurd, sondern das Maßsystem. Dann haben wir uns entschieden, dass abstrakte Zahlen wichtiger sind als konkrete Leben. Dann haben wir die Welt so eingerichtet, dass der Besitz an Dingen, die andere produzieren, höher bewertet wird als das Produzieren selbst. Und dann ist Davos nicht ein Ort der Problemlösung, sondern ein Tempel dieser Bewertung: ein Hochgebirge der Abstraktion, in dem man sich so weit über dem Meeresspiegel befindet, dass man die Realität nur noch als Landschaft sieht.

Schluss mit Gänsehaut, her mit Konsequenzen

Man kann über Oxfam schmunzeln, weil die Vergleiche so plakativ sind. Man kann über Davos spotten, weil die Selbstinszenierung so leicht zu karikieren ist. Man kann über Trump lachen, weil es sonst weh tut. Aber irgendwann endet das Augenzwinkern, und das Auge bleibt offen. Die Welt wird nicht ungleicher, weil wir zu wenig darüber reden. Sie wird ungleicher, weil wir zu viel darüber reden, ohne etwas daran zu ändern. Weil Betroffenheit zur Ersatzhandlung geworden ist, zur moralischen Gymnastik, die das Gewissen dehnt, aber die Strukturen intakt lässt.

Vielleicht wird die Ära der Milliardäre tatsächlich einmal enden. Nicht, weil plötzlich alle in Davos eine Erleuchtung haben – Erleuchtungen sind dort meist LED-beleuchtet und gesponsert –, sondern weil jede extreme Konzentration irgendwann an ihre Grenzen stößt: sozial, politisch, ökologisch. Die Frage ist nur, wie viele Menschen bis dahin gelernt haben müssen, dass Kühe zwar wiederkäuen, aber Gesellschaften nicht. Gesellschaften schlucken irgendwann nicht mehr.

Und wenn dann eines Tages der nächste Oxfam-Bericht erscheint, könnte er einen anderen Vergleich wählen. Vielleicht: Das Vermögen der vier reichsten Männer ist mehr wert als alle demokratischen Institutionen, die sie indirekt steuern. Oder mehr wert als alle Zukunftschancen, die man mit diesem Geld hätte kaufen können, wenn man nicht stattdessen entschieden hätte, es zu horten wie ein Drache im Designeranzug.

Aber bis dahin bleibt uns Davos als jährliche Erinnerung daran, dass die Welt durchaus zusammenkommt – nur eben nicht, um gleich zu werden, sondern um ungleich zu bleiben. Und während draußen irgendwo eine Kuh auf einer Wiese steht, still und unbeeindruckt, kauend, atmend, lebend, wird drinnen vielleicht gerade entschieden, wie man das Wort „Gerechtigkeit“ im nächsten Panel umformuliert, ohne dass es nach Umverteilung klingt. Denn Umverteilung, das wäre ja radikal.

Und radikal ist in Davos nur die Kälte.

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