Danke für gar nichts

Es gibt diese seltenen historischen Momente, in denen sich die Menschheit kollektiv an die Stirn fasst und fragt, ob sie nicht irgendwo falsch abgebogen ist – vielleicht damals, als man beschloss, dass der Kühlschrank mit dem Internet verbunden sein müsse, damit er eigenständig Milch bestellen kann, während sein Besitzer längst auf Haferdrink umgestiegen ist. Und so stehen wir nun vor der nächsten großen Verheißung der digitalen Zivilisation: mehr Kontrolle, diesmal natürlich ausschließlich zu unserem Besten. Denn nichts sagt „Freiheit“ so überzeugend wie ein System, das uns lückenlos identifizieren kann. Danke auch.

Die Argumentationslinie ist dabei so vertraut wie ein ausgelatschter Teppich im Wartezimmer eines schlecht beleuchteten Bürgeramts: Man tue es ja nur für die Schwächsten. Einst waren es die Alten, die geschützt werden mussten – vor Viren, vor Kontakten, vor sich selbst, manchmal gefühlt auch vor frischer Luft. Heute sind es die Kinder, diese ewigen Schutzheiligen politischer Maßnahmen, die selten selbst gefragt werden und noch seltener eine Datenschutzverordnung gelesen haben. Kinder, so heißt es, müssten vor den Abgründen des Internets bewahrt werden. Ein löblicher Gedanke. Allerdings ist die Geschichte staatlicher Eingriffe voll von Maßnahmen, die offiziell mit Schutz begannen und mit einem erstaunlich robusten Instrumentarium endeten, das plötzlich für alle galt. Wie ein Regenschirm, der ursprünglich für Nieselregen gedacht war und sich am Ende als mobile Wetterkontrollstation entpuppt.

Die Pädagogik der totalen Vorsicht

Der moderne Staat liebt Prävention. Prävention klingt nach Vernunft, nach Fürsorge, nach einem warmen Kakao der öffentlichen Ordnung. Wer könnte etwas dagegen haben, dass Kinder keine verstörenden Inhalte sehen? Nur ein Unmensch, vermutlich mit einem Keller voller verbotener Videokassetten aus den Neunzigern. Doch sobald man genauer hinsieht, wird die Frage komplizierter: Wie viel Kontrolle ist notwendig, und wann beginnt sie, sich von ihrem ursprünglichen Zweck zu emanzipieren wie ein Praktikant, der plötzlich den ganzen Laden führt?

Die Versuchung ist groß, technische Lösungen für menschliche Probleme zu finden. Wenn es Gefahren gibt, dann bauen wir eben ein System, das alle identifiziert, verifiziert und protokolliert. Sicherheit durch Nachverfolgbarkeit – ein Traum für jede Verwaltung, die schon immer davon träumte, dass Menschen so ordentlich funktionieren wie Excel-Tabellen. Dass dabei zwangsläufig Daten in gigantischem Umfang entstehen, wird mit der beruhigenden Formel abgetan, man habe ja „nichts zu verbergen“. Dieser Satz ist das digitale Äquivalent zu „Ich habe die Gebrauchsanweisung nicht gelesen, aber was soll schon passieren?“

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Die große Verheißung der digitalen Brieftasche

Und irgendwo am Horizont schimmert sie bereits: die europäische digitale Identität, kurz EUDI, eine Art metaphysischer Personalausweis für das Smartphone-Zeitalter. Die Idee klingt zunächst bestechend praktisch. Ein Klick statt zehn Formulare, ein QR-Code statt eines Ordners, der so dick ist, dass er beim Umzug eine eigene Spedition benötigt. Wer jemals versucht hat, eine Behörde mit exakt dem falschen Passfotoformat zu beeindrucken, wird den Charme solcher Visionen verstehen.

Doch wie so oft liegt der Teufel nicht im Detail, sondern im Systemdesign. Denn eine universelle Identität ist nicht nur ein Schlüssel – sie ist auch ein Schloss. Wer Zugang kontrolliert, kontrolliert Verhalten. Das muss nicht in finsteren Hinterzimmern beschlossen werden; es reicht die schlichte Logik administrativer Effizienz. Wenn alles über ein System läuft, wird dieses System zwangsläufig zum Nervenzentrum des gesellschaftlichen Lebens. Und Nervenzentren haben die unangenehme Eigenschaft, empfindlich zu sein.

Natürlich betonen Befürworter, dass Datenschutz, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit fest verankert seien. Und das stimmt: Europa ist nicht gerade berüchtigt für anarchische Datenorgien. Gleichzeitig zeigt die Geschichte der Technik, dass Möglichkeiten, sobald sie existieren, selten ungenutzt bleiben. Was heute für Altersverifikation gedacht ist, könnte morgen zur bequemen Infrastruktur für ganz andere Zwecke werden – nicht unbedingt aus bösem Willen, sondern aus jener Mischung aus Pragmatismus und politischem Druck, die schon so viele „temporäre“ Maßnahmen erstaunlich langlebig gemacht hat.

Der Bürger als Projektmanager seiner selbst

Es ist eine merkwürdige Ironie der Gegenwart, dass ausgerechnet in einer Epoche, die Individualität feiert wie nie zuvor, standardisierte Identitäten zur Norm werden. Der Bürger wird zum Projekt, zur Datenspur mit angeschlossener Existenz. Man soll sich ausweisen, bestätigen, authentifizieren – ein dreifacher Knicks vor der digitalen Schranke. Freiheit wird dabei zunehmend als reibungsloses Funktionieren innerhalb definierter Parameter interpretiert. Wer sich korrekt verhält, merkt kaum etwas. Wer aus der Reihe tanzt, entdeckt plötzlich, wie viele Reihen es gibt.

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Dabei wäre es zu einfach, das Ganze als düsteren Masterplan zu karikieren. Bürokratien planen selten die Weltherrschaft; sie planen eher den nächsten Workflow. Aber genau darin liegt die eigentliche Pointe: Große Veränderungen entstehen oft nicht aus dramatischen Absichten, sondern aus einer Kette vernünftiger Entscheidungen, die einzeln harmlos wirken und gemeinsam eine neue Realität formen. Niemand beschließt morgens beim Kaffee: „Heute bauen wir eine Kontrollgesellschaft.“ Man beschließt Schnittstellen, Standards und Pilotprojekte.

Zwischen Bequemlichkeit und Wachsamkeit

Und doch – man sollte nicht unterschätzen, wie attraktiv Bequemlichkeit ist. Wenn Kontrolle sich wie Komfort anfühlt, wenn Überprüfung als Service daherkommt, dann applaudiert man ihr womöglich sogar. Die Menschheit hat schon immer gerne Werkzeuge angenommen, die das Leben erleichtern, selbst wenn sie nebenbei neue Abhängigkeiten schufen. Das Auto brachte Freiheit und Stau, soziale Netzwerke brachten Verbindung und Dauerempörung, und die digitale Identität könnte Effizienz bringen – sowie die ewige Frage, wer eigentlich am Schalter sitzt.

Vielleicht liegt die eigentliche Aufgabe nicht darin, jede neue Infrastruktur reflexhaft zu verdammen oder blind zu feiern, sondern darin, sie mit jener skeptischen Aufmerksamkeit zu begleiten, die man sonst nur dubiosen Vertragsklauseln widmet. Kontrolle wächst dort am besten, wo Gleichgültigkeit gedeiht. Wachsamkeit hingegen ist unerquicklich, anstrengend und ungefähr so glamourös wie Steuererklärungen – aber sie bleibt das zuverlässigste Korrektiv demokratischer Systeme.

Am Ende könnte sich herausstellen, dass die größte Gefahr weder in der Technik noch in politischen Projekten liegt, sondern in unserer eigenen Neigung, komplexe Fragen gegen einfache Versprechen einzutauschen. „Für die Kinder“ ist ein starkes Argument; gerade deshalb verdient es besonders sorgfältige Prüfung. Denn eine Gesellschaft, die ihre Freiheit bewahren will, sollte nicht nur fragen, was sie schützt, sondern auch, was sie dafür aufzugeben bereit ist.

Und so bleibt uns vorerst nur, höflich zu nicken, die digitalen Formulare auszufüllen und gleichzeitig die alte, leicht unbequeme Tugend der Kritik nicht zu verlernen. Fortschritt ohne Misstrauen ist schließlich nur Optimismus mit sehr kurzer Halbwertszeit. Oder, um es weniger diplomatisch zu sagen: Wenn schon Kontrolle, dann wenigstens mit offenen Augen – sonst heißt es am Ende wieder: Danke für gar nichts.

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