Es ist wieder soweit: Die Politik hat das Internet entdeckt. Nicht als Ort der Innovation, nicht als Infrastruktur der Gegenwart, sondern als digitalen Pausenhof voller ungezogener Kinder, die dringend eine streng blickende Aufsichtsperson brauchen – idealerweise mit Amtsstempel, Formular A38 und einem Passwort, das aus Sicherheitsgründen auf einem gelben Post-it am Bildschirm klebt. Man möchte fast applaudieren, so rührend wirkt dieser Versuch, eine Technologie zu regulieren, die sich ungefähr so bereitwillig in Paragrafen pressen lässt wie ein Oktopus in eine Butterdose. Doch nennen wir das Kind beim Namen: Ihr könnt es gleich „Boomer Netzwerk Act“ nennen. Oder, etwas technokratischer, „Klarname-durch-die-Hintertür-Gesetz“. Der Klang ist ehrlicher, und Ehrlichkeit ist schließlich eine Tugend, die man vorzugsweise von anderen verlangt.
Denn Hand aufs Herz: Ihr glaubt doch noch immer, VPN sei die Abkürzung für „Volks Partei Niederösterreich“, und bei TOR denkt ihr an einen muskulösen Gott mit Hammer, der vermutlich ebenfalls einer Altersbeschränkung unterliegen müsste, weil er zu viel Chaos stiftet. Währenddessen sitzen irgendwo Jugendliche mit drei Geräten gleichzeitig, routen ihren Datenverkehr über drei Kontinente und erklären nebenbei ihren Eltern, warum der WLAN-Router nicht „kaputt“, sondern nur „neu gestartet werden muss“. Aber ja – ein verpflichtender Altersfilter wird das alles lösen. Ganz bestimmt. So wie ein „Bitte nicht betreten“-Schild einen Einbrecher zuverlässig stoppt.
Brüssel hebt die Augenbraue
Brüssel sieht sich natürlich für die Durchsetzung zuständig, was ungefähr so beruhigend klingt wie der Hinweis, dass für das Wetter weiterhin die Atmosphäre verantwortlich ist. Nicht nur Österreich denkt über nationale Altersbegrenzungen nach – auch Frankreich, Dänemark und Griechenland spielen mit dem Gedanken, das Internet in eine Art digitalen Streichelzoo umzubauen, in dem Minderjährige nur noch unter pädagogisch wertvoller Aufsicht an algorithmisch kuratierten Gänseblümchen schnuppern dürfen. Spaniens Premier Pedro Sánchez wiederum plädiert dafür, Plattformen wie Instagram oder TikTok für unter 16-Jährige zu verbieten, was in etwa dem Vorschlag entspricht, Ebbe per Dekret einzuführen.
Österreich arbeitet derweil an einer „nationalen Lösung“. Das klingt herrlich entschlossen und gleichzeitig wunderbar provinziell, als könne man das globale Netz mit einem rot-weiß-roten Flatterband einfrieden. Die EU-Kommission erinnert jedoch daran, dass die Durchsetzung keine rein nationale Angelegenheit sei – eine diplomatische Umschreibung für: „Bitte versucht nicht, den Atlantik mit einem Gartenschlauch leerzupumpen.“
Der zuständige Sprecher verweist auf den Digital Services Act, kurz DSA, dessen Durchsetzung selbstverständlich in der Verantwortung der EU-Kommission liege, die „Hand in Hand“ mit den Mitgliedsstaaten arbeite. Hand in Hand – man stellt sich sofort eine Gruppe leicht überforderter Bürokraten vor, die sich im Kreis drehen, während das Internet mit der Geschwindigkeit eines Geparden an ihnen vorbeizieht und dabei noch schnell ein Meme postet.
Minderjährige schützen – aber wovor genau?
Natürlich: Minderjährige sollen geschützt werden. Wer wollte das bestreiten? Der DSA verlangt bereits besonderen Schutz für ihre Sicherheit, Privatsphäre und Daten. Das klingt nobel, fast ritterlich. Doch die eigentliche Frage lautet nicht, ob Schutz notwendig ist, sondern ob man ihn durch flächendeckende Identifizierungsmechanismen erreicht – oder ob man dabei ganz nebenbei ein Überwachungsinstrument etabliert, das selbst George Orwell höflich nicken ließe.
Denn Altersverifikation ist kein Zaubertrick. Sie bedeutet Daten. Viele Daten. Offiziell gespeichert, inoffiziell begehrt, potenziell gehackt, geleakt oder zweckentfremdet. Und während man behauptet, nur die Jugend schützen zu wollen, entsteht ganz zufällig eine Infrastruktur, die sich hervorragend dazu eignet, jeden Klick einem Gesicht, jeder Meinung einen Namen und jeder Abweichung eine Adresse zuzuordnen. Aber nein, Kontrolle? Überwachung? Wie kommen Sie denn darauf! Das ist doch bloß fürsorgliche Verwaltung.
Seid doch ehrlich: Ihr wollt die totale Kontrolle und wisst genau, anders geht’s nicht. Der Traum vom vollständig katalogisierten Bürger spukt seit Jahrhunderten durch Amtsstuben – früher waren es Kirchenbücher, später Meldezettel, heute sind es digitale Identitäten. Fortschritt bedeutet eben auch, dass die Register hübscher geworden sind.
Das ewige Missverständnis namens Internet
Was hier eigentlich sichtbar wird, ist ein fundamentales Missverständnis: Politik denkt in Territorien, das Internet in Topologien. Politik kennt Zuständigkeiten, das Netz kennt Wege. Politik liebt Grenzen, das Netz liebt Umgehungen. Jede neue Restriktion ist für technisch halbwegs versierte Nutzer weniger ein Hindernis als eine Einladung zum kreativen Problemlösen. „Zutritt erst ab 16“ liest sich online oft wie „Bitte hier klicken, um zu erfahren, wie man diese Schranke umgeht.“
Und währenddessen entsteht ein paradoxes Schauspiel: Diejenigen, die am wenigsten technisches Verständnis besitzen, beschließen Regeln für jene, die am schnellsten lernen, sie zu umgehen. Es ist ein bisschen so, als würde man Katzen mit einem Regelwerk davon überzeugen wollen, keine Vorhänge mehr hochzuklettern.
Vielleicht wäre ein Netzforum tatsächlich ein guter Anfang. Nicht als PR-Termin mit betretenem Lächeln und vorbereiteten Sprechzetteln, sondern als echte Feldforschung. Ein paar Stunden zwischen Memes, Inside-Jokes und bitterironischen Kommentarspalten könnten erhellender wirken als fünf Expertengremien. Man würde entdecken, dass digitale Räume keine Kindergärten sind, sondern komplexe soziale Ökosysteme – chaotisch, ja, manchmal toxisch, oft brillant, immer dynamisch.
Zwischen Fürsorge und Freiheitsangst
Das alles heißt nicht, dass man nichts tun sollte. Aber zwischen Nichtstun und Totalregulierung liegt ein weiter Raum, den man Bildung nennt. Medienkompetenz. Kritisches Denken. Die unerquicklich altmodische Idee, Menschen zu befähigen, statt sie präventiv einzusperren. Doch Bildung ist unerquicklich langsam, politisch schwer zu verkaufen und produziert keine knackigen Schlagzeilen. Ein Verbot dagegen passt auf jede Titelseite.
Vielleicht ist das eigentliche Motiv auch weniger der Schutz der Jugend als die tiefe, existenzielle Freiheitsangst gegenüber einem Raum, den man nicht vollständig kontrollieren kann. Das Internet ist laut, widersprüchlich, respektlos – kurz: demokratischer, als es manchem lieb ist. Und nichts beunruhigt Ordnungsliebende mehr als eine Öffentlichkeit, die sich ihrer Kuratierung entzieht.
Ein augenzwinkerndes Fazit
Am Ende bleibt die leise Hoffnung, dass irgendwo in den Fluren der Macht jemand innehält und denkt: Vielleicht sollten wir zuerst verstehen, bevor wir regulieren. Vielleicht sollten wir zuhören, bevor wir filtern. Vielleicht sollten wir akzeptieren, dass Kontrolle im digitalen Zeitalter weniger eine Frage der Technik als eine Illusion ist.
Bis dahin aber dürfen wir uns auf weitere wohlmeinende Initiativen freuen, auf Gesetze mit wohlklingenden Namen und auf Pressekonferenzen, in denen man entschlossen gegen Probleme vorgeht, die sich währenddessen elegant durch die Hintertür verabschieden.
Und falls es doch kommt, dieses Klarname-Gesetz – nun, dann bleibt immer noch der nordische Gott. Nicht der mit dem Hammer, sondern das Netzwerk, das man besser nicht unterschätzen sollte. Aber keine Sorge: Irgendwer wird bestimmt ein Formular dafür entwerfen.