Bilanzierung des Atems

Am Rande des Weltwirtschaftsforum, jenes Hochamts der globalen Vernunftverwaltung, in dem die Welt in PowerPoint-Folien zerlegt und als Diagramm wieder zusammengesetzt wird, fiel ein Satz, der so harmlos klang wie ein Steuerformular und doch das Zeug zum metaphysischen Erdbeben hat: Es sei an der Zeit, die Grundlagen unserer Existenz streng zu berücksichtigen. Man muss diesen Satz mehrmals lesen, wie man einen Beipackzettel studiert, der beiläufig Nebenwirkungen wie „Realitätsverlust“ oder „leichte Entmenschlichung“ aufführt. Denn was hier in der geschmeidigen Sprache nachhaltiger Governance daherkommt, ist nichts weniger als die Idee, Wasser, Boden und Sauerstoff aus der anrüchigen Sphäre des Selbstverständlichen zu befreien und sie in die erhabene Ordnung der Vermögenswerte zu überführen. Endlich, möchte man ausrufen, bekommt auch die Luft ihren fairen Marktpreis. Dass sie bislang gratis war, ist ja ohnehin ein ordnungspolitischer Skandal.

Die Ökonomisierung des Elements

Die Urheberin dieser gedanklichen Frischluftkur ist Lindsey Hooper, CEO des Cambridge Institute for Sustainability Leadership, einer Institution, deren Name bereits so klingt, als habe man die Zukunft in einem klimaneutralen Konferenzraum eingeschlossen und ihr ein Flipchart gereicht. Hooper schlägt vor, Wasser, Boden und Sauerstoff als Vermögenswerte zu klassifizieren und in eine globale Bilanz aufzunehmen. Man muss sich das bildlich vorstellen: Neben Aktien, Anleihen und Derivaten taucht in der Weltbilanz plötzlich die Troposphäre auf, säuberlich abgeschrieben, vielleicht mit einem kleinen Sternchen für saisonale Schwankungen. Die Erde als Tochtergesellschaft, die Natur als Bilanzposition, der Regen als Cashflow. Was bislang in Gedichten besungen wurde, soll künftig in Quartalsberichten erscheinen. „Wie lief es im dritten Quartal mit der Photosynthese?“ – „Durchwachsen, wir mussten Sauerstoff nachkaufen.“

Natürlich geschieht all dies im Namen der Verantwortung. Wer wollte bestreiten, dass Wasser knapp, Böden erschöpft und die Atmosphäre belastet sind? Doch der Gedanke, die Lösung bestehe darin, sie in Eigentumstitel zu verwandeln, hat eine gewisse barocke Pracht. Man bekämpft die Kommodifizierung der Welt, indem man sie vollendet. Man rettet die Natur, indem man sie zur Ware adelt. Es ist die Logik des Brandstifters, der zum Feuerwehrhauptmann ernannt wird, weil er das Feuer so gut kennt.

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Die Moral der Excel-Tabelle

Die eigentliche Kühnheit liegt nicht in der Idee, Ressourcen zu schützen – das wäre banal vernünftig –, sondern in der impliziten Annahme, dass etwas erst dann real ist, wenn es bepreist wurde. Der Atemzug als ungebuchte Transaktion, der Tropfen Wasser als steuerlich unerschlossenes Terrain – ein Affront gegen die metaphysische Ordnung der Märkte. Wenn der Mensch bislang frei atmete, so nur deshalb, weil die Buchhaltung hinterherhinkte. Die neue Moral lautet: Was keinen Preis hat, hat keinen Wert. Und was keinen Wert hat, darf bedenkenlos zerstört werden. Also geben wir dem Sauerstoff einen Preis, damit wir ihn endlich ernst nehmen. Es ist eine rührende Form von Zuneigung, die sich in Zahlungsbereitschaft ausdrückt.

Man könnte einwenden, dass eine globale Bilanzierung Transparenz schafft, Verantwortlichkeiten klärt, Anreize setzt. Das stimmt vermutlich. Doch Transparenz ist nicht identisch mit Gerechtigkeit, und ein Anreiz ist noch kein Gewissen. Die Vorstellung, dass man die planetarischen Lebensgrundlagen in eine Excel-Tabelle überführt und damit ihre Würde rettet, hat etwas zutiefst Modernes – und zutiefst Tragikomisches. Der Wald wird nicht mehr gefällt, weil er wertlos ist, sondern weil sein Wert anderswo höher angesetzt wird. Ein Fortschritt, gewiss, nur leider einer mit Taschenrechner.

Pay per Breath

Besonders unerquicklich – oder je nach Temperament köstlich absurd – ist die Vision, die sich aus dieser Logik ergibt: Dass man eines Tages für jeden Atemzug bezahlt. Was gestern noch als dystopischer Witz kursierte, könnte morgen als innovative Lösung für nachhaltige Finanzierungsmodelle präsentiert werden. „Atmen Sie verantwortungsvoll“, mahnt dann vielleicht eine App, die diskret Ihre CO₂-Bilanz mit Ihrem Kontostand synchronisiert. Wer tief durchatmet, zahlt drauf. Wer flach atmet, spart. Yoga wird zur Steueroptimierung.

Gewiss, niemand fordert ernsthaft eine Atemsteuer. Noch nicht. Doch die symbolische Verschiebung ist entscheidend: Wenn Luft, Wasser und Boden als Vermögenswerte gelten, gehören sie jemandem. Und was jemandem gehört, ist grundsätzlich veräußerbar, verpfändbar, monopolisierbar. Die Allmende wird zur Anlageklasse. Der Himmel bekommt einen Eigentümer, und wir dürfen ihn nutzen – gegen Gebühr oder mit freundlicher Genehmigung. Der Gedanke, dass der Mensch nicht Besitzer, sondern Teil dieser Grundlagen ist, wirkt plötzlich wie ein sentimentales Relikt aus vorökonomischen Zeiten.

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Der Ernst der Ironie

Man sollte nicht in die bequeme Empörung verfallen. Die ökologische Krise ist real, und die bisherigen Instrumente haben offenkundig versagt. Vielleicht braucht es tatsächlich radikale Ideen, um das System zu zwingen, seine eigenen Voraussetzungen zu respektieren. Doch die Frage bleibt, ob man das Heilige dadurch schützt, dass man es bilanziert. Ob man die Lebensgrundlagen bewahrt, indem man sie in Vermögenswerte verwandelt. Ob der Markt, der uns in diese Lage geführt hat, nun als Erlöser auftreten soll – nur mit nachhaltigerem Branding.

Es ist die Ironie unserer Epoche, dass wir die Natur erst dann achten, wenn sie uns eine Rechnung stellt. Vielleicht ist die globale Bilanz nichts anderes als der Versuch, diese Rechnung sichtbar zu machen. Doch zwischen Sichtbarmachen und Verkaufen liegt ein schmaler Grat. Wenn wir beginnen, den Sauerstoff als Asset zu behandeln, riskieren wir, ihn nicht mehr als Atem zu begreifen, sondern als Produkt. Und dann wird der Tag kommen, an dem jemand fragt, ob sich das Einatmen wirklich noch lohnt – rein ökonomisch betrachtet.

Bis dahin bleibt uns immerhin der Luxus, frei zu atmen und darüber zu spotten. Noch ist der Himmel nicht mit einem Preisschild versehen. Noch ist der Regen kein Premium-Abonnement. Noch ist der Boden unter unseren Füßen mehr als eine Position in der Weltbilanz. Doch wer weiß: Vielleicht gilt bald auch für die Existenz, was für alles andere gilt – nur was bezahlt wird, zählt. Und dann werden wir uns sehnsüchtig an jene Zeit erinnern, in der der Atemzug noch kein Geschäftsmodell war, sondern ein Wunder.

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