Für Freedom and Democracy – eine Gebrauchsanweisung

Es gibt Slogans, die sind so universell einsetzbar wie Kabelbinder: Sie halten alles zusammen, vom Fahrrad bis zur Geisel. »Freedom and Democracy« gehört zweifellos in diese Kategorie. Zwei Wörter, die im westlichen politischen Marketing längst jene beruhigende Wirkung entfalten, die früher Lavendel hatte: Wo sie auftauchen, darf man entspannen, denn irgendjemand wird schon wissen, was er tut. Und falls nicht – umso besser. In diesem semantischen Wohlfühlraum gedeiht nun auch ein deutsches Rüstungsstartup, das den Krieg der Zukunft nicht nur als Notwendigkeit, sondern als Investmentcase entdeckt hat. Arx Robotics, gegründet von ehemaligen Bundeswehr-Offizieren, produziert unbemannte Bodenfahrzeuge, kurz UGV, jene ferngesteuerten, halbautonomen Metalltiere, die künftig töten, retten, aufklären und evakuieren sollen – und vor allem eines tun: Rendite generieren. Die Begründung dafür liegt bereit wie ein frisch gebügeltes Feigenblatt: Verteidigung. Souveränität. Resilienz. Europa. Man möchte fast applaudieren, so schön fügt sich das alles ineinander. Und während Investoren mit glänzenden Augen von »Game Changern« sprechen, rollt im Hintergrund ein unbemannter Panzer mit dem Namen »Gereon« über ukrainischen Boden – gesponsert von der deutschen Bundesregierung, bezahlt aus der Kasse der »Ertüchtigungshilfe«. Der Name klingt biblisch, das Ziel heilig, der Einsatzort kompliziert. Doch Komplexität ist bekanntlich etwas für Spielverderber.

Die neue Ernsthaftigkeit des Spiels

Arx Robotics erzählt seine Geschichte gern als Erfolgserzählung einer Zeitenwende. Der Rückzug der USA, so erklärt Geschäftsführer Marc Wietfeld, habe Verteidigung für Risikokapitalgeber plötzlich interessant gemacht. Endlich, möchte man ergänzen, kann man wieder guten Gewissens Geld mit dem Krieg verdienen, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Die moralische Buchhaltung stimmt ja: Es geht um etwas Größeres. Um die »Umarmung autonomer Militärtechnologien«. Eine Formulierung, die klingt, als hätte man Terminator und Care-Bären miteinander gekreuzt. Diese Umarmung ist warm, technologisch und alternativlos. Sie umfasst auch die Ukraine, die laut jüngster Ankündigungen zur Besitzerin der weltweit größten militärischen Robotikflotte werden soll. Mehrere hundert Systeme, made in Germany, flankiert von deutscher Ingenieurskunst und deutscher Geschichtslosigkeit. Dass diese Systeme nicht im luftleeren Raum operieren, sondern von sehr konkreten Einheiten bedient werden, ist ein Detail, das man gern der Fußnote überlässt. Doch manchmal drängt sich die Fußnote in den Vordergrund, etwa wenn in einem Promovideo Truppenkennzeichen auftauchen, die weniger an Freedom erinnern als an ein sehr dunkles Kapitel europäischer Geschichte. Die 3. »Asow«-Sturmbrigade lächelt in die Kamera, während der »Gereon« seine Kreise zieht. Man könnte es für Ironie halten, wäre es nicht bitterer Ernst.

Killhouse oder die Gamifizierung des Krieges

Besonders lehrreich ist in diesem Zusammenhang die »Killhouse Academy«, eine Einrichtung, die bereits im Namen auf jene Offenheit setzt, die man sonst eher von Escape Rooms oder Paintball-Arenen kennt. Gegründet von der 3. Sturmbrigade, bietet sie sechstägige Basiskurse für Soldaten und Zivilisten an, Aufbaukurse mit scharfer Munition, Ingenieurslehrgänge und Bootcamps, in denen »Adrenalin« und »Abenteuer« garantiert werden. Der Krieg als Erlebnispark, die Front als Lernumgebung, der Tod als Kompetenz. Das erklärte Ziel: mehr Spezialisten, schneller einsetzbar, effizienter verwertbar. Arx Robotics unterstützt diese Akademie finanziell, technisch und durch direkte Kollaboration. Man trainiert gemeinsam Operatoren, modernisiert Fähigkeiten und beschleunigt den Einsatz unbemannter Systeme. Es ist die Sprache des Silicon Valley, übertragen auf den Schlamm der Schützengräben. Wenn dann ein deutscher Generalmajor am 8. Mai – ein Datum, das historisch nur zufällig gewählt sein kann – der Killhouse Academy seine Aufwartung macht, bekommt das Ganze eine symbolische Dichte, die selbst Satirikern den Atem raubt. Geschichte wiederholt sich nicht, sagt man, aber sie probiert gern neue Formate aus.

Entpolitisierung als Märchenstunde

Westliche Medien beruhigen ihr Publikum gern mit dem Hinweis, die 3. Sturmbrigade sei inzwischen »entpolitisiert«. Eine charmante These, die sich allerdings hartnäckig weigert, von der Realität bestätigt zu werden. Tattoos mit Hakenkreuzornamenten, SS-Symbole als Verbandskennzeichen, Führungsfiguren aus offen neonazistischen Jugendorganisationen – all das ist öffentlich dokumentiert, fotografiert, gefilmt, geteilt. Der UGV-Zug NC13 etwa führt ein Emblem, das verdächtig an die SS-Sondereinheit »Dirlewanger« erinnert, und wird kommandiert von einem Mann, den die »Galizische Jugend« als »der Sache treu« feiert. Die »Sache« ist dabei klar definiert: eine Tradition, die sich von der OUN-B über die Waffen-SS-Division »Galizien« bis in die Gegenwart zieht. Wer hier von Entpolitisierung spricht, verwechselt Absicht mit Ergebnis oder betreibt jene Form von Realitätsmanagement, die man sonst aus der Werbung kennt. Es ist nicht so, dass man es nicht wüsste. Man möchte es nur nicht wissen.

Vernetzung der Komplexe

Währenddessen schreitet die deutsch-ukrainische Rüstungskooperation mit der Eleganz eines gut geölten Getriebes voran. Deutz investiert, Renk kooperiert, Daimler Truck schaut interessiert zu. In Südwestengland entsteht ein neues Entwicklungszentrum, Berlin, Kiew und London sind ohnehin längst vernetzt. Mit »Combat Gereon« präsentiert Arx Robotics seinen ersten Gefechtspanzer, entwickelt gemeinsam mit ukrainischen Partnern, erprobt mit dem Wissen der »Anwender an vorderster Front«. Auch hier wieder diese Formulierung, die Nähe suggeriert, ohne Verantwortung zu übernehmen. Dass ausgerechnet Einheiten wie NC13 bei Crashtests und Innovationen eine führende Rolle spielen, ist folgerichtig. Sie sind motiviert, ideologisch gefestigt und technologisch ambitioniert. Oder anders gesagt: perfekte Early Adopters. So wächst die Macht jener Kräfte, die offen erklären, dass sie mit Demokratie wenig anfangen können. »Die Ukrainer benötigen keine Demokratie«, lässt der Chefideologe der Bewegung verlauten, sondern eine autoritäre Führung. Freedom and Democracy erscheinen in diesem Weltbild als kollektive Hilflosigkeit – ein hübscher Gedanke, wenn man gerade mit deutschen Robotern aufgerüstet wird.

Die Ironie der Werte

Am Ende bleibt die Frage, ob man all das wirklich nicht kommen sah oder ob man es schlicht in Kauf nimmt. Die Revolution der Kriegführung, von der Marc Wietfeld spricht, ist nicht nur eine technologische. Sie ist eine moralische. Sie besteht darin, dass Werte zu Etiketten werden, die man auf jedes Produkt kleben kann, solange es sich verkauft. »Freedom and Democracy« schmücken nun auch unbemannte Panzer, die von Neonazis bedient werden, ausgebildet in einer Akademie, die Krieg als Abenteuer vermarktet. Das ist keine Panne, sondern System. Es ist die neue Ernsthaftigkeit des Spiels, in dem alles erlaubt ist, solange es der richtigen Sache dient – und die richtige Sache ist immer die eigene. Vielleicht ist das die eigentliche Umarmung, von der so gern die Rede ist: eine innige Verbindung von Hochtechnologie, politischer Blindheit und historischem Zynismus. Sie fühlt sich warm an, solange man nicht merkt, wer da eigentlich die Arme um einen legt.

„UNS SELBST“

Eine Pronomenkunde für Fortgeschrittene

Wenn Frank-Walter Steinmeier also sagt, der Einsatz für die Ukraine werde „UNS SELBST einiges abverlangen“, dann lohnt es sich, dieses kleine, unscheinbare Pronomen mit der Lupe zu betrachten. „Uns selbst“ – das klingt nach geteilter Last, nach gemeinsamer Anstrengung, nach frierenden Präsidenten in schlecht gedämmten Schlössern, nach Staatsoberhäuptern, die beim Bäcker nach dem Feierabendrabatt fragen. Doch wie so oft in der politischen Rhetorik ist das Pronomen ein Chamäleon: Es wechselt die Farbe je nach Blickwinkel. Aus der Nähe betrachtet meint „uns selbst“ nämlich erstaunlich selten den Sprecher. Es meint vielmehr jene amorphe Masse, die man früher „Volk“ nannte und heute lieber als statistische Größe behandelt – Sie und mich, die wir uns morgens fragen, ob die nächste Heizkostenabrechnung ein Dokument oder schon ein Kunstwerk des Absurden sein wird. „Uns selbst“ ist ein semantisches Sparschwein: Man greift hinein, wenn man moralische Größe demonstrieren will, und schüttelt es aus, wenn es um reale Konsequenzen geht.

Die Moralpredigt aus dem Warmen

Es ist ja nicht so, dass der Satz falsch wäre. Natürlich verlangt Solidarität Opfer. Natürlich kostet Haltung Geld. Doch es gibt einen feinen Unterschied zwischen einer moralischen Mahnung und einer Predigt aus dem beheizten Kanzelraum der Macht. Wenn Steinmeier von „abverlangen“ spricht, dann klingt das nach Gürtel-enger-schnallen, nach asketischer Disziplin, nach einem kollektiven Marsch durch das Tal der Entbehrungen. Nur marschiert nicht jeder mit demselben Schuhwerk. Während der eine barfuß über den Schotter der Inflation läuft, sitzt der andere im gepolsterten Fondwagen und erklärt, wie wichtig der Weg sei. Der moralische Zeigefinger wird dabei so kunstvoll erhoben, dass man fast vergisst, wohin die andere Hand greift – nämlich tief in den Staatshaushalt, der bekanntlich kein anonymes Wesen ist, sondern aus lauter kleinen Beiträgen besteht, die monatlich von Gehaltszetteln verschwinden.

Bellevue als Denkmal der Selbstgenügsamkeit

Nehmen wir das Schloss Bellevue. Ein Name wie aus einem Märchen, ein Ort, an dem man sich Staatsoberhauptsein offenbar nicht ohne frisch renovierte Stuckdecken vorstellen kann. Rund 500 Millionen Euro für die Renovierung – eine Summe, bei der selbst gestandene Bauunternehmer nervös lachen. Dazu eine Interims-Unterbringung für schlappe 100 Millionen Euro, denn der Präsident kann ja schlecht irgendwo unterkommen, wo die Tapete nicht die richtige historische Tiefe hat. Man stelle sich den durchschnittlichen Bürger vor, der seinem Vermieter erklärt, er müsse während der Badrenovierung leider für ein paar Monate ins Fünf-Sterne-Hotel ziehen – aus Gründen der Würde. Der Vermieter würde vermutlich die Polizei rufen oder zumindest einen Psychologen. Beim Bundespräsidenten hingegen nennt man das Staatsraison. „Uns selbst“ wird hier zu einer sehr exklusiven Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig versichert, dass solche Summen alternativlos seien, während draußen das Wort „Heizkostenzuschuss“ wie ein Almosen klingt.

Einkommen, Ehrensold und die Kunst der Selbstlosigkeit

Natürlich soll niemand behaupten, der Bundespräsident arbeite umsonst. Doch die Ironie ist kaum zu übersehen: Ein Jahreseinkommen von über 350.000 Euro, dazu ab 2027 ein Ehrensold von über 280.000 Euro – das alles flankiert von der feierlichen Versicherung, man müsse jetzt alle zusammenstehen und verzichten. Verzicht ist eben eine Frage der Perspektive. Wer viel hat, kann sich großzügig im Verzicht üben, ohne es zu merken. Es ist wie bei Diäten: Wer mit vollem Kühlschrank hungert, hat immer noch die Wahl. Der Ehrensold schließlich ist die Krönung der politischen Poesie – eine Rente mit moralischem Heiligenschein, die sicherstellt, dass die Würde des Amtes auch im Ruhestand nicht unter das Niveau eines gut verdienenden Vorstandsvorsitzenden sinkt. Man könnte fast meinen, der wahre Einsatz für die Ukraine bestehe darin, die heimische Elite vor den Zumutungen zu schützen, die man dem Rest der Bevölkerung so eloquent erklärt.

Satire als letzte Form der Hygiene

Vielleicht ist es unfair, all das an einer Person festzumachen. Steinmeier ist schließlich ein Symbol, ein Stellvertreter für ein ganzes System, das gelernt hat, große Worte zu machen und kleine Rechnungen weiterzureichen. Doch gerade deshalb braucht es die Satire, dieses augenzwinkernde, manchmal zynische Instrument der geistigen Hygiene. Sie erinnert daran, dass Pronomen keine Unschuld besitzen und dass „wir“ oft eine Einladung ist, die Rechnung zu übernehmen. Wenn also das nächste Mal von „UNS SELBST“ die Rede ist, sollten wir höflich nachfragen: Wer genau ist gemeint? Der frierende Rentner? Die alleinerziehende Mutter? Oder das Schloss mit der frischen Fassade? Vielleicht liegt die wahre Solidarität nicht im feierlichen Appell, sondern in der Bereitschaft, die eigenen Privilegien wenigstens so sichtbar zu machen, dass man darüber lachen kann. Denn wer nicht über die Macht lacht, läuft Gefahr, sie ernst zu nehmen – und das wäre das Teuerste von allem.

Regierung der Richter

Es gibt Sätze, die sind so lang, dass man sich beim Lesen fragt, ob man nicht unterwegs die Staatsform gewechselt hat. Einer dieser Sätze steht im Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutz, und während man noch versucht, das Verb im Nebensatz Nummer sieben zu finden, hat sich die Demokratie bereits leise in eine pädagogisch betreute Veranstaltung verwandelt. „Unumkehrbar angelegte rechtliche Gefährdung künftiger Freiheit“ – das klingt nicht nur wie ein sprachlicher Härtetest für Studierende im ersten Semester, sondern wie der feierliche Akt, mit dem aus politischer Gestaltungsfreiheit eine juristisch beaufsichtigte Restgröße wird. Freiheit, so lernt man, ist kein Zustand mehr, sondern ein Budget, und Budgets verwaltet man bekanntlich nicht demokratisch-chaotisch, sondern ordentlich, vorzugsweise mit Rechenschieber, Gutachten und dem beruhigenden Tonfall von Erwachsenen, die wissen, was gut für uns ist. Dass dabei aus Richtern faktisch Kuratoren der Zukunft werden, wird nicht als Problem, sondern als logische Konsequenz einer Zeit präsentiert, in der alles, was messbar ist, auch justiziabel sein muss – selbst das noch ungeborene Freiheitsgefühl der Enkel.

Das CO2 als juristische Erbsünde

Das Kohlendioxid, früher ein eher unscheinbares Molekül mit bescheidener Karriere in Chemiebüchern und Limonaden, hat es geschafft, zur metaphysischen Größe des Verfassungsrechts aufzusteigen. Es ist nicht mehr bloß Gas, es ist Schuld, Hypothek, Erbsünde. Jede emittierte Tonne wird zur moralisch aufgeladenen Münze, die wir aus dem Tresor der Zukunft stehlen. Das Gericht spricht vom „Restbudget“, und plötzlich klingt das Klima wie ein Sparkonto, das von einer besonders strengen Filialleitung überwacht wird: Jeder Atemzug ein möglicher Dispokredit, jede Autofahrt ein Griff in fremdes Vermögen. Der Clou liegt in der Umkehrung des Freiheitsbegriffs: Nicht mehr der Staat muss begründen, warum er Freiheit einschränkt, sondern der Bürger muss sich rechtfertigen, warum er sie heute noch nutzt. Freiheit wird prophylaktisch rationiert, um morgen nicht allzu schmerzhaft amputiert werden zu müssen. Dass dies alles in einer Sprache geschieht, die selbst hartgesottene Verwaltungsrichter an die Grenzen ihrer Aufmerksamkeit führt, hat fast schon satirische Qualität – als hätte man die Zumutung bewusst in Syntax gegossen.

Zukunft als Rechtsgut und andere Zeitreisen

Die eigentliche Innovation dieses Urteils ist weniger der Klimaschutz als die Zeitmaschine, die es implizit installiert. Richter urteilen nicht mehr nur über vergangene oder gegenwärtige Konflikte, sondern über hypothetische Freiheitslagen in Jahrzehnten, deren technische, soziale und kulturelle Bedingungen wir nur erahnen können. Das Gericht weiß erstaunlich genau, dass die Freiheit der Zukunft gefährdet ist, wenn wir uns heute nicht einschränken, und zugleich erstaunlich wenig darüber, wie diese Freiheit konkret aussehen wird. Aber Ungewissheit ist kein Hinderungsgrund, wenn man sie verfassungsrechtlich adeln kann. Die Zukunft wird zum Rechtsgut, und wer wollte schon gegen die Zukunft sein? So entsteht eine eigentümliche Immunisierung gegen Kritik: Wer widerspricht, steht nicht mehr politisch anders, sondern moralisch rückständig da, als jemand, der den Kindern das Fahrrad wegnimmt, bevor sie es überhaupt geschenkt bekommen haben. Dass Demokratie traditionell davon lebt, dass unterschiedliche Vorstellungen von Zukunft miteinander ringen, wirkt in diesem Setting fast anachronistisch – ein nostalgisches Hobby aus der Zeit, als Parlamente noch Entscheidungen trafen, statt Emissionskurven zu exekutieren.

Freiheit unter Vorbehalt

Besonders kunstvoll ist die Dialektik, mit der Freiheit gleichzeitig beschworen und suspendiert wird. Ja, heißt es sinngemäß, irgendwann müsse der CO2-relevante Freiheitsgebrauch ohnehin „im Wesentlichen unterbunden“ werden. Das klingt schon so sanft, dass man die Unterbindung kaum spürt, fast wie ein Wellnessprogramm für Grundrechte. Nur jetzt bitte nicht zu schnell, denn sonst könnten die Menschen leiden. Freiheit wird hier wie ein Patient behandelt, der zwar operiert werden muss, aber bitte mit ausreichend Vorlauf, damit er sich mental darauf einstellen kann. Dass der Operationsplan selbst nicht demokratisch ausgehandelt, sondern richterlich vorgezeichnet wird, erscheint als notwendiger Akt der Fürsorge. Die Pointe ist bitter und komisch zugleich: Um die Freiheit zu retten, wird sie in eine Phase der präventiven Bewährung entlassen. Sie darf noch existieren, aber nur unter strenger Beobachtung und mit der Aussicht auf baldige Einschränkung – ein Grundrecht auf Zeit, verlängerbar bei guter Führung und technologischem Fortschritt.

Die sanfte Tyrannei der Vernunft

Man könnte all dies als Triumph der Vernunft feiern, als Sieg der Wissenschaft über den Populismus, der Zahlen über Gefühle stellt. Und doch haftet dieser neuen richterlichen Vernunftherrschaft etwas Unheimliches an. Sie ist sanft, wohlmeinend, geschniegelt in Fußnoten und Randnummern, und gerade deshalb schwer angreifbar. Wer möchte schon gegen die Rettung des Klimas polemisieren, ohne als Karikatur eines rücksichtslosen Egoisten zu enden? Die Ironie liegt darin, dass ausgerechnet das Bundesverfassungsgericht, Hüter der Freiheit gegen staatliche Übergriffe, nun selbst zum Architekten eines Systems wird, in dem Freiheit primär als Risiko betrachtet wird, das gemanagt werden muss. Es ist eine Regierung der Richter, die nicht herrscht, sondern erzieht, nicht befiehlt, sondern erklärt – und gerade dadurch eine Macht entfaltet, die tiefer greift als manches Gesetz. Vielleicht wird man später einmal sagen, es sei notwendig gewesen. Vielleicht auch, dass hier der Moment lag, in dem die Demokratie beschloss, sich selbst unter Artenschutz zu stellen. Bis dahin bleibt uns immerhin der Humor: das befreiende Lachen darüber, dass unsere Grundrechte jetzt klimaneutral sind – zertifiziert, versteht sich, vom höchsten Gericht.

Regierungsterminal

oder Die Startbahn der Heuchelei

Es ist ein beruhigendes Ritual der Republik: Wann immer ein Finanzminister mit ernster Stirn und sakraler Stimme verkündet, „jeder wird spüren, dass wir sparen“, darf man sicher sein, dass zunächst einmal jemand anderes friert. Meist jemand ohne Dienstwagen, ohne Flugbereitschaft und ohne die Gewissheit, dass ein Terminal eigens für seine Wichtigkeit errichtet wird. Sparen, das ist in Deutschland keine fiskalische Maßnahme, sondern eine moralische Erziehungsstrategie, ein pädagogischer Zeigefinger mit Haushaltsplan. Und wie jede gute Erziehungsmaßnahme wirkt sie am besten dort, wo sie am wenigsten wehtut – nämlich ganz oben. Während unten die Lichter gedimmt, die Zuschüsse gekürzt und die Leistungen „priorisiert“ werden, hebt oben etwas ganz anderes ab: die Kosten. Am Flughafen BER, diesem ewigen Denkmal deutscher Planungskunst, bekommt nun auch die politische Elite ihr ganz eigenes Mahnmal. Es heißt Regierungsterminal und ist der vielleicht ehrlichste Bau der Republik, weil er nicht einmal mehr vorgibt, sparsam zu sein.

Beton, Glas und das Pathos der Unvermeidlichkeit

Geplant waren einst 340 Millionen Euro. Eine Summe, die schon damals nach Bescheidenheit roch, jedenfalls im politischen Maßstab. Heute, kaum dass man sich versieht, stehen wir bei 1,7 Milliarden Euro, mit einem melancholischen Blick nach vorn auf mögliche 2,5 Milliarden. Fünfmal so teuer – eine Zahl, die in jedem normalen Haushalt einen Nervenzusammenbruch auslösen würde, in der Bundespolitik aber als bedauerliche, jedoch leider völlig unvermeidliche Entwicklung gilt. Unvermeidlich ist überhaupt das Lieblingswort dieser Baugeschichte. Man konnte es nicht ahnen, man konnte es nicht verhindern, man konnte es nicht billiger machen. Der Beton wollte es so, die Sicherheit wollte es so, die Würde des Amtes wollte es so. Und am Ende will es auch die Akte, die trocken festhält, was längst jeder wusste: Wenn Minister reisen, reist das Budget gleich mit, First Class, versteht sich.

Sparappelle aus der VIP Lounge

Besonders reizvoll wird das Ganze durch die zeitliche Koinzidenz mit den Sparappellen des Finanzministers. Lars Klingbeil spricht von harten Einschnitten, von Zumutungen, von der Notwendigkeit, dass „jeder“ sie spüren werde. Dieses „jeder“ ist ein bemerkenswert dehnbarer Begriff, fast schon ein poetischer. Er umfasst Pflegekräfte, Kommunen, Studierende, Kulturbetriebe, vielleicht auch mal eine kaputte Straße. Er umfasst aber erstaunlich selten die Architektur der Macht selbst. Dort wird nicht gespart, dort wird investiert – in Sicherheit, Effizienz, Repräsentation. Denn nichts wäre fataler für die Stabilität der Republik, als wenn ein Minister beim Abflug kurz warten müsste oder sich in einem Terminal mit gewöhnlichen Sterblichen mischen müsste, die ihre Bordkarte selbst ausdrucken. Sparen ja, aber bitte nicht an der Würde derer, die es verkünden.

Der BER als literarische Figur

Der Flughafen BER ist längst keine Infrastruktur mehr, sondern eine literarische Figur, ein tragikomischer Held in einem endlosen Fortsetzungsroman. Er steht für alles, was schiefgehen kann, und gerade deshalb für alles, was typisch deutsch ist: der unerschütterliche Glaube an Kontrolle, der regelmäßige Schiffbruch der Realität und das anschließende Achselzucken, begleitet von einem neuen Kostenrahmen. Das Regierungsterminal fügt dieser Erzählung nun ein weiteres Kapitel hinzu. Es ist die Bühne, auf der sich politische Ernsthaftigkeit und fiskalische Absurdität treffen und gegenseitig versichern, dass man leider nichts dafür könne. Satire hat es hier schwer, weil die Wirklichkeit ihr ständig zuvorkommt.

Zynismus mit Sicherheitsstufe

Natürlich wird man sagen, Sicherheit habe ihren Preis. Natürlich wird man erklären, dass internationale Verpflichtungen, Protokolle und Gefährdungslagen keine Alternativen zulassen. Und natürlich stimmt all das – so wie es immer stimmt, wenn es um die Privilegien der Macht geht. Der Zynismus liegt nicht im Bau selbst, sondern im Kontrast: unten der erhobene Zeigefinger, oben der goldene Wasserhahn. Unten der Verzicht als Tugend, oben der Mehraufwand als Notwendigkeit. Dass diese beiden Ebenen sich rhetorisch berühren, aber praktisch nie begegnen, ist das eigentliche Kunststück moderner Haushaltspolitik. Man spart sich das Verständnis, nicht die Millionen.

Abheben als Staatsraison

Am Ende hebt hier mehr ab als nur ein Flugzeug. Abgehoben wirkt ein Politikbetrieb, der das Sparen predigt und gleichzeitig Milliarden in Beton gießt, um sich möglichst reibungslos vom Rest des Landes entfernen zu können. Das Regierungsterminal ist damit kein Skandal im klassischen Sinn, sondern ein Symbol. Es zeigt, wie sehr sich politische Kommunikation und politische Praxis voneinander entkoppelt haben. Wer hier noch lachen kann, tut gut daran, es wenigstens mit einem Augenzwinkern zu tun. Denn Humor ist oft die letzte Form der Gegenwehr, wenn einem erklärt wird, dass man sparen müsse – während die Kosten längst in andere Höhen aufgestiegen sind.

Der Akku und die arktische Vernunft

Heute wurde im Radio darüber gesprochen, wie man bei eisiger Kälte den Handyakku länger am Leben hält. Man solle das Gerät nah am Körper tragen, hieß es, es nicht unnötig benutzen, energiesparende Einstellungen aktivieren, die Helligkeit dimmen, die Funkverbindungen zügeln wie aufmüpfige Pferde. Die Stimme klang freundlich, kompetent, geschniegelt. Es war die Stimme einer Welt, die weiß, wie man Probleme löst, sofern sie in Milliamperestunden messbar sind. Und während diese Stimme sich in nützlichen Ratschlägen sonnte, die so vernünftig waren wie ein Schal im Januar, fiel mir auf, dass es eine andere Kälte gibt, für die es keine Tipps gibt, jedenfalls keine, die man im Morgenmagazin verliest. Über Obdachlose wurde nicht gesprochen. Nicht einmal als Randnotiz, nicht einmal als ironischer Beifang im Netz der Alltagsweisheiten. Der Akku bekam Pflegehinweise; der Mensch blieb unsichtbar, vielleicht weil er sich nicht aufladen lässt, vielleicht weil er stört, wenn man gerade versucht, die Temperatur der Dinge zu optimieren.

Die Thermodynamik des Mitgefühls

Es ist eine alte Erkenntnis, dass Wärme ein soziales Phänomen ist. Sie entsteht nicht nur durch Reibung, sondern auch durch Nähe. Doch Nähe ist unpraktisch, sie verbraucht Zeit, Aufmerksamkeit, vielleicht sogar Geld. Das Radio liebt das Praktische. Es liebt Lösungen, die man sofort anwenden kann, ohne sich zu beschmutzen. Ein Akku ist dankbar: Er verlangt nichts außer Disziplin und ein bisschen Wissen. Ein Mensch hingegen ist unerquicklich. Er riecht, er widerspricht, er ist nicht updatefähig. Vielleicht erklärt das die Schieflage der Berichterstattung: Der Akku passt in die Logik der Optimierung, der Mensch nicht. Während wir also lernen, wie man Lithium-Ionen vor dem Kältetod bewahrt, haben wir uns daran gewöhnt, dass Körper im Freien frieren, ohne dass dies als technisches Problem gilt. Es ist, als habe man das Mitgefühl ebenfalls auf Energiesparmodus gestellt: aktiv, aber nur im Hintergrund, gedimmt, damit es nicht stört.

Fortschritt mit Frostschäden

Man könnte einwenden, das Radio könne ja nicht über alles sprechen. Es müsse auswählen, kuratieren, priorisieren. Richtig. Und genau darin liegt die Pointe, die bitter genug ist, um sie mit Zucker zu bestreuen. Die Prioritätensetzung verrät, was als lösbar gilt und was als naturgegeben hingenommen wird. Dass ein Akku bei Kälte schwächelt, ist ein Skandal, den man beheben muss. Dass Menschen bei Kälte schwächeln, ist offenbar ein Zustand, den man bedauernd zur Kenntnis nimmt, sofern man ihn überhaupt bemerkt. Der Fortschritt, so scheint es, hat eine Frostschadenversicherung abgeschlossen, aber nur für Geräte. Menschen sind Verschleißteile. Sie gehören zur Kulisse, wie der graue Himmel im Januar, über den man sich nicht aufregt, weil er jedes Jahr wiederkommt.

Die Satire der Selbstverständlichkeit

Es wäre billig, hier moralisch den Zeigefinger zu heben. Also lieber der zynische Handrücken. Man stelle sich eine Radiosendung vor, die konsequent wäre: Tipps für Obdachlose im Winter, präsentiert im gleichen Tonfall wie die Akku-Ratschläge. „Tragen Sie Ihre Existenz nah am Körper“, würde es heißen, „vermeiden Sie unnötige Aufenthalte im Freien, dimmen Sie Ihre Bedürfnisse, schalten Sie überflüssige Hoffnungen ab.“ Absurd? Ja. Und doch ist es genau diese Absurdität, die im Alltag herrscht, nur ohne Ironie. Wir haben gelernt, das Unmenschliche als selbstverständlich zu akzeptieren, solange die Geräte funktionieren. Die Satire liegt nicht in der Übertreibung, sondern in der nüchternen Beschreibung dessen, was ohnehin geschieht.

Der warme Witz am kalten Ende

Vielleicht ist das Lachen, das einem hier im Hals stecken bleibt, die letzte Form von Widerstand. Ein augenzwinkernder Humor, der weiß, dass Zynismus nur dann erträglich ist, wenn er eine Richtung hat. Die Richtung wäre: weg vom Akku, hin zum Menschen. Nicht als moralische Pflichtübung, sondern als intellektuelle Zumutung. Denn es ist unerquicklich, sich einzugestehen, dass man mehr über die Pflege eines Geräts weiß als über die Not des Nachbarn auf der Parkbank. Das Radio wird morgen wieder sprechen, und es wird wieder nützlich sein. Vielleicht geht es dann um Reifenluftdruck oder um die richtige Lagerung von Weihnachtsbäumen. Über Obdachlose wird man vermutlich wieder nicht sprechen. Und wir werden nicken, unsere Akkus wärmen und uns wundern, warum es trotz all der optimierten Einstellungen nicht richtig warm wird in dieser Welt.

Die Münze im Wartezimmer

Es ist eine eigentümliche Form politischer Alchemie, wenn man ein strukturelles Finanzproblem nimmt, es sorgfältig durch die rhetorische Zentrifuge dreht und am Ende eine kleine, handliche Münze herausfällt, die bitteschön der Patient einwerfen möge – bei jedem Arztbesuch, versteht sich. Drei oder vier Euro, sagt Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, beinahe liebevoll. Drei oder vier Euro, das klingt nach Pfandflasche, nach Kaffeekasse, nach dem harmlosen Klimpern im Portemonnaie, das niemanden ernsthaft beunruhigt. Und doch ist diese Münze schwerer, als sie aussieht. Sie trägt das Gewicht eines Denkstils, der das Gesundheitssystem nicht mehr als solidarische Infrastruktur versteht, sondern als schlecht laufenden Kiosk, in dem man die Kundschaft zu häufig beim Reinschauen ertappt hat.

Die „Kontaktgebühr“, welch euphemistische Wortschöpfung! Sie klingt nach menschlicher Nähe, nach Handschlag, nach sozialer Interaktion. Tatsächlich aber ist sie eine Mautstelle auf dem Weg zur medizinischen Versorgung. Wer den Arzt sehen will, soll zahlen. Nicht viel, nur symbolisch, versteht sich. Symbole allerdings sind in der Politik nie harmlos. Sie sind kleine Fahnen, die anzeigen, in welche Richtung marschiert wird. Und diese Fahne weht nicht in Richtung Solidarität, sondern in Richtung Erziehungsmaßnahme: Der Patient soll lernen, sich zusammenzureißen.

Der Patient als Kostenfaktor mit Puls

Die implizite Erzählung hinter der Kontaktgebühr ist ebenso alt wie unerquicklich: Der Mensch geht zu oft zum Arzt, weil es ja nichts kostet. Er sitzt aus Langeweile im Wartezimmer, liest zerfledderte Illustrierte von 2018 und denkt sich: Ach, wenn ich schon mal hier bin. Diese Vorstellung vom hypochondrischen Freizeitpatienten ist der heimliche Star vieler Reformdebatten. Sie taucht zuverlässig dann auf, wenn Kassen leer sind und politischer Mut rar.

Dabei wäre es eine reizvolle Übung, einmal umgekehrt zu fragen: Warum gehen Menschen überhaupt zum Arzt? Aus Spaß? Aus Sammelleidenschaft für Überweisungsscheine? Oder vielleicht doch, weil sie Schmerzen haben, Angst, Unsicherheit? Die Kontaktgebühr ignoriert diese banale Realität mit der Grandezza eines Systems, das lieber an der Oberfläche spart, als an den eigenen Strukturen zu rütteln. Sie tut so, als ließe sich medizinischer Bedarf durch Kleingeld regulieren – als wäre Krankheit eine Art Fehlverhalten, das man mit einer milden Geldbuße korrigieren kann.

Natürlich betont Gassen, die Gebühr müsse „sozial verträglich“ sein. Dieser Satz gehört inzwischen zum Pflichtinventar jeder gesundheitsökonomischen Zumutung. Er funktioniert wie ein Beruhigungstee: warm, folgenlos, schnell vergessen. Was sozial verträglich konkret heißt, bleibt so vage wie das Versprechen, niemand werde „überfordert“. Drei Euro sind wenig, heißt es dann. Aber sie sind nur dann wenig, wenn man sie nicht hat zählen müssen.

Digitaler Lotse, analoges Menschenbild

Besonders elegant wird der Vorstoß durch die gleichzeitige Präsentation eines „digitalen Ärzte-Lotsen“. Hier zeigt sich die ganze technokratische Poesie unserer Zeit: Ein Algorithmus soll richten, was Menschen angeblich falsch machen. Der Lotse berät, koordiniert, filtert. Er soll verhindern, dass Patienten aus Versehen mehrfach behandelt werden – als hätten sie heimlich Spaß daran, sich durch das Gesundheitssystem zu mäandern wie durch ein schlecht ausgeschildertes Labyrinth.

Der Lotse ist die perfekte Ergänzung zur Kontaktgebühr: Erst zahlt man, dann wird man beraten, ob man überhaupt hätte kommen dürfen. Der Arztbesuch wird zur genehmigungspflichtigen Aktivität, der Patient zum Antragsteller im eigenen Körper. Dass ausgerechnet die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes – 116 117 – zum Nabel dieses neuen Steuerungsuniversums werden soll, hat etwas unfreiwillig Komisches. Man ruft an, wartet, erklärt, wird weitergeleitet, beruhigt oder vertröstet. Effizienz klingt anders, aber vielleicht ist das ja Teil des pädagogischen Konzepts.

Das Krankenhaus als Kassenhäuschen

Währenddessen meldet sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft mit jener Mischung aus Pragmatismus und Dreistigkeit zu Wort, die man inzwischen fast bewundert. Die Zuzahlung im Krankenhaus soll von zehn auf zwanzig Euro pro Tag steigen. Angemessen, sagt Gerald Gaß. Angemessen ist ein wunderbares Wort: Es sagt alles und nichts. Angemessen wofür? Für den Menschen, der im Krankenhaus liegt? Für das System, das ihn dort unterbringt? Oder für die Haushaltslöcher, die man lieber stopft, indem man Patienten zur Kasse bittet?

Hinzu kommt die Gebühr für den „falschen“ Gang ins Notfallzentrum: 30 bis 40 Euro Strafe, wenn man ohne vorherige telefonische Beratung auftaucht. Man stelle sich die Szene vor: Schmerzen, Panik, Unsicherheit – und im Hinterkopf die bange Frage, ob man gerade einen kostenpflichtigen Fehler begeht. Das ist nicht Gesundheitsversorgung, das ist ein pädagogisches Experiment mit offenem Ausgang.

Die Rückkehr der Praxisgebühr durch die Hintertür

Offiziell ist die Praxisgebühr tot. Gesundheitsministerin Nina Warken hat ihr eine Absage erteilt, und doch spukt ihr Geist weiter durch die Debatte. Die Kontaktgebühr ist ihre schlankere, modernisierte Cousine. Keine pauschale Abgabe pro Quartal, sondern feinsäuberlich pro Kontakt. Wer viel krank ist, zahlt viel. Wer arm und krank ist, zahlt besonders viel. Das ist keine Reform, das ist eine Umverteilung nach unten mit freundlichem Lächeln.

Die Ironie dabei ist kaum zu übersehen: Während Versicherte höhere Beiträge fürchten müssen, diskutiert man ernsthaft darüber, ob ein paar Euro pro Arztbesuch die Kassen retten könnten. Es ist, als versuche man, einen sinkenden Ozeandampfer mit einem Teelöffel auszuschöpfen – allerdings nur in der Kabine der Passagiere der dritten Klasse.

Satirischer Ausblick auf eine gesunde Zukunft

Man darf gespannt sein, wohin diese Logik noch führt. Vielleicht gibt es bald eine Atempauschale für besonders häufiges Durchatmen oder eine Sitzgebühr im Wartezimmer, gestaffelt nach Stuhlqualität. Premiumplätze mit Armlehnen, Basisplätze ohne. Der digitale Lotse könnte Bonuspunkte vergeben, wenn man tapfer zu Hause bleibt, und Minuspunkte, wenn man es wagt, Symptome ernst zu nehmen.

All das wäre zum Lachen, wenn es nicht so bitter ernst gemeint wäre. Die Kontaktgebühr ist kein kleiner, pragmatischer Vorschlag, sondern ein Symptom. Sie verrät ein System, das den Menschen zunehmend als Kostenstelle betrachtet, als Variable in einer Excel-Tabelle, die man mit ein paar cleveren Gebühren in den Griff bekommen will. Dass dabei Vertrauen verloren geht, dass Schwellen entstehen, wo eigentlich offene Türen sein sollten – geschenkt. Drei oder vier Euro. Man kann sie leicht aussprechen. Schwerer ist es, die Haltung auszusprechen, die dahintersteht: Gesundheit ist nicht mehr selbstverständlich solidarisch, sondern etwas, das man sich bei jedem Kontakt neu leisten muss. Augenzwinkernd könnte man sagen: Willkommen im Wartezimmer der Zukunft. Bitte halten Sie das Kleingeld bereit.

Neujahrsvorsatz der Ertüchtigung zum Opfer

Man stelle sich vor, das Jahr beginnt nicht mit Sekt, Blei und falschen Versprechen, sondern mit einer Umfrage, die sich liest wie ein schlecht restauriertes Plakat aus dem Depot des Ersten Weltkriegs: „Wären Sie bereit, für die EU Ihr Leben zu geben?“ – eine Frage, die so unschuldig daherkommt wie ein Handgranatenwurf mit Schleifchen. Die Kollegen von Euronews reichen sie dar wie ein Häppchen, als ginge es um vegane Alternativen in der Kantine, nicht um den eigenen Tod oder den der Kinder. Und schon ist sie da, die neue alte „Kriegstüchtigkeit“, geschniegelt, gebügelt und mit jener aufdringlichen Selbstverständlichkeit präsentiert, die man sonst nur von Leuten kennt, die einem erklären, man müsse jetzt leider ganz dringend den Gürtel enger schnallen, während sie selbst mit beiden Händen am Buffet stehen. Der historische Hallraum ist ohrenbetäubend: 1914 klopft nicht an, es tritt ein, setzt sich ungefragt und bestellt für alle. Wer sich weigert, gilt als ungesellig.

Erstens die russische Waschmaschine als Weltmacht

Nicht genug, dass man seit Monaten mit der gleichen Ernsthaftigkeit, mit der Kinder Monster unter dem Bett vermuten, erzählt bekommt, Russland stehe unmittelbar vor der Invasion der gesamten EU – wahlweise morgen, übermorgen oder spätestens nach dem nächsten Wetterumschwung. Dass dasselbe Russland angeblich nicht einmal imstande sei, einen begrenzten Landstrich vollständig zu erobern, wird dabei als dialektische Feinheit verkauft: Schwäche ist Stärke, Mangel ist Überfluss, Waschmaschinenchips sind Hightech, Schaufeln die neue Drohne. In dieser Logik kann alles gleichzeitig wahr sein, solange es die gewünschte Angstkurve bedient. Wer nachfragt, wird belehrt; wer lacht, verdächtigt; wer widerspricht, moralisch aussortiert. Das ist nicht Analyse, das ist Märchenerzählung mit Budgetposten.

Zweitens die merkwürdige Einseitigkeit der Fragen

Warum, so darf man in einem Anflug von Naivität fragen, interessiert sich eine angeblich objektive Journaille immer nur für Krieg? Warum gibt es keine Umfrage zur Friedensfähigkeit, keine Neujahrsfrage nach der Bereitschaft zur Deeskalation, zum diplomatischen Langstreckenlauf, zu den hoffentlich glückvolleren Zeiten nach Selenski, Macron, Merz, Boris Johnson und von der Leyen? Ist Frieden zu sperrig fürs Storyboard, zu wenig klickträchtig, zu arm an Pathos? Oder ist er schlicht unpraktisch, weil er keine sofortigen Loyalitätsabfragen erlaubt? Die Frage nach dem Opfer ist bequem, weil sie binär ist; die nach dem Frieden ist unerquicklich, weil sie Denken verlangt. Und Denken ist bekanntlich der natürliche Feind der Kampagnenlogik.

Drittens die subkutane Armee und die Grenzen des Irgendwo

Den übelriechenden Muff der Manipulation umweht auch die implizite Andeutung einer EU-Armee, die wie ein Phantomschmerz mitschwingt, ohne je klar benannt zu werden. Denn eine solche Armee gibt es nicht, und wenn es sie gäbe, wüsste niemand, welche „Grenzen Europas“ sie eigentlich verteidigen sollte. Die zum über Jahrhunderte ausgebeuteten Afrika? Die zum von völkerrechtswidrigen US-Kriegen heimgesuchten arabischen Raum? Die zur Schweiz, zu Monaco oder Liechtenstein? Die zum immer gröberen Grobbritannien, das seine eigenen Grenzen zu MI6 und City of London nicht beherrscht? Die Grenzen zu den geopolitischen Interessen der USA? Zu Grönland? Oder die Grenzen des guten Geschmacks, die längst perforiert sind? Vielleicht die Grenzen der seriellen Grundrechtsverletzung, derzeit irgendwo bei Orkanstärke auf der nach oben offenen Beaufort-Skala? Wer keine Grenzen definieren kann, sollte keine Opfer einfordern.

Die Unschuldsvermutung wird ausgesetzt

Aus all dem folgt ein nüchterner Beschluss: Größeren EU-Medien wird im neuen Jahr die Unschuldsvermutung entzogen. Wer im Januar 2026 informiert, argumentiert und fragt, als habe ihn das Augusterlebnis 1914 erfasst, verdient keine Nachsicht mehr. Naivität ist keine Entschuldigung, wenn sie systematisch produziert wird. Der Gipfel der Lächerlichkeit ist erreicht, wenn Euronews seine manipulative Meinungserhebung mit einer EU-Kommissionspräsidentin bebildert, die mit Kriegsorganisation nichts zu tun haben dürfte und in Ermangelung eigener Militärgewalten mit abgewandtem Blick und grimmig verhärtetem Schrumpelgesicht vor einer baskenbemützten Schweizer Garde paradiert, die – da all dies unterhalb ihres aktiven Blickfelds stattfindet – die Alte vermutlich nicht einmal gesehen hat. Symbolpolitik als Slapstick, unfreiwillig komisch und doch unerquicklich.

Hoffnung in Prozenten und im Schulterzucken

Das einzig Hoffnungsvolle im Elend dieses intellektuellen und ethischen Bankrotts sind die 74 Prozent, die der EU und ihren Medien mitteilen, dass sie aber sowas von überhaupt nicht bereit oder willens sind, die von oben verordnete Kriegsphantasie widerstandslos aufzunehmen. Unsere Hoffnung für das neue Kalenderjahr ruht nicht auf der Hirnleere gesellschaftlicher Minderheiten, sondern auf diesen 74 Prozent; nicht auf Kriegs-, Kommissions- und Pressefanatikern, sondern auf jenen, die den narrativen Stahlgewittern zum Trotz ihren gesunden Menschenverstand behalten haben. Und natürlich auf den acht Prozent, die mit einem souveränen „Weiß nich“, „Mir egal“, „Geh mir aus der Sonne“, „Hääwas?“, „Sorry, Bro, Kopfhörer drin!“ geantwortet haben – jene unterschätzte Reserve der Zivilisation, die durch ihr Schulterzucken mehr zur Entspannung beiträgt als tausend Leitartikel. Smiley.

Fußnoten zum Jahreswechsel

Macrons Neujahrsansprache verzeichnet historische Tiefstände; 89 Prozent der Franzosen interessiert es nicht die Bohne, was der Tüp zu sagen hat – ein Akt kollektiver Selbstfürsorge. Merz hat vermutlich etwas über Gürtel, Russland und Opfer gesagt; gesehen hat es kaum jemand, was vielleicht das Beste daran ist. Boris Johnsons Gürtel lässt sich nicht enger schnallen, zu viel heiße Luft; seine Autobiographie wechselt für einen Pfund den Besitzer, während sie hierzulande als Wertanlage feilgeboten wird – Kaufempfehlung, allein aus anthropologischen Gründen. Gott schütze die Briten. Und uns. Von der Leyen wiederum hielt vorsorglich keine Neujahrsansprache; sie begrüßte die Bulgaren im Euroraum. Dobry den, Bulgakow! Die alte Frage bleibt: Zieht Bulgarien die EU runter oder die EU Bulgarien? Наздраве! Und ein letztes Augenzwinkern zum Schluss, bevor wieder jemand fragt, ob wir bereit sind zu sterben.

Das Tabu als Totschläger,

und der Totschläger als Tabu

Es gehört zu den paradoxen Kunststücken unserer Zeit, dass Wörter gefährlicher geworden sind als Taten. Man kann Häuser anzünden, Frauen misshandeln, Kinder terrorisieren – das ist schlimm, gewiss, aber irgendwie handhabbar, ein Fall für Statistik, Psychologie, Prävention. Doch wehe, jemand greift zum falschen Vokabular. „Grooming Gangs“ etwa: ein Begriff, der nicht nur beschreibt, sondern sofort detoniert. Kaum ausgesprochen, geht ein Alarm los, der nicht den Tätern gilt, sondern dem Sprecher. Rassismus! Pauschalisierung! Rechte Hetze! Dabei ist der Begriff selbst weniger eine Behauptung über eine Religion als eine unbequeme Beobachtung über bestimmte Täterkonstellationen und institutionelles Wegsehen. Aber das Wort ist kontaminiert, also wird es verbannt. So wie man früher Bücher verbrannte, verbrennt man heute Begriffe – sauberer, geräuschloser, mit besserem Gewissen. Und während die Sprache entwaffnet wird, bleibt die Wirklichkeit bewaffnet bis an die Zähne.

Der moralische Spagat zwischen Empörung und Applaus

Noch schwindelerregender wird es, wenn man die Skala der Empörung betrachtet. Da gibt es Massenvergewaltigungen, die – je nach geopolitischem Kontext – entweder als das benannt werden, was sie sind: Kriegsverbrechen, oder aber in manchen Milieus als „islamistischer Widerstand“ relativiert, erklärt, in Einzelfällen sogar entschuldigt werden. Die moralische Gymnastik, die dafür nötig ist, verdient eigentlich olympisches Gold. Gewalt gegen Frauen ist absolut verwerflich – außer sie passt in das richtige Narrativ, dann wird sie kontextualisiert, historisiert, in Fußnoten aufgelöst. Wer dabei nicht mitturnt, sondern schlicht sagt: Vergewaltigung ist Vergewaltigung, egal von wem und mit welcher Fahne, gilt schnell als verdächtig. Verdächtig, nicht etwa unmenschlich brutal, sondern politisch unrein. Der Täter darf komplex sein, der Kritiker nicht.

Köln als Chiffre und die Angst vor dem Erinnern

In Deutschland – und sinngemäß auch anderswo im Westen – ist schon die bloße Erwähnung der Silvesternacht 2015 in Köln ein Akt des Widerstands, nicht gegen Täter, sondern gegen die Sprachpolizei. Köln ist längst weniger ein Ort als ein Symbol, eine Chiffre für das, was nicht mehr gesagt werden soll. Wer es dennoch ausspricht, riskiert das Etikett „antimuslimischer Rassismus“, als sei Erinnerung selbst eine Form von Hass. Man hat gelernt, dass Vergessen die moralischere Option ist. Die Opfer verschwinden im Nebel der guten Absichten, die Täter im Dunst der kulturellen Sensibilität. Und irgendwo dazwischen steht eine Gesellschaft, die sich einredet, dass Schweigen Heilung sei, obwohl es in Wahrheit nur die Wunde verdeckt.

Die Kunst der Diffamierung als Debattenersatz

Wer heute über alltägliche sexuelle Übergriffe, Vergewaltigungen oder die spürbaren Veränderungen im öffentlichen Raum spricht, muss nicht widerlegt werden – er wird etikettiert. Rechtsradikal, rechtspopulistisch, FPÖ-nah. Das Etikett ersetzt das Argument, wie Instantkaffee den echten Geschmack. Es ist eine erstaunlich effiziente Technik: Man delegitimiert den Sprecher, um sich nicht mit dem Gesagten befassen zu müssen. Politiker, Medien, Akademiker und Meinungsmacher beherrschen dieses Spiel meisterhaft und sind doch seine ersten Opfer. Denn die permanente Angst, „falsch verstanden“ zu werden, lähmt. Sie lähmt Redaktionen, die lieber ein Thema liegen lassen, als einen Shitstorm zu riskieren. Sie lähmt Wissenschaftler, die Daten vorsichtig phrasiert vergraben. Sie lähmt Bürger, die abends den Heimweg anders planen, aber tagsüber so tun, als sei nichts.

Die schleichende Normalisierung und das Lächeln dazu

Merkt ihr eigentlich nicht, wie sehr diese Einschüchterungsstrategie wirkt? Wie sie eine ganze Kultur dazu bringt, das Offensichtliche zu umtanzen, als wäre es ein Minenfeld? Seht ihr wirklich nicht, dass sich im Westen eine gefährliche Normalisierung eingestellt hat – nicht, weil „der Islam“ irgendetwas sei (solche Pauschalurteile sind selbst Ausdruck intellektueller Faulheit), sondern weil bestimmte Formen von Gewalt aus Angst vor dem falschen Framing nicht mehr konsequent benannt werden? Satirisch betrachtet könnte man sagen: Wir haben eine neue Etikette erfunden. Man lächelt entschuldigend, senkt die Stimme und sagt „Einzelfall“, während die Statistik leise hustet. Man zwinkert sich zu und nennt es „Herausforderung der Vielfalt“, während Frauen ihre Schlüssel zwischen die Finger klemmen. Es ist eine Vergewaltigungskultur nicht im plakativen, sondern im schleichenden Sinn: eine Kultur, die nicht durch Trommeln, sondern durch Wegsehen entsteht.

Ein Schluss ohne Pointe, aber mit Verantwortung

Das alles ließe sich als zynische Farce abtun, als Übertreibung, als satirische Zuspitzung – und ja, es ist zugespitzt. Aber Satire übertreibt nicht, sie schärft. Sie hält den Spiegel so nah vors Gesicht, dass man die Poren sieht. Wer diesen Spiegel zertrümmert, hat das Problem nicht gelöst, sondern nur sein eigenes Bild zerstört. Die Alternative zur Einschüchterung ist nicht Hetze, sondern Ehrlichkeit. Die Alternative zum Schweigen ist nicht Pauschalverdacht, sondern präzise Sprache und rechtsstaatliche Konsequenz. Und die Alternative zur moralischen Selbstzufriedenheit ist der unbequeme Mut, gleichzeitig gegen Rassismus und gegen sexuelle Gewalt aufzustehen – ohne Augenzwinkern vielleicht, aber mit klarem Blick.

Wo das Schweigen wohnt,

und warum es so laut ist

Es gibt dieses Schweigen, das nicht einfach Abwesenheit von Geräusch ist, sondern eine aktiv betriebene Disziplin: das Schweigen als Berufsethos. Man erkennt es daran, dass es immer dann zuverlässig einsetzt, wenn es unbequem wird, wenn Zahlen zu groß sind, Länder zu fern, Opfer zu wenig kompatibel mit dem gerade gepflegten moralischen Leitmotiv. Neunzig Millionen Iranerinnen und Iraner, eingesperrt in ein System aus religiöser Willkür, politischer Repression und staatlich organisierter Gewalt, sind offenbar zu viele, um gehört zu werden, und zugleich zu wenige, um sich medial zu lohnen. Wo sind sie also, die westlichen Verteidiger der Menschenrechte, die sonst mit der Empörung so schnell bei der Hand sind wie Influencer mit Rabattcodes? Wo ist der österreichische UN-Menschenrechts-Hochkommissar Volker Türk, wo sind Amnesty International, Human Rights Watch, der UN-Menschenrechtsrat? Man hört das Rascheln der Blätter, das Knacken der Äste, das berühmte Schweigen im Walde. No Jews – no News, lautet die zynische Kurzformel dieses selektiven Humanismus, der seine Lautstärke nach geopolitischer Verwertbarkeit reguliert und seine Moral nach Sendezeit.

Moral als Event und Empörung nach Bedarf

Die Absurdität wird vollends grell, wenn anderswo symbolpolitische Akte gefeiert werden, die man bei nüchterner Betrachtung eher unter „Rückfall in längst überwunden Geglaubtes“ ablegen müsste. Wenn etwa – satirisch zugespitzt – in einer westlichen Metropole die erste Amtshandlung eines frischgebackenen Stadtoberhaupts darin bestünde, eine Definition von Antisemitismus so weit zu verwässern, dass uralte Boykottparolen wieder gesellschaftsfähig erscheinen, dann würde das nicht als Alarmzeichen gelten, sondern als Fortschritt verkauft. Man klatscht, weil man klatschen gelernt hat, nicht weil man verstanden hätte, was da eigentlich beklatscht wird. Moral ist zum Event geworden, Empörung zur Ressource, die man nach Bedarf aktiviert oder stilllegt. Dass Antisemitismus in neuem Gewand daherkommt, solange er nur korrekt etikettiert ist, gilt dann als Ausdruck pluralistischer Reife. Die Opfer dieser intellektuellen Akrobatik sind weniger interessant als die Pose der Empörten.

Erstens: Die Waschmaschinenchips des Weltuntergangs

Nicht genug, dass man dem Publikum seit Monaten einzureden versucht, dass ein Russland, das angeblich nicht einmal den Donbass vollständig kontrollieren könne, mit Waschmaschinenchips, Schaufeln und metaphysischem Willen innerhalb kürzester Zeit die Europäische Union überrennen werde. Diese kognitive Dissonanz wird mit einer Ernsthaftigkeit vorgetragen, die jeder Satire Hohn spricht. Entweder ist Russland militärisch inkompetent oder allmächtig – beides gleichzeitig zu behaupten, erfordert eine elastische Logik, wie sie nur in sicherheitspolitischen Talkshows gedeiht. Die permanente Beschwörung des nahenden Angriffs ersetzt Analyse durch Angst und macht aus komplexen Realitäten ein Endzeitmärchen für Fortgeschrittene.

Zweitens: Warum niemand nach Frieden fragt

Auffällig ist nicht nur, was gefragt wird, sondern was systematisch nicht gefragt werden darf. Eine angeblich objektive Journaille kennt nur eine Richtung der Neugier: Krieg. Wann eskaliert es? Wie weit kann man gehen? Wer liefert was? Die Frage, ob die Europäische Union bereit wäre für Frieden – nicht als Kapitulation, sondern als politisches Ziel –, taucht nicht auf. Frieden gilt als verdächtig, als naiv, als rhetorischer Ausrutscher. Dabei könnten nach Selenski, Macron, Merz, Boris Johnson und von der Leyen durchaus andere Zeiten kommen, vielleicht glückvollere, vielleicht nur weniger hysterische. Dass Journalismus sich nicht einmal mehr traut, diese Möglichkeit zu denken, spricht Bände über seinen inneren Zustand.

Drittens: Die Armee, die es nicht gibt, und die Grenzen, die niemand kennt

Den übelriechenden Muff der Manipulation umweht auch die ständig mitschwingende Andeutung einer EU-Armee, die selbstverständlich nie ausgesprochen wird, weil man dann erklären müsste, wovon eigentlich die Rede ist. Eine „europäische Armee“, deren Auftrag es wäre, „europäische Grenzen“ zu verteidigen – ein schönes Phantom. Denn eine solche Armee existiert nicht, und ebenso wenig existiert Einigkeit darüber, wo diese Grenzen verlaufen sollen. An den Rändern eines über Jahrhunderte ausgebeuteten Afrikas? Am Saum eines arabischen Raums, der wiederholt von völkerrechtswidrigen Angriffskriegen verwüstet wurde? An der friedlichen Grenze zur Schweiz, zu Monaco, zu Liechtenstein? Oder an den unsichtbaren Linien der geopolitischen Interessen der USA, die je nach Lage des Tages verschoben werden? Vielleicht sind es auch die Grenzen des guten Geschmacks oder jene der seriellen Grundrechtsverletzung, die derzeit irgendwo bei 59 auf einer nach oben offenen Beaufort-Skala liegen. Wer so redet, ohne zu definieren, will nicht klären, sondern konditionieren.

Die Aberkennung der Unschuldsvermutung

Aus all diesen Gründen entziehen wir größeren EU-Medien im neuen Jahr die Unschuldsvermutung, die ihnen bislang aus wohlwollender Naivität zugestanden wurde. Wer im Januar 2026 informiert, argumentiert und fragt, als hätte ihn das Augusterlebnis 1914 ereilt, verdient nicht mehr den Bonus des Irrtums. Das ist kein Ausrutscher, das ist Methode. Der Gipfel der Lächerlichkeit ist erreicht, wenn ein Sender wie Euronews eine manipulative Meinungserhebung mit dem Bild einer EU-Kommissionspräsidentin illustriert, die mit Kriegsorganisation ungefähr so viel zu tun hat wie eine baskenbemützte Schweizer Garde mit globaler Geopolitik. Grimassierend, mit abgewandtem Blick, paradiert sie durch das Bildarchiv, während die Realität irgendwo anders stattfindet.

Hoffnung aus der Verweigerung

Das einzig Hoffnungsvolle im Elend dieses intellektuellen und ethischen Bankrotts sind jene 74 Prozent, die der EU und ihren Medien unmissverständlich mitteilen, dass sie keineswegs bereit oder willens sind, die von oben verordnete Kriegsphantasie widerstandslos zu internalisieren. Unsere Hoffnung für das neue Kalenderjahr ruht nicht auf der Hirnleere gesellschaftlicher Minderheiten, sondern auf dieser stillen Mehrheit, die den narrativen Stahlgewittern trotzt und sich den vollständigen Verlust des gesunden Menschenverstandes verweigert. Und ja, auch auf den acht Prozent, die mit „Weiß nich“, „Mir egal“, „Geh mir aus der Sonne“, „Hääwas?“, „Sorry, Bro, Kopfhörer drin!“ geantwortet haben. In einer Welt der Dauererregung ist selbst Desinteresse manchmal eine Form von Widerstand.

Die Liebe des Deutschen zur Zahl,

und der Hass der Zahl auf den Menschen

Vielleicht wird es so manchem klarer, der Deutsche liebt ja Statistiken. Er liebt sie so sehr, dass er ihnen bereitwillig mehr glaubt als jedem Zeitzeugen, jeder Mutter, jedem Veteranen mit zitternden Händen und leerem Blick. Die Zahl ist objektiv, sagt man, die Zahl lügt nicht. Und genau hier beginnt der zivilisatorische Kurzschluss: Die Zahl lügt nicht, aber sie schweigt über alles, was sie nicht messen kann. Über Angst zum Beispiel. Über das Geräusch eines einschlagenden Geschosses. Über den Geruch verbrannter Kleidung, in der noch ein Mensch steckte. Statistiken sind die Lieblingsdroge der Vernunftsimulation, sie erlauben es, das Unvorstellbare in Tabellen zu falten, bis es handhabbar aussieht. Und so rechnet man: Im Zweiten Weltkrieg starben jede Stunde hundert Soldaten. Hundert pro Stunde – das klingt fast wie eine technische Angabe, wie Durchsatz in einer Fabrik. Der Tod als Fließbandarbeit, effizient, normiert, planbar. Man könnte fast stolz darauf sein, wäre man nicht zufällig Mensch.

Milchmädchenrechnung mit Leichengeruch

Setzen wir diese nüchterne Zahl also einmal in die Gegenwart, so wie man es gerne tut, wenn man sich „einen Überblick verschaffen“ will. Die gesamte Bundeswehr – rechnerisch – würde unter solchen Bedingungen genau 76 Tage überleben. Keine drei Monate. Ein Quartal, nicht einmal das. Danach: Ende Gelände, Personalbestand null, Akten geschlossen, Spinde leer. Die Armee wäre nicht geschlagen, sie wäre schlicht verbraucht. Aufgerieben wie ein Radiergummi. Aber keine Sorge, ruft der Zahlenfreund, da gibt es ja noch Nachwuchs! Die 18- bis 20-jährigen jungen Männer, frisch, vital, statistisch verwertbar. Rechnen wir großzügig, rechnen wir human: Zehn Prozent sind leider nicht kriegstauglich – krank, behindert, psychisch nicht belastbar. Die restlichen 1.170.000 stehen bereit, unsere Kinder, unser Stolz, unser demografisches Restkapital. Sie würden den Krieg, rein rechnerisch, um weitere 491 Tage verlängern. Welch beruhigende Perspektive! Fast anderthalb Jahre zusätzliche Zerstörung, fast 500 Tage mehr Gelegenheit, Sinnlosigkeit zu perfektionieren. Danach wären 90 Prozent dieser jungen Männer tot. Neun von zehn. Eine Generation, statistisch gesehen, ein Kollateralschaden mit Schulabschluss.

Der Triumph der Logik über den Verstand

Insgesamt also: Ein Jahr und sechs Monate, dann wären alle Soldaten und 90 Prozent der jungen Männer zwischen 18 und 20 Jahren tot. Das ist keine Prognose, das ist ein Rechenexempel. Und gerade deshalb so entlarvend. Denn niemand, der so rechnet, kann ernsthaft behaupten, er wisse nicht, was er da tut. Man kann sich nicht hinter Emotionen verstecken, wenn man mit Excel-Tabellen argumentiert. Das ist Kriegswahnsinn in Reinform, destilliert, abstrahiert, geschniegelt und gebügelt. Der Wahnsinn trägt heute Krawatte, spricht von „Verteidigungsfähigkeit“ und „Abschreckung“ und meint damit nichts anderes als: Wir haben noch genug junge Körper, um das Spiel eine Weile mitzuspielen. Dass diese Körper Namen haben, Gesichter, Stimmen, Eltern, die nachts nicht schlafen können – all das fällt aus der Statistik heraus wie ein Rechenfehler, den man großzügig ignoriert.

Satire der Vernunft und das Lachen im Bunker

Natürlich kann man darüber lachen, zynisch, bitter, augenzwinkernd. Man kann sagen: Seht her, wir sind ja vorbereitet, wir haben nachgerechnet! Das ist der Humor der Bunkerbewohner, die bei Kerzenlicht Witze reißen, während oben die Welt brennt. Es ist die Satire einer Gesellschaft, die glaubt, Rationalität bestehe darin, das Irrationale sauber zu quantifizieren. DAS IST KRIEGSWAHNSINN!, möchte man schreien, und man sollte es auch, laut, unstatistisch, ohne Fußnote. Denn wer nach solchen Rechnungen noch von Notwendigkeit spricht, von Alternativlosigkeit, von historischer Verantwortung, der hat nicht zu viel Pathos, sondern zu wenig Vorstellungskraft. Zahlen mögen helfen, Dinge zu verstehen. Aber sie können auch helfen, sie zu vergessen. Und nichts wird so gründlich vergessen wie der Mensch, wenn er erst einmal zur Zahl geworden ist.

Die Grammatik der Panzer

Der Krieg in der Ukraine wird im Westen gern als ein Satz mit klarer Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur erzählt: Russland greift an, die Ukraine wird angegriffen, der Westen verteidigt die Ordnung. Fertig ist die Grammatik der Moral. Dass es tatsächlich russische Truppen waren, die Grenzen überschritten haben, steht außer Frage; daran zu rütteln wäre nicht nur töricht, sondern unerquicklich. Und doch ist diese Klarheit verdächtig, weil sie die Geschichte so glattzieht, dass sie quietscht. Denn Kriege entstehen selten aus einem einzigen Verb, sondern aus ganzen Absätzen von Vorgeschichten, Fußnoten, eingeschobenen Nebensätzen und absichtlich ausgelassenen Passagen. Wer den aktuellen Konflikt ausschließlich als spontane russische Aggression erzählt, betreibt nicht Analyse, sondern literarischen Minimalismus – die Twitter-Version der Weltpolitik.

Die lange Anlaufbahn der Geschichte

Historische Realität ist ein unerquicklich sperriges Ding, das sich ungern in Schlagzeilen pressen lässt. Seit dem Ende des Kalten Krieges wurde Osteuropa zu einer Art geopolitischem Fitnessstudio des Westens: Immer weiter dehnte sich die NATO, offiziell ohne aggressive Absicht, aber mit der Beharrlichkeit eines Nachbarn, der ständig betont, er wolle ja nur kurz im Garten stehen – während er den Zaun immer näher ans Wohnzimmer rückt. Die Zusicherungen der 1990er Jahre, die NATO werde sich nicht nach Osten ausdehnen, wurden später als Missverständnisse umgedeutet, als hätte man sich damals lediglich über die Uhrzeit des Treffens geirrt. In Moskau hingegen wurden sie als Vertragsbruch gelesen, als schleichende strategische Umklammerung. Dass Großmächte empfindlich reagieren, wenn militärische Bündnisse bis an ihre Grenzen vorrücken, ist keine russische Spezialität, sondern eine Konstante der Weltgeschichte – man denke nur an die amerikanische Hysterie während der Kubakrise, als sowjetische Raketen nicht einmal tausend, sondern bloß ein paar hundert Kilometer von Florida entfernt standen.

Der Donbass als vergessener Prolog

Besonders elegant verdrängt wird im westlichen Narrativ der Krieg im Donbass, der lange vor 2022 begann. Acht Jahre lang wurde dort gekämpft, gestorben und propagiert, ohne dass dies zu moralischen Sondersendungen führte. Die ukrainische Regierung führte – aus ihrer Sicht legitim – Krieg gegen separatistische Gebiete, die von Russland unterstützt wurden. Aus russischer Perspektive wiederum handelte es sich um den Schutz russischsprachiger Bevölkerungen, aus westlicher Sicht um einen innerukrainischen Konflikt, der am besten mit diplomatischer Zurückhaltung zu behandeln sei. Dass hier bereits ein Stellvertreterkrieg tobte, der von westlicher Seite politisch flankiert wurde, passt schlecht in das Bild vom plötzlichen Ausbruch des Bösen im Februar 2022. Geschichte als Prolog ist unbequem; man müsste erklären, warum man jahrelang zugesehen, gelegentlich gezündelt und anschließend überrascht die Augen aufgerissen hat.

Verteidigung als Spiegelkabinett

Die Behauptung, Russland führe einen Verteidigungskrieg, wirkt im Westen wie eine Provokation, fast schon wie Blasphemie. Und doch lohnt es sich, diesen Gedanken zumindest analytisch auszuhalten, ohne ihn gleich moralisch zu exorzieren. Verteidigung ist kein objektiver Zustand, sondern ein subjektives Empfinden, gespeist aus Bedrohungswahrnehmungen, historischen Traumata und strategischen Kalkülen. Für Russland stellt die Aussicht auf NATO-Strukturen in der Ukraine – einem Land, das historisch, kulturell und militärisch als Pufferzone wahrgenommen wird – eine existentielle Bedrohung dar. Für den Westen hingegen ist die eigene Expansion reine Selbstverteidigung der Werte, eine Art moralisch aufgeladener Spaziergang durch fremde Vorgärten. Das Faszinierende, beinahe Komische an dieser Konstellation ist, dass sich alle Beteiligten mit größter Ernsthaftigkeit als Angegriffene inszenieren, während sie gleichzeitig die Karten der Macht mit sichtlicher Freude neu mischen.

Die Aggressoren mit gutem Gewissen

Dass amerikanische und europäische Akteure heute bis auf rund tausend Kilometer an Moskau herangerückt sind, gilt hierzulande nicht als Aggression, sondern als natürliche Ordnung der Dinge – fast so, als hätte die Geografie selbst um Aufnahme in die NATO gebeten. Militärbasen, Manöver und Waffenlieferungen erscheinen als defensive Rituale, als würde man mit immer größeren Stöcken nur deshalb wedeln, um den Frieden zu bewahren. Die Aggression wird externalisiert, moralisch ausgelagert, während man selbst im Spiegel nur den Verteidiger sieht, der widerwillig zur Faust greift. Diese Selbstwahrnehmung hat etwas Tragikomisches: Die mächtigsten Militärbündnisse der Welt erklären sich zu Opfern, während sie ihre Gegner mit einer Mischung aus Sanktionen, Rhetorik und Hochpräzisionswaffen bearbeiten. Es ist die geopolitische Version des wohlhabenden Mannes, der sich vor Gericht über Mobbing beklagt.

Europa im Zustand der geistigen Verrenkung

Unsere Situation in Europa trägt tatsächlich etwas Wahnsinniges in sich. Man ruft nach Eskalationsvermeidung und liefert gleichzeitig Waffen; man beschwört Diplomatie und erklärt jeden Verhandlungsversuch zur Kapitulation; man verteidigt den Frieden mit einer Inbrunst, die nur im Kriegszustand logisch erscheint. Diese kognitive Akrobatik wird von einer Medienlandschaft begleitet, die Komplexität als Zumutung empfindet und Zweifel als Verrat brandmarkt. Wer darauf hinweist, dass Ursachen und Verantwortlichkeiten verteilt sind, gilt schnell als Relativierer, als hätte er versucht, die Schwerkraft abzuschaffen. Dabei wäre genau diese Ambivalenz der erste Schritt aus dem selbstgebauten Irrgarten: anzuerkennen, dass Aggression und Verteidigung keine klar getrennten Kategorien sind, sondern rhetorische Masken, die je nach Blickwinkel gewechselt werden.

Schlussbemerkung ohne Erlösung

Vielleicht liegt die bitterste Ironie dieses Krieges darin, dass alle Beteiligten glauben, auf der Seite der Vernunft zu stehen, während sie systematisch deren Voraussetzungen zerstören. Der Westen verteidigt eine Ordnung, die er selbst permanent ausdehnt; Russland verteidigt seine Sicherheit, indem es sie anderen nimmt; die Ukraine verteidigt ihre Souveränität, indem sie zum Schlachtfeld fremder Interessen wird. In diesem Spiegelkabinett der Rechtfertigungen bleibt wenig Platz für die simple Erkenntnis, dass Sicherheit nicht wächst, indem man sie einseitig definiert. Europa steht dabei staunend daneben, ein wenig stolz auf seine moralische Haltung, ein wenig erschrocken über die eigenen Konsequenzen – und unfähig, den Wahnsinn beim Namen zu nennen, weil er allzu sehr nach uns selbst aussieht.

Neujahrsansprache 2026 – Verantwortung im Alltag

Liebe Österreicherinnen und Österreicher,

wenn ein neues Jahr beginnt, dann denken viele von uns nicht zuerst an große Worte. Wir denken an den Alltag: an die Arbeit, an die Familie, an das, was funktioniert – und an das, was uns Sorgen macht.

Viele Menschen in Österreich spüren, dass das Leben anspruchsvoller geworden ist. Wohnen ist teuer. Energie kostet Geld. Fachkräfte fehlen. Und manchmal entsteht der Eindruck, alles komme gleichzeitig.

2026 wird kein leichtes Jahr.
Aber es ist ein Jahr, in dem wir noch einmal alles geben müssen – mit Hausverstand, mit Zusammenhalt und mit Ehrlichkeit.

Ein Thema bewegt unser Land besonders: Migration.
Ja, sie fordert uns. Integration gelingt nicht von selbst. Sie braucht Regeln, klare Erwartungen und gemeinsame Anstrengungen. Das sage ich ganz offen.

Aber ebenso offen sage ich: Migration hilft uns auch.
In der Pflege, in den Spitälern, in der Gastronomie, auf Baustellen, in der Landwirtschaft, in unseren Schulen. Viele Menschen, die zu uns gekommen sind, arbeiten, zahlen Steuern, gründen Betriebe und halten unser Land mit am Laufen.

Wer so tut, als könnten wir auf diese Menschen verzichten, sagt nicht die Wahrheit.
Und wer Menschen gegeneinander ausspielt, dem sage ich klar:
So sind wir nicht.

Österreich war immer dann stark, wenn wir Ordnung mit Menschlichkeit verbunden haben. Wenn wir gefordert, aber auch gefördert haben. Wenn wir Chancen ermöglicht haben – und Verantwortung eingefordert haben.

Ein weiteres Thema betrifft unseren Alltag ganz unmittelbar: die Energiefrage.
Die letzten Jahre haben gezeigt, wie abhängig wir von teurer, importierter Energie sind. Und wie verwundbar das macht – für Haushalte, für Betriebe, für den Staat.

Darum ist die Energiewende nicht Ideologie, sondern Notwendigkeit.
Photovoltaik auf Dächern. Windkraft dort, wo sie sinnvoll ist. Sanierte Häuser, die weniger Energie brauchen. Das schützt das Klima – und senkt langfristig Kosten. Für Gemeinden, für Familien, für Unternehmen.

Klimaschutz heißt nicht Verzicht um jeden Preis.
Klimaschutz heißt Vorsorge. Für unsere Kinder. Für unsere Landwirtschaft. Für unsere Sicherheit.

Der Krieg in der Ukraine erinnert uns täglich daran, wie wertvoll Frieden ist. Österreich hilft – humanitär, solidarisch, verantwortungsvoll. Unser Beistand gilt. Nicht aus Leichtsinn, sondern aus Überzeugung.

Was mir Zuversicht gibt, sind nicht perfekte Lösungen.
Es sind die Menschen in diesem Land:
die Pflegekraft im Nachtdienst,
der Lehrling im ersten Jahr,
die Unternehmerin, die ausbildet,
die Ehrenamtlichen, die helfen, wenn andere längst schlafen.

Das ist Österreich.

Lassen wir uns nicht verunsichern. Bleiben wir sachlich. Bleiben wir menschlich. Und erinnern wir uns daran, was uns trägt – gerade dann, wenn es schwierig wird.

So sind wir nicht.
So sind wir – verantwortungsvoll, solidarisch und gemeinsam.

Als Bundespräsident wünsche ich Ihnen und Ihren Familien ein gutes, gesundes und zuversichtliches neues Jahr.

Die Sterne 2026

Vorbemerkung zum Stand der Sterne und der Haushaltslage

Wer 2026 verstehen will, muss nach oben schauen, aber bitte nicht zu lange, denn während wir den Himmel studieren, stolpert unten jemand über die Schuldenbremse, ein anderer über sein eigenes Wahlversprechen, und ein dritter erklärt uns mit ernster Miene, das alles sei Teil eines größeren Plans, den leider nur er selbst kenne. Die Sterne jedenfalls zeigen sich großzügig: Sie verteilen Bedeutungen wie Subventionen in Wahljahren, widersprechen sich dabei munter und verlangen im Gegenzug lediglich unseren Glauben an die große kosmische Ausrede. Politik als Horoskop ist nichts anderes als der Versuch, Verantwortung an den Himmel auszulagern, und 2026 wird das Jahr, in dem diese Strategie ihre volle poetische Reife erreicht. Saturn steht für Sparsamkeit, wird aber von Jupiter überstimmt, der Wachstum verspricht, während Merkur rückläufig ist und erklärt, warum keine Pressemitteilung so gemeint war, wie sie gelesen wurde.

Widder Die Exekutive im Dauerlauf

Der Widder regiert 2026 die Exekutive, oder zumindest glaubt er das, was im politischen Alltag bekanntlich dasselbe ist. Tatendrang ersetzt Analyse, Lautstärke ersetzt Argumente, und wer bremst, ist verdächtig. In diesem Zeichen werden Gesetze im Sprint geschrieben und im Stolpern verabschiedet, begleitet von der festen Überzeugung, Geschwindigkeit sei bereits eine Form von Wahrheit. Kritiker nennen das Aktionismus, Unterstützer nennen es Führung, und die Sterne nennen es schlicht Temperament. Der Widder des Jahres 2026 wird regelmäßig mit der Wand kollidieren, die er selbst für eine offene Tür hielt, um danach mit erhobenem Kinn zu erklären, die Wand habe überraschend ihre Position geändert.

Stier Die Verwaltung der Beharrlichkeit

Der Stier ist das Ministerium für Verwaltung und Besitzstandswahrung, und 2026 wird er beweisen, dass Stillstand eine unterschätzte Kunstform ist. Aktenordner stapeln sich wie Sedimentschichten einer geologischen Epoche, jede Reform wird sorgfältig geprüft, um anschließend aus Gründen der Tradition abgelehnt zu werden. Der Stier liebt Stabilität, vor allem die eigene, und erklärt dem Publikum geduldig, warum Veränderungen zwar grundsätzlich begrüßenswert, im konkreten Fall aber leider nicht umsetzbar sind. Die Sterne lächeln milde und flüstern, dass Beharrlichkeit irgendwann zur Bewegung wird, nur leider in Zeitlupe.

Zwillinge Die Kommunikationsoffensive

2026 ist das Jahr der Zwillinge, der Sprecherinnen, Sprecher und sonstigen Wortakrobaten. Sie erklären alles, jederzeit, gleichzeitig und widersprüchlich, und sind überrascht, dass am Ende Verwirrung herrscht. Pressekonferenzen werden zu Improvisationstheater, soziale Medien zu Orakeln, deren Aussagen man nur versteht, wenn man sie nicht wörtlich nimmt. Die Zwillinge sind überzeugt, dass jedes Problem ein Kommunikationsproblem ist, und lösen es, indem sie mehr kommunizieren, bis niemand mehr weiß, welches Problem ursprünglich gemeint war. Merkur rückläufig applaudiert.

Krebs Die große Geste des Beschützens

Der Krebs übernimmt 2026 die Rolle der moralischen Wärmflasche. Er beschützt, umarmt, sorgt sich öffentlichkeitswirksam und erklärt jede politische Entscheidung zur Frage der Fürsorge. Kritische Nachfragen werden als emotionale Kälte interpretiert, Haushaltszahlen als Gefühlskiller. Der Krebs meint es ernst, das ist das Gefährliche und zugleich Rührende, denn wer aus Fürsorge handelt, ist überzeugt, per Definition im Recht zu sein. Die Sterne warnen leise, dass Überbehütung zur Erstickung führen kann, werden aber von einem weiteren Appell an das Wir übertönt.

Löwe Die Inszenierung der Macht

Der Löwe liebt 2026 die Bühne, und 2026 liebt die Bühne den Löwen zurück. Politik wird zur Aufführung, jede Rede zur Premiere, jede Entscheidung zum Akt der Selbstvergewisserung. Der Inhalt ist sekundär, die Haltung entscheidend, und wer nicht applaudiert, hat den Sinn der Veranstaltung nicht verstanden. Der Löwe regiert mit Charisma, das so hell strahlt, dass es Details verbrennt. Die Sterne liefern Standing Ovations und einen leisen Hinweis, dass auch Sonnen irgendwann untergehen, was der Löwe jedoch als Neid des Universums abtut.

Jungfrau Die Reform der Reformen

Die Jungfrau seziert 2026 den Staat mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks und der Freude eines Menschen, der endlich Ordnung schaffen darf. Alles wird gemessen, bewertet, optimiert, und am Ende entsteht ein perfekt durchdachtes System, das niemand bedienen kann. Die Jungfrau ist überzeugt, dass Rationalität siegt, wenn man nur genug Tabellen anlegt. Satiriker nennen es Technokratie, Bewunderer nennen es Kompetenz, die Sterne nennen es Detailverliebtheit mit Kontrollbedarf.

Waage Der endlose Ausgleich

Die Waage versucht 2026, es allen recht zu machen, und scheitert daran mit bemerkenswerter Eleganz. Kompromisse werden nicht geschlossen, sondern zelebriert, selbst wenn am Ende niemand mehr weiß, worauf man sich eigentlich geeinigt hat. Die Waage ist das diplomatische Lächeln, das jede Spannung glättet, bis darunter nichts als Beliebigkeit übrig bleibt. Die Sterne zeigen eine perfekte Balance, allerdings auf einem Seil, das verdächtig dünn wirkt.

Skorpion Die Macht der Enthüllung

Der Skorpion bringt 2026 die Lust am Skandal zurück. Enthüllungen werden zur politischen Währung, Misstrauen zur Tugend, und jede geheime Abmachung gilt als Beweis für Schuld, egal wessen. Der Skorpion liebt die Tiefe, vor allem die dunkle, und wühlt mit Genuss im Untergrund der Republik. Wahrheiten kommen ans Licht, Halbwahrheiten auch, und die Sterne vermerken trocken, dass Transparenz ohne Kontext eine besonders raffinierte Form der Verdunkelung sein kann.

Schütze Die Vision vom großen Ganzen

Der Schütze schaut 2026 weit nach vorn und übersieht dabei gern, was direkt vor seinen Füßen liegt. Visionen ersetzen Umsetzungspläne, internationale Vergleiche ersetzen lokale Lösungen, und alles wird größer gedacht, als es tragfähig ist. Der Schütze glaubt an Fortschritt wie andere an Schicksal, und erklärt jede Kritik zum Mangel an Mut. Die Sterne nicken anerkennend und legen vorsorglich ein Fernglas bereit, um die Folgen aus der Distanz zu betrachten.

Steinbock Die Rückkehr der Ernsthaftigkeit

Der Steinbock bringt 2026 den Ernst zurück, als sei er nie weg gewesen, nur kurz ausgeliehen. Verantwortung wird beschworen, Disziplin eingefordert, und jeder Witz gilt als Zeichen mangelnder Reife. Der Steinbock glaubt an die Kraft der Pflicht, notfalls auch gegen die Realität, und erklärt Sparen zur moralischen Kategorie. Die Sterne geben ihm recht, zumindest teilweise, und notieren, dass Dauerernst ebenfalls eine Form der Realitätsflucht sein kann.

Wassermann Der Umbruch als Dauerzustand

Der Wassermann ruft 2026 zum permanenten Neuanfang auf. Alles soll anders werden, sofort, digital, vernetzt und möglichst ohne Bedienungsanleitung. Traditionen gelten als Bugs, Institutionen als veraltete Software. Der Wassermann liebt das Experiment, auch wenn es unfreiwillig an den Bürgerinnen und Bürgern durchgeführt wird. Die Sterne jubeln über den Innovationsgeist und sichern eine stabile Beta Phase zu, die sich verdächtig nach Dauerlösung anfühlt.

Fische Die große Auflösung

Die Fische beschließen 2026 mit einem Nebel aus Gefühlen, Symbolen und offenen Enden. Klare Entscheidungen lösen sich auf, Grenzen verschwimmen, und Politik wird zur Projektionsfläche kollektiver Sehnsüchte. Die Fische glauben an das Gute im Menschen, selbst wenn es sich gerade im Urlaub befindet. Die Sterne lassen sanftes Licht durch den Dunst fallen und flüstern, dass Unschärfe zwar tröstlich, aber selten regierungsfähig ist.

Schlussdeutung Die Sterne haben immer recht

Am Ende dieses politischen Horoskops für 2026 bleibt die beruhigende Erkenntnis, dass alles hätte anders kommen können, wenn die Sterne nur günstiger gestanden hätten. Satire ist hier keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Beschreibung mit Lächeln, und Zynismus nichts weiter als enttäuschter Idealismus in Festkleidung. Die Sterne sagen voraus, dass wir auch 2026 wieder überrascht sein werden von genau dem, was wir hätten erwarten können, und dass wir anschließend erklären, es sei eben kompliziert. Das ist vielleicht keine Hoffnung, aber immerhin ein kosmischer Trost.

Weihnachtsgeschichte 2025

In wenigen Stunden werden wieder Kerzen entzündet, Lieder angestimmt, der Glühwein erwärmt und jene eigentümliche Rührung kultiviert, die sich jedes Jahr zuverlässig einstellt, wenn wir der Geburt eines jüdischen Kindes gedenken, dessen einziges Kapital Worte waren – Sätze, Gleichnisse, Zumutungen –, und das gerade dadurch zum wohl wirkmächtigsten Revolutionsführer der Weltgeschichte wurde. Keine Armee, kein Palast, kein Staatsapparat, nicht einmal ein Schwert; nur Sprache, nur Sinn, nur eine radikale Ethik, die Macht durch Wahrheit ersetzte und Wahrheit gefährlicher machte als jede weltliche Gewalt. Dass diese Worte gefürchtet wurden, ist kein Wunder: Sie unterliefen Imperien, entlarvten Heuchelei, zogen den Herrschenden den Teppich aus moralischer Selbstgewissheit unter den Füßen weg. Und doch feiern wir dieses jüdische Kind heute oft so, als sei es eine harmlose Porzellanfigur, eine sentimentale Dekoration zwischen Lichterkette und Rabattaktion – entkernt, entschärft, entjudet.

Das Fest der Verdrängung

Während wir also die Geburt eines Juden feiern, der den christlichen Glauben begründete, tobt in vielen Städten der westlichen Welt ein antisemitischer Furor, der sich modern gibt, global vernetzt ist und sich gerne hinter moralischen Parolen verschanzt. Menschen werden bedroht, angegriffen, mitunter getötet, nicht wegen individueller Taten, sondern wegen ihrer bloßen Existenz als Juden. Auf Straßen, an Universitäten, in kulturellen Räumen wird eine alte Obsession neu etikettiert: Judenhass als vermeintlicher Widerstand, als angeblich progressives Engagement, als modischer Ersatz für Denken. Der Zynismus dieser Gleichzeitigkeit ist atemberaubend: Wir singen vom „Frieden auf Erden“ und erklären zugleich, warum Juden sich besser verstecken, ihre Symbole ablegen, ihre Stimmen senken sollten – zu ihrer eigenen Sicherheit, versteht sich. Es ist die Pädagogik der Einschüchterung, vorgetragen mit dem Tonfall moralischer Überlegenheit.

Die Wiederkehr der Herbergslosigkeit

Die Weihnachtsgeschichte erzählt von Josef und Maria, Juden aus Nazareth, die keine Herberge fanden, von verschlossenen Türen und administrativer Kälte. Man staunt darüber – historisch gerührt, gefahrlos empört. Doch während wir diese Szene jedes Jahr nachspielen, entsteht erneut eine Atmosphäre, in der Juden sich fragen müssen, ob dieses Land noch ihr Zuhause ist. Ein Milieu, das sich als aufgeklärt und humanistisch versteht, aber Antisemitismus nur erkennt, wenn er in historischer Tracht auftritt, sorgt dafür, dass jüdisches Leben wieder zur Zielscheibe wird. Staatlich alimentierte Projekte, kulturelle Institutionen, akademische Zirkel – sie alle versichern unablässig ihre guten Absichten und erklären gleichzeitig, warum der Hass, der vor ihren Augen wuchert, eigentlich keiner sei. Das Resultat ist bitter ironisch: Ausgerechnet in Gesellschaften, die sich ihrer Lehren aus der Geschichte so sicher sind, packen Juden wieder Koffer und suchen Zuflucht dort, wo sie wenigstens wissen, warum sie bedroht werden.

Moral als Tarnkappe

Besonders perfide ist die moralische Umkehrung, die diesen Zustand begleitet. Antisemitismus wird nicht mehr als solcher bekämpft, sondern kontextualisiert, relativiert, funktionalisiert. Er erscheint als Kollateralschaden höherer Ziele, als verständliche Reaktion, als notwendige Zuspitzung. Wer widerspricht, gilt schnell als unsensibel, reaktionär oder – das Totschlagargument unserer Zeit – „problematisch“. In dieser Logik wird der Jude vom Subjekt zum Symbol, vom Menschen zum Argument. Seine reale Angst stört die saubere Theorie, sein reales Leben passt nicht in die wohlgeordnete Empörungshierarchie. Dass dabei auch radikale islamistische Ideologien, die Judenhass offen propagieren, aus falsch verstandener Toleranz geschont oder gar indirekt legitimiert werden, gehört zu den großen intellektuellen Bankrotterklärungen unserer Epoche.

Die belagerte Erinnerung

Wer die Juden verrät, verrät nicht irgendeine Minderheit, sondern die Wurzeln der eigenen Kultur. Das ist keine pathetische Überhöhung, sondern eine nüchterne Feststellung. Judentum ist kein Anhängsel des Abendlandes, es ist eines seiner Fundamente – religiös, ethisch, intellektuell. Weihnachten ohne das Jüdische ist Folklore ohne Inhalt, ein Ritual ohne Ursprung. Wer also heute mit ruhigem Gewissen antisemitische Ressentiments duldet, relativiert oder in geopolitische Abstraktionen auflöst, sägt an dem Ast, auf dem er sitzt, und nennt es Fortschritt. Die historische Ironie ist grausam und beinahe komisch, wäre sie nicht so gefährlich: Ausgerechnet jene, die sich als antifaschistisch verstehen, reproduzieren Denkfiguren, die Juden wieder zu Fremden erklären.

Ein augenzwinkernder Ernst

Vielleicht hilft nur noch der Galgenhumor, um diese Widersprüche auszuhalten. Wir feiern die Geburt eines jüdischen Kindes mit Lichterglanz und verweigern lebenden Juden die Selbstverständlichkeit von Sicherheit. Wir beschwören „Nie wieder“ und üben uns im „Schon wieder, aber anders gemeint“. Wir nennen es Satire, wenn wir lachen, und Zynismus, wenn wir schweigen. Und doch bleibt die Hoffnung, dass die Worte jenes Kindes – unbequeme, klare, entlarvende Worte – noch immer wirken können, wenn man sie ernst nimmt. Sie richten sich nicht gegen Macht als solche, sondern gegen ihre moralische Verkleidung. Vielleicht wäre das die radikalste Weihnachtsbotschaft: weniger Kerzen, mehr Klarheit; weniger Selbstgerechtigkeit, mehr Verantwortung. Und ja, das wäre tatsächlich revolutionär.

Die bittere Wahrheit

Du bist keine Minderheit, nur weil du minderintelligent bist

Es gibt Wahrheiten, die schmecken bitter wie kalter Espresso aus dem Pappbecher der Erkenntnis. Man nippt daran, verzieht das Gesicht und schiebt den Becher hastig beiseite, um stattdessen einen süßen Mythos zu bestellen: den Mythos der eigenen Verfolgung. Denn nichts ist heute so begehrt wie der Status der Minderheit, dieses moralische All-inclusive-Armband, das nicht nur vor Kritik schützt, sondern jede persönliche Unzulänglichkeit in strukturelle Benachteiligung umlackiert. Und so stehen sie da, die neuen Leidtragenden der Geschichte, die sich mit bebender Stimme und festem Blick in den Spiegel erklären: Ich bin nicht unfähig, ich bin marginalisiert. Ein Satz, so tröstlich wie falsch, so bequem wie ein Sofa aus Ausreden. Doch hier beginnt die bittere Wahrheit, und sie ist unerquicklich: Nicht jede Dummheit ist ein politisches Schicksal, nicht jede intellektuelle Flaute ein historisches Unrecht. Manchmal ist der Himmel grau, weil Wolken da sind, nicht weil das Universum dich hasst.

Die Inflation der Opferrolle

Die Opferrolle hat Konjunktur. Sie wird gehandelt wie eine Kryptowährung der Moral, volatil, aber mit enormem symbolischem Wert. Wer sie besitzt, darf laut sprechen und muss wenig erklären. Wer sie beansprucht, immunisiert sich gegen Zweifel und Kritik, denn Kritik wäre ja – wie praktisch – ein weiterer Beweis der Unterdrückung. In dieser ökonomischen Logik der Selbstentlastung ist Minderintelligenz kein Makel mehr, sondern ein Identitätsmerkmal, das man stolz vor sich herträgt wie einen Orden, der im Schützengraben der Kommentarspalten verdient wurde. Man ist dann nicht schlecht informiert, sondern „anders informiert“. Man ist nicht begriffsstutzig, sondern „kognitiv divers“. Und man ist ganz gewiss nicht falsch – man ist nur „zum Schweigen gebracht worden“. Dass man allerdings nie besonders viel zu sagen hatte, wird großzügig unter den Teppich der Systemkritik gekehrt, wo sich bereits andere Staubflocken der Selbsttäuschung tummeln.

Die Verwechslung von Quantität mit Qualität

Ein besonders hübsches Kunststück dieser Selbstverklärung ist die Verwechslung von Masse mit Bedeutung. Wenn viele etwas glauben, so die naive Hoffnung, muss es doch wahr sein. Und wenn viele dasselbe nicht verstehen, dann liegt der Fehler natürlich nicht bei ihnen, sondern bei der Sache selbst. So wird Komplexität zur Zumutung erklärt und Differenzierung zum elitären Akt der Ausgrenzung. Der Gedanke, dass manche Dinge schwierig sind, weil die Welt schwierig ist, erscheint in diesem Weltbild geradezu obszön. Stattdessen fordert man die Vereinfachung bis zur Unkenntlichkeit und nennt das dann „Demokratisierung des Wissens“. Dass dabei am Ende nur noch triviale Parolen übrig bleiben, ist kein Unfall, sondern das Ziel. Denn wo alles gleich flach ist, kann niemand mehr untergehen – außer vielleicht der Gedanke selbst.

Bildung als vermeintlicher Klassenfeind

Besonders unerquicklich wird es, wenn Bildung selbst zur verdächtigen Größe erklärt wird. Wissen gilt dann als Machtinstrument, Intelligenz als Herrschaftsform, Nachdenken als Akt der Gewalt. Der Gelehrte wird zum Unterdrücker, das Argument zur Mikroaggression, der Hinweis auf Fakten zur Majestätsbeleidigung des gefühlten Weltbildes. In dieser verdrehten Dramaturgie ist der Uninformierte nicht mehr jemand, dem etwas fehlt, sondern jemand, dem etwas angetan wurde. Dass Lernen Mühe macht, dass Verstehen Arbeit ist und Irrtum ein notwendiger Begleiter des Denkens – all das passt schlecht in eine Kultur, die Anstrengung mit Ungerechtigkeit verwechselt. Und so bleibt man lieber stehen, erklärt das Stehenbleiben zur Haltung und wundert sich, warum die Welt dennoch weitergeht.

Die zynische Pointe der Selbstentmündigung

Die eigentliche Tragik – und hier erlaubt sich das Essay einen Anflug von Mitleid – liegt in der freiwilligen Selbstentmündigung, die hinter all dem steckt. Wer sich zur Minderheit erklärt, um seine Defizite zu adeln, gibt zugleich den Anspruch auf Entwicklung auf. Man verzichtet auf das Recht, klüger zu werden, um das Privileg zu genießen, niemals falsch zu liegen. Das ist bequem, aber teuer. Denn es kostet Neugier, Selbstkritik und am Ende auch Würde. Ironischerweise ist es gerade diese Haltung, die echte Minderheiten verächtlich macht, indem sie deren reale Kämpfe mit dem Theater persönlicher Unzulänglichkeiten verwechselt. So wird das große Drama der Geschichte zur Kulisse für das kleine Drama des eigenen Denkfaulheitskomforts.

Ein augenzwinkerndes Schlusswort wider die intellektuelle Bequemlichkeit

Man darf dumm sein. Wirklich. Dummheit ist menschlich, allgegenwärtig und erstaunlich gleichmäßig verteilt. Sie wird erst problematisch, wenn sie sich für verfolgt hält und Applaus verlangt. Die bittere Wahrheit lautet daher nicht, dass Minderintelligenz verachtenswert wäre – sie ist lediglich kein politisches Argument. Wer klüger sein will, muss denken; wer denken will, muss zweifeln; und wer zweifelt, muss aushalten, dass er nicht immer recht hat. Das ist keine Unterdrückung, das ist Erwachsenwerden. Und vielleicht, nur vielleicht, liegt in dieser unbequemen Einsicht ein kleiner Trost: Man ist keine Minderheit. Man ist einfach auf dem Weg. Oder man bleibt stehen und nennt es Widerstand. Das Ergebnis sieht dann ähnlich aus – nur ohne Fortschritt, aber mit sehr viel Lärm.

Nachbemerkung zu Bondi Beach

Es ist ein merkwürdiges Ritual unserer Gegenwart, dass Worte wie in Watte gepackt werden, bevor sie in die Öffentlichkeit dürfen. Man streicht, poliert, entschärft, bis aus der Beschreibung eines konkreten Ereignisses ein semantisches Schonprogramm geworden ist. So auch im Fall Bondi Beach: Ein Anschlag, ein Täter, ein Motiv – und doch eine Formulierung, die sich anfühlt wie ein Umweg mit Absicht. „Antisemitischer Anschlag“ steht da, geschniegelt und neutralisiert, als hätte man das Etikett bewusst so gewählt, dass es möglichst viele Assoziationen offenlässt und zugleich möglichst wenige Fragen provoziert. Denn „antisemitisch“, das wissen wir alle, ist ein Wort mit eingebautem Autopiloten: Es lenkt das Denken sofort in eine Richtung, die man für vertraut hält. Man denkt an Springerstiefel, an rechte Chatgruppen, an das altbekannte Personal des Ressentiments. Man denkt – und denkt damit genau das, was man denken soll.

Die bequeme Abkürzung des Denkens

„Antisemitismus“ ist längst kein analytischer Begriff mehr, sondern ein kulturelles Reflexwort. Es fällt, und das Publikum nickt, als hätte jemand einen vertrauten Akkord angeschlagen. Das ist bequem. Bequem für Medien, bequem für Politik, bequem für eine Öffentlichkeit, die ohnehin schon erschöpft ist vom ständigen Neusortieren der Welt. Der Begriff funktioniert wie eine Abkürzung, die man nimmt, wenn man keine Lust auf eine längere Strecke hat. Doch Abkürzungen haben den Nachteil, dass sie Landschaften ausblenden. Sie verkürzen nicht nur den Weg, sondern auch die Wahrheit. Und so wird aus einem islamistisch motivierten Angriff – wenn er denn genau das war – eine semantische Nebelkerze, hinter der sich alle möglichen Akteure in Sicherheit bringen können.

Das Phantom des rechten Täters

Warum ist das so? Weil das Bild des rechten Antisemiten perfekt in das moralische Ordnungssystem westlicher Gesellschaften passt. Er ist der Bösewicht, den man kennt, den man bekämpft hat, den man immer wieder erfolgreich heraufbeschwören kann. Er ist gewissermaßen der Antagonist im Fortsetzungsroman der liberalen Selbstvergewisserung. Wenn also „antisemitischer Anschlag“ gesagt wird, ohne weitere Präzisierung, entsteht automatisch ein Phantom: der rechte Täter, der alte Feind, der uns erlaubt, die eigene Gegenwart als Variation der Vergangenheit zu lesen. Das hat etwas Tröstliches. Denn es bedeutet, dass wir nichts wirklich Neues lernen müssen. Alles bleibt vertraut, alles bleibt erklärbar, alles bleibt in den alten Schubladen.

Die Unsichtbarmachung des Unbequemen

Ein islamistischer Anschlag hingegen ist unbequem. Er zwingt zur Differenzierung, zur sprachlichen Präzision, zur Trennung von Islam und Islamismus – und genau diese Trennung ist anstrengend. Sie verlangt mehr als Schlagworte, mehr als moralische Routinen. Sie verlangt, dass man anerkennt, dass antisemitischer Hass nicht nur ein Relikt europäischer Geschichte ist, sondern auch in religiös-fundamentalistischen Ideologien eine zentrale Rolle spielt. Wer das ausspricht, riskiert sofort, missverstanden zu werden – oder absichtlich missverstanden zu werden. Der Vorwurf der „Stigmatisierung“ liegt immer griffbereit, wie ein Feuerlöscher, der bei jeder unliebsamen Analyse reflexhaft eingesetzt wird.

Sprachpolitik als Selbstschutz

Die konsequente Verwendung des Begriffs „antisemitischer Anschlag“ ohne Benennung des islamistischen Hintergrunds ist daher weniger ein Akt der Genauigkeit als einer der Selbstverteidigung. Es ist Sprachpolitik als Schonhaltung. Man will den Antisemitismus benennen, ja – aber bitte so, dass er niemanden in Verlegenheit bringt, der nicht ohnehin schon als Bösewicht markiert ist. Man will Haltung zeigen, ohne Konflikte zu riskieren. Und so entsteht eine paradoxe Situation: Ausgerechnet im Namen der Sensibilität wird die Realität unscharf gemacht. Ausgerechnet im Namen des Schutzes wird verschwiegen, was benannt werden müsste, um wirksam zu schützen.

Satirische Fußnote zur Realität

Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Man könnte sagen: Willkommen in der Welt, in der Begriffe wichtiger sind als Ursachen und Etiketten mehr zählen als Erkenntnis. In der ein Anschlag nicht mehr das ist, was er war, sondern das, was man aus ihm machen kann, ohne jemanden zu verstören. Es ist eine Welt, in der die Sprache nicht mehr erklärt, sondern beruhigt; nicht mehr aufklärt, sondern einschläfert. Und vielleicht ist genau das der bitter-ironische Kern der Sache: Dass man glaubt, durch sprachliche Umwege moralisch aufrechter zu gehen, während man in Wahrheit nur im Kreis läuft.

Ein Augenzwinkern zum Schluss

Vielleicht sollten wir uns daran erinnern, dass Präzision kein Akt der Feindseligkeit ist, sondern der Aufrichtigkeit. Dass es möglich ist, einen islamistischen Anschlag als solchen zu benennen, ohne Muslime pauschal zu verurteilen. Und dass das Verschweigen von Motiven niemandem hilft – am wenigsten denen, die tatsächlich von antisemitischem Hass bedroht sind. Bis dahin bleibt Bondi Beach ein weiteres Beispiel für jene merkwürdige Moderne, in der man lieber das Symptom benennt als die Krankheit, weil man Angst hat, sich beim Diagnostizieren die Hände schmutzig zu machen. Ein tragisches Schauspiel, das man nur noch mit einem schiefen Lächeln ertragen kann – jenem Lächeln, das weiß, dass Satire manchmal die letzte Form von Klartext ist.