Aber jetzt!

Ein Jubiläum, das keiner wollte, aber alle bekommen haben

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen — selbst wenn sie weniger fallen als vielmehr auf den Fuß knallen, und zwar mit der gravitätischen Wucht eines Brüsseler Aktenordners im Format „historisch alternativlos“. Also: Konfetti aus Verordnungsblättern, Champagner aus wiederverwertbaren Mehrweg-Dekreten, und irgendwo spielt ein Streichquartett „Ode an die Resilienz“ in moll. Zwanzig Sanktionspakete! Eine Zahl, die nach Bronzeplakette, Sonderbriefmarke und mindestens drei Podiumsdiskussionen mit simultaner Verdolmetschung verlangt. Während früher Menschen zwanzig Jahre verheiratet waren, ohne sich gegenseitig mit Exportkontrollen zu bewerfen, hat es die Europäische Politik geschafft, innerhalb überschaubarer Zeit eine Sanktionsserie aufzubauen, die wirkt wie das Sammelalbum einer besonders ambitionierten Verwaltungskraft: „Fehlt uns noch Paket 21 für die vollständige Kollektion?“

Es ist ohnehin eine eigentümliche Form der Moderne, dass politische Maßnahmen heute in Paketen auftreten — als handele es sich um ein Überraschungsabo, das man nie bestellt hat, aber zuverlässig geliefert bekommt. Man öffnet es, und heraus purzeln Handelsbeschränkungen, Preisdeckel, Listen mit Dingen, von denen man bis gestern nicht wusste, dass sie überhaupt exportiert werden, und moralische Selbstvergewisserung in luftdicht verschlossenen Formulierungen. Die Sprache dazu klingt stets, als sei sie von einer Maschine generiert worden, die ausschließlich mit den Begriffen „entschlossen“, „koordiniert“, „beispiellos“ und „Signal“ gefüttert wurde. Ein Signal! Wohin gesendet? Nun, vermutlich ins moralische Weltall, wo es auf intelligente Lebensformen trifft, die anerkennend nicken.

Die feierliche Mathematik der Konsequenz

Zwanzig ist, nüchtern betrachtet, eine beeindruckende Zahl. Sie suggeriert Ausdauer, Prinzipientreue und die Fähigkeit, sich selbst dann noch auf die Schulter zu klopfen, wenn die Schulter bereits blau ist vom Klopfen. Kritiker — diese notorischen Spielverderber der politischen Festkultur — könnten einwenden, dass die Wirksamkeit von Sanktionen ungefähr so leicht zu messen ist wie der Duft geopolitischer Entschlossenheit. Aber Wirksamkeit ist ohnehin ein bürgerlicher Begriff; entscheidend ist die performative Konsequenz. Wenn etwas nicht sofort wirkt, wird es eben nachgeschärft. Wenn das Nachschärfen nicht wirkt, wird das Nachschärfen des Nachschärfens beschlossen. Irgendwann hat man so viele Schärfungen vorgenommen, dass das Messer zwar keinen Griff mehr hat, aber dafür glänzt wie ein Symbol.

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Dabei hat diese ritualisierte Verschärfung etwas zutiefst Beruhigendes. Sie vermittelt den Eindruck, dass Politik ein großes Thermostat sei: Dreht man nur entschlossen genug daran, wird die Welttemperatur schon folgen. Dass die Welt sich gelegentlich wie ein störrischer Altbau verhält, dessen Heizkörper ein Eigenleben führen, ist natürlich ärgerlich — aber kein Grund, den Drehknopf nicht noch einmal demonstrativ zu justieren.

Moral als Hochleistungssport

Es wäre unfair, in all dem nicht auch eine bewundernswerte sportliche Komponente zu erkennen. Moralische Empörung ist schließlich kein Sprint, sondern ein Marathon mit Pressekonferenz. Man braucht Ausdauer, gute Rhetorik und die Fähigkeit, gleichzeitig streng und betroffen zu schauen. Europa hat diese Disziplin perfektioniert: eine Mischung aus normativer Gymnastik und geopolitischem Pilates. Man streckt sich nach den eigenen Werten, atmet strategisch ein — und hofft, dass niemand fragt, wo eigentlich die Yogamatte der Realpolitik geblieben ist.

Denn natürlich lebt jede Sanktion von der leisen Annahme, dass ökonomische Schmerzen irgendwann zu politischer Einsicht führen. Das ist eine rührend aufklärerische Vorstellung, fast schon ein Märchen für Erwachsene: Wenn nur genug Konten eingefroren sind, wird irgendwo ein Autokrat an den Küchentisch treten, seufzen und sagen: „Weißt du was? Diese Europäer haben recht. Lass uns demokratisch werden.“ Dass Geschichte selten so funktioniert wie eine pädagogisch wertvolle Kinderserie — geschenkt. Hoffnung ist schließlich der nachhaltigste Rohstoff der Diplomatie.

Die Bürokratie als epische Heldin

Was in dieser ganzen Angelegenheit viel zu wenig gewürdigt wird, ist die stille Heroik der Verwaltung. Irgendwo, in klimatisierten Büros mit ergonomischen Stühlen, sitzen Menschen, die Listen erstellen. Listen von Dingen, die verboten werden. Listen von Dingen, die vielleicht bald verboten werden. Listen von Dingen, die verboten werden könnten, falls jemand auf die Idee kommt, sie zu exportieren. Diese Menschen sind die eigentlichen Chronisten unserer Zeit — sie schreiben keine Romane, aber ihre Fußnoten haben mehr Seiten als Tolstois Gesamtwerk.

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Man stelle sich die Meetings vor: „Haben wir eigentlich schon industrielle Hochleistungs-Kugellager mit einem Durchmesser zwischen 4,2 und 4,7 Zentimetern sanktioniert?“ — „Nur teilweise.“ — „Dann aber jetzt! Und bitte mit Absatz 3b zur Klarstellung.“ Es ist eine Welt, in der Präzision zur Poesie wird und ein korrekt gesetztes Komma über Milliarden entscheiden kann. Kafka hätte seine Freude gehabt, wenngleich er vermutlich eine Triggerwarnung verlangt hätte.

Der Bürger als Statist im großen Drama

Und wir? Wir sitzen derweil im Parkett dieses geopolitischen Theaters und fragen uns, ob die Heizkostenabrechnung eigentlich schon als Kollateralschaden gilt oder noch als Beitrag zur Werteverteidigung. Der moderne Bürger hat gelernt, stoisch zu sein. Er liest von Paket Nummer zwanzig ungefähr so, wie er die Meldung über ein Softwareupdate liest: Man klickt auf „akzeptieren“, ohne die Bedingungen zu lesen, und hofft, dass danach wenigstens das System stabil läuft.

Natürlich gibt es auch jene, die jede neue Maßnahme mit dem Enthusiasmus eines Serienfans erwarten: „Endlich die neue Staffel!“ Andere wiederum entwickeln eine gewisse Sanktionsmüdigkeit — ein Zustand, der sich bemerkbar macht, wenn man beim Wort „historisch“ nur noch gähnt. Doch Müdigkeit ist politisch uncharmant; sie klingt zu sehr nach Zweifel, und Zweifel hat in Jubiläumsreden ungefähr so viel Platz wie Ironie in einem Gesetzestext.

Der Triumph der symbolischen Tat

Vielleicht liegt die eigentliche Pointe darin, dass Sanktionen immer auch symbolische Architektur sind. Sie bauen ein Gebäude aus Haltung, sichtbar von weitem, selbst wenn im Inneren noch Handwerker herumirren. Und Symbole sind wichtig — ohne sie wäre Politik nur eine Excel-Tabelle mit sehr ernsten Spaltenüberschriften.

Also stoßen wir an, metaphorisch natürlich, auf Paket Nummer zwanzig. Möge es wirken, abschrecken, beeindrucken oder zumindest sehr beschäftigt aussehen. Und während die nächste Verschärfung bereits diskret ihre Turnschuhe schnürt, bleibt uns die tröstliche Gewissheit, dass Geschichte selten durch Unterlassung entsteht. Sie entsteht durch Menschen, die sagen: „Aber jetzt!“ — und es dann so lange wiederholen, bis es wie eine Naturgewalt klingt.

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Ob man das bewundernswert findet oder leicht absurd, hängt vermutlich vom Blickwinkel ab. Doch eines kann man Europa nicht vorwerfen: Mangel an Ernsthaftigkeit im Bemühen, ernsthaft zu wirken. Und wenn irgendwann Paket fünfzig gefeiert wird, mit holografischem Feuerwerk und klimaneutraler Empörung, werden wir vielleicht zurückblicken auf dieses zwanzigste und denken: Ach ja. Damals, als Konsequenz noch eine runde Zahl hatte — und Hoffnung ebenfalls.

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