Im Schatten der Sirenen

Es gibt Sätze, die wirken wie Grabinschriften für eine Zukunft, die noch gar nicht stattgefunden hat. „Die Überlebenden werden die Toten beneiden“ gehört zu jenen Formulierungen, die zugleich Drohung, Diagnose und bitteres Aperçu über die menschliche Zivilisation sind — ein Satz, so kalt wie ein Operationssaal ohne Stromversorgung, so endgültig wie ein Aktenvermerk der Evolution: Projekt Mensch eingestellt wegen Selbstüberschätzung.

Man sollte meinen, im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hätten wir uns wenigstens auf eine minimale intellektuelle Bescheidenheit geeinigt. Stattdessen beobachten wir eine Epoche, die sich mit erstaunlicher Begeisterung wieder an den Werkzeugkasten der Katastrophe herantastet — als hätte jemand nach Jahrzehnten relativer Ruhe plötzlich festgestellt, dass im Keller noch ein rostiger Weltuntergang herumliegt, den man doch gelegentlich entstauben könnte.

Der moderne sicherheitspolitische Diskurs gleicht dabei einer besonders elaborierten Form der Selbsthypnose: Man spricht ununterbrochen vom Frieden, während man logistisch den Krieg organisiert. Man nennt das Abschreckung und meint damit eine Art metaphysisches Muskelspiel — die militärische Variante des Spruchs: Ich prügle dich nur, damit ich dich nicht prügeln muss.

Die Grammatik der Beruhigung

Es ist ein Meisterstück politischer Rhetorik, wie sanft sich martialische Vorhaben heute formulieren lassen. Wo früher noch vom Wettrüsten die Rede war, spricht man nun von „Resilienz“, „Fähigkeitsaufwuchs“ oder — ein sprachliches Kleinod — „Durchhaltefähigkeit“. Das klingt weniger nach Granattrichtern als nach Marathontraining für Behörden.

Überhaupt scheint die Gegenwart eine Vorliebe für Begriffe zu haben, die so beruhigend sind wie ein Kamillentee im Maschinenraum eines Flugzeugträgers. Abschreckung! Sicherheit! Stabilität! Wörter, die wirken sollen wie Sicherheitsgurte in einem Fahrzeug, dessen Fahrer gerade darüber nachdenkt, ob man nicht doch einmal testweise gegen die Wand fahren könnte — rein präventiv natürlich.

Der Bürger, dieses empfindliche Wesen, soll dabei möglichst wenig beunruhigt werden. Man erklärt ihm daher, er lebe in einem sicheren Land, und fügt vorsichtshalber hinzu, dass genau deshalb nun alles deutlich unsicherer werden müsse. Das ist Logik in ihrer modernsten Form: Sicherheit entsteht durch die glaubhafte Bereitschaft zur maximalen Unsicherheit.

Es wäre unfair, darin nur Zynismus zu sehen. Nein — es handelt sich vielmehr um jene besondere Mischung aus Ernst und Selbsttäuschung, die große Bürokratien auszeichnet. Man glaubt wirklich, man könne mit genügend Strategiepapieren den Zufall administrieren.

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Krieg als Verwaltungsakt

Der Krieg des 21. Jahrhunderts beginnt nicht mehr mit Kanonendonner, sondern mit Haushaltsdebatten. Zahlenkolonnen marschieren zuerst, Panzer folgen später. Milliardenbeträge werden bewilligt mit der Gelassenheit, mit der man früher Parkbänke renovierte — eine kleine Investition in die Zukunft, nur dass diese Zukunft eventuell nicht mehr über Parkanlagen verfügen wird.

Dabei fällt auf, wie erstaunlich nüchtern über das Undenkbare gesprochen wird. Der mögliche große Krieg erscheint in vielen Analysen wie ein etwas größer geratenes Infrastrukturproblem — als ginge es um eine Autobahnsanierung mit gelegentlicher nuklearer Begleiterscheinung.

Das hat etwas zutiefst Beruhigendes für den modernen Geist: Solange etwas geplant wird, wirkt es kontrollierbar. Excel-Tabellen sind die Gebetbücher der Technokratie.

Und doch schleicht sich in diese Rationalität ein grotesker Widerspruch ein: Gerade die Systeme, die unsere Welt komfortabel und effizient machen — Energienetze, Industriekomplexe, digitale Infrastruktur — verwandeln einen großflächigen Krieg in ein Experiment mit unüberschaubaren Kettenreaktionen. Wer heute Krieg denkt, denkt zwangsläufig auch Stromausfall, chemische Lecks, kollabierende Lieferketten und Städte, die innerhalb von Tagen in archäologische Fundstätten übergehen könnten.

Man könnte sagen: Noch nie war der Fortschritt so hervorragend darin, sich selbst zur Achillesferse zu machen.

Die Wiederkehr des pädagogischen Ernstfalls

Besonders bemerkenswert ist der pädagogische Ton, mit dem Gesellschaften auf eine mögliche Eskalation vorbereitet werden sollen. Die Zivilgesellschaft müsse „umdenken“, heißt es dann — ein Ausdruck, der klingt, als stünde ein verpflichtender Volkshochschulkurs im Katastrophenrealismus bevor.

Was genau dieses Umdenken bedeutet, bleibt angenehm vage. Vermutlich eine Mischung aus mentaler Abhärtung, strategischer Folgsamkeit und der Fähigkeit, zwischen Nachrichtenmeldungen und Luftschutzübungen nicht allzu nervös zu werden.

Der soziale Mechanismus dahinter ist alt: Wer Zweifel anmeldet, gerät schnell in den Verdacht mangelnder Loyalität. In aufgeheizten Zeiten ist Skepsis ein Charakterfehler. Differenzierung wirkt wie Defätismus.

So entsteht ein Klima, in dem nicht unbedingt der lauteste, aber der einfachste Gedanke gewinnt: Wenn Gefahr droht, muss man Stärke zeigen. Dass Stärke historisch häufig darin bestand, Fehler mit größerem Aufwand zu wiederholen, gehört zu den weniger beliebten Lehrinhalten.

Strategische Kommunikation oder die Kunst, sich selbst zu glauben

Jede Epoche entwickelt ihre eigenen Beschwörungsformeln. Unsere nennt sie „strategische Kommunikation“ — ein Begriff, der so glatt ist, dass man darauf Schlittschuh laufen könnte.

TIP:  ENDE GUT, ALLES GUT

Die Grundidee ist bestechend: Wenn die Wirklichkeit kompliziert wird, erzählt man eine Geschichte, die einfacher ist. Komplexität verunsichert, Narrative mobilisieren. Der Gegner wird dabei vorzugsweise in moralisch eindeutigen Farben dargestellt; Grautöne sind etwas für Aquarellmaler, nicht für geopolitische Spannungen.

Natürlich ist Propaganda kein Monopol irgendeiner Seite — sie ist eher eine anthropologische Konstante, eine Art psychologisches Grundrauschen der Macht. Staaten lügen selten aus Bosheit; sie tun es aus struktureller Notwendigkeit. Eine Bevölkerung, die alles wüsste, wäre schwer zu regieren.

Satirisch betrachtet könnte man sagen: Die Wahrheit ist sicherheitspolitisch einfach zu unberechenbar.

Atomare Gelassenheit

Der vielleicht bizarrste Zug unserer Zeit liegt jedoch in der fast stoischen Ruhe, mit der über nukleare Optionen gesprochen wird. Das „Äußerste“ ersetzt das Wort, das man nicht gern ausspricht — als könne ein Euphemismus die Halbwertszeit verkürzen.

Hier erreicht die Sprache ihren Höhepunkt als Sedativum. Denn wer das Wort vermeidet, vermeidet für einen Moment auch die Vorstellung: Städte ohne Schatten, Himmel ohne Vögel, ein Kontinent im Zustand der radiologischen Meditation.

Ärzte warnen seit Jahrzehnten, dass in einem solchen Szenario Hilfe zur Illusion würde — eine Einsicht, die so banal wie erschütternd ist. Medizin funktioniert schlecht in einer Welt, die sich gerade selbst abgeschafft hat.

Und doch lebt der Mensch mit dieser Möglichkeit, als wäre sie ein ferner Asteroid, obwohl sie eher einem Klavier gleicht, das über uns an einem ausgefransten Seil hängt.

Vielleicht ist das die größte psychologische Leistung moderner Gesellschaften: Sie können gleichzeitig Espresso trinken und am Rand des Unvorstellbaren wohnen.

Fortschritt mit Todessehnsucht

Man muss vorsichtig sein mit kulturpessimistischen Diagnosen; sie altern oft schlecht. Dennoch drängt sich gelegentlich der Verdacht auf, dass die Menschheit eine merkwürdige Beziehung zu ihren eigenen Untergangsszenarien pflegt — eine Mischung aus Faszination und Verdrängung.

Wir wissen mehr denn je über die Folgen großer Kriege. Wir verfügen über historische Daten, Simulationen, Klimamodelle, Risikoanalysen. Und trotzdem bewegen wir uns politisch manchmal mit der Selbstgewissheit von Schlafwandlern durch ein Minenfeld.

Das ist kein Beweis kollektiver Todessehnsucht — eher ein Hinweis darauf, dass kurzfristige Logiken langfristige Gefahren regelmäßig überstimmen. Politik denkt in Legislaturperioden, Katastrophen in Jahrhunderten.

TIP:  Willkommen im postbiologischen Zeitalter

Satirisch zugespitzt: Die Apokalypse hat einfach eine zu schlechte Wahlkampforganisation.

Die Nostalgie der Abschreckung

Manche argumentieren, Abschreckung habe über Jahrzehnte funktioniert. Das stimmt — allerdings auf eine Weise, die stark an das erfolgreiche Nichtabstürzen eines Flugzeugs erinnert, dessen Triebwerke gelegentlich Feuer fangen. Dass etwas bislang gut gegangen ist, bedeutet nicht zwingend, dass es ein nachhaltiges Modell darstellt; manchmal ist es schlicht Glück mit guten Uniformen.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob militärische Stärke eine Rolle spielt — das tut sie zweifellos —, sondern ob Gesellschaften verhindern können, dass sie zur einzigen Sprache wird, die noch verstanden wird.

Denn sobald Sicherheit ausschließlich militärisch gedacht wird, beginnt eine Spirale, die ihre eigene Begründung erzeugt: Aufrüstung erzeugt Gegenaufrüstung, diese wiederum bestätigt die ursprüngliche Angst. Ein perfekter Zirkelschluss, fast elegant in seiner fatalen Symmetrie.

Humor am Abgrund

Und doch wäre es falsch, in reiner Düsternis zu enden. Der Mensch besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit: Er lacht sogar dort noch, wo ihm das Wasser bis zum Hals steht — vielleicht gerade dort. Humor ist kein Zeichen von Leichtsinn, sondern oft eine Form intellektueller Gegenwehr.

Denn wer über die Absurditäten der Macht lachen kann, hat sich ihnen zumindest gedanklich nicht vollständig unterworfen.

Vielleicht liegt hierin ein letzter Hoffnungsschimmer: dass Gesellschaften irgendwann erkennen, wie grotesk es ist, ihr größtes organisatorisches Talent auf die Vorbereitung des Unbewohnbaren zu richten.

Der zitierte Satz bleibt dabei weniger Prophezeiung als Warnung — eine rhetorische Sirene, die daran erinnert, dass Zivilisation kein Naturzustand ist, sondern tägliche Entscheidung.

Oder, etwas weniger pathetisch formuliert: Es wäre doch ausgesprochen peinlich für eine Spezies, die es geschafft hat, Katzenvideos in Echtzeit um den Globus zu schicken, wenn sie gleichzeitig unfähig bliebe, sich dauerhaft vom kollektiven Selbstmord abzuhalten.

Man darf hoffen, dass die Überlebenden die Toten nicht beneiden müssen.

Noch besser wäre allerdings, wenn es weder Überlebende noch Tote in dieser speziellen Rechnung gäbe — sondern schlicht weiterhin Menschen, die sich über Politik streiten, über Worte empören, über Satire lachen und feststellen, dass die Vernunft zwar selten spektakulär ist, aber auf lange Sicht die deutlich bessere Überlebensstrategie darstellt.

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