Der Jahrestag und die erstaunliche Kunst des Weglassens

Es gibt im Journalismus eine besonders elegante Form der Unausgewogenheit: Man muss keine Unwahrheit erzählen. Es genügt, die Wahrheit so sorgfältig auszuwählen, dass am Ende eine andere Wirklichkeit entsteht. Genau hier beginnt die Debatte über die Berichterstattung zum 7. Oktober. Ein Jahrestag des Massakers ist zunächst kein beliebiger Nachrichtentermin. Er erinnert an den Tag, an dem Hamas und andere bewaffnete Täter Israel überfielen, Zivilisten ermordeten, Menschen entführten und eine Gewaltspirale auslösten, deren Folgen bis heute das politische und moralische Denken über den Nahen Osten bestimmen. Wer an diesem Tag über Gaza berichtet, darf selbstverständlich über das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung berichten. Er soll es sogar tun. Aber zwischen legitimer Berichterstattung über menschliches Leid und einer Darstellung, in der Ursache, Verantwortlichkeiten und Vorgeschichte beinahe verschwinden, liegt ein Unterschied, der größer ist als jede Redaktionsminute. Denn Journalismus besteht nicht lediglich darin, möglichst eindrucksvolle Leidensbilder zu liefern. Er besteht auch darin, Zusammenhänge herzustellen, Verantwortlichkeiten zu benennen und dem Publikum zuzumuten, dass die Welt komplizierter ist als ein moralisch bequemes Schwarz-Weiß-Schema.

Der Vorwurf gegenüber einem öffentlich-rechtlichen Sender und Qualitätsmedien lautet deshalb nicht zwingend, dass über Gaza berichtet wurde. Der eigentliche Vorwurf wäre wesentlich unbequemer: dass eine bestimmte Perspektive auf Gaza so dominant werden kann, dass der historische Anlass des Tages selbst an den Rand gerät. Das wäre die journalistische Version eines Zaubertricks. Die Redaktion zeigt den Rauch, die Trümmer und die Verzweiflung – alles real –, und während das Publikum gebannt hinsieht, verschwindet die Frage nach dem Feuerzeug aus dem Bild. Besonders problematisch wird dies dann, wenn die Berichterstattung den Eindruck erzeugt, die Katastrophe sei aus einem historischen Vakuum entstanden, als habe Gaza eines Morgens beschlossen, tragischerweise Gaza zu sein, während Israel gewissermaßen als Naturereignis über die Szenerie gekommen sei. So entsteht keine Lüge im klassischen Sinn. Es entsteht etwas Moderneres: eine Wahrheit ohne Kontext.

Objektivität ist keine Rechenaufgabe

Die Forderung nach „Ausgewogenheit“ wird häufig missverstanden. Ausgewogener Journalismus bedeutet nicht, jede Behauptung exakt fünf Minuten lang senden zu müssen, als ließe sich journalistische Qualität mit einer Stoppuhr messen. Wahrheit entsteht nicht dadurch, dass jede Seite dieselbe Sendezeit bekommt. Aber gerade deshalb ist die Frage des Kontextes so entscheidend. Wenn über zivile Opfer gesprochen wird, gehört die Verantwortung der Hamas für den Angriff vom 7. Oktober in die Erzählung. Wenn über israelische Militäroperationen gesprochen wird, gehört die Frage nach militärischer Zielsetzung, Schutzmaßnahmen, Verhältnismäßigkeit und möglicher Rechtswidrigkeit hinein. Wenn über die Nutzung ziviler Infrastruktur gesprochen wird, gehört ebenso dazu, zwischen dokumentierten Fällen, Vorwürfen, nachprüfbaren Tatsachen und propagandistischen Behauptungen zu unterscheiden. Und wenn die israelische Armee erklärt, sie habe ein bestimmtes Gebäude wegen militärischer Nutzung angegriffen, ist das eine relevante Position – aber eben eine zu prüfende Behauptung und kein journalistischer Freifahrtschein.

Genau darin liegt die Schwierigkeit ernsthaften öffentlich-rechtlichen Journalismus: Er darf weder zum Sprachrohr Israels noch zum Sprachrohr der Hamas, von NGOs oder irgendeiner anderen politischen Akteursgruppe werden. Er hat die unangenehme Aufgabe, alle diese Akteure beim Wort zu nehmen und anschließend nachzufragen, ob ihre Worte der Wirklichkeit standhalten. Das ist wesentlich anstrengender, als einen Vertreter einer Organisation einzuladen, eine moralisch klare Botschaft formulieren zu lassen und anschließend zufrieden festzustellen, dass wieder eine Stimme aus der Zivilgesellschaft zu Wort gekommen ist. Zivilgesellschaft ist schließlich kein journalistischer Adelstitel. Auch ein NGO-Vertreter kann irren, selektieren, politisch argumentieren oder Interessen vertreten. Das macht seine Aussagen nicht wertlos. Es macht kritische Nachfragen lediglich notwendig.

Das journalistische Wunder der unsichtbaren Vorgeschichte

Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit moderner Debatten, Ursache und Folge auseinanderzuschneiden. Der 7. Oktober wird dann zum Datum, Gaza zum Schauplatz, Israel zum Handelnden und die Hamas zu einer Art Hintergrundrauschen. Eine solche Erzählung besitzt eine geradezu mathematische Eleganz: Je weniger Vorgeschichte erwähnt wird, desto eindeutiger erscheint die Gegenwart. Das Problem ist nur, dass Geschichte keine Tabellenkalkulation ist. Ereignisse fallen nicht vom Himmel, und politische Gewalt besitzt Vorgeschichten, Entscheidungen, Akteure und Verantwortlichkeiten.

Dazu gehört die Tatsache, dass Hamas eine islamistische Terrororganisation ist, die seit Jahren einen bewaffneten Konflikt mit Israel führt und am 7. Oktober einen beispiellosen Angriff auf israelisches Gebiet verübte. Dazu gehören Geiselnahmen, Morde und die bewusst gegen Zivilisten gerichtete Gewalt. Dazu gehört aber ebenso die israelische Politik, die militärische Reaktion, die humanitäre Situation in Gaza, die enorme Zahl ziviler Opfer und die völkerrechtliche Debatte über einzelne militärische Maßnahmen. Wer nur eine dieser Ebenen erzählt, erzählt nicht die ganze Geschichte. Wer alle erzählt, riskiert dagegen etwas viel Gefährlicheres: dass das Publikum selbst denken muss.

Und genau das scheint gelegentlich beinahe als Zumutung zu gelten. Die moderne Medienwelt liebt klare moralische Rollenverteilungen. Täter, Opfer, Gutmenschen, Bösewichte – möglichst eindeutig beschriftet und am besten bereits im Vorspann. Das Publikum bekommt damit eine Art moralisches Fertiggericht: aufwärmen, konsumieren, empören. Der Kontext steht auf der Verpackung, aber niemand liest ihn.

Hamas als unsichtbarer Elefant im Studio

Die vielleicht auffälligste Leerstelle in solchen Debatten ist die Frage nach der Hamas selbst. Denn selbstverständlich ist es möglich, Israel scharf zu kritisieren, ohne Hamas zu relativieren. Es ist möglich, palästinensisches Leid zu beschreiben und gleichzeitig zu sagen, dass die Hamas für ihre militärischen Entscheidungen Verantwortung trägt. Es ist möglich, israelische Militäroperationen auf ihre Rechtmäßigkeit zu prüfen und zugleich darauf hinzuweisen, dass eine terroristische Organisation ihre militärische Infrastruktur in dicht besiedelten Gebieten unterhält oder zivile Einrichtungen für militärische Zwecke nutzt, sofern dies im konkreten Fall nachweisbar ist. Das eine löscht das andere nicht aus.

Gerade deshalb ist der Begriff des „menschlichen Schutzschilds“ so sensibel. Er darf nicht zu einer Universalentschuldigung für zivile Opfer werden. Die Existenz einer militärischen Nutzung eines zivilen Gebäudes hebt nicht automatisch alle Pflichten des Angreifers auf. Das humanitäre Völkerrecht kennt keine magische Klausel, nach der ein Krankenhaus seine Schutzfunktion verliert und damit jeder Angriff legitimiert wäre. Es verlangt vielmehr die konkrete Prüfung militärischer Notwendigkeit, Unterscheidung, Verhältnismäßigkeit und Vorsichtsmaßnahmen. Wer diese Pflichten ignoriert, begeht einen Fehler. Wer sie hingegen vollständig ausblendet, begeht einen anderen.

Und genau hier wäre seriöser Journalismus gefragt: nicht die israelische Darstellung einfach zu übernehmen, aber sie auch nicht einfach zu unterschlagen. Nicht jede Behauptung über Tunnel unter Krankenhäusern ist automatisch bewiesen; nicht jede israelische Erklärung ist automatisch Propaganda. Zwischen diesen beiden intellektuellen Bequemlichkeiten liegt die eigentliche journalistische Arbeit. Sie heißt Verifikation.

TIP:  Die große Leerstelle im Seminarplan

Die Mär von der perfekten Präzision

Auch die Darstellung militärischer Einsatzregeln verdient eine gewisse Skepsis – und zwar in beide Richtungen. Die israelischen Streitkräfte betonen regelmäßig Vorgaben wie Zielidentifikation, Unterscheidung zwischen Kombattanten und Zivilisten, Verhältnismäßigkeit und Vorsichtsmaßnahmen. Diese Prinzipien entsprechen grundlegenden Anforderungen des humanitären Völkerrechts. Aber zwischen einer Einsatzregel auf dem Papier und ihrer tatsächlichen Umsetzung im Gefecht liegt die gesamte Welt der militärischen Realität. Eine Armee kann strenge Regeln haben und trotzdem rechtswidrige Handlungen einzelner Soldaten begehen. Ebenso kann ein hoher ziviler Blutzoll nicht automatisch beweisen, dass jeder einzelne Angriff rechtswidrig war.

Die intellektuell redliche Position besteht deshalb darin, beide Sätze gleichzeitig auszuhalten. Israel hat das Recht, sich gegen bewaffnete Angriffe zu verteidigen. Und Israel ist dabei an das humanitäre Völkerrecht gebunden. Hamas hat mit dem 7. Oktober schwere Verbrechen begangen. Und die Existenz dieser Verbrechen entbindet Israel nicht von seinen eigenen rechtlichen Verpflichtungen. Palästinensische Zivilisten sind unschuldige Menschen. Und ihr Leid macht die Hamas nicht unschuldig. Israelische Zivilisten sind unschuldige Menschen. Und ihre Ermordung wird nicht dadurch weniger barbarisch, dass später andere Zivilisten sterben.

Das ist keine besonders elegante Botschaft für eine Schlagzeile. Sie passt nicht in 280 Zeichen. Sie erzeugt keine einfache Empörung und eignet sich schlecht für algorithmische Aufmerksamkeit. Sie hat allerdings einen entscheidenden Vorteil: Sie ist näher an der Realität.

Der NGO-Vertreter und die wundersame Verwandlung von Meinung in Wahrheit

Besonders amüsant wird es, wenn ausgerechnet öffentlich-rechtliche Medien den moralischen Status eines NGO-Vertreters mit journalistischer Autorität verwechseln. NGOs können unverzichtbare Arbeit leisten. Sie können humanitäre Katastrophen dokumentieren, Opfer unterstützen, Missstände aufzeigen und Regierungen kontrollieren. Aber eine NGO ist keine übernatürliche Wahrheitsmaschine. Ihre Vertreter sprechen aus einer Perspektive, vertreten häufig bestimmte politische oder institutionelle Positionen und haben – wie alle anderen Menschen – Interessen, blinde Flecken und Überzeugungen.

Wenn ein NGO-Vertreter erklärt, Israel allein trage Verantwortung für die humanitäre Situation, wäre die journalistische Pflicht nicht, empört zu widersprechen. Sie bestünde darin, nachzufragen: Welche Verantwortung trägt Hamas? Welche Verantwortung tragen andere bewaffnete Gruppen? Welche Rolle spielen internationale Akteure? Welche Entscheidungen wurden getroffen? Welche Quellen belegen die Behauptungen? Welche Gegenargumente existieren? Welche Tatsachen sind gesichert und welche umstritten?

Das wäre Interviewführung. Alles andere ist Mikrofonhaltung.

Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der seinem Publikum lediglich die jeweils erwünschte moralische Position präsentiert, muss sich irgendwann die unangenehme Frage gefallen lassen, ob er noch informiert oder bereits erzieht. Die Grenze ist schmal. Besonders schmal wird sie dort, wo kritische Nachfragen als unsensibel gelten, weil das Thema emotional ist. Gerade dann sind sie notwendig. Je größer das Leid, desto größer die journalistische Verantwortung. Nicht umgekehrt.

Der Rundfunkbeitrag als Eintrittskarte zur Wirklichkeit

Und damit landet die Debatte schließlich dort, wo sie besonders österreichisch wird: beim Geld. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk finanziert sich nicht aus freiwilligen Spenden begeisterter Zuschauer, die am Ende einer Sendung diskret entscheiden, ob ihnen die journalistische Leistung 4,90 Euro wert war. Er besitzt einen öffentlichen Auftrag und wird entsprechend aus einer verpflichtenden Finanzierung getragen. Gerade deshalb darf das Publikum mehr verlangen als politische oder moralische Gefälligkeit.

Der Ausdruck „Zwangsgebühren“ ist politisch zugespitzt und rechtlich nicht ohne Weiteres präzise. Aber er transportiert einen berechtigten Kern der Kritik: Wer öffentlich-rechtliche Medien finanziert, darf erwarten, dass diese nicht einer politischen, gesellschaftlichen oder aktivistischen Perspektive verpflichtet sind, sondern der journalistischen Sorgfalt. Der öffentlich-rechtliche Anspruch besteht nicht darin, eine bestimmte Weltsicht besonders sympathisch zu vermitteln. Er besteht darin, auch jene Tatsachen sichtbar zu machen, die unbequem sind.

Vielleicht wäre deshalb eine kleine Reform des journalistischen Selbstverständnisses angebracht. Nicht mehr die Frage: „Welche Seite kommt zu Wort?“ sollte im Mittelpunkt stehen, sondern: „Welche relevante Tatsache fehlt noch?“ Das wäre wesentlich unbequemer. Es würde allerdings verhindern, dass Ausgewogenheit zu einem Wettbewerb zwischen vorselektierten Stimmen verkommt.

Die eigentliche Satire: Objektivität als optionales Extra

Am Ende besitzt die ganze Angelegenheit eine beinahe groteske Pointe. Ausgerechnet am Jahrestag eines Massakers, das die politische Landschaft des Nahen Ostens verändert hat, kann eine Berichterstattung entstehen, in der die Diskussion über die Folgen mehr Raum einnimmt als die prägende Ursache. Das wäre ungefähr so, als würde eine Dokumentation über einen Brand ausführlich über die Wasserschäden berichten, aber den Brandstifter nur im Kleingedruckten erwähnen – sofern er überhaupt vorkommt.

Natürlich ist der Wasserschaden real. Natürlich leiden Menschen darunter. Natürlich muss darüber berichtet werden. Aber wer den Brand verschweigt, betreibt keine ausgewogene Berichterstattung. Er betreibt Schadensjournalismus.

Die zynische Pointe lautet daher: Vielleicht ist „NGO-Radio“ gar keine neue journalistische Kategorie. Vielleicht ist es nur die moderne Bezeichnung für Rundfunk, bei dem die Fragen bereits vor dem Interview beantwortet wurden. Die Mikrofone funktionieren, die Kameras laufen, die Gebühren werden pünktlich eingehoben – nur der unangenehme Teil des Journalismus, das beharrliche Nachfragen, scheint gelegentlich in Betriebsurlaub zu sein.

Und so bleibt vom Anspruch auf Objektivität manchmal eine bemerkenswert kleine Restgröße übrig: Man berichtet über die Wahrheit, sofern sie in die bereits gewählte Perspektive passt. Alles andere gilt als „komplex“. Ein sehr praktisches Wort. Es bedeutet häufig nichts anderes als: Bitte nicht weiterfragen.

Gerade deshalb wäre am 7. Oktober eines besonders wichtig gewesen: nicht weniger Mitgefühl für die Opfer in Gaza, sondern mehr journalistische Präzision; nicht weniger Kritik an Israel, sondern mehr Belege; nicht weniger Aufmerksamkeit für palästinensisches Leid, sondern mehr Kontext; und vor allem nicht weniger Empathie für israelische Opfer, weil andere Opfer ebenfalls existieren. Denn menschliches Leid ist kein begrenztes Budget, bei dem jeder zusätzliche Anteil für die eine Seite automatisch den Anteil der anderen verkleinert.

Das ist vielleicht die unbequemste Wahrheit von allen: Ein ernsthafter Journalismus muss gleichzeitig mehrere Wahrheiten aushalten können. Wer dazu nicht mehr bereit ist, braucht keine Zensur. Es reicht völlig, wenn die Redaktion selbst entscheidet, was lieber nicht gefragt wird.

Der Jahrestag und die erstaunliche Kunst des Weglassens

Es gibt im Journalismus eine besonders elegante Form der Unausgewogenheit: Man muss keine Unwahrheit erzählen. Es genügt, die Wahrheit so sorgfältig auszuwählen, dass am Ende eine andere Wirklichkeit entsteht. Genau hier beginnt die Debatte über die Berichterstattung zum 7. Oktober. Ein Jahrestag des Massakers ist zunächst kein beliebiger Nachrichtentermin. Er erinnert an den Tag, an dem Hamas und andere bewaffnete Täter Israel überfielen, Zivilisten ermordeten, Menschen entführten und eine Gewaltspirale auslösten, deren Folgen bis heute das politische und moralische Denken über den Nahen Osten bestimmen. Wer an diesem Tag über Gaza berichtet, darf selbstverständlich über das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung berichten. Er soll es sogar tun. Aber zwischen legitimer Berichterstattung über menschliches Leid und einer Darstellung, in der Ursache, Verantwortlichkeiten und Vorgeschichte beinahe verschwinden, liegt ein Unterschied, der größer ist als jede Redaktionsminute. Denn Journalismus besteht nicht lediglich darin, möglichst eindrucksvolle Leidensbilder zu liefern. Er besteht auch darin, Zusammenhänge herzustellen, Verantwortlichkeiten zu benennen und dem Publikum zuzumuten, dass die Welt komplizierter ist als ein moralisch bequemes Schwarz-Weiß-Schema.

TIP:  Tschechien gegen das rote Gespenst

Der Vorwurf gegenüber einem öffentlich-rechtlichen Sender lautet deshalb nicht zwingend, dass über Gaza berichtet wurde. Der eigentliche Vorwurf wäre wesentlich unbequemer: dass eine bestimmte Perspektive auf Gaza so dominant werden kann, dass der historische Anlass des Tages selbst an den Rand gerät. Das wäre die journalistische Version eines Zaubertricks. Die Redaktion zeigt den Rauch, die Trümmer und die Verzweiflung – alles real –, und während das Publikum gebannt hinsieht, verschwindet die Frage nach dem Feuerzeug aus dem Bild. Besonders problematisch wird dies dann, wenn die Berichterstattung den Eindruck erzeugt, die Katastrophe sei aus einem historischen Vakuum entstanden, als habe Gaza eines Morgens beschlossen, tragischerweise Gaza zu sein, während Israel gewissermaßen als Naturereignis über die Szenerie gekommen sei. So entsteht keine Lüge im klassischen Sinn. Es entsteht etwas Moderneres: eine Wahrheit ohne Kontext.

Objektivität ist keine Rechenaufgabe

Die Forderung nach „Ausgewogenheit“ wird häufig missverstanden. Ausgewogener Journalismus bedeutet nicht, jede Behauptung exakt fünf Minuten lang senden zu müssen, als ließe sich journalistische Qualität mit einer Stoppuhr messen. Wahrheit entsteht nicht dadurch, dass jede Seite dieselbe Sendezeit bekommt. Aber gerade deshalb ist die Frage des Kontextes so entscheidend. Wenn über zivile Opfer gesprochen wird, gehört die Verantwortung der Hamas für den Angriff vom 7. Oktober in die Erzählung. Wenn über israelische Militäroperationen gesprochen wird, gehört die Frage nach militärischer Zielsetzung, Schutzmaßnahmen, Verhältnismäßigkeit und möglicher Rechtswidrigkeit hinein. Wenn über die Nutzung ziviler Infrastruktur gesprochen wird, gehört ebenso dazu, zwischen dokumentierten Fällen, Vorwürfen, nachprüfbaren Tatsachen und propagandistischen Behauptungen zu unterscheiden. Und wenn die israelische Armee erklärt, sie habe ein bestimmtes Gebäude wegen militärischer Nutzung angegriffen, ist das eine relevante Position – aber eben eine zu prüfende Behauptung und kein journalistischer Freifahrtschein.

Genau darin liegt die Schwierigkeit ernsthaften öffentlich-rechtlichen Journalismus: Er darf weder zum Sprachrohr Israels noch zum Sprachrohr der Hamas, von NGOs oder irgendeiner anderen politischen Akteursgruppe werden. Er hat die unangenehme Aufgabe, alle diese Akteure beim Wort zu nehmen und anschließend nachzufragen, ob ihre Worte der Wirklichkeit standhalten. Das ist wesentlich anstrengender, als einen Vertreter einer Organisation einzuladen, eine moralisch klare Botschaft formulieren zu lassen und anschließend zufrieden festzustellen, dass wieder eine Stimme aus der Zivilgesellschaft zu Wort gekommen ist. Zivilgesellschaft ist schließlich kein journalistischer Adelstitel. Auch ein NGO-Vertreter kann irren, selektieren, politisch argumentieren oder Interessen vertreten. Das macht seine Aussagen nicht wertlos. Es macht kritische Nachfragen lediglich notwendig.

Das journalistische Wunder der unsichtbaren Vorgeschichte

Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit moderner Debatten, Ursache und Folge auseinanderzuschneiden. Der 7. Oktober wird dann zum Datum, Gaza zum Schauplatz, Israel zum Handelnden und die Hamas zu einer Art Hintergrundrauschen. Eine solche Erzählung besitzt eine geradezu mathematische Eleganz: Je weniger Vorgeschichte erwähnt wird, desto eindeutiger erscheint die Gegenwart. Das Problem ist nur, dass Geschichte keine Tabellenkalkulation ist. Ereignisse fallen nicht vom Himmel, und politische Gewalt besitzt Vorgeschichten, Entscheidungen, Akteure und Verantwortlichkeiten.

Dazu gehört die Tatsache, dass Hamas eine islamistische Terrororganisation ist, die seit Jahren einen bewaffneten Konflikt mit Israel führt und am 7. Oktober einen beispiellosen Angriff auf israelisches Gebiet verübte. Dazu gehören Geiselnahmen, Morde und die bewusst gegen Zivilisten gerichtete Gewalt. Dazu gehört aber ebenso die israelische Politik, die militärische Reaktion, die humanitäre Situation in Gaza, die enorme Zahl ziviler Opfer und die völkerrechtliche Debatte über einzelne militärische Maßnahmen. Wer nur eine dieser Ebenen erzählt, erzählt nicht die ganze Geschichte. Wer alle erzählt, riskiert dagegen etwas viel Gefährlicheres: dass das Publikum selbst denken muss.

Und genau das scheint gelegentlich beinahe als Zumutung zu gelten. Die moderne Medienwelt liebt klare moralische Rollenverteilungen. Täter, Opfer, Gutmenschen, Bösewichte – möglichst eindeutig beschriftet und am besten bereits im Vorspann. Das Publikum bekommt damit eine Art moralisches Fertiggericht: aufwärmen, konsumieren, empören. Der Kontext steht auf der Verpackung, aber niemand liest ihn.

Hamas als unsichtbarer Elefant im Studio

Die vielleicht auffälligste Leerstelle in solchen Debatten ist die Frage nach der Hamas selbst. Denn selbstverständlich ist es möglich, Israel scharf zu kritisieren, ohne Hamas zu relativieren. Es ist möglich, palästinensisches Leid zu beschreiben und gleichzeitig zu sagen, dass die Hamas für ihre militärischen Entscheidungen Verantwortung trägt. Es ist möglich, israelische Militäroperationen auf ihre Rechtmäßigkeit zu prüfen und zugleich darauf hinzuweisen, dass eine terroristische Organisation ihre militärische Infrastruktur in dicht besiedelten Gebieten unterhält oder zivile Einrichtungen für militärische Zwecke nutzt, sofern dies im konkreten Fall nachweisbar ist. Das eine löscht das andere nicht aus.

Gerade deshalb ist der Begriff des „menschlichen Schutzschilds“ so sensibel. Er darf nicht zu einer Universalentschuldigung für zivile Opfer werden. Die Existenz einer militärischen Nutzung eines zivilen Gebäudes hebt nicht automatisch alle Pflichten des Angreifers auf. Das humanitäre Völkerrecht kennt keine magische Klausel, nach der ein Krankenhaus seine Schutzfunktion verliert und damit jeder Angriff legitimiert wäre. Es verlangt vielmehr die konkrete Prüfung militärischer Notwendigkeit, Unterscheidung, Verhältnismäßigkeit und Vorsichtsmaßnahmen. Wer diese Pflichten ignoriert, begeht einen Fehler. Wer sie hingegen vollständig ausblendet, begeht einen anderen.

Und genau hier wäre seriöser Journalismus gefragt: nicht die israelische Darstellung einfach zu übernehmen, aber sie auch nicht einfach zu unterschlagen. Nicht jede Behauptung über Tunnel unter Krankenhäusern ist automatisch bewiesen; nicht jede israelische Erklärung ist automatisch Propaganda. Zwischen diesen beiden intellektuellen Bequemlichkeiten liegt die eigentliche journalistische Arbeit. Sie heißt Verifikation.

TIP:  Die Tapferkeit der Ausladung

Die Mär von der perfekten Präzision

Auch die Darstellung militärischer Einsatzregeln verdient eine gewisse Skepsis – und zwar in beide Richtungen. Die israelischen Streitkräfte betonen regelmäßig Vorgaben wie Zielidentifikation, Unterscheidung zwischen Kombattanten und Zivilisten, Verhältnismäßigkeit und Vorsichtsmaßnahmen. Diese Prinzipien entsprechen grundlegenden Anforderungen des humanitären Völkerrechts. Aber zwischen einer Einsatzregel auf dem Papier und ihrer tatsächlichen Umsetzung im Gefecht liegt die gesamte Welt der militärischen Realität. Eine Armee kann strenge Regeln haben und trotzdem rechtswidrige Handlungen einzelner Soldaten begehen. Ebenso kann ein hoher ziviler Blutzoll nicht automatisch beweisen, dass jeder einzelne Angriff rechtswidrig war.

Die intellektuell redliche Position besteht deshalb darin, beide Sätze gleichzeitig auszuhalten. Israel hat das Recht, sich gegen bewaffnete Angriffe zu verteidigen. Und Israel ist dabei an das humanitäre Völkerrecht gebunden. Hamas hat mit dem 7. Oktober schwere Verbrechen begangen. Und die Existenz dieser Verbrechen entbindet Israel nicht von seinen eigenen rechtlichen Verpflichtungen. Palästinensische Zivilisten sind unschuldige Menschen. Und ihr Leid macht die Hamas nicht unschuldig. Israelische Zivilisten sind unschuldige Menschen. Und ihre Ermordung wird nicht dadurch weniger barbarisch, dass später andere Zivilisten sterben.

Das ist keine besonders elegante Botschaft für eine Schlagzeile. Sie passt nicht in 280 Zeichen. Sie erzeugt keine einfache Empörung und eignet sich schlecht für algorithmische Aufmerksamkeit. Sie hat allerdings einen entscheidenden Vorteil: Sie ist näher an der Realität.

Der NGO-Vertreter und die wundersame Verwandlung von Meinung in Wahrheit

Besonders amüsant wird es, wenn ausgerechnet öffentlich-rechtliche Medien den moralischen Status eines NGO-Vertreters mit journalistischer Autorität verwechseln. NGOs können unverzichtbare Arbeit leisten. Sie können humanitäre Katastrophen dokumentieren, Opfer unterstützen, Missstände aufzeigen und Regierungen kontrollieren. Aber eine NGO ist keine übernatürliche Wahrheitsmaschine. Ihre Vertreter sprechen aus einer Perspektive, vertreten häufig bestimmte politische oder institutionelle Positionen und haben – wie alle anderen Menschen – Interessen, blinde Flecken und Überzeugungen.

Wenn ein NGO-Vertreter erklärt, Israel allein trage Verantwortung für die humanitäre Situation, wäre die journalistische Pflicht nicht, empört zu widersprechen. Sie bestünde darin, nachzufragen: Welche Verantwortung trägt Hamas? Welche Verantwortung tragen andere bewaffnete Gruppen? Welche Rolle spielen internationale Akteure? Welche Entscheidungen wurden getroffen? Welche Quellen belegen die Behauptungen? Welche Gegenargumente existieren? Welche Tatsachen sind gesichert und welche umstritten?

Das wäre Interviewführung. Alles andere ist Mikrofonhaltung.

Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der seinem Publikum lediglich die jeweils erwünschte moralische Position präsentiert, muss sich irgendwann die unangenehme Frage gefallen lassen, ob er noch informiert oder bereits erzieht. Die Grenze ist schmal. Besonders schmal wird sie dort, wo kritische Nachfragen als unsensibel gelten, weil das Thema emotional ist. Gerade dann sind sie notwendig. Je größer das Leid, desto größer die journalistische Verantwortung. Nicht umgekehrt.

Der Rundfunkbeitrag als Eintrittskarte zur Wirklichkeit

Und damit landet die Debatte schließlich dort, wo sie besonders österreichisch wird: beim Geld. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk finanziert sich nicht aus freiwilligen Spenden begeisterter Zuschauer, die am Ende einer Sendung diskret entscheiden, ob ihnen die journalistische Leistung 4,90 Euro wert war. Er besitzt einen öffentlichen Auftrag und wird entsprechend aus einer verpflichtenden Finanzierung getragen. Gerade deshalb darf das Publikum mehr verlangen als politische oder moralische Gefälligkeit.

Der Ausdruck „Zwangsgebühren“ ist politisch zugespitzt und rechtlich nicht ohne Weiteres präzise. Aber er transportiert einen berechtigten Kern der Kritik: Wer öffentlich-rechtliche Medien finanziert, darf erwarten, dass diese nicht einer politischen, gesellschaftlichen oder aktivistischen Perspektive verpflichtet sind, sondern der journalistischen Sorgfalt. Der öffentlich-rechtliche Anspruch besteht nicht darin, eine bestimmte Weltsicht besonders sympathisch zu vermitteln. Er besteht darin, auch jene Tatsachen sichtbar zu machen, die unbequem sind.

Vielleicht wäre deshalb eine kleine Reform des journalistischen Selbstverständnisses angebracht. Nicht mehr die Frage: „Welche Seite kommt zu Wort?“ sollte im Mittelpunkt stehen, sondern: „Welche relevante Tatsache fehlt noch?“ Das wäre wesentlich unbequemer. Es würde allerdings verhindern, dass Ausgewogenheit zu einem Wettbewerb zwischen vorselektierten Stimmen verkommt.

Die eigentliche Satire: Objektivität als optionales Extra

Am Ende besitzt die ganze Angelegenheit eine beinahe groteske Pointe. Ausgerechnet am Jahrestag eines Massakers, das die politische Landschaft des Nahen Ostens verändert hat, kann eine Berichterstattung entstehen, in der die Diskussion über die Folgen mehr Raum einnimmt als die prägende Ursache. Das wäre ungefähr so, als würde eine Dokumentation über einen Brand ausführlich über die Wasserschäden berichten, aber den Brandstifter nur im Kleingedruckten erwähnen – sofern er überhaupt vorkommt.

Natürlich ist der Wasserschaden real. Natürlich leiden Menschen darunter. Natürlich muss darüber berichtet werden. Aber wer den Brand verschweigt, betreibt keine ausgewogene Berichterstattung. Er betreibt Schadensjournalismus.

Die zynische Pointe lautet daher: Vielleicht ist „NGO-Radio“ gar keine neue journalistische Kategorie. Vielleicht ist es nur die moderne Bezeichnung für Rundfunk, bei dem die Fragen bereits vor dem Interview beantwortet wurden. Die Mikrofone funktionieren, die Kameras laufen, die Gebühren werden pünktlich eingehoben – nur der unangenehme Teil des Journalismus, das beharrliche Nachfragen, scheint gelegentlich in Betriebsurlaub zu sein.

Und so bleibt vom Anspruch auf Objektivität manchmal eine bemerkenswert kleine Restgröße übrig: Man berichtet über die Wahrheit, sofern sie in die bereits gewählte Perspektive passt. Alles andere gilt als „komplex“. Ein sehr praktisches Wort. Es bedeutet häufig nichts anderes als: Bitte nicht weiterfragen.

Gerade deshalb wäre am 7. Oktober eines besonders wichtig gewesen: nicht weniger Mitgefühl für die Opfer in Gaza, sondern mehr journalistische Präzision; nicht weniger Kritik an Israel, sondern mehr Belege; nicht weniger Aufmerksamkeit für palästinensisches Leid, sondern mehr Kontext; und vor allem nicht weniger Empathie für israelische Opfer, weil andere Opfer ebenfalls existieren. Denn menschliches Leid ist kein begrenztes Budget, bei dem jeder zusätzliche Anteil für die eine Seite automatisch den Anteil der anderen verkleinert.

Das ist vielleicht die unbequemste Wahrheit von allen: Ein ernsthafter Journalismus muss gleichzeitig mehrere Wahrheiten aushalten können. Wer dazu nicht mehr bereit ist, braucht keine Zensur. Es reicht völlig, wenn die Redaktion selbst entscheidet, was lieber nicht gefragt wird.