Es gibt jene Momente, in denen sich der Zeitgeist nicht etwa in klugen Debatten, sondern in splitterndem Gips manifestiert. Der Hammer hebt sich, die Statue fällt, und irgendwo zwischen den Trümmern einer zerborstenen Marienfigur liegt – wie so oft – nicht nur Staub, sondern ein Stück intellektueller Redlichkeit. Was als harmloser Beitrag zur kollektiven Launenpflege am sogenannten „Blue Monday“ gedacht war, entpuppte sich als unfreiwillige Parabel auf eine Gesellschaft, die sich ihre Tabus mit bemerkenswerter Präzision selbst zurechtschnitzt. Der belgische öffentlich-rechtliche Sender Studio Brussels, eingebettet in die Strukturen der VRT, wollte offenbar Frust abbauen – und baute stattdessen ein kleines Denkmal der Ambivalenz.
Die Szene selbst ist schnell erzählt: Moderatoren schlagen, unter dem Vorwand kathartischer Unterhaltung, mit Hämmern auf allerlei Gegenstände ein. Darunter befinden sich auch Darstellungen von Jesus und Maria – Figuren, die für einige bestenfalls folkloristisches Beiwerk, für andere jedoch sakrale Bedeutung tragen. Der Einwand, es handle sich um bereits beschädigte Objekte, wirkt dabei ungefähr so überzeugend wie die Behauptung, ein zerknittertes Grundgesetz verliere dadurch seine normative Kraft. Der symbolische Gehalt bleibt bestehen – gerade weil er nicht materiell ist.
Die elegante Geometrie der Doppelmoral
Interessant wird die Angelegenheit jedoch nicht durch das Zerschlagen selbst, sondern durch das, was demonstrativ nicht zerschlagen wurde. Auf die Frage des Journalisten Colm Flynn, ob man vergleichbare Aktionen auch mit Symbolen anderer Religionen durchführen würde, antworteten die Verantwortlichen mit einer Mischung aus Vorsicht und bemerkenswerter Offenheit. „Das wäre unangebracht“, hieß es. Eine Formulierung, die in ihrer höflichen Nüchternheit beinahe poetisch die Grenzen des Sag- und Machbaren absteckt.
Hier zeigt sich die eigentliche Pointe: Nicht der Respekt vor Religion als solcher ist das leitende Prinzip, sondern eine Art situativer Opportunismus, der seine Maßstäbe an der erwartbaren Reaktion ausrichtet. Der Hammer fällt also nicht nach theologischer, sondern nach soziologischer Logik. Man zerstört dort, wo es ungefährlich ist, und unterlässt es dort, wo es Konsequenzen haben könnte. Eine Ethik des geringsten Widerstands, könnte man sagen – oder, weniger wohlwollend, eine Choreografie der Feigheit.
Selbstironie als kulturelle Einbahnstraße
Die Verteidigungslinie der Beteiligten folgt dabei einem vertrauten Muster: Das Zerschlagen christlicher Symbole sei eine Form der Selbstironie, ein „über sich selbst lachen“. Eine charmante Idee – zumindest auf den ersten Blick. Doch bei näherer Betrachtung stellt sich die Frage, wer dieses „Selbst“ eigentlich ist. Wenn eine kulturelle Mehrheit ihre eigenen Symbole ironisiert, mag das als Ausdruck von Reife gelten. Wenn jedoch dieselbe Mehrheit gleichzeitig andere Symbole aus Angst oder Rücksichtnahme verschont, verwandelt sich diese Ironie in eine asymmetrische Geste.
Der Witz, so scheint es, funktioniert nur in eine Richtung. Und wie jeder Witz, der sich ausschließlich auf Kosten eines bestimmten Gegenstands entfaltet, nutzt er sich nicht nur ab, sondern wird irgendwann unerquicklich vorhersehbar. Die Pointe lautet dann nicht mehr „Seht her, wie frei wir sind“, sondern vielmehr „Seht her, wie genau wir wissen, wo unsere Freiheit endet“.
Öffentliche Medien und private Mutproben
Besonders pikant wird der Fall durch die Tatsache, dass es sich um einen öffentlich-rechtlichen Sender handelt – also um eine Institution, die sich nicht nur durch kreative Freiheit, sondern auch durch eine gewisse Verpflichtung zur Ausgewogenheit auszeichnet. Die Argumentation, man bediene lediglich ein „alternatives Publikum“, wirkt dabei wie der Versuch, eine öffentliche Bühne in einen privaten Spielplatz umzudeuten.
Doch gerade öffentlich finanzierte Medien bewegen sich in einem Spannungsfeld, das mehr verlangt als bloße Zielgruppenorientierung. Sie sind – zumindest im Idealfall – Orte, an denen gesellschaftliche Vielfalt nicht nur abgebildet, sondern auch respektiert wird. Wenn jedoch bestimmte religiöse Empfindlichkeiten systematisch geschont und andere demonstrativ ignoriert werden, entsteht kein pluralistisches Gleichgewicht, sondern eine Art kulturelles Gefälle.
Der Hammer als Spiegel
Am Ende bleibt das Bild des Hammers – nicht als Werkzeug der Zerstörung, sondern als Spiegel. Er zeigt weniger, was getroffen wird, als vielmehr, was bewusst verfehlt bleibt. Die eigentliche Geschichte handelt daher nicht von zerbrochenen Statuen, sondern von einer Gesellschaft, die ihre Grenzen mit erstaunlicher Präzision kennt und zugleich vorgibt, grenzenlos zu sein.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Ironie: Dass ausgerechnet der Versuch, Frust abzubauen, eine so präzise Diagnose des gegenwärtigen Zustands liefert. Der „Wut-Raum“ wird so unfreiwillig zum Erkenntnisraum – und der Lärm der zerschlagenden Objekte übertönt nur mühsam das leise, aber hartnäckige Knirschen intellektueller Inkonsistenz.