Es gibt Winter, in denen die Natur eine gewisse Boshaftigkeit entwickelt, als hätte sie beschlossen, dem Menschen einmal gründlich zu zeigen, wer hier eigentlich der Chef ist. Der Winter 2025/26 war so einer. Grau, still, windfaul. Eine meteorologische Stimmung, die ungefähr so inspirierend war wie der Blick in ein leergegessenes Müsli-Schüsselchen an einem Montagmorgen. Vier Wochen lang kaum Wind, kaum Sonne – jene meteorologische Erscheinung, die Technokraten mit der unpoetischen Eleganz eines Excel-Sheets „Dunkelflaute“ nennen. Das Wort klingt, als hätte ein deutscher Ingenieur versucht, ein Gedicht zu schreiben und dabei versehentlich eine Diagnose erstellt. Doch die Diagnose trifft: Wenn die Sonne Pause macht und der Wind beschließt, ein Sabbatjahr einzulegen, dann steht die hochmoralisch aufgeladene Energiezukunft plötzlich da wie ein veganer Grillabend im Schneesturm.
Die Zahlen sind unerquicklich. Statistisch gesehen: jeder zweite Tag Dunkelflaute zwischen Oktober und Februar. Vier Wochen kurz vor Weihnachten nahezu totale Erneuerbaren-Abstinenz. Die Windräder standen wie monumentale Skulpturen einer besonders teuren Form von Landschaftsdekoration herum, während Photovoltaikanlagen in stoischer Gelassenheit unter grauem Himmel auf bessere Zeiten warteten – ungefähr so produktiv wie eine Sonnenbrille in der Tiefsee. Und während draußen die ökologische Zukunft Pause machte, lief drinnen die Vergangenheit an: Gaskraftwerke, viele davon im letzten Lebensdrittel, ächzten sich durch den Winter wie pensionierte Opernsänger, die noch einmal die Hauptrolle übernehmen müssen, weil der Nachwuchs im Stau steckt.
Der Strom kommt aus der Steckdose, nicht aus der Wirklichkeit
Man muss es dem modernen Menschen zugutehalten: Seine Vorstellung von Energie ist von einer geradezu metaphysischen Reinheit. Strom kommt aus der Steckdose. Punkt. Woher er kommt, ist ungefähr so relevant wie die Herkunft des Sauerstoffs beim Atmen. Er ist einfach da – bis er es plötzlich nicht mehr ist. Und genau in diesem Moment beginnt jene zarte Panik, die man sonst nur aus Fahrstühlen kennt, die mitten zwischen zwei Stockwerken stehen bleiben.
Das Problem mit Strom ist nämlich seine bemerkenswerte Unhöflichkeit gegenüber politischen Visionen. Elektronen haben die unangenehme Eigenschaft, physikalischen Gesetzen zu folgen statt Parteiprogrammen. Das europäische Stromnetz läuft mit 50 Hertz, und diese Frequenz ist ein empfindliches Wesen: sinkt sie zu sehr, wird es dunkel; steigt sie zu sehr, wird es ebenfalls unerquicklich. Das Netz ist also kein poetischer Möglichkeitsraum, sondern eine hochpräzise Balanceübung. Ein gigantisches Orchester, in dem jeder Musiker exakt im Takt spielen muss – und wehe, die Hälfte der Instrumente beschließt plötzlich, vier Wochen Urlaub zu machen.
Am 1. Februar 2026 beispielsweise standen in Österreich gerade einmal rund 5000 Megawatt zur Verfügung. Ein Sonntag, also ein relativ gemütlicher Stromverbrauchstag. Dennoch lag der Bedarf irgendwo zwischen 5000 und 7500 Megawatt. Das ist ungefähr so, als würde man eine Dinnerparty für zehn Gäste veranstalten und feststellen, dass im Kühlschrank exakt sieben Nudeln liegen.
Der Rest kam aus dem Ausland. Europa, dieses große elektrische Schicksalskollektiv, half aus. Ein wenig Strom hier, ein wenig dort. Eine energetische Nachbarschaftshilfe, die funktioniert – solange nicht alle gleichzeitig frieren.
Der große Ausbau und das kleine Wetterproblem
Dabei hat Österreich durchaus fleißig gebaut. Photovoltaik wuchs zwischen 2020 und 2025 von 2000 auf 10.000 Megawatt. Eine Verfünffachung, was ungefähr dem Enthusiasmus entspricht, mit dem Menschen in guten Vorsatzphasen Fitnessstudio-Abos abschließen. Auch Windkraft legte zu, wenn auch weniger spektakulär. Auf dem Papier sieht das alles wunderbar aus. Diagramme steigen, Kurven zeigen nach oben, und irgendwo nickt ein Minister zufrieden.
Das Problem ist nur: Diagramme sind wetterunabhängig. Windräder leider nicht.
Die installierte Leistung einer Anlage ist ungefähr so verlässlich wie die Maximalgeschwindigkeit eines Autos im Stau. Sie beschreibt, was theoretisch möglich wäre, wenn alle Bedingungen perfekt sind. Die Realität hingegen besteht aus Wolken, Hochdrucklagen und jener meteorologischen Laune, die dafür sorgt, dass ausgerechnet dann Flaute herrscht, wenn man dringend Wind bräuchte.
So entsteht eine paradoxe Situation: Man baut immer mehr erneuerbare Kapazität – und muss gleichzeitig hoffen, dass irgendwo im Hintergrund noch genügend alte Gaskraftwerke herumstehen, um einzuspringen, wenn die Natur beschließt, kollektiv krankzumelden.
Die Rückkehr der alten Turbinen
Diese Gaskraftwerke sind in Österreich allerdings keine taufrischen Wunderwerke der Ingenieurskunst. Viele stammen aus einer Zeit, als „Streaming“ noch bedeutete, dass ein Bach irgendwo plätscherte. Dreißig Jahre alt, teilweise mehr. Turbinenschäden, gebrochene Schaufeln, Verschleiß. Man könnte sagen: Die energetische Zukunft Europas ruht derzeit auf Maschinen, die ungefähr im gleichen Alter sind wie die ersten Folgen von „Akte X“.
Das ist kein Skandal, sondern schlicht Realität. Kraftwerke werden gebaut, wenn man sie braucht. Und lange Zeit brauchte man sie nicht mehr – zumindest glaubte man das. Also ließ man sie altern, hoffte auf den schnellen Ausbau der Erneuerbaren und dachte sich, dass sich der Rest schon irgendwie regeln werde.
Der Winter hat nun höflich darauf hingewiesen, dass „irgendwie“ kein technischer Begriff ist.
Die große Hoffnung Deutschland
Natürlich könnte man argumentieren: Dafür gibt es doch Europa. Wenn es bei uns windstill ist, weht vielleicht in Deutschland eine steife Brise. Eine charmante Idee – so ähnlich wie die Hoffnung, dass der Nachbar immer genug Zucker im Haus hat, wenn man selbst keinen mehr besitzt.
Das Problem ist nur: Wetter kennt keine Staatsgrenzen.
Wenn Österreich Dunkelflaute hat, hat Deutschland meist ebenfalls Dunkelflaute. Meteorologische Hochdruckgebiete sind bekanntlich keine Fans geopolitischer Vielfalt. Und genau deshalb plant Berlin nun den Bau von 10.000 bis 12.000 Megawatt neuer Gaskraftwerke. Man könnte sagen: Die Energiewende wird derzeit von einer bemerkenswert robusten Gasinfrastruktur begleitet – gewissermaßen als Sicherheitsnetz unter dem Hochseil der Dekarbonisierung.
Das führt zu einer strategischen Frage von beinahe philosophischer Tiefe: Möchte Österreich seine Versorgungssicherheit wirklich davon abhängig machen, dass Deutschland genug Reservekraftwerke besitzt – und diese im Ernstfall auch noch übrig hat?
Oder anders formuliert: Ist es klug, den eigenen Wintermantel beim Nachbarn zu lagern, der ebenfalls im Januar friert?
Leitungen, Genehmigungen und die Kunst der Verzögerung
Selbst wenn man neue Kraftwerke bauen wollte – oder wenigstens neue Leitungen – stößt man auf ein Phänomen, das in Europa fast schon kulturelles Erbe ist: Genehmigungsverfahren.
Stromleitungen sind in der Theorie wunderbar. In der Praxis verlaufen sie allerdings durch Landschaften, in denen Menschen leben, wählen und Einsprüche formulieren. Jeder Mast hat Gegner, jeder Trassenkilometer eine Bürgerinitiative. Die Energiewende ist deshalb nicht nur ein technisches Projekt, sondern auch ein soziologisches Experiment über die Frage, wie viele Informationsveranstaltungen ein Gemeinderat aushält, bevor er spontan beschließt, in die Forstwirtschaft zu wechseln.
Das Geld ist selten das Problem. Die Technologie auch nicht. Was fehlt, ist Zeit – oder genauer gesagt: die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, bevor der nächste Winter kommt.
Die Ironie der Energiewende
Am Ende bleibt eine gewisse Ironie. Die Energiewende ist eines der größten und wichtigsten Projekte unserer Zeit. Sie ist notwendig, ambitioniert, technisch faszinierend. Aber sie ist eben auch ein gigantisches Infrastrukturprojekt, das sich nicht mit moralischem Enthusiasmus allein betreiben lässt.
Stromsysteme sind keine philosophischen Seminare. Sie funktionieren nur, wenn jede einzelne Stunde des Jahres physikalisch abgesichert ist. Und solange es keine großskaligen Speicher gibt, die wochenlange Dunkelflauten überbrücken können, bleibt eine altmodische Wahrheit bestehen: Irgendwo müssen Kraftwerke stehen, die einspringen können, wenn der Himmel grau und die Luft still ist.
Das ist keine Niederlage der Erneuerbaren. Es ist einfach die Realität eines Energiesystems, das nicht aus Idealismus besteht, sondern aus Elektronen.
Der Streit darüber hat gerade erst begonnen. Und man kann sich sicher sein: Er wird mit großer Leidenschaft geführt werden – vorzugsweise bei eingeschaltetem Licht.