Die moralische Landkarte der Empörung

Es gab eine Zeit – sie ist historisch betrachtet kaum länger her als die letzte Staffel irgendeiner Streamingserie – da glaubten viele Beobachter noch, die demonstrative Parteinahme großer Teile der westlichen Woke-Linken für die Hamas sei im Kern ein Problem des Antisemitismus. Eine unerquicklich alte Leidenschaft, nur diesmal mit gendergerechter Orthographie, bunten Plakaten und dem festen Willen, sich selbst dabei für besonders moralisch zu halten. Die Diagnose schien plausibel: Man sah Demonstrationen, hörte Slogans, betrachtete das fröhliche Jonglieren mit antisemitischen Versatzstücken, und man kam zu dem etwas ernüchternden Schluss, dass der Antisemitismus offenbar die bemerkenswerte Fähigkeit besitzt, sich wie ein Chamäleon jeder Epoche anzupassen – einmal im Gewand völkischer Ideologie, dann wieder im Hoodie der „antirassistischen Solidarität“.

Doch die letzten Jahre haben eine weiterführende Erkenntnis hervorgebracht, und sie ist beinahe noch irritierender: Antisemitismus ist hier keineswegs die einzige Triebfeder. Er ist eher eine bequeme Begleiterscheinung, eine Art ideologischer Mitnahmeeffekt. Die tiefere Logik, die das Bündnis zwischen postkolonial geprägten Aktivisten und radikalen Islamisten zusammenhält, ist strategischer Natur – und erstaunlich simpel. Beide eint vor allem eines: eine fundamentale Gegnerschaft zum Westen als politischer, kultureller und historischer Ordnung. Wo also der Westen als Ursprung allen Übels definiert wird, erscheinen jene Kräfte, die ihn bekämpfen, automatisch als Verbündete, selbst wenn sie ansonsten Werte vertreten, die mit den progressiven Glaubensartikeln der Gegenwart ungefähr so kompatibel sind wie eine mittelalterliche Inquisition mit einer Pride-Parade.

Der postkoloniale Kompass, der immer nach Westen zeigt

Die postkoloniale Ideologie hat eine bemerkenswerte Eigenschaft: Ihr moralischer Kompass zeigt zuverlässig in eine einzige Richtung – nämlich gegen den Westen. Dabei ist es völlig gleichgültig, wer gerade auf der anderen Seite steht. Ob autoritäre Regime, theokratische Bewegungen oder bewaffnete Milizen mit einer ausgeprägten Vorliebe für religiösen Fanatismus – all das wird im Zweifelsfall in das bequeme Narrativ der „antiimperialistischen Befreiung“ integriert.

Die Welt wird dabei in einer fast rührend einfachen Dramaturgie erzählt: hier die ewigen Täter, dort die ewigen Opfer. Der Westen, insbesondere Europa und die Vereinigten Staaten, fungiert als universelle Quelle historischer Schuld. Alle anderen Akteure erscheinen vor allem als Reaktionen auf diese Schuld. In diesem moralischen Theaterstück sind Differenzierungen nicht vorgesehen; sie würden nur den dramaturgischen Fluss stören. Wenn also eine radikale islamistische Organisation sich im Kampf gegen Israel positioniert, genügt das bereits, um sie in bestimmten akademischen Milieus als eine Art tragischen Freiheitskämpfer zu interpretieren – auch wenn ihre Ideologie ansonsten eine Mischung aus religiösem Autoritarismus, Frauenverachtung und politischer Gewalt darstellt.

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Der postkoloniale Blick besitzt hier eine geradezu bewundernswerte Elastizität. Er kann erstaunliche intellektuelle Verrenkungen vollführen, um Offensichtliches zu relativieren. Gewalt wird „Kontext“. Terror wird „Widerstand“. Fanatismus wird „kulturelle Ausdrucksform“. Und wer darauf hinweist, dass es sich vielleicht doch um Terror, Gewalt und Fanatismus handelt, gilt rasch als verdächtig – vermutlich ein Vertreter jener ominösen „westlichen Perspektive“, die bekanntlich als besonders moralisch suspekt gilt.

Die seltsame Allianz der Unvereinbaren

So entsteht ein politisches Bündnis, das bei nüchterner Betrachtung eigentlich unmöglich erscheinen müsste. Auf der einen Seite stehen Aktivisten, deren politische Identität sich aus Konzepten wie Intersektionalität, Gendergerechtigkeit und queerem Aktivismus speist. Auf der anderen Seite Organisationen und Ideologien, die Homosexualität kriminalisieren, Frauen systematisch unterordnen und religiöse Dogmen über individuelle Freiheit stellen.

Doch die Logik der postkolonialen Theorie löst dieses Paradox elegant auf: Entscheidend ist nicht, wofür jemand steht, sondern wogegen. Wer gegen den Westen kämpft, rückt automatisch in die Rolle des Verbündeten. Das Resultat ist eine Allianz der Unvereinbaren, eine ideologische Zweckgemeinschaft, die sich nur dadurch stabilisiert, dass man über die offensichtlichen Widersprüche hinwegschaut.

Es ist ein wenig so, als würde man aus Protest gegen den Kapitalismus ausgerechnet einen feudalen Fürsten unterstützen – mit der Begründung, er sei schließlich auch kein Freund der Börse. Der intellektuelle Spagat, der hierfür nötig ist, gehört inzwischen zur Standardgymnastik bestimmter akademischer Milieus.

Der Campus als ideologisches Labor

Die eigentliche Brisanz dieser Entwicklung liegt jedoch nicht nur in den politischen Positionen einiger Aktivisten, sondern in ihrem institutionellen Umfeld. Schulen und Universitäten sind seit Jahren zu Experimentierfeldern geworden, in denen postkoloniale Theorien nicht nur diskutiert, sondern zunehmend als moralische Grundannahmen vermittelt werden.

Natürlich ist es völlig legitim, Kolonialgeschichte zu erforschen, Machtverhältnisse zu analysieren und historische Ungerechtigkeiten kritisch zu beleuchten. Wissenschaft lebt schließlich von solchen Perspektiven. Problematisch wird es jedoch, wenn aus einer analytischen Perspektive eine dogmatische Weltanschauung wird – wenn also Forschung durch moralische Gewissheiten ersetzt wird.

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In manchen akademischen Kontexten scheint genau das geschehen zu sein. Dort wird die Welt nicht mehr untersucht, sondern erklärt. Die Rollen sind bereits verteilt: Unterdrücker hier, Unterdrückte dort. Wer diese Kategorien infrage stellt, riskiert rasch, selbst zum Teil des Problems erklärt zu werden. Die Ironie besteht darin, dass eine Theorie, die ursprünglich als kritisches Instrument gedacht war, inzwischen selbst Züge eines ideologischen Systems angenommen hat.

Wenn Kritik zur Häresie wird

Der vielleicht alarmierendste Aspekt dieser Entwicklung ist die wachsende Intoleranz gegenüber Kritik. Wer darauf hinweist, dass postkoloniale Narrative gelegentlich zu grotesken Verzerrungen führen, wird nicht selten moralisch disqualifiziert. Die Diskussion endet dann nicht mit Argumenten, sondern mit Etiketten.

Das ist bemerkenswert, weil Universitäten traditionell Orte des offenen Disputs sein sollten. Sie leben von der Reibung unterschiedlicher Ideen. Wenn jedoch bestimmte Theorien einen quasi sakrosankten Status erhalten, verändert sich die Atmosphäre des akademischen Austauschs. Kritik wirkt plötzlich wie Blasphemie, und wissenschaftliche Debatten nehmen Züge eines theologischen Streits an.

Es entsteht eine paradoxe Situation: Ausgerechnet jene ideologischen Strömungen, die sich selbst als besonders kritisch verstehen, reagieren auf Kritik oft erstaunlich empfindlich. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass hier weniger eine wissenschaftliche Methode als vielmehr eine moralische Identität verteidigt wird.

Bildungspolitik zwischen Freiheit und Verantwortung

Vor diesem Hintergrund stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Rolle Bildungspolitik spielen sollte. Universitäten sind keine ideologiefreien Räume – und das sollen sie auch nicht sein. Ideen müssen konkurrieren dürfen, auch kontroverse. Doch wenn bestimmte Denkschulen beginnen, den institutionellen Raum so stark zu dominieren, dass andere Perspektiven marginalisiert werden, gerät das Gleichgewicht ins Wanken.

Die Herausforderung besteht also nicht darin, kritische Theorien zu verbieten oder aus akademischen Debatten zu verbannen. Das wäre selbst ein ideologischer Reflex. Vielmehr geht es darum, intellektuelle Vielfalt zu schützen und sicherzustellen, dass Universitäten Orte bleiben, an denen unterschiedliche Perspektiven tatsächlich miteinander ringen können.

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Ironischerweise wäre genau das wahrscheinlich die wirksamste Gegenmaßnahme gegen jede Form dogmatischer Ideologie: mehr offene Debatte, mehr methodische Strenge, mehr Bereitschaft, auch liebgewonnene Theorien kritisch zu prüfen. Wissenschaft lebt schließlich nicht von moralischer Gewissheit, sondern von der ständigen Möglichkeit des Irrtums.

Und vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Pointe dieser ganzen Geschichte: Eine Ideologie, die vorgibt, Machtstrukturen zu entlarven, könnte am Ende selbst zu einer werden. Und nichts entlarvt Macht so zuverlässig wie die einfache, unbequeme Frage: „Könnte es sein, dass wir uns irren?“

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