Es ist wieder diese Jahreszeit, in der die Staatsmänner ihre fest gebügelten Sätze aus dem Schrank holen, sie mit dem Parfüm der „Verhältnismäßigkeit“ besprühen und in die Kameras sprechen, als ginge es um die Einführung einer neuen Mehrwertsteuer und nicht um das feurige Handwerk der Zerstörung. „Wir werden die notwendigen Maßnahmen ergreifen“ – das ist der politische Allzweckhammer, mit dem man alles bearbeiten kann: Drohgebärden, moralische Selbstvergewisserung, das beruhigende Streicheln der eigenen Bevölkerung. Notwendig ist in diesen Kreisen immer das, was ohnehin längst beschlossen wurde. Und Maßnahmen sind bekanntlich jene diskreten Vokabeln, die man benutzt, wenn man Bomben meint, aber nicht so ordinär klingen möchte.
Die Choreografie ist altbekannt: Der Iran schießt, Israel schießt, die USA schießen, und Europa erhebt sich aus seiner strategischen Komfortzone, um festzustellen, dass es „dies nicht hinnehmen“ werde. Man stellt sich das wie ein besonders entrüstetes Kopfschütteln vor, vielleicht mit einem zusätzlichen Gipfeltreffen in Brüssel, bei dem belegte Brötchen gereicht werden. Währenddessen stürzen in Kuwait Flugzeuge ab – ein logistischer Knotenpunkt, wie man so schön sagt, als handle es sich um eine besonders ambitionierte Paketverteilzentrale. Dass Logistik in diesem Fall bedeutet, Menschen und Material möglichst effizient in eine Region zu transportieren, in der sie beides verlieren können, wird diskret unter dem Teppich der strategischen Notwendigkeit verstaut.
Die Moral der Raketen
„Wahllos und unverhältnismäßig“ seien die Angriffe, heißt es. Man muss diesen Begriffen zugutehalten, dass sie in Kriegszeiten eine erstaunliche Elastizität entwickeln. Verhältnismäßig ist bekanntlich alles, was man selbst tut; unverhältnismäßig das, was der andere wagt. Wahllos sind immer die Raketen der Gegenseite, während die eigenen Geschosse selbstverständlich mit der Präzision eines moralisch geeichten Laserpointers einschlagen. Der Krieg ist kein Chaos, er ist eine Frage der Perspektive – und die eigene Perspektive ist stets die sittlich überlegene.
Es gehört zu den tragikomischen Ritualen westlicher Politik, dass man mit ernster Miene verkündet, man wolle keinen Krieg, während man gleichzeitig erklärt, man werde „die Fähigkeit, Raketen an ihrer Quelle zu zerstören“, ins Auge fassen. Quellenzerstörung – das klingt beinahe nach Umweltschutz. Als rette man ein Biotop. Tatsächlich meint man die Depots, die Werfer, die Infrastruktur, also jene Orte, an denen Menschen arbeiten, schlafen, hoffen, sich irren. Aber im Vokabular der Verteidigungsrhetorik schrumpfen sie zu Koordinaten zusammen.
Selbstverteidigung als Weltanschauung
Das Wort Selbstverteidigung hat in den letzten Jahrzehnten eine bemerkenswerte Karriere gemacht. Es ist vom Notwehrparagrafen zur geopolitischen Weltanschauung aufgestiegen. Soldaten dürfen sich verteidigen – das ist unstrittig. Staaten dürfen ihre Interessen schützen – ebenfalls. Doch wenn Interessen global verteilt sind wie Franchise-Filialen, dann ist die Welt selbst zur potenziellen Gefahrenzone erklärt. Überall lauert eine „Bedrohung“, überall könnte jemand „unsere Bürgerinnen und Bürger“ ins Visier nehmen, und folglich ist auch überall die Möglichkeit militärischer Maßnahmen latent vorhanden. Der Globus als Freiluft-Sicherheitsperimeter.
Man versichert, man beteilige sich nicht an offensiven Luftschlägen – man ermögliche sie nur. Eine herrliche Nuance! Es ist die diplomatische Variante des Satzes: „Ich habe ihn nicht geschlagen, ich habe ihm nur den Baseballschläger gereicht.“ Das klingt nach Zurückhaltung, nach Vernunft, nach einer feinen Linie zwischen Angriff und Beistand. In Wahrheit verschwimmt diese Linie schneller, als ein Verteidigungsminister „Koalition der Willigen“ sagen kann.
Der Krieg als politisches Fitnessprogramm
Für Regierungen ist der Ernstfall auch eine Art Fitnessstudio. Man kann Entschlossenheit demonstrieren, Führungsstärke, internationale Geschlossenheit. Man steht Schulter an Schulter – vorzugsweise vor Flaggen – und erklärt, dass man sich nicht einschüchtern lasse. Das Publikum soll Sicherheit spüren, auch wenn die Nachrichtenlage das Gegenteil nahelegt. Und während die Bevölkerung noch versucht, die Landkarte zu entwirren – Erbil hier, Al-Asrak dort –, werden bereits die nächsten Szenarien durchgespielt.
Die Soldaten seien in Schutzbauten und wohlauf, heißt es beruhigend. Man stellt sich Betonröhren vor, in denen junge Männer und Frauen warten, während über ihnen das geopolitische Schachspiel tobt. „Offensichtlich nicht unmittelbares Ziel“ – auch das ist eine Formulierung von geradezu poetischer Feinheit. Offensichtlich! Als habe der Krieg eine klare Handschrift, als sei er ein ordentlicher Verwaltungsakt, bei dem jedes Geschoss seine Empfängerliste sauber abgearbeitet hat.
Die Unschuld der Alliierten
Unter den angegriffenen Ländern seien auch solche, die nicht an der ursprünglichen Operation beteiligt gewesen seien. Das klingt wie die Empörung eines Gastes, der sich wundert, dass er bei einer Prügelei im Nachbarraum eine Ohrfeige abbekommt, obwohl er doch nur still am Tisch saß – zufällig in Uniform, zufällig mit Stützpunkten, zufällig als logistischer Knotenpunkt. Der moderne Krieg ist kein Duell, er ist ein Netzwerk. Wer daran teilnimmt, sei es aktiv oder unterstützend, darf sich nicht wundern, wenn die Gegenseite das Netzwerk ebenfalls als Ziel betrachtet.
Doch diese Einsicht würde die moralische Klarheit stören. Also spricht man von „rücksichtslosen Angriffen“ und „engen Verbündeten“, als sei Verbündetsein ein Schutzschild gegen die Logik der Eskalation. Man möchte glauben, dass es so einfach ist: Wir sind die Guten, daher treffen uns nur ungerechte Schläge. Die Realität ist weniger höflich.
Der ewige Ernstfall
Vielleicht ist das Erschreckendste nicht die Drohung selbst, sondern ihre Routine. Kaum eine Krise, in der nicht jemand erklärt, man werde „notwendige Maßnahmen“ ergreifen. Es ist der Soundtrack einer Epoche, die den Ausnahmezustand zur Dauerbeschallung gemacht hat. Terror, Pandemie, Krieg – immer steht irgendwo ein Mikrofon, immer sagt jemand mit ernster Stimme, dass man nun handeln müsse. Und das Publikum, müde von der permanenten Alarmbereitschaft, nickt irgendwann nur noch.
„Sie wollen Krieg, egal wann und wo“ – das ist als Vorwurf schnell formuliert, doch es greift zu kurz. Wollen ist vielleicht das falsche Wort. Gewöhnt trifft es besser. Gewöhnt an Drohungen, an Sanktionen, an Militärbündnisse, an Raketenabwehrschirme. Gewöhnt an die Idee, dass Sicherheit durch immer neue Sicherungsmaßnahmen entsteht. Und so dreht sich die Spirale weiter, geschniegelt, geschniegelt, geschniegelt – bis irgendwo wieder ein Flugzeug abstürzt, eine Rakete einschlägt, ein Schutzbunker gefüllt wird.
Man wird dann erneut erklären, man habe keine Wahl gehabt. Es seien notwendige Maßnahmen gewesen. Und während die Sätze in die Archive wandern, bleibt die Frage, die niemand laut stellen möchte: Vielleicht ist es nicht die Notwendigkeit, die uns antreibt, sondern die Unfähigkeit, eine andere Sprache zu finden als die der Drohung. Eine Sprache, in der Sicherheit nicht bedeutet, die Quelle zu zerstören, sondern den Strom der Eskalation zu unterbrechen. Bis dahin aber bleibt uns das Ritual – und die ernste Miene vor der Flagge.