Auftakt im Tribunal der reinen Gesinnung

Der große Prozess oder Wie man ein Land verklagt und dabei die Wirklichkeit verliert

Es gibt Formate, die tragen ihre Hybris bereits im Titel, und es gibt Inszenierungen, die den Gestus des Weltgerichts annehmen, als hätten sie vom lieben Gott selbst die Robe geliehen. Wenn nun also ein Theatermacher wie Milo Rau auftritt und – mit allem Ernst der ästhetischen Weltverbesserungsmaschine – einen „Prozess gegen Deutschland“ inszeniert, dann klingt das zunächst nach feuilletonistischem Großkaliber: nach moralischem Endspiel, nach Abrechnung, nach historischer Katharsis. Doch schon die Wahl des Formats – der Schauprozess, jener pädagogisch drapierte Tribunalismus, der in finsteren Zeiten zwischen Moskauer Säuberung und maoistischer Selbstkritik zur Hochform auflief – ist ein ästhetisches Risiko von der Größe eines politisch korrekt lackierten Elefanten im Porzellanladen der Aufklärung. Wer ein ganzes Land vorführt wie einen renitenten Schüler, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, der muss sich gefallen lassen, dass man ihm fragt, ob er nicht selbst ein wenig zu sehr Gefallen an der Rolle des Oberlehrers gefunden hat. Und so begann das Spektakel mit der Gravität eines Weltgerichts – und endete streckenweise in jener unfreiwilligen Komik, die entsteht, wenn moralischer Furor schneller spricht als der Sachverstand laufen kann.

Das Tribunal als Theater und das Theater als Tribunal

Man muss sich das vorstellen: Da wird Deutschland – ein widerspenstiges, widersprüchliches, historisch schwer beladenes Gebilde – auf die Anklagebank gesetzt, als sei es eine Person mit schlechtem Gewissen und schlechtem Benehmen. Die Ankläger sprechen mit der Inbrunst spätberufener Jakobiner, als hätten sie gerade Robespierres Notizbuch in der Garderobe gefunden. Doch was als radikale Geste der Aufklärung gedacht war, entpuppte sich im Verlauf als erstaunliche Geistfeindlichkeit: Nicht selten offenbarte sich ein frappierendes Unvermögen, Tatsachen von Thesen zu unterscheiden, Analyse von Anklage, Differenzierung von moralischer Empörung. Die Wirklichkeit – dieses störrische, unkooperative Ding – störte nur. Man war sich sicher, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, und wer so sicher steht, der braucht bekanntlich keinen festen Boden mehr. Das Ganze geriet so zu dem, was man mit einiger Berechtigung ein „Festival totalitären Denkens“ nennen könnte: nicht, weil hier Gulags geplant worden wären, sondern weil die Form des Denkens selbst jene geschlossene, selbstimmunisierende Struktur annahm, die Zweifel als Verrat und Widerspruch als moralisches Defizit behandelt. Der Totalitarismus beginnt bekanntlich nicht erst im Straflager, sondern im Kopf – dort, wo die Komplexität der Welt auf die Größe einer Parole geschrumpft wird.

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Zeugen der Vernunft im Theater der Erregung

Nun aber geschah etwas, das man – mit einem kleinen Seitenblick auf Georg Wilhelm Friedrich Hegel – getrost als die „List der Vernunft“ bezeichnen darf. Denn ausgerechnet in diesem sorgfältig kuratierten Raum der Anklage erhoben sich Stimmen, die den Ungeist nicht mit Gegengebrüll, sondern mit Argumenten konterten. Besonders augenfällig war dies bei Henryk M. Broder Martenstein – hier sei der halbe Doppelname pars pro toto genannt –, dessen Auftritt weniger nach Verteidigungsrede als nach Demontage wirkte. Und er blieb nicht allein. Auch andere Zeugen, selbst solche, die eigentlich der Anklage verpflichtet waren, gerieten ins Straucheln, sobald sie mit der eigensinnigen Realität konfrontiert wurden. Man konnte förmlich zusehen, wie die Vernunft – dieses altmodische, fast schon verpönte Instrument – über den wohlinszenierten Ungeist siegte. Die Farce begann dort, wo die Anklage ihre eigene Prämissen nicht mehr gegen Rückfragen verteidigen konnte. Plötzlich zeigte sich: Wer einen Prozess führt, sollte vorbereitet sein, dass auch die Anklagebank zurückfragt.

Moral als Monstranz und Erkenntnis als Kollateralschaden

Das eigentlich Erstaunliche war jedoch weniger die inhaltliche Schwäche mancher Argumente als der Ton, in dem sie vorgetragen wurden. Man kennt ihn aus Diskursen, die sich selbst als progressiv feiern: ein Gemisch aus moralischer Selbstgewissheit, pädagogischer Herablassung und einer Spur kulturrevolutionärem Pathos. Die Moral wurde wie eine Monstranz vor sich hergetragen – blendend, leuchtend, unanfechtbar. Doch wer so sehr auf das Leuchten fixiert ist, übersieht leicht, dass Erkenntnis ein mühsamer, oft unerquicklich langsamer Prozess ist. Sie verlangt Zweifel, Selbstkritik, Widerspruchsfähigkeit. All das wirkte in diesem Setting wie ein störendes Geräusch im sakralen Ernst der Veranstaltung. Dass ausgerechnet die „Gegenseite“ – jene notorisch Verdächtigen, die man wohl gern als Reaktionäre etikettiert hätte – mitunter differenzierter argumentierte, war die eigentliche Pointe des Abends. Hier triumphierte nicht eine politische Richtung über die andere, sondern die schlichte Tatsache, dass Argumente stärker sind als Attitüden.

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Die Groteske als Gnadenakt der Wirklichkeit

So verwandelte sich der „Prozess gegen Deutschland“ in eine Groteske – und zwar nicht trotz, sondern wegen seiner Ambition. Die Wirklichkeit, diese alte Spaßverderberin, spielte nicht mit. Sie ließ sich nicht auf die Dramaturgie der moralischen Eindeutigkeit reduzieren. Und so sah man, wie ein Projekt, das sich als radikale Anklage verstand, sich selbst entlarvte: als überhitzte, intellektuell unterkühlte Inszenierung, die mehr über das Milieu ihrer Macher verriet als über das Land, das sie zu richten gedachte. Man könnte – in milder Ironie – sagen: Wenn dies ein Tribunal war, dann war es eines, das vor allem die eigenen Denkgewohnheiten verurteilte.

Am Ende blieb das Bild eines Theaters, das sich als Gericht gerierte und dabei unfreiwillig die Stärken der offenen Gesellschaft demonstrierte: dass man widersprechen darf, dass Anklagen geprüft werden müssen, dass selbst im vermeintlich feindlichen Raum Argumente Gehör finden können. Vielleicht war dies tatsächlich die List der Vernunft: dass ein als moralisches Endgericht gedachtes Spektakel zum Lehrstück über die Unvermeidlichkeit von Pluralität geriet. Und wenn man es wohlwollend betrachten möchte, könnte man sagen: Selten hat sich totalitäres Denken so elegant selbst ad absurdum geführt – unter Applaus, versteht sich, und mit Premierenfeier im Foyer.

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