Die große Entdeckung

Wenn alles brennt, war es bestimmt das Klima

Es gehört mittlerweile zum journalistischen Ritual unserer Zeit, dass irgendwo auf der Welt ein komplexes politisches, soziales oder ökonomisches Drama stattfindet – und binnen weniger Stunden tritt ein Kommentator vor das Publikum, hebt bedeutungsvoll den Zeigefinger und flüstert: „Die tieferliegende Ursache? Nun… natürlich das Klima.“ Man kann sich förmlich vorstellen, wie in einer Redaktion jemand mit der Gravitas eines Pathologen verkündet, man habe die Autopsie der Wirklichkeit abgeschlossen, und unter all den offensichtlichen Verletzungen – Inflation, Korruption, staatliche Gewalt, geopolitische Verwerfungen, ideologische Verhärtungen – habe man schließlich den wahren Täter entdeckt: ein Molekül aus einem Kohlenstoff- und zwei Sauerstoffatomen. Case closed. Druckfreigabe.

Dass Proteste im Iran, einem Land mit einer geradezu barock überladenen Krisenarchitektur, auf das Konto der Klimakrise gesetzt werden, wirkt dabei ein wenig so, als würde man beim Untergang der Titanic auf die gefährliche Feuchtigkeit des Atlantiks hinweisen. Gewiss, Wasser spielte eine Rolle. Doch vielleicht hätte man auch das Eis erwähnen können. Oder das Tempo. Oder die Hybris. Aber nein – wer braucht schon Differenzierung, wenn man einen universalen Erklärschlüssel besitzt? Die Klimakrise ist das journalistische Dietrich-Set des 21. Jahrhunderts: Passt auf jede Tür, öffnet jedes Narrativ, spart Recherchezeit.

Der Universal-Schlüssel zur Weltformel

Es ist faszinierend, wie sich das Klima vom physikalischen Zustand der Atmosphäre zur metaphysischen Kategorie entwickelt hat – eine Art säkularer Erbsünde. Früher gab es Theorien, die alles erklärten: den Lauf der Geschichte, den Charakter der Völker, sogar die Form von Nasen. Heute genügt ein Temperaturdiagramm, und schon versteht man Revolutionen. Wer hätte gedacht, dass politische Theorie so einfach sein kann? Montesquieu hätte sich die Feder sparen können; Hobbes hätte statt vom Naturzustand einfach vom steigenden Meeresspiegel sprechen sollen.

Der eigentliche Charme dieser Argumentation liegt jedoch in ihrer moralischen Elastizität. Denn wenn irgendwo Menschen protestieren, hungern oder verzweifeln, dann sind plötzlich wir alle involviert – durch unseren Stromverbrauch, unseren Flug nach Mallorca, unseren Latte macchiato in der Papphülse mit schlechtem Gewissen. Das hat etwas ungemein Entlastendes für jene, die tatsächlich Verantwortung tragen könnten: Autokraten werden zu Nebenfiguren in einem planetarischen Drama, in dem der SUV-Fahrer aus Wanne-Eickel dramaturgisch bedeutsamer erscheint als die politische Elite eines Staates.

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Man stelle sich vor, diese Logik würde konsequent angewandt. Börsencrash? Zu warm. Liebeskummer? Zu trocken. Schlechte Laune im Büro? Sicherlich eine Folge von Jetstream-Anomalien. Wenn ein Toast herunterfällt, landet er natürlich auf der Butterseite – thermodynamische Notwendigkeit.

Komplexität ist unhöflich

Natürlich ist die Wirklichkeit unerquicklich kompliziert. Sie verlangt, dass man mehrere Ursachen gleichzeitig denkt, Widersprüche aushält, Macht analysiert, Interessen erkennt und historische Linien verfolgt. Kurz: Sie ist anstrengend. Der Klimarahmen dagegen bietet eine elegante Dramaturgie mit klarer Rollenverteilung: Täter sind diffus, Opfer universell, Lösungen global – und vor allem so groß, dass niemand sie morgen konkret umsetzen muss.

Darin liegt auch eine gewisse ästhetische Schönheit. Ein lokaler Protest wegen steigender Lebensmittelpreise ist unerquicklich banal; er riecht nach Haushaltsdefizit und Misswirtschaft. Verpackt man ihn jedoch als Symptom einer planetaren Krise, erhält er sofort epische Dimensionen. Es ist der Unterschied zwischen einer kaputten Wasserleitung und der Apokalypse – und welcher Journalist würde sich freiwillig für die Wasserleitung entscheiden?

Dabei wirkt diese Perspektive manchmal weniger wie Analyse als wie eine intellektuelle Monokultur. Früher hatte man den Eindruck, dass Journalisten wie Ärzte arbeiteten: differenzierte Diagnose, mehrere Faktoren, vorsichtige Prognose. Heute erinnert manches eher an jene Freunde, die nach der Lektüre eines populärwissenschaftlichen Buches plötzlich jedes Gespräch auf Darmflora lenken. Egal, worum es geht – am Ende sind es die Bakterien. Oder eben das Klima.

Die Moral der Geschichte: Du bist schuld, aber global

Besonders reizvoll ist die unterschwellige pädagogische Note solcher Deutungen. Zwischen den Zeilen scheint ein sanfter Tadel mitzuschwingen: Sieh nur, was dein Lebensstil angerichtet hat. Irgendwo demonstrieren Menschen – denk daran, wenn du das nächste Mal die Heizung aufdrehst. Das erzeugt ein Gefühl kosmischer Verbundenheit, das fast religiöse Züge trägt. Wir sind alle Teil eines großen Netzes aus Verantwortung, Schuld und Recycling-Trennung.

Doch diese Moralisierung hat einen paradoxen Nebeneffekt. Wenn alles mit allem zusammenhängt, wird Verantwortung so weit verdünnt, dass sie schließlich geschmacklos wird. Wer genau soll nun handeln? Der Einzelne? Die Staaten? „Die Menschheit“ – jene praktische Abstraktion, die sich hervorragend rügen lässt, ohne jemals eine Telefonnummer zu haben?

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Zugleich besteht die Gefahr, dass reale politische Missstände hinter dem großen Hintergrundrauschen verschwinden. Repression wird dann zum Wetterphänomen, Machtmissbrauch zur atmosphärischen Störung. Autokratie erscheint weniger als Ergebnis menschlicher Entscheidungen denn als eine Art Hochdruckgebiet der Geschichte.

Apokalypse verkauft sich besser

Man sollte allerdings nicht ungerecht sein: Katastrophen waren schon immer gute Geschichten. Die Sintflut hatte eine beeindruckende Auflage. Der Unterschied liegt heute vielleicht darin, dass wir eine Vorliebe für totalisierende Erzählungen entwickelt haben – Theorien, die nichts weniger versprechen als den Generalschlüssel zur Gegenwart.

Das Klima eignet sich dafür hervorragend, weil es tatsächlich global ist. Doch gerade diese globale Dimension verführt dazu, es überall hineinzulesen, auch dort, wo es eher ein Hintergrundfaktor als der Hauptdarsteller ist. Es ist ein bisschen wie mit einem übermotivierten Filmkomponisten, der jede Szene mit maximaler Dramatik unterlegt – selbst den Gang zum Briefkasten.

Und so entsteht ein eigenartiger Tonfall: halb alarmistisch, halb didaktisch, stets mit der Aura moralischer Dringlichkeit. Man liest solche Texte und fühlt sich gleichzeitig ermahnt und aufgeklärt, schuldig und erlöst. Es ist das intellektuelle Äquivalent zu einem Fitnessstudio, in dem man für seine Trägheit gescholten wird, während man noch versucht, die Schuhe zu binden.

Ein Plädoyer für die anstrengende Wirklichkeit

Vielleicht wäre es schon ein Fortschritt, das Offensichtliche wieder zuzulassen: Gesellschaften geraten selten aus nur einem Grund ins Wanken. Meist ist es ein Orchester aus Fehlentscheidungen, Machtkämpfen, wirtschaftlichen Spannungen und historischen Altlasten – mit gelegentlicher klimatischer Begleitmusik. Aber eben Begleitmusik, nicht zwangsläufig das Solo.

Das bedeutet keineswegs, ökologische Faktoren zu ignorieren. Im Gegenteil: Gerade wer sie ernst nimmt, sollte sie nicht inflationär verwenden. Wenn alles Klimakrise ist, verliert der Begriff seine analytische Schärfe und wird zum rhetorischen Allzweckreiniger – praktisch, aber wenig spezifisch.

Vielleicht liegt wahre intellektuelle Redlichkeit darin, der Versuchung zu widerstehen, jede Geschichte in ein vertrautes Großnarrativ zu pressen. Die Welt ist widerspenstig, und sie hat die schlechte Angewohnheit, sich nicht auf eine Schlagzeile reduzieren zu lassen.

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Bis dahin jedoch dürfen wir uns auf weitere große Enthüllungen freuen. Sollte morgen irgendwo ein Vulkan ausbrechen, wird gewiss jemand erklären, dass die Lava letztlich auf unsere Thermostate zurückgeht. Und während wir noch darüber nachdenken, ob wir schuld sind, fällt irgendwo ein Toast auf die Butterseite – ein weiteres Opfer der atmosphärischen Tragödie. Augenzwinkern inklusive.

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