Die große Archivöffnung

oder Wie man drei Millionen Seiten in drei Schlagworte presst

Es gehört zu den schönsten Ritualen der digitalen Moderne, dass jede Veröffentlichung von Dokumenten – seien sie auch noch so umfangreich, trocken und juristisch verklausuliert – augenblicklich in ein gigantisches Buffet für jene verwandelt wird, die ohnehin schon wissen, was darin stehen muss. Kaum öffnet das US-Justizministerium seine Aktenschränke und lässt eine Papierlawine von mehreren Millionen Seiten in die Öffentlichkeit rollen, da knirschen bereits die algorithmischen Mahlwerke, und irgendwo zwischen Telegram, X, Podcasts mit zweifelhaftem Mikrofonrauschen und YouTube-Kanälen, deren visuelle Ästhetik an PowerPoint-Folien aus dem Jahr 2003 erinnert, wird eifrig destilliert: Drei Millionen Seiten Wahrheit, reduziert auf drei Schlagworte und ein Thumbnail mit rotem Pfeil.

Jeffrey Epstein, ohnehin längst zu einer Art mythologischer Figur zwischen Kriminalfall, Gesellschaftsskandal und moralischer Groteske geworden, eignet sich dafür hervorragend. Er ist der perfekte Projektionskörper: reich, vernetzt, abgründig, tot unter Umständen, die genügend Raum für Spekulation lassen – ein moderner Rorschachtest für politische Neurosen aller Art. Und wie bei jedem guten Rorschachtest sieht jeder etwas anderes: geheime Netzwerke, globale Kabalen, moralischen Verfall, die Apokalypse oder schlicht eine weitere Episode im nie endenden Drama menschlicher Machtgier.

Dass antisemitische Verschwörungserzählungen nun wieder Konjunktur haben, überrascht dabei ungefähr so sehr wie Regen im November. Antisemitismus ist gewissermaßen der Evergreen unter den Ressentiments: ideologisch flexibel, historisch erprobt und kompatibel mit nahezu jedem Weltbild, vom rechtsextremen Stammtisch bis zum verschwörungssatten Wellness-Influencer, der sonst nur über entgiftende Smoothies spricht.

Die Kunst des selektiven Lesens oder Textstellen als Steinbruch

Die schiere Menge der Dokumente wirkt dabei wie ein gigantischer Steinbruch, aus dem sich jeder bedienen kann. Wer lange genug sucht, findet immer einen Satz, eine Mail, eine Randnotiz, die sich – mit etwas interpretativer Gymnastik – in die gewünschte Erzählung einpassen lässt. Kontext ist schließlich ein Luxusgut, und Luxusgüter stehen unter Verdacht.

Das Prinzip ist so alt wie die Polemik selbst: Man nehme eine reale Information, entferne vorsichtig alle erklärenden Bestandteile, schüttle sie kräftig mit moralischer Empörung und serviere das Ganze als vermeintliche Enthüllung. Voilà – fertig ist die Weltverschwörung to go. Dass Epstein jüdische Kontakte hatte oder jüdische Begriffe benutzte, wird dann nicht als banale Folge sozialer Realität gelesen (Menschen kennen nun einmal andere Menschen), sondern als Beleg für ein finsteres, jahrtausendealtes Komplott, das praktischerweise immer genau dort beginnt, wo die eigene Vorstellungskraft endet.

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Besonders charmant ist dabei die intellektuelle Ökonomie dieser Methode: Millionen Seiten müssen nicht gelesen werden, wenn ein einzelner Screenshot genügt. Wer würde sich schon durch juristische Prosa kämpfen, wenn ein empörter Livestream mit dramatischer Hintergrundmusik denselben emotionalen Ertrag verspricht?

Satanische Pädophile und andere rhetorische Sparangebote

Wenn dann prominente Stimmen den Chor verstärken und mit Formulierungen hantieren, die irgendwo zwischen Endzeitpredigt und Groschenroman oszillieren, erreicht das Ganze jene eigentümliche Mischung aus Pathos und Absurdität, die unsere Gegenwart so zuverlässig produziert. „Synagoge Satans“ – das klingt weniger nach Analyse als nach Theaterdonner, nach rhetorischem Flammenwerfer statt Argument.

Man könnte darüber lachen, wäre die Geschichte nicht so unerquicklich vertraut. Antisemitische Narrative funktionieren seit Jahrhunderten nach demselben dramaturgischen Muster: eine kleine, angeblich allmächtige Gruppe zieht heimlich die Fäden, kontrolliert Medien, Finanzsysteme, Regierungen und vermutlich auch das Wetter, wenn es gerade ins Weltbild passt. Dass solche Konstruktionen logisch kollabieren, sobald man sie zwei Minuten lang ernsthaft prüft, ist nebensächlich; sie erfüllen eine emotionale Funktion. Sie erklären eine chaotische Welt durch die bequeme Erfindung eines Schuldigen.

Der antisemitische Verschwörungsglaube ist damit eine Art metaphysischer Komfortzone. Er erspart die mühsame Erkenntnis, dass Macht oft banal verteilt ist, dass Systeme komplex sind und dass Verbrechen nicht zwingend Ausdruck eines ethnischen Masterplans sein müssen, sondern manchmal schlicht das Ergebnis von Geld, Einfluss und moralischer Verwahrlosung.

Realität als Rohstoff für Fiktionen

Und doch liegt hier eine bittere Ironie: Epsteins Verbrechen sind real, monströs und ausreichend erschütternd, ganz ohne metaphysische Aufladung. Gerade deshalb ist ihre Instrumentalisierung so perfide. Statt sich auf die Strukturen zu konzentrieren, die Missbrauch ermöglichten – Reichtum, soziale Immunität, institutionelles Wegsehen –, wird das Augenmerk verschoben auf eine kollektive Zuschreibung, die mit den tatsächlichen Taten nichts zu tun hat.

Das Nexus Project hat recht, wenn es warnt: Antisemitismus wächst dort besonders gut, wo reale Skandale als Dünger dienen. Die Empörung über tatsächliche Verbrechen wird dann umgeleitet in ein Ressentiment, das nicht auf Aufklärung zielt, sondern auf Stigmatisierung.

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Bemerkenswert ist zudem die fast poetische Widersprüchlichkeit vieler Spekulationen. Epstein soll gleichzeitig für Israel, Russland, China, eine globale Elite und vermutlich noch für den intergalaktischen Rat gearbeitet haben – ein Multitasking-Agent, der selbst James Bond in den Burnout getrieben hätte. Dass sich diese Thesen gegenseitig ausschließen, stört wenig; Verschwörungen sind schließlich kein Logikseminar, sondern ein erzählerisches Genre.

Die Statistik als Orakel

Besonders entzückend ist der Umgang mit bloßen Namensnennungen. Wenn ein Name hunderte Male in einer Datenbank auftaucht, wird daraus flugs eine numerologische Offenbarung. Zahlen wirken objektiv, beinahe wissenschaftlich – ein ideales Requisit für jene, die ihre Vorurteile gern in Tabellenform präsentieren.

Dass viele dieser Erwähnungen schlicht weitergeleitete Medienberichte sind, passt allerdings schlecht in die Dramaturgie. Differenzierung ist der natürliche Feind jeder großen Erzählung. Sie macht alles komplizierter, grauer, weniger tweetbar.

Man könnte sagen: Die moderne Verschwörungstheorie ist weniger eine Theorie als eine Form der literarischen Collage. Sie schneidet aus, montiert neu und versieht das Ganze mit der Gravitas einer vermeintlichen Enthüllung. Recherche wird dabei durch Mustererkennung ersetzt – allerdings durch eine, die schon vor dem ersten Blick feststeht.

Antisemitismus als ideologischer Universaladapter

Mike Rothschilds Hinweis, dass Antisemitismus in verschwörungsideologischen Milieus nahezu unabhängig von politischer Farbe auftaucht, trifft einen wunden Punkt. Antisemitismus ist der Universaladapter unter den Vorurteilen: anschlussfähig an rechts, links, esoterisch, anti-globalistisch oder pseudo-aufklärerisch. Er passt sich an wie ein Chamäleon mit historischer Erfahrung.

Das macht ihn so langlebig. Während politische Ideologien kommen und gehen, bleibt er verfügbar als narrative Abkürzung für komplexe Probleme. Finanzkrise? Sicher steckt jemand dahinter. Medienkritik? Bestimmt kontrolliert sie jemand. Moralischer Verfall? Offenbar Teil eines Plans.

Der Gedanke, dass gesellschaftliche Missstände oft aus strukturellen, ökonomischen oder schlicht menschlichen Gründen entstehen, ist dagegen unerquicklich unspektakulär. Er taugt nicht für apokalyptische Podcasts.

Gier, Perversion und die banale Tragödie der Macht

Vielleicht ist die unerquicklichste Wahrheit jene, die Rothschild formuliert: Epsteins Netzwerk hatte nichts mit einer Religion zu tun, sondern mit Gier, Macht und Perversion. Es ist eine deprimierend vertraute Konstellation. Reichtum schafft Zugang, Zugang schafft Schutz, Schutz schafft Schweigen – und Schweigen schafft Raum für das Ungeheuerliche.

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Diese Banalität des Bösen ist schwer zu ertragen, weil sie keine exotischen Erklärungen liefert. Sie zwingt uns, auf Systeme zu blicken, die wir selbst hervorgebracht haben: auf Eliten, die sich gegenseitig decken; auf Institutionen, die zu spät reagieren; auf eine Öffentlichkeit, die Skandale konsumiert wie Serienepisoden.

Wie viel angenehmer erscheint da die Vorstellung eines geheimen Masterplans. Sie ist dramatischer, übersichtlicher und – paradoxerweise – entlastend. Wenn alles gesteuert wird, muss man sich weniger mit den eigenen gesellschaftlichen Strukturen beschäftigen.

Das Opfer zweiter Ordnung

Am Ende trifft diese Dynamik mehrere Gruppen zugleich. Jüdische Gemeinschaften werden erneut zur Projektionsfläche gemacht, während die tatsächlichen Opfer von Epsteins Taten ein zweites Mal instrumentalisiert werden – diesmal als dramaturgisches Zubehör in einer ideologischen Inszenierung.

Es ist eine doppelte Entwürdigung: Erst das Verbrechen, dann seine rhetorische Ausschlachtung.

Und so bleibt von der großen Dokumentenöffnung ein paradoxes Bild. Nie zuvor standen so viele Informationen zur Verfügung, und selten war die Versuchung größer, sie nicht zu verstehen, sondern zu verwerten. Die Archive öffnen sich – und mancher nutzt sie nicht als Fenster zur Realität, sondern als Spiegelkabinett der eigenen Obsessionen.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe unserer Zeit: Wir leben im Zeitalter radikaler Transparenz und zugleich im goldenen Zeitalter der Fehlinterpretation. Die Wahrheit liegt ausgebreitet auf Millionen Seiten – aber wer will schon eine komplizierte Wahrheit, wenn eine elegante Verschwörung viel unterhaltsamer ist?

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