Die Wiederkehr des moralischen Untiers

Europa liebt Jubiläen. Europa liebt runde Zahlen. Dreißig Jahre nach dem Ende der Bosnienkrieg steht man geschniegelt und geschniegelt – Verzeihung, geschniegelt und geschniegelt wäre immerhin konsequent, sagen wir also geschniegelt und geschniegelt wirkend – auf Podien, rezitiert „Nie wieder!“, nippt an lauwarmem Mineralwasser und betreibt das, was man in den besseren Feuilletons Erinnerungsarbeit nennt und in den schlechteren Verdrängungsmanagement. Und dann, wie ein schlecht gelaunter Geist aus einer Epoche, die man bereits im Archiv der kollektiven Selbsttäuschungen abgeheftet glaubte, taucht eine Geschichte auf, die so unerquicklich ist, dass selbst Zyniker kurz die Stirn runzeln: Menschen sollen nach Sarajevo gereist sein, nicht um zu helfen, nicht einmal, um das Elend zu bezeugen, sondern um es aktiv zu vergrößern — gegen Bezahlung, versteht sich.

Die Staatsanwaltschaft der lombardischen Metropole Mailand ermittelt, und allein dieses Wort — ermitteln — klingt plötzlich wie ein Antiquariat, in dem man auf vergessene Wahrheiten stößt, die sich zwischen vergilbten Gesetzestexten verstecken. Dass ein 80-Jähriger nun im Verdacht steht, einst Mord als Wochenendgestaltung betrachtet zu haben, hat etwas von jener bitteren Ironie, die Europa so meisterhaft produziert: Man wird alt, man wird grau, man wird möglicherweise vergesslich — nur die Toten bleiben zuverlässig tot.

Der Vorwurf: sogenannter Scharfschützen-Tourismus. Ein Begriff, der klingt, als hätte ihn ein PR-Berater mit einem Hang zur moralischen Verwahrlosung erfunden. Tourismus — das ist doch sonst das Reich der Strandtücher, der Sonnencreme und der Beschwerden über zu wenig Buffetvariation. Hier jedoch soll das Freizeitprogramm darin bestanden haben, durch ein Zielfernrohr auf Menschen zu blicken. Wer behauptet, Sprache sei unschuldig, hat vermutlich noch nie erlebt, wie elegant sie das Grauen verpacken kann.

Sarajevo oder Die belagerte Bühne der europäischen Selbstlüge

Die Belagerung von Sarajevo war kein abstraktes Kapitel militärischer Strategie, sondern ein Theater der Verletzlichkeit, aufgeführt unter freiem Himmel und mit einem Publikum, das nirgendwo hin konnte. Die Stadt wurde zum makabren Experiment: Wie lange hält eine Zivilgesellschaft durch, wenn sie täglich daran erinnert wird, dass sie sterblich ist?

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Und während unten Menschen versuchten, Wasserkanister nach Hause zu schleppen, ohne dabei erschossen zu werden, soll oben auf den Hügeln eine andere Spezies Homo sapiens gestanden haben — ausgestattet mit ausreichend Kapital und offenbar erschreckend wenig Gewissen. Dass diese angeblichen Gäste aus wohlhabenden Regionen Europas kamen, wirkt weniger wie ein Skandal als vielmehr wie eine groteske Fußnote zur Globalisierung: Früher exportierte man Uhren und Maschinen, nun offenbar auch moralische Verwüstung.

Man könnte versucht sein, diese Geschichte als Ausreißer zu betrachten, als bizarre Abweichung vom ansonsten doch recht humanistisch geschniegelt auftretenden Kontinent. Doch wäre das nicht genau jene Selbstberuhigung, die Europa so virtuos beherrscht? Der Kontinent, der sich gern als Wiege der Aufklärung inszeniert, hat eine bemerkenswerte Begabung dafür entwickelt, seine Schattenseiten als Betriebsunfall zu deklarieren.

Vielleicht ist es gerade diese Diskrepanz — zwischen Sonntagsrede und Montagsrealität — die den Verdacht so unerquicklich macht. Denn wenn sich herausstellen sollte, dass Menschen tatsächlich für ein Wochenende Mord gebucht haben wie andere einen Wellnessaufenthalt, dann wäre das weniger eine Perversion einzelner als vielmehr ein Spiegel, in den wir kollektiv nur ungern blicken.

Der Wochenendmörder als Extremform des Konsumenten

Der Kapitalismus hat viele Wunder vollbracht. Er hat uns Erdbeeren im Winter beschert, Zahnbürsten mit Bluetooth und die beruhigende Illusion, jede Sehnsucht ließe sich mit Kreditkarte stillen. Warum also sollte er vor der ultimativen Ware haltmachen — der Erfahrung, über Leben und Tod zu entscheiden?

Wenn tatsächlich Summen von bis zu 300.000 Euro gezahlt wurden, dann offenbart sich darin eine besonders groteske Pointe: Der Markt kennt keine Moral, nur Nachfrage. Und irgendwo muss jemand gesessen haben — möglicherweise mit Tabellenkalkulation — und kalkuliert haben, wie viele Schüsse ein zahlungskräftiger Kunde durchschnittlich abgeben möchte. Man möchte sich übergeben und gleichzeitig lachen, weil das Ganze so absurd ist, dass es fast wieder in die Logik moderner Erlebnisökonomie passt.

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„Es waren reiche Leute, die Spaß haben wollten“, lautet sinngemäß die Behauptung. Spaß — dieses Wort verdient in diesem Kontext eigentlich eine Traueranzeige. Doch vielleicht ist genau das die beunruhigendste Erkenntnis: Grausamkeit braucht nicht immer Ideologie. Manchmal reicht Langeweile mit ausreichend Budget.

Der Mensch, so lehrt uns die Geschichte, ist nicht nur ein politisches, sondern auch ein zutiefst spielerisches Wesen. Und Spiele werden gefährlich, wenn die Grenze zwischen Simulation und Wirklichkeit verschwindet. Wer jemals beobachtet hat, wie verbissen Erwachsene Paintball betreiben, ahnt, dass zwischen harmloser Ersatzhandlung und tödlicher Realität möglicherweise weniger psychologische Distanz liegt, als wir glauben möchten.

Das große westliche Wegsehen

Besonders elegant wirkt in dieser Angelegenheit die angebliche Überraschung darüber, dass ein Dokumentarfilm mit dem Titel Sarajevo Safari lange nicht im westlichen Fernsehen lief. Man fragt sich natürlich: Warum wohl?

Der Westen liebt Geschichten, in denen er entweder Retter oder zumindest reuiger Zuschauer ist. Geschichten jedoch, in denen er als zahlender Komplize auftaucht, sind dramaturgisch unerquicklich. Sie stören die moralische Komfortzone, in der man sich so gern mit historischen Schuldgesten wärmt.

Wegsehen ist dabei keine passive Tätigkeit — es ist eine hochentwickelte kulturelle Praxis. Man sieht selektiv, man hört selektiv, und wenn etwas zu laut wird, dreht man einfach an der Lautstärke des eigenen Gewissens. Dass zwei italienische Zeitungen bereits Mitte der Neunziger berichtet haben sollen, wirkt rückblickend wie ein Test: Würde jemand genauer hinschauen? Offenbar war die Antwort damals ein höfliches Desinteresse.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Polemik dieser Geschichte: Nicht nur, dass Menschen zu Tätern geworden sein könnten — sondern dass andere es möglicherweise nicht so genau wissen wollten. Moralische Empörung ist schließlich anstrengend; sie zwingt zu Konsequenzen, und Konsequenzen sind der natürliche Feind bürgerlicher Bequemlichkeit.

Die späte Justiz oder Europa räumt den Dachboden auf

Nun also Ermittlungen. Spät, sehr spät — aber immerhin. Justiz hat bekanntlich ein anderes Zeitverständnis als der Alltag; sie denkt in Jahrzehnten, während wir in Nachrichtenzyklen denken. Dass ein Schriftsteller wie Ezio Gavazzeni den Stein ins Rollen gebracht haben soll, besitzt eine fast altmodische Würde: der hartnäckige Einzelne gegen das Vergessen.

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Und doch bleibt ein schaler Nachgeschmack. Denn jede späte Aufklärung trägt eine doppelte Botschaft in sich: Erstens, dass Wahrheit erstaunlich langlebig ist. Zweitens, dass das Interesse an ihr häufig erschreckend kurzlebig war.

Sollten sich die Vorwürfe erhärten, wird man Prozesse führen, Urteile sprechen, vielleicht Gefängnisstrafen verhängen. Alles notwendige Rituale einer Rechtsordnung, die zeigen möchte, dass sie funktioniert — selbst mit dreißig Jahren Verspätung. Aber kein Urteil der Welt wird den Zynismus jener Vorstellung einfangen können: dass irgendwo jemand ein Fernglas justierte, tief durchatmete und den Abzug betätigte, nicht aus Hass, sondern aus einer Art pervertierter Freizeitlaune.

Epilog oder Der Mensch als sein unerquicklichstes Hobby

Was bleibt also? Vielleicht die unbequeme Erkenntnis, dass Zivilisation kein Zustand ist, sondern eine tägliche Entscheidung — und dass Wohlstand keineswegs automatisch zu moralischer Reife führt. Im Gegenteil: Manchmal scheint er nur raffiniertere Formen der Barbarei zu finanzieren.

Es wäre tröstlich, diese Geschichte als monströse Ausnahme abzulegen. Doch die Literatur — und leider auch die Geschichte — flüstert uns etwas anderes zu: Der Mensch ist ein Meister der Selbstrechtfertigung. Gibt man ihm genug Geld, genug Distanz und genügend Gleichgesinnte, findet er fast immer eine Erzählung, die das Ungeheuerliche wie ein Abenteuer erscheinen lässt.

Vielleicht sollten wir also weniger überrascht sein als beschämt. Nicht, weil wir persönlich auf einem Hügel lagen, sondern weil unsere Welt Bedingungen hervorbringen konnte, unter denen so etwas zumindest denkbar war.

Und während nun Staatsanwälte Akten wälzen und Europa kurz innehält, könnte man sich eine letzte, bitter-humorvolle Frage erlauben: Wenn Mord tatsächlich buchbar war — hätten die Täter wohl eine Stornoversicherung abgeschlossen?

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