Es hat etwas unverschämt Poetisches, wie Wien mit Geschichte umgeht: Man stellt ihr einen Sockel hin, lässt ihn ein paar Jahre leer stehen und nennt das dann „dialogischen Prozess“. Ein Denkmal als Gesprächsangebot – allerdings ohne Gesprächspartner, ohne Gespräch, ohne Denkmal. Nur der Sockel bleibt. Ein Stück Stein, das schweigt. Und das Schweigen, wir wissen es, ist in dieser Stadt keine Abwesenheit, sondern eine Disziplin: Schweigen ist das goldene Wiener Handwerk, seit man gelernt hat, sich durch höfliche Unentschiedenheit elegant aus jeder Verantwortung zu winden. Das erinnert an diese besondere Form von städtischer Klugheit, die immer dann beginnt, wenn man nicht mehr weiß, was richtig ist, und daher beschließt, lieber gar nichts zu tun – aber dabei moralisch auszusehen. Und weil Moral heute gerne wie ein Designerstück getragen wird, makellos, nachhaltig und ohne Flecken, sitzt Wien auf seinem Kahlenberg und betrachtet den historischen Ort, an dem einst das „christliche Entsatzheer“ das Osmanische Reich zurückdrängte, wie ein heikles Erbstück aus Omas Vitrine: hübsch, aber man fasst es nicht an, sonst bricht’s und dann ist wieder wer beleidigt. Und das wäre ja, Gott bewahre, das Schlimmste, was einer Stadt passieren kann, die sich längst als Weltmetropole der Befindlichkeiten versteht.
Man stelle sich vor: Jan III. Sobieski, König von Polen, militärischer Anführer einer Schlacht, die im europäischen Geschichtsunterricht gern als Wendepunkt verkauft wird – ein Mann, dessen Name sogar in Wien herumliegt wie eine vergessene Münze: Sobieskigasse, Sobieskiplatz. Man ist ihm so nahe, dass man über ihn stolpert, aber so fern, dass man ihn nicht erkennt. Denn für eine Stadt, die sich so gern als Museum ihrer selbst inszeniert, ist Erinnerung eine erstaunlich selektive Kunst. Wien erinnert gern – aber nur dort, wo es weich ist, wo es nicht riecht, nicht kratzt, nicht beißt. Geschichte muss geschniegelt sein, geschniegelt und bitte ohne Ecken, denn Ecken sind heute verdächtig. Ecken können „instrumentalisiert“ werden. Und das ist, wenn wir ehrlich sind, der neue Wiener Ablasshandel: Nicht die Schuld zählt, sondern die Möglichkeit, dass irgendwer die Schuld irgendwo anders hinträgt, auf ein Transparent druckt, mit einem Megafon versieht und es dann „Bühne“ nennt. Wien, das ist der Ort, an dem man vor lauter Angst vor Missbrauch die Wahrheit prophylaktisch amputiert. Sicher ist sicher: Lieber keine Statue, bevor noch jemand auf die Idee kommt, Geschichte könnte etwas mit Konflikten zu tun haben.
Das 21. Jahrhundert, dieses Jahrhundert der Denkmäler, und der Wiener Jahrhundertschlaf
Der polnische Botschafter sagt: „Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Denkmäler.“ Eine herrliche Formulierung, fast schon ein Werbeslogan, wie aus der Abteilung „Kulturpolitik für Fortgeschrittene“. Als hätte die Menschheit, nachdem sie die Zukunft endgültig verbummelt hat, beschlossen, wenigstens die Vergangenheit ordentlich zu möblieren. Wir bauen Statuen, weil wir uns nicht mehr sicher sind, wer wir sind. Wir errichten Sockel, weil wir keine Fundamente haben. Und wir gießen unsere Identität in Bronze, weil Bronze wenigstens nicht twittert.
Doch Wien, das ewige Schmieröl der europäischen Ambivalenz, sagt: Moment. Denkmal? Für Sobieski? Ausgerechnet auf dem Kahlenberg? Das könnte als „islamfeindlich“ gelesen werden. Man wolle „keine Bühne errichten“, die für „ausländerfeindliche Hetze sowie islamfeindliche oder antitürkische Ressentiments instrumentalisiert werden kann“. Das ist die Art von Satz, bei der man sich gleichzeitig an die Stirn greifen und applaudieren möchte, denn er ist ein kleines Meisterwerk zeitgenössischer Verwaltungspoetik: so geschniegelt, so technokratisch, so perfekt steril. Es ist kein Satz, es ist eine Quarantänestation. Er isoliert nicht nur den Gegenstand, er isoliert gleich den gesamten historischen Kontext – als hätte 1683 gefälligst schon damals diversitätssensibel abzulaufen, mit Awareness-Team und konfliktfreier Moderation. Man hört förmlich die Stimme: „Wir bitten die Belagerer, sich beim Betreten der Stadt in die Warteschlange zu stellen, damit niemand traumatisiert wird.“
Man muss sich das vorstellen: Ein Denkmal wird abgelehnt, weil es missbraucht werden könnte. Nicht weil Sobieski keine historische Bedeutung hätte. Nicht weil der Ort ungeeignet wäre. Nicht weil die Statue hässlich ist oder schief steht oder jemand vergessen hat, den Sockel zu bezahlen. Nein: Weil sie eine Projektionsfläche sein könnte. Als wäre Wien plötzlich ein Seminarraum, und Geschichte ein Flipchart. Als wäre das einzige Problem der Vergangenheit nicht, dass sie passiert ist, sondern dass jemand sie falsch interpretieren könnte. Es ist die Logik des präventiven Anstands: Wir tun nichts, damit niemand etwas Falsches tut. Das ist ungefähr so, als würde man alle Messer verbieten, weil man sich schneiden könnte – und dann stolz verkünden, man habe den Schnittwunden den Krieg erklärt. Der nächste Schritt ist konsequent: Wir reißen die Donau ab, weil jemand ertrinken könnte, und ersetzen sie durch ein „dialogisches Wasserangebot“.
Die seltsame Wiener Kunst, Helden zu dulden, solange sie nicht zu sehr nach Held riechen
Der Name Sobieski riecht nach Held. Und Helden, das ist heute ein kompliziertes Aroma: Zu viel Pathos, zu viel Männlichkeit, zu viel Schwert, zu viel Sieg, zu wenig Selbstreflexion. Helden sind nicht mehr zeitgemäß, es sei denn, sie kämpfen gegen etwas, das gerade in Mode ist. Der Held von gestern ist der Problemfall von heute. Und Wien hat ein besonderes Talent, Problemfälle nicht zu lösen, sondern in Verwaltungsvokabular einzuwickeln, bis sie aufhören zu atmen. Man sagt dann: „hohe Wertschätzung“. Das ist ein wunderbares Wort. Es bedeutet: Wir schätzen dich so sehr, dass wir dich bitte nicht sichtbar machen. Wertschätzung ist in dieser Logik eine Art Blumengruß mit eingebautem Maulkorb. Man kann ja die Sobieskigasse herzeigen. Oder den Sobieskiplatz. Das klingt wie ein Trostpreis in einer Quizshow: „Für Sie haben wir leider keine Statue, aber hier ist eine Gasse. Sie ist sogar asphaltiert!“
Und wenn die Stadt argumentiert, es gebe „bereits ein Sobieski-Denkmal“, dann sind wir endgültig in der Wiener Metaphysik angekommen: Ein Denkmal ohne Statue, ein Sockel ohne Kopf, eine Inschrift, die man nicht lesen kann – das ist also schon genug Erinnerung. Die Abwesenheit als Gedächtnisleistung. Eine Art historisches „Ich hab’s eh irgendwo gespeichert“, nur dass das Speichergerät kaputt ist und die Datei seit Jahren nicht mehr geöffnet wurde. Man könnte fast meinen, Wien betreibe Erinnerung wie ein altes E-Mail-Archiv: Hauptsache, es existiert irgendwo, damit man im Streitfall behaupten kann, man habe sich doch gekümmert. Genau diese Form von „Kümmern“ ist die hohe Schule des urbanen Verantwortungsmanagements: Man baut einen Sockel und nennt das „Bekenntnis“, man schreibt einen Namen auf ein Straßenschild und nennt das „Gedenken“, man lädt eine Kommission ein und nennt das „Dialog“. Und wenn dann jemand fragt, warum die Statue fehlt, antwortet man: „Der Prozess ist lebendig.“
Lebendig! Wie ein Komapatient, der regelmäßig gewendet wird, damit niemand von Stillstand sprechen muss.
Angst vor der Instrumentalisierung, dieses moderne Ersatzgefühl für Mut
Natürlich, man könnte einwenden: Ja, Denkmäler können instrumentalisiert werden. Selbstverständlich. Alles kann instrumentalisiert werden. Ein Baum kann instrumentalisiert werden, wenn jemand darunter eine Parole ruft. Eine Parkbank kann instrumentalisiert werden, wenn jemand darauf sitzt und Hass verbreitet. Sogar ein Veggie-Burger kann instrumentalisiert werden, wenn er auf Instagram als Symbol moralischer Überlegenheit gepostet wird. Die Frage ist also nicht, ob etwas missbraucht werden kann. Die Frage ist, ob man als Gesellschaft überhaupt noch etwas aushält. Und Wien beantwortet diese Frage zunehmend mit einem eleganten Nein. Man hält nichts mehr aus, außer sich selbst. Und selbst das manchmal nur schwer.
Die Stadt will keine „Bühne“ errichten. Dieses Wort ist entlarvend: Bühne. Es verrät, dass man Denkmäler nicht mehr als Erinnerungszeichen begreift, sondern als Eventflächen. Als potenzielle Demonstrationskulissen, als politisches Bühnenbild, auf dem andere ihre Stücke spielen könnten. Und weil man die falschen Stücke fürchtet, lieber gar keine Bühne. Eine Stadt, die ihre Geschichte nur noch als Sicherheitsrisiko verwaltet, hat bereits kapituliert – nicht vor Islamisten, nicht vor Nationalisten, sondern vor ihrer eigenen Nervosität. Sie ist gefangen in einer Art moralischem Brandschutz: Jede historische Figur wird auf Entflammbarkeit geprüft. Sobieski: brennbar. Zu viel Konflikt. Zu viel Symbolik. Zu viel „wir gegen die“. Weg damit.
Das Problem ist nur: Geschichte IST „wir gegen die“. Geschichte ist Blut und Grenze, Sieg und Niederlage, Aufstieg und Fall. Geschichte ist nicht nett. Sie ist nicht pädagogisch aufbereitet. Sie ist kein Workshop. Wer Geschichte nur noch erträgt, wenn sie niemandem weh tut, will keine Geschichte, sondern Wellness. Und das wäre ja auch in Ordnung – nur sollte man dann bitte nicht so tun, als wäre man eine Stadt der Kultur, sondern ehrlich sagen: Wir sind eine Stadt der Gefühlsregulierung. Bei uns bekommen Sie Identität nur noch in homöopathischen Dosen.
Diplomatie trifft Denkmalpflege, oder: Polen sagt Danke, Wien sagt: Vielleicht später
Dass nun die polnische Botschaft interveniert, ist eigentlich die logische Folge. Denn für Polen ist Sobieski kein dekorativer Name auf einem Straßenschild, sondern ein nationales Narrativ, ein Stück Selbstverständnis. „Wien ist Sobieski etwas schuldig“, heißt es. Diese Formulierung klingt wie ein Mahnbescheid aus der Geschichte. Und sie ist nicht völlig absurd: Ohne die Entsatzarmee hätte Wien 1683 womöglich anders ausgesehen, und zwar nicht nur architektonisch, sondern als politisches Zentrum. Ob es „die Rettung Europas“ war oder „ein Wendepunkt“, darüber kann man historiografisch streiten, wie über alles, was groß genug ist, um als Mythos zu taugen. Aber dass es ein entscheidender Moment war, lässt sich schwer wegmoderieren. Nur Wien versucht es trotzdem, mit dieser unvergleichlichen Mischung aus Stolz auf die eigene Vergangenheit und gleichzeitigem Unbehagen darüber, dass die Vergangenheit nicht inklusive genug war.
Man könnte sagen: Wien ist wie ein Erbe, der im Testament eine wertvolle Uhr findet, aber sich schämt, weil sie vom Großvater stammt, der damals leider politisch „schwierig“ war. Also versteckt man die Uhr im Kasten, sagt aber jedem Besucher: „Wir haben eine Uhr, wir schätzen sie sehr.“ Und wenn jemand fragt, warum sie nicht getragen wird, antwortet man: „Aus Sicherheitsgründen. Außerdem könnte sie missverstanden werden.“
Besonders reizvoll ist dabei die polnische Pointe: Die Statue sei längst fertig. Sie steht in Polen. Also existiert sie, aber nicht dort, wo sie stehen soll. Ein heimatloses Monument. Ein Denkmal im Exil. Fast schon eine Allegorie auf Europa: Alles ist beschlossen, alles ist finanziert, alles ist fertig – und dann bleibt es irgendwo stehen, weil man sich politisch nicht traut, es abzustellen. Währenddessen rostet die Entschlossenheit, und der Sockel bleibt leer. In Wien natürlich. Wo sonst?
Che, Stalin und die Kunst der selektiven Empörung
Der Botschafter verweist auf Erinnerungsorte in Wien, etwa für Che Guevara oder eine Stalin-Gedenktafel. Das ist ein diplomatischer Seitenhieb mit Samthandschuhen, aber die Klinge ist scharf: Wenn man Figuren gedenkt, deren historische Bilanz – sagen wir vorsichtig – nicht ausschließlich aus humanistischem Feuilletonmaterial besteht, dann wirkt es schon eigenartig, ausgerechnet Sobieski wegen möglicher „Ressentiments“ auszubremsen. Denn Sobieski hat Wien nicht belagert, nicht deportiert, nicht in Gulags gesteckt. Er hat eine Schlacht gewonnen, ja. Gegen ein islamisches Heer, ja. Und genau da liegt der moderne Triggerpunkt: Der Gegner war muslimisch. Und weil wir heute den guten Reflex gelernt haben, Muslime nicht mit Islamismus zu verwechseln, was richtig ist, verwechseln wir zur Strafe gleich Geschichte mit Hetze, was falsch ist.
Wien scheint sich zu sagen: Wenn wir Sobieski ehren, könnte das als antiislamische Botschaft gelesen werden. Also lassen wir es. Das ist, als würde man den 8. Mai nicht feiern, weil irgendwer daraus einen deutschen Opfermythos stricken könnte. Oder die Französische Revolution nicht erwähnen, weil jemand Guillotinen-Fantasien bekommt. Oder die Aufklärung canceln, weil jemand sie für kolonial hält. Ach, Moment.
Diese Form der Hygiene ist nicht nur lächerlich, sie ist gefährlich. Denn sie nimmt den öffentlichen Raum als Ort der historisch-politischen Auseinandersetzung nicht ernst. Sie erklärt den Bürger im Grunde für unmündig: Man traut ihm nicht zu, zwischen Erinnerung und Hass zu unterscheiden. Man traut ihm nicht zu, einen König zu betrachten, ohne sofort einen Kulturkampf zu starten. Und wer so denkt, hat die Idee einer demokratischen Öffentlichkeit bereits aufgegeben. Der öffentliche Raum wird dann nicht mehr als Ort der Debatte verstanden, sondern als Kindergarten, in dem man die Scheren wegschließt.
Das Denkmal als Prüfstein: Wer darf erinnern, und wer muss vergessen?
Denn um Sobieski geht es nur vordergründig. In Wahrheit geht es um die Frage: Darf Europa sich an die eigene Verteidigungsgeschichte erinnern, ohne sich dafür zu entschuldigen? Darf man sagen, dass es eine Schlacht gab, dass es einen Angreifer gab, dass es einen Verteidiger gab, dass es einen Sieger gab – und dass dieser Sieger in diesem Fall Wien war? Oder ist schon diese Struktur verdächtig, weil sie ein „Wir“ formuliert? Denn „Wir“, so lernt man heute, ist ein gefährliches Wort. Es könnte ausgrenzen. Es könnte Identität stiften. Und Identität ist inzwischen fast schon ein Schimpfwort, es sei denn, sie ist flüssig, wechselnd, unverbindlich und bitte ohne historische Tiefe, weil Tiefe immer die Gefahr birgt, dass man auf etwas stößt, das nicht mehr in die Gegenwart passt.
Und genau hier wird es satirisch, weil es so tragisch ist: Wien, diese Stadt, die ihre barocke Pracht wie ein Selbstporträt vor sich herträgt, möchte offenbar die Bedingungen ihrer eigenen Existenz nicht mehr benennen. Man möchte die Architektur bewundern, aber nicht die Konflikte, die sie ermöglicht haben. Man möchte die Kirchen fotografieren, aber nicht über das Christentum reden. Man möchte den Kahlenberg als Ausflugsziel, aber nicht als historisches Symbol. Man möchte Geschichte wie Kulisse: hübsch fürs Wochenende, aber ohne politischen Nachgeschmack. Der Kahlenberg soll ein Postkartenmotiv sein, kein Erinnerungsort.
Das ist die totale Ästhetisierung der Vergangenheit. Man macht aus Geschichte ein Instagram-Filterset. Sepia. Nostalgie. Keine Gewalt, keine Feindschaft, keine Entscheidung. Und wenn doch, dann bitte als „komplexer Prozess“. Der Satz „Er rettete Wien“ ist zu direkt. Zu klar. Zu wenig ambivalent. Und Ambivalenz ist der moderne Fetisch: Nur wer sich nicht festlegt, gilt als klug. Dabei ist es oft nur Feigheit mit akademischem Parfum.
ÖVP, SPÖ, Neos und der Sockel als Parteisymbol
Die ÖVP nennt das Ganze eine „peinliche Farce“. Das ist nicht falsch, aber ausgerechnet die ÖVP als Anwalt eines Denkmals zu sehen, hat wiederum selbst etwas Farcenhaftes, weil man nie genau weiß, ob hier Geschichte verteidigt wird oder nur eine politische Gelegenheit. Denn natürlich ist das Denkmal auch ein Streitobjekt im Wiener Kleinkrieg: SPÖ-Neos-Stadtregierung gegen Opposition, Kulturpolitik gegen Symbolpolitik, „Haltung“ gegen „Hausverstand“, wobei beide Seiten jeweils behaupten, das eine zu sein und das andere zu verkörpern.
Das Problem: Wien hat sich längst daran gewöhnt, Konflikte nicht zu lösen, sondern zu verwalten. So wie man Verkehr nicht verhindert, sondern mit Schildern pflastert. So wie man Wohnungsnot nicht beendet, sondern Studien dazu veröffentlicht. So wie man Integration nicht als Realität begreift, sondern als Fördertopf. Es ist die Logik der Dauer-Entscheidungsverschiebung. Und der leere Sockel ist das perfekte Sinnbild dieser Stadtpolitik: ein Monument der Unfähigkeit, Ja oder Nein zu sagen, ein Stein gewordenes „Wir prüfen das“.
Man kann fast froh sein, dass es nur um eine Statue geht. In Wien könnte man sogar eine Revolution verschieben, indem man einen Arbeitskreis einsetzt.
Sobieski als Risiko, oder: Wie man die Vergangenheit entwaffnet, indem man sie verschweigt
Am Ende steht diese groteske Situation: Ein Mann, der nachweislich existiert hat, nachweislich eine zentrale Rolle gespielt hat, nachweislich am Ort des Geschehens relevant ist – wird nicht geehrt, weil man Angst hat, dass seine Ehrung missverstanden werden könnte. Als hätte die Stadt nicht die Aufgabe, Missverständnisse zu klären, sondern sie durch Schweigen zu vermeiden. Aber Schweigen klärt nichts. Schweigen überlässt das Feld genau jenen, vor denen man sich fürchtet: den Instrumentalisierern, den Vereinfachern, den Ideologen, den Wutverwaltern. Wenn die demokratische Mitte sich aus dem öffentlichen Raum zurückzieht, weil sie Angst hat, missverstanden zu werden, dann bleibt der öffentliche Raum irgendwann jenen, die nicht missverstanden werden wollen, sondern verstanden werden müssen.
Und genau deshalb ist dieses Denkmal kein kleines Kulturthema, sondern ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass Europa sich zunehmend unwohl fühlt mit sich selbst. Dass man aus Angst, falsch zu wirken, lieber gar nicht wirkt. Dass man sich eine Vergangenheit wünscht, die niemanden verstört. Aber eine solche Vergangenheit gibt es nicht. Es gibt nur die Entscheidung, ob man sie mit offenen Augen betrachtet oder sie wegkuratiert, bis nur noch harmlose Namen auf Straßenschildern übrig sind.
Wien sagt: Wir schätzen Sobieski. Und meint: Wir verstecken ihn. Polen sagt: Ihr seid ihm etwas schuldig. Und meint: Ihr seid euch selbst etwas schuldig. Denn wer den eigenen Sockel leer lässt, steht irgendwann selbst darauf – als Denkmal einer Epoche, die so sehr bemüht war, niemanden zu kränken, dass sie vergaß, wofür sie überhaupt stehen sollte.
Und während der Sockel am Kahlenberg weiter schweigt, übt Wien vielleicht schon die nächste große Disziplin: das Erinnern ohne Inhalt, das Gedenken ohne Gegenstand, die Geschichte ohne Geschichte. Ein Wien, das sich selbst bewahrt, indem es sich selbst entkernt. Ein Wien, das die Vergangenheit nicht mehr ablehnt, sondern sterilisiert. Und das ist, wenn man es genau nimmt, die modernste Form von Eroberung: nicht mit Kanonen, sondern mit Angst. Nicht von außen, sondern von innen.