Neutralität, die man halt so mitnimmt wie ein Gratis-Kaffee am Bahnhof

Österreich liebt seine Neutralität wie andere Menschen ihre Jogginghose: Man trägt sie mit einer Mischung aus Stolz und Bequemlichkeit, erzählt allen, wie sehr man sie schätzt, und merkt nicht einmal, wie lächerlich es wirkt, wenn man damit geschniegelt auf einer Hochzeit auftaucht. Neutralität ist bei uns keine politische Haltung, sondern ein Heimatgefühl, eine warme Decke über der Geschichte, unter der es sich herrlich schläfrig murmeln lässt: Wir sind ja eh aus allem raus. Und während man sich so rauswähnt, rollt – ganz zufällig, ganz unspektakulär, ganz „rein administrativ“ – ein Militärtransport nach dem anderen durch das Land, als wären Panzer, Munition und Logistik nur eine etwas härtere Form von Möbelzustellung. Fast 5.000 Militärtransporte ausländischer Streitkräfte in einem Jahr – das ist keine Randnotiz, das ist ein Rhythmus. Das ist nicht „gelegentlich“, das ist ein Verkehrskonzept. Das ist eine Art Autobahn-Abonnement für die geopolitische Realität, bei dem man sich einbildet, man hätte nur die Raststation gepachtet, nicht die Route freigegeben.

Und natürlich ist das alles ganz legal. Das ist das Schöne an unserer Zeit: Der moralische Kompass ist nicht mehr dafür da, um den Weg zu finden, sondern um im Kreis zu zeigen, wie sehr man sich doch orientiert. Wenn die Regierung sagt, das sei „Teil internationaler Zusammenarbeit“, dann meint sie damit: Wir lassen Dinge zu, die wir früher nicht hätten zugeben wollen, aber bitte ohne das unangenehme Gefühl, die eigene Legende beschädigen zu müssen. Internationale Zusammenarbeit ist in diesem Sinn eine Art sprachliches Schmiermittel: Es macht alles gleitfähiger, lautloser, unauffälliger. Die Neutralität bleibt dabei im Schaufenster stehen – geschniegelt, geschniegelt, geschniegelt –, während hinten im Lager die Realität mit Stahlkappenstiefeln herumtrampelt. Und wer dann fragt, ob 5.000 Militärtransporte nicht vielleicht ein bisschen viel „Neutralität“ seien, bekommt diesen Blick: den österreichischen Blick des verletzten Anstands. Als hätte man gerade behauptet, die Sachertorte sei nur ein überteuertes Schokobrot.

Das Land als Durchzugsgebiet: geopolitische Gastronomie mit Tankstellencharme

Was ist Österreich heute im großen Ganzen? Ein neutrales Alpenidyll, das sich freundlich zwischen Ost und West stellt wie ein höflicher Gastgeber, der zwei streitende Gäste bittet, doch bitte im Vorzimmer nicht zu schreien? Oder eher ein Transitkorridor, ein logistischer Flur, eine Art geopolitisches Stiegenhaus, in dem ständig jemand mit schwerem Gepäck an einem vorbeidrängt, während man entschuldigend lächelt und sagt: „Passt scho, i steh eh nur da“? Fast 5.000 Militärtransporte – das klingt nicht nach „Gastgeber“, das klingt nach „Abfertigung“. Nach einem Betrieb. Nach einer routinierten Infrastruktur, die nicht zufällig existiert, sondern weil sie gebraucht wird. Neutralität als Standortvorteil: Das ist die österreichische Spezialität. Wir sind nicht Partei, wir sind Service.

Das ist ja auch irgendwie charmant: Österreich als Dienstleister der Weltpolitik. Wir liefern nicht unbedingt die Entscheidung, aber wir liefern die Durchfahrt. Wir sind nicht unbedingt die Hand, die die Waffe hält – aber wir sind der Korridor, durch den sie kommt. Und genau darin liegt dieser schleichende Dammbruch, der so typisch österreichisch ist, dass man fast stolz darauf sein könnte: Er passiert ohne Knall, ohne Debatte, ohne dramatische Szene im Parlament. Kein politischer Moment, kein Gewissensbeben, kein „Jetzt müssen wir uns entscheiden“. Stattdessen: Formulare, Zuständigkeiten, Durchführungsverordnungen, Genehmigungen, ein bisschen Lärmschutz vielleicht, und am Ende rollt die Realität einfach durch. Österreich ist das Land, in dem selbst die Erosion geschniegelt abläuft, geschniegelt mit Unterschrift und Stempel.

Man könnte das als pragmatisch verkaufen. Man könnte sagen: Was sollen wir denn tun? Die Welt ist gefährlich, die Bündnisse sind komplex, wir sind eingebunden, wir sind verantwortlich. Und ja, natürlich ist die Welt gefährlich, natürlich gibt es Kooperation, natürlich ist Neutralität nicht dasselbe wie Isolation. Aber genau das ist der Punkt: Zwischen kluger Kooperation und schleichender Selbstaufgabe liegt eine Grenze, und die verschwimmt nicht einfach aus Versehen. Sie verschwimmt, weil es bequem ist. Weil Neutralität als Mythos zwar wunderbar klingt, aber Neutralität als tatsächliche politische Praxis unbequem wäre. Sie würde Konsequenzen verlangen. Sie würde Widerspruch erzeugen. Sie würde vielleicht sogar bedeuten, dass man einmal „Nein“ sagt – und Österreich sagt ungern „Nein“, weil „Nein“ so unfreundlich ist. Wir bevorzugen das „Ja, aber“ oder das „Schau ma mal“. Und wenn man lang genug „Schau ma mal“ sagt, hat man irgendwann schon längst alles zugelassen.

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Die Kunst der offiziellen Beruhigung: Wenn Worte wie Wattebäusche fallen

Die Regierung betrachtet das als internationale Zusammenarbeit. Natürlich tut sie das. Regierungen betrachten die meisten Dinge gern als etwas, das klingt, als wäre es gut, vernünftig und unvermeidlich. Wenn morgen ein Militärflugzeug am Stephansplatz parkt, wird man vermutlich sagen, es handle sich um eine „temporäre sicherheitspolitische Maßnahme im Rahmen multilateraler Verpflichtungen“. Der Witz ist: Die Sprache ist längst nicht mehr Beschreibung, sie ist Beruhigung. Sie ist ein Beruhigungstee aus Begriffen wie „Partner“, „Abstimmung“, „Verantwortung“, „Solidarität“, „Stabilität“. Diese Wörter sind so weich, dass sie jede Kante wegbügeln. Und während der Bürger noch den letzten Schluck „Solidarität“ schlürft, ist die Neutralität längst in eine Art symbolisches Bühnenbild umgewandelt worden – hübsch anzusehen, gut für Sonntagsreden, aber völlig ungeeignet, um tatsächliche politische Entscheidungen zu tragen.

„Internationale Zusammenarbeit“ ist dabei der Joker. Es ist die Universalformel, mit der man alles rechtfertigen kann, ohne sich auf etwas Konkretes festnageln zu lassen. Zusammenarbeit mit wem? Wofür? Unter welchen Bedingungen? Mit welchen Konsequenzen? Welche Transporte? Welche Waffen? Welche Truppen? Welche strategische Bedeutung? Welche Risiken? Welche Gegenleistungen? Wo ist die demokratische Debatte, die diese Fragen nicht als störendes Gemurmel behandelt, sondern als Pflichtübung in einer Republik, die sich angeblich ernst nimmt? Aber nein, wir sind lieber das Land, in dem man die großen Fragen so stellt wie Wetterfragen: „Naja, is halt so.“ Und in diesem „is halt so“ versinkt dann alles – Verantwortung, Prinzipien, Grenzziehungen.

Die Neutralität wird zur Pose. Und Posen sind in Österreich eine Hochkultur. Wir können uns gleichzeitig moralisch erhaben und praktisch opportunistisch fühlen – das ist eine Meisterleistung, fast schon Kunst. Wir können sagen: „Wir sind neutral“, und zugleich mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks die Durchfahrt organisieren. Neutralität als Etikett, Realpolitik als Inhalt. Man hängt das Schild „Vegetarisch“ an die Speisekarte und serviert dann halt das Schnitzel – aber in dünneren Scheiben, damit niemand so genau hinschaut.

Der schleichende Dammbruch: eine Katastrophe im Zeitlupentempo mit freundlichem Servicepersonal

Ein Dammbruch ist normalerweise spektakulär. Wasser, Lärm, Chaos, Dramatik. In Österreich ist der Dammbruch eine Verwaltungsreform. Er kommt nicht mit einem Knall, sondern mit einem PDF. Er hat keinen Sturm, sondern eine Pressenotiz. Und er ist so sanft, so kontrolliert, so „vernünftig“, dass man ihn erst bemerkt, wenn man schon knietief in der neuen Realität steht und sich fragt, seit wann eigentlich alles so feucht geworden ist.

Fast 5.000 Militärtransporte sind kein Einzelfall, keine Anomalie, kein „Ausreißer“. Das ist ein System. Das ist Normalisierung. Und Normalisierung ist das gefährlichste aller politischen Werkzeuge, weil sie so unsichtbar ist. Sie arbeitet nicht mit Gewalt, sondern mit Gewöhnung. Am Anfang ist es ein Ausnahmefall. Dann eine notwendige Anpassung. Dann eine Routine. Und irgendwann ist es so selbstverständlich, dass jeder, der es problematisiert, wirkt wie ein hysterischer Traditionalist, der sich an etwas klammert, das „nicht mehr zeitgemäß“ sei. Neutralität? Ach komm. Das ist doch nur ein historisches Relikt, ein sentimentaler Exportartikel, ein bisschen Folklore, so wie Tracht, nur ohne die schönen Knöpfe.

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Man muss sich das einmal vorstellen: 5.000 Transporte – das sind im Schnitt mehr als ein Dutzend pro Tag. Natürlich, nicht jeder Tag ist gleich, natürlich gibt es Häufungen, natürlich ist Statistik nicht gleich Gefühl. Aber die Größenordnung ist eine politische Aussage. Und die Aussage lautet: Österreich ist nicht draußen. Österreich ist mittendrin, nur ohne es sich einzugestehen. Man könnte sagen: Wir haben uns eine Neutralität gebaut, die so flexibel ist, dass sie praktisch jede Form annehmen kann – sogar die Form eines NATO-LKW-Konvois.

Und jetzt kommt der zynische Punkt: Das ist nicht einmal zwingend böse gemeint. Es ist einfach österreichisch. Es ist die Logik eines Landes, das gelernt hat, dass man am besten überlebt, wenn man möglichst selten klare Kanten zeigt. Neutralität war einmal eine Strategie. Heute ist sie ein Markenname. Und Markennamen sind dafür da, ein Gefühl zu verkaufen, nicht eine Verpflichtung einzuhalten.

Neutralität als Selbstbild: das nationale Beruhigungsmärchen

Österreichs Neutralität ist weniger ein juristischer Status als eine psychologische Stütze. Sie erlaubt es uns, die Welt so zu betrachten, als wäre sie ein Theaterstück, bei dem wir zufällig im Publikum sitzen – ein bisschen betroffen, ein bisschen interessiert, aber grundsätzlich unbeteiligt. Und wenn dann die Militärtransporte über die Bühne rollen, dann sagen wir: „Das ist doch nur die Kulisse.“ Dabei sind wir längst Teil der Inszenierung, nur spielen wir eine Nebenrolle: die der diskreten, zuverlässigen Durchgangsstation.

Das Selbstbild der Neutralität erfüllt mehrere Zwecke. Es macht uns moralisch komfortabel. Es erlaubt uns, bei Konflikten mitfühlend zu sein, ohne uns schmutzig zu machen. Es gibt uns eine Identität, die größer ist als unsere tatsächliche politische Schlagkraft. Neutralität ist unsere Art, bedeutend zu sein, ohne entscheiden zu müssen. Und genau deswegen ist es so schwer, darüber ehrlich zu reden. Denn wer die Neutralität kritisiert, kratzt nicht an einer politischen Doktrin, sondern an einem nationalen Kuscheltier.

Und wehe dem, der es tut. Dann kommt der Reflex: Empörung, Abwehr, dieses typische österreichische „Na geh“, als wäre Kritik an Neutralität eine Art Majestätsbeleidigung. Dabei ist es geradezu grotesk, wie selektiv dieses Neutralitätsverständnis geworden ist. Neutralität wird beschworen, wenn es darum geht, nicht zu viel zu riskieren. Sie wird relativiert, wenn es darum geht, mitzumachen. Sie wird gefeiert, wenn man sich gut fühlen will. Und sie wird vergessen, wenn sie unbequem wird. Das ist keine Neutralität. Das ist ein Multifunktionsbegriff.

Wenn Kooperation zur Ausrede wird: Moral als Nebensache der Logistik

Natürlich kann man argumentieren: Militärtransporte bedeuten nicht automatisch Kriegsbeteiligung. Ein Transit ist kein Angriff. Ein Durchmarsch ist nicht dasselbe wie ein Bündnis. Das stimmt formal. Aber genau das ist die Falle der modernen Politik: Man kann sich in Formalitäten so lange einrichten, bis man glaubt, das Gewissen sei eine juristische Kategorie. Und dann wird die moralische Frage zur technischen Frage: War alles genehmigt? Wurden die Regeln eingehalten? Gab es diplomatische Absprachen? Und wenn ja, dann ist alles gut – so wie ein Bauprojekt „in Ordnung“ ist, wenn es einen Bescheid gibt, auch wenn es die halbe Stadt verschandelt.

Kooperation ist nicht per se falsch. Aber Kooperation ohne Transparenz, ohne Debatte, ohne klare Grenzen ist keine Kooperation, sondern Anpassung. Und Anpassung ist in Österreich eine Art zweite Staatsreligion. Wir passen uns an, wir sind flexibel, wir sind „pragmatisch“. Das klingt immer so vernünftig – bis man merkt, dass Pragmatismus oft nur ein anderes Wort für Prinzipienlosigkeit ist, wenn er nicht von einem klaren Wertefundament getragen wird.

Und hier stellt sich die zentrale Frage: Was bedeutet Neutralität noch, wenn sie faktisch zu einem Durchfahrtsrecht für militärische Infrastruktur anderer wird? Ist Neutralität dann nur noch das Recht, sich selbst dabei zuzusehen, wie man die Neutralität abbaut? Ein Museum, in dem man die eigene Haltung ausstellt, während draußen die Realität längst neue Wege fährt – durch unser Land, über unsere Straßen, unter unseren Brücken, durch unsere Täler?

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Österreich, das Land der guten Ausreden: geopolitische Unschuld als Exportgut

Wir sind Weltmeister im Unschuldsmarketing. Wir verkaufen uns gern als Ort der Vermittlung, des Dialogs, des Friedens. Wien als Konferenzstadt, als diplomatische Bühne, als neutraler Boden. Und ja, es stimmt: Diplomatie ist wichtig. Neutralität kann ein Gewinn sein, wenn sie ernst genommen wird. Aber das Problem ist: Wir wollen den Glanz der Neutralität, ohne die Mühen der Neutralität. Wir wollen die internationale Aura, aber nicht die internationale Reibung. Wir wollen als Friedensnation gelten, aber gleichzeitig die Vorteile der Einbindung genießen. Wir wollen moralisch hoch stehen, aber bitte auf einem Podest, das von anderen gezimmert wird.

Es ist fast schon tragikomisch: Wir sind neutral wie ein Schiedsrichter, der nicht pfeift, aber die Kabine einer Mannschaft putzt. Wir sind neutral wie ein Kellner, der behauptet, er sei nicht Teil des Streits, während er einem Gast ständig das Messer nachschärft. Und wenn man das anspricht, kommt die große österreichische Empfindlichkeit: Wie kann man nur! Wir sind doch so brav, so ordentlich, so friedlich. Ja. Und genau deshalb sind wir so nützlich. Die Welt liebt Länder, die brav sind – weil sie sich gut verwenden lassen.

Der schleichende Dammbruch ist also nicht nur eine Frage von Zahlen, sondern von Haltung. 5.000 Transporte sind ein Symbol dafür, dass Neutralität nicht mehr als Grenze verstanden wird, sondern als rhetorische Dekoration. Man kann nicht gleichzeitig stolz auf Neutralität sein und sie in der Praxis behandeln wie eine nostalgische Briefmarke. Entweder ist sie ein Prinzip, das Konsequenzen hat – oder sie ist eine Geschichte, die man sich erzählt, damit man nachts besser schläft.

Die Pointe, die keine sein sollte: Neutralität als Kabarettprogramm

Am Ende bleibt dieses typisch österreichische Gefühl: ein bisschen Tragik, ein bisschen Komik, ein bisschen Selbstbetrug – und immer diese großartige Fähigkeit, alles mit einem Augenzwinkern zu ertragen, selbst wenn es eigentlich ein Grund wäre, ernst zu werden. Österreich ist ein Land, das politische Entwicklungen gern in kabarettistischem Tonfall verarbeitet, weil Ernsthaftigkeit so unerquicklich wirkt. Und so könnte man die 5.000 Militärtransporte auch als neues Nationalstück verstehen: Die Neutralität fährt durch, aber keiner weiß, wohin.

Vielleicht ist das der Kern der Sache: Wir haben aus Neutralität ein Bühnenbild gemacht. Es steht da, es sieht gut aus, es gehört irgendwie dazu. Und hinter den Kulissen wird längst anders gespielt. Die Regierung nennt es internationale Zusammenarbeit, und wahrscheinlich glaubt sie sogar, das sei eine sachliche Beschreibung. Aber es ist vor allem eine Beruhigung. Denn wenn man es beim Namen nennen würde, müsste man darüber reden, was man eigentlich will: Neutralität als ernsthafte Verpflichtung – oder Neutralität als sentimentales Accessoire, das man am Revers trägt, während die Militärtransporte vorbeirauschen wie ein ständiges, metallisches Erinnern daran, dass Geschichte nicht fragt, ob man gerade Zeit für Prinzipien hat.

Und vielleicht ist das die zynischste Erkenntnis: Der Dammbruch ist nicht einmal ein Skandal, weil er keiner sein will. Er ist ein Verwaltungsakt mit Patriotismusflair. Eine Normalität mit Alpenpanorama. Ein „Passt schon“ mit schwerem Gerät. Und das ist so österreichisch, dass man fast lachen muss – wenn es nicht so unerquicklich wäre, dass einem das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt.

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